Katzenauge: Roman

Rezensionen zu "Katzenauge: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    Eine mit altem Grauen verbundene Rückkehr

    Elaine, eine Malerin, reist nach Toronto, in die Stadt ihrer Kindheit. Einst hatte sie sie verlassen, wegen dem darin erlebten Grauen. Nun kommt sie zurück wegen einer Ausstellung über ihr Werk, ein äußerst interessantes Werk, ein bedeutendes Werk einer irgendwie faszinierenden Malerin. Und zurück sind auch die Erinnerungen.

    Erzählt wird in zwei Handlungssträngen, einmal wird das Geschehen um die Ausstellungseröffnung geschildert und zum anderen erfolgen Rückblicke in die Vergangenheit.

    Eine Vergangenheit, die es in sich hat! Die junge und mit ihren Eltern und ihrem Bruder etwas zurückgezogen lebende Elaine, die Familie fährt im Sommer in die kanadische Wildnis, die Eltern sind Biologen, lernt die etwas ältere und erfahren wirkende Cordelia kennen. Elaine und ihre beiden bisherigen Freundinnen Grace und Carol bilden schnell mit Cordelia eine befreundete Mädchengruppe. Schnell wird klar, dass das keine Freundschaft ist, die manipulative Cordelia beherrscht bald das Geschehen. Cordelia zieht gekonnt alle Strippen und lenkt die drei ihr nicht gewachsenen Mädchen, dabei geht das Ganze in meinen Augen deutlich über Mobbing hinaus, wird zu einem Psychoterror, dessen Opfer jedoch meist Elaine ist. Bis eines Tages der Bogen überspannt wird und das genannte Gefüge auseinanderbricht. Trotzdem wird natürlich klar, dass das Geschehen Folgen für Elaine haben wird, denn die erlittenen Traumata machen etwas mit ihr. Trotzdem sie die Beziehung zu Cordelia mehr oder weniger erst einmal beendet, spukt Cordelia nach wie vor in Elaines Kopf herum und beherrscht eigentlich ihr weiteres Leben.

    Ich habe mich etwas schwer getan mit diesem Buch, das Feuer sprang nicht sofort über. Die Sprache klang so anders, so kühl, so emotionslos, so kalt. Aber hier schaut ja Elaine zurück, Elaine spricht und Margaret Atwood legt in ihr Geschriebenes den Charakter der Elaine und das gelingt ihr geradezu meisterhaft. Aber das wurde mir erst sehr spät klar.

    Gleichzeitig ist dieses Buch auch ein Blick zurück, ein Blick zurück in vergangene Zeiten und damit verbunden natürlich eine Gesellschaftskritik. Wie könnte es auch anders sein, es ist schließlich ein Atwood-Buch und die Atwood lässt hier selbst Erlebtes mit einfließen, also was den Blick in eine vergangene Zeit betrifft!

    Und ich kann wieder einmal nur sagen, lest dieses Buch, einerseits ein absolut gelungenes Psychogramm einer gepeinigten Seele und andererseits ein gelungener Blick in eine vergangene Zeit und eine darin enthaltene interessante Gesellschaftskritik!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Dez 2019 

    Bravourös und doch nicht fesselnd!

    In dem 509 Seiten langen Roman (Taschenbuch) von Margaret Atwood geht es um Elaine, eine Malerin in mittleren Jahren, die anlässlich einer Retrospektive in ihre ehemalige Heimat Toronto, zurückkehrt.

    Eine Rückkehr und eine Retrospektive, die ihr helfen, sich zu erinnern und Erlebtes zu verarbeiten.

    Eine Rückkehr und eine Retrospektive, die notwendig sind, um abschließen und voranschreiten zu können.

    Toronto ist die Stadt, in der Elaine als kleines Mädchen von 8 Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder Stephen nach Jahren des wohnsitzlosen Herumziehens sesshaft geworden und aufgewachsen ist.

    Die Zeitebenen wechseln sich im Roman ab und nähern sich immer mehr an. Mal befinden wir uns in den Nachkriegsjahren des 2. Weltkrieges, mal im Hier und Jetzt.

    Wir erleben Elaine, wie sie als erwachsene Frau durch die Straßen Torontos schlendert, wie sie Orte ihrer Vergangenheit aufsucht, wie sie in der Galerie Gespräche führt, wie sie ihrem ersten Ehemann Jon wieder begegnet und wie sie sich an ihre Kindheit und Jugend sowie vor allem an ihre damalige „Freundin“ Cordelia erinnert.

    Und wir begleiten Elaine durch einige Jahre ihrer späten Kindheit und Teenagerzeit hindurch und erleben, wie sie von ihren „Freundinnen“, vor allem von Cordelia, psychisch gequält wird, was sie nachhaltig und dauerhaft prägt.

    Spannend ist, dass diese Rückblenden nicht in der Vergangenheitsform, sondern im Präsens und in der Ich-Perspektive erzählt werden:
    Elaine erinnert sich nicht nur, sondern sie taucht ein und erlebt das Vergangene aufs Neue.
    Etwas erneut zu durchleben, hat eine ganz andere Intensität, als sich nur zu erinnern. Es ist ein Ausdruck dafür, wie gewichtig und schwerwiegend das Erlebte war und es hilft bei dessen Verarbeitung.
    Ein meisterlicher Kniff der Autorin, die es auf diese Weise schafft, die Intensität und Brisanz zu steigern.

    Sie schafft es außerdem bravourös, Atmosphäre zu schaffen und zu vermitteln sowie Emotionen beim Leser auszulösen:
    Wiedererkennungsfreude, Mitgefühl, Empörung oder Erschaudern.

    Margaret Atwood erzählt unaufgeregt und gemächlich, beschreibt sehr (manchmal ZU) ausführlich, detailliert und bildhaft.
    Es gelingt mühelos, sich vorzustellen, wovon sie schreibt. Vor dem geistigen Auge lebt auf, wovon sie uns erzählt.

    Zahlreiche Vergleiche, Metaphern und zweideutige Aussagen komplettieren den wundervollen Stil der Autorin.

    Es geht um Mobbing, Macht und Ohnmacht sowie deren Folgen.
    Der Roman zeigt letztlich eine Möglichkeit auf, wie diese Folgen bewältigt werden können: Durch Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Der Schmerz schwindet, Wehmut bleibt zurück.

    Interessant sind die Einblicke in die Jahre der Nachkriegszeit, in den konservativen kanadischen Alltag, die feministische Strömung und die Kunstszene dieser Zeit.
    Interessant, aber für meinen Geschmack stellenweise zu ausführlich.

    Margaret Atwood beschreibt die Charaktere und deren Entwicklung wunderbar und glaubhaft.

    Der Roman ist psychologisch durchdacht, ausgefeilt und in sich stimmig.

    Er ist wunderbar geschrieben, äußerst interessant zu lesen und zu analysieren, aber trotzdem kann ich nur 4 von 5 Punkten vergeben, weil mich die Geschichte nicht fesselte. Sie übte keinen Sog auf mich aus; der Roman war kein Pageturner.

    Eines ist aber sicher: Von dieser klugen und m. E. begnadeten Autorin werde ich noch mehr lesen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Dez 2019 

    Etwas verstiegen

    Margaret Atwood ist eine geniale Schriftstellerin und unfassbar vielseitig. Hier entwirft sie ein fesselndes Psychogramm.
    Elaine ist fast 50 und inzwischen eine erfolgreiche Malerin. In ihrer Heimatstadt Toronto wird zu ihren Ehren eine Ausstellung eröffnet, die ihr Schaffen dokumentiert. Grund genug, nach langer Zeit an die Orte ihrer Kindheit zurückzukehren und sich zu erinnern.
    Als Kind unkonventioneller Eltern hatte sie immer einen schweren Stand. In den 40er Jahren hatte man ins Bild zu passen oder man war seltsam. Originalität war keine Tugend und Kinder grausam.

    Eindrucksvoll wird hier Elaines Kindheit ausgebreitet, die kein Honigschlecken war. Sie wird gnadenlos gemobbt von kleinen Mädchen, die zu Bestien werden, weil sie es so gelernt haben.
    Dieses Buch erzählt eine Familiengeschichte, die leider nicht so ungewöhnlich ist, von subtilem Psychoterror, vom Zeitgeist der 40er/50er Jahre und von Konventionen im Wandel der Zeiten. Auch das Frauenbild ändert sich über die Jahrzehnte, wie man hier plastisch miterleben kann.

    Die erste Hälfte des Buches hat mich tief beeindruckt. In ihrer unvergleichlichen Sprache erzählt Margaret Atwood von diesem traurigen kleinen Mädchen. Das Lesen ist bedrückend aber auch fesselnd. Im zweiten Teil verzettelt sich die Geschichte ein wenig. Elaines späteres Leben ist beeinflusst von ihren traumatischen Kindheitserlebnissen, aber nicht mehr so interessant. Lange Betrachtungen, wie sie diese Erlebnisse später künstlerisch verarbeitet, sind sicher tiefsinnig, aber auch recht abstrakte Lektüre.

    Obwohl ich ein großer Fan der Autorin bin, hat mich dieses Buch nur teilweise begeistert. Sprachlich ist es wieder ein ganz großer Wurf, inhaltlich etwas verstiegen. Hier wurde Größeres angelegt und die Pointe vergessen.