Kathedralen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kathedralen: Roman' von Claudia Piñeiro
3.75
3.8 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kathedralen: Roman"

Lía glaubt nicht mehr an Gott. Nicht, seit ihre siebzehnjährige Schwester grausam ermordet wurde. In ihrer streng religiösen Familie fühlt sie sich völlig allein gelassen, und bald bricht sie den Kontakt zu ihr gänzlich ab.
Dreißig Jahre vergehen ohne den geringsten Hinweis auf den Mörder, dreißig Jahre, die tiefe Gräben in der Familie hinterlassen. Erst eine unerwartete Begegnung wirbelt die Vergangenheit wieder auf und entfesselt einen Sturm, der alle mit sich reißt. Claudia Piñeiro ergründet ein erschütterndes Familiengeheimnis, hinter dem ein Netz von religiösem Fanatismus, kirchlichem Machtanspruch und Repressionen sichtbar wird.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag: Unionsverlag
EAN:9783293005921

Rezensionen zu "Kathedralen: Roman"

  1. Ein fesselndes Buch mit einer wichtigen Botschaft

    Vor 30 Jahren wurde die argentinische Familie Sarda von einem großen Schicksalsschlag heimgesucht: ihre jüngste Tochter Ana wurde im Alter von 17 Jahren offenbar brutal ermordet, verbrannt und zerstückelt. Die Leiche fand man auf einer Müllhalde, ein Sexualdelikt lag nahe, der Täter wurde nie gefasst. Das ist die Ausgangslage. Die einzelnen Personen im Umfeld der Getöteten gehen sehr unterschiedlich mit dem Drama um.

    Der Roman lässt verschiedene Menschen nacheinander zu Wort kommen. Den Anfang macht Lia, die mittlere der drei Sarda-Schwestern. Sie konnte den brutalen Tod Anas nie verwinden, bereits am Sarg sagte sie sich vom katholischen Glauben los, der in ihrer Familie eine immens große Rolle spielt, und verlässt in Folge das Land in Richtung Europa. In Erinnerung an ihre kleine Schwester fängt sie in Santiago de Compostela ein neues Leben an, kann schließlich sogar eine Buchhandlung übernehmen. Mit ihrer Familie hat Lia rigoros gebrochen, nur mit ihrem Vater Alfredo steht sie noch in brieflichem Kontakt – unter der Bedingung, dass keine persönlichen oder familiären Informationen ausgetauscht werden. Erst, wenn der Mörder der Schwester gefunden ist, kann Lia sich wieder ein normales Miteinander vorstellen. Lia ist daher völlig überrascht, als die ihr verhasste ältere Schwester Carmen mit ihrem Gatten Julian bei ihr auftaucht. Die beiden sind auf der Suche nach ihrem studierenden Sohn Mateo, der untergetaucht ist und nichts mehr von sich hören lässt. Seine Spuren führten an Lias Wohnort. Sehr schnell bekommt man ein Gefühl dafür, dass vieles in dieser Familie im Argen liegt. Carmen wird dabei als Frau mit zwei Gesichtern geschildert: Nach außen verhält sie sich freundlich und hilfsbereit, ihren Geschwistern gegenüber tritt sie jedoch als gemeine Intrigantin auf.

    Die nächste Perspektive wird durch Mateo, den verlorene Sohn, aufgezeigt, der sich immer sehr gut mit seinem Großvater verstand. Auch Mateo hat ein höchst gespaltenes Verhältnis zu seiner Familie sowie zu seiner dominierenden, pedantischen Mutter Carmen. Mit der dritten Perspektive, der von Lias bester Freundin Marcela, ergibt sich ein völlig neues Bild auf die Geschehnisse von vor 30 Jahren. Durch einen Unfall leidet Marcela an einer teilweisen Amnesie. Sie kann sich an die Geschehnisse rund um Anas Tod noch genau erinnern. Erst danach wurde ihr Gehirn verletzt, was zu ständigen Erinnerungslücken führt, die sie zu kompensieren versucht. Absolut beeindruckend, wie Pineiro dieses komplexe Krankheitsbild in Worte kleidet! Mit Marcelas Perspektive wird der Leser in eine völlig neue Fahrtrichtung gesteuert, die dem Geschehen zwar den Charakter eines Kriminalromans nimmt, ihn aber um zahlreiche andere Facetten bereichert.

    Anschließend kommen noch der damalige Polizeiermittler Elmer, Julian, Carmen und im Epilog Alfredo zu Wort. Jede Perspektive liefert neue Bausteine und Gesichtspunkte, die dem Leser am Ende alle Details rund um Ana und ihren tragischen Tod preisgeben. Auch wenn bereits Marcela die eigentliche Katze aus dem Sack lässt, verliert der Roman nicht an Spannung, weil Pineiro es versteht, den unterschiedlichen Stimmen eine jeweils eigene Tonlage zu geben und die Handlung dramaturgisch gekonnt zu erzählen.

    Claudia Pineiro hat in ihrem Werk schon immer sozialkritische Themen besetzt. In diesem Roman stellt sie den katholischen Glauben an den Pranger. Man muss dazu wissen, dass es in Argentinien eine lange währende öffentliche Auseinandersetzung über die erst Ende 2021 beschlossene Legalisierung von Abtreibungen gab, der sich insbesondere die katholische Kirche vehement entgegenstellte. Zuvor mussten viele betroffene Frauen illegale Wege gehen, um eine Schwangerschaft zu unterbrechen – was medizinische Komplikationen nach sich ziehen konnte.

    Dieser Roman „Kathedralen“ ist als das Buch der Stunde zu verstehen. Claudia Pineiro kämpft auf der Seite der Aktivistinnen, positioniert sich öffentlich für das Recht auf Abtreibung. Vor diesem Hintergrund muss man den Roman lesen und verstehen. Zweifellos ist eine Menge Wut darin enthalten, die zu krassen Szenen führt. Doch werden im Verlauf des Romans die unterschiedlichen Perspektiven, das Familiengefüge, die Scheinheiligkeit und die Doppelmoral eines tiefreligiösen Fanatismus wunderbar ausgeleuchtet. Es tun sich regelrecht menschliche Untiefen auf.

    Der Roman entfaltet Sogwirkung, man ist regelrecht fassungslos über all das, was Ana widerfahren ist. Er besitzt eine wichtige Botschaft, ist aggressiv in der Umsetzung und deutlich in der Formulierung von Missständen. Manche Figuren sind wahrhaft zelotisch geraten. Sie stehen für ein vom Glauben gestütztes patriarchisches System, das am Status Quo festhalten will und dem es an Empathie mangelt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Figuren, die für Aufbruch und Veränderung stehen. Die Kathedralen durchziehen den Roman als beständiges Motiv. Bereits die Widmung des Buches gibt die Richtung vor: „Für alle, die sich ihre eigene Kathedrale errichten. Ohne Gott.“

    Ich habe es genossen, dieses packende Buch zu lesen. Ich war gefesselt von den verschiedenen Sichtweisen auf das Geschehene. Ein bisschen plakativ vielleicht hier und da, auch manche etwas sentimentale oder brutale Szene…. Aber ich verzeihe das, weil Pineiro ein wichtiges, ein feministisches Thema aufgegriffen hat, das in vielen Teilen der Welt noch zu wenig Gehör findet. Deshalb habe ich mich trotz leichter Schwächen für die Höchstwertung entschieden.

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  1. Über Glaubensgrundsätze und menschliche Abgründe

    "Kathedralen" ist nicht der erste Roman, den ich von Claudia Pineiro las. Zuvor las ich bereits "Donnerstagswitwen" und "Elena weiß Bescheid" - beides Romane, die mir gut gefallen haben. Entsprechend gespannt war ich auf das neue Werk. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Mord um die 17-jährige Ana, der für die argentinische Familie Sarda zu einer Zerreißprobe wird. Das Geschehen liegt inzwischen 30 Jahre zurück und doch kann niemand so richtig vergessen, was damals geschah. Am Wenigsten ihre Schwester Lia, die mit der Familie bericht und nach Europa zieht, wo sie in Santiago de Compostela eine Buchhandlung betreibt. Ausgerechnet am Tag des Begräbnisses wendet sie sich endgültig von Gott und dem katholischen Glauben ab und distanziert sich von ihrer streng religiösen Familie- sehr zu derem Missfallen. Lediglich mit ihrem Vater Alfredo pflegt sie losen Briefkontakt. Auch ihn umtreibt die Frage, was damals konkret dazu geführt hatte, dass sein Nesthäkchen so früh sterben musste. Grausam zerstückelt und verbrannt wurde sie auf einem Müllhaufen vorgefunden - würdeloser kann man diese Welt wohl kaum verlassen. Die Ermittlungen liefen ins Leere. Vage Vermutungen eines Sexualdeliktes konnten nicht bestätigt werden. Alfredo liegt viel daran, die Umstände zu erhellen, unter denen Lia ihr Leben verlor, bevor auch er stirbt.

    Eines Tages wird Lia unverhofft von ihrer verhassten Schwester Carmen und deren Gatten Julian besucht. Ihr Auftauchen ist aber nicht auf einen Klärungsbedarf in der Familientragödie zurückzuführen, sondern Anlass ist das Verschwinden ihres Sohnes Matteo. Dieser widerum hat ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Familie. Ausgerechnet er ist es, der den Stein ins Rollen bringt und schier Unglaubliches zutage fördert. In diesem Zusammenhang sind Briefe von Alfredo an Lia und ihn von entscheidender Bedeutung. Aber nicht nur. Insbesondere Marcela, Rias Freundin, bringt Licht ins Geschehen. Zwar leidet sie infolge eines Unfalls mit einer folgenschweren Kopfverletzung ausgerechnet in der Todesnacht an Gedächtnisverlust. Dieser bezieht sich jedoch auf die Zeit nach der Verletzung. Ihre Erinnerungen an die Zeit davor sind sehr lebendig. Doch wer traut ihr schon?

    Sieben Menschen, sieben Perspektiven mit ihren je eigenen Glaubensgerüsten. In Anspielung auf den Titel haben alle Überzeugungen, auf denen sie ihre Kathedralen errichten. Das Buch lebt von dieser Multiperspektivität. Jede Perspektive erweitert den Horizont, wirft neues Licht auf das Geschehen. Zusammengenommen ergeben diese Puzzleteile am Ende ein nun vollständiges Bild des Geschehens. Diese Romankonstukttion fand ich sehr gelungen. Sehr interessiert habe ich das Buch gelesen. Spannend fast wie ein Krimi, aber eben kein klassischer Krimi mit entsprechender Ermittlungsarbeit. Am Ende kommt das Buch ohne große Überraschungen aus. Auch so führt der ins Zentrum gerückte religiöse Fanatismus mitsamt seinen verstörenden Folgen und den menschlichen Abgründen, die sich auftun, zu Entsetzen und tiefen Erschütterungen. Ein mutiger Roman in einem stark vom katholischen Glauben geprägten Argentinien, wo Abtreibung erst in jüngster Vergangenheit legalisiert wurde. Ich habe schon stärkere Romane der Autorin gelesen, dennoch empfehle ich auch diesen gerne weiter.

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  1. Botschaft des Romans zwischen fesselnder Handlung versteckt

    Lía, eine der Töchter der Familie Sarda, schwört dem Glauben ab. Sie wächst zwar innerhalb einer sehr gläubigen Familie auf, doch die religiösen Fesseln erlegt sie sich nicht auf. Auf dem Begräbnis ihrer 17 jährigen Schwester Ana, die bestialisch ermordet wurde, verbrannt und zerstückelt, auf einer Müllhalde abgeladen, teilt sie dies dem Rest der Familie mit.
    Lía wendet sich bald danach von der Familie ab, pflegt lediglich mit dem Vater Briefkontakt, jedoch ohne tiefergehende Themen anzuschneiden. Sie eröffnet eine Buchhandlung und staunt, als gut 30 Jahre später ihre überaus religiöse Schwester Carmen und ihr Mann Julian dort auftauchen. Die beiden suchen ihren Sohn, er ist verschwunden. Doch das Ehepaar treibt nicht nur die Sorgen um ihren eigentlich schon erwachsenen Sohn zu Lía, sie haben Angst, dass Dinge ans Licht kommen, die besser verborgen bleiben sollten…..

    Dreh und Angelpunkt ist der Tod oder besser gesagt die Umstände des Todes der Sarda Tochter Ana. Der Leser hegt sehr schnell einen Verdacht wer der Täter sein könnte. Die Erinnerungen der Freundin Anas setzen das damals Geschehene in ein ganz anderes Licht. Sie erlitt kurz nach Anas Tod eine Amnesie, sie kann sich zwar an alles vor dem Tod erinnern, an neue Dinge allerdings nicht. Sie erzählte damals ihre Version, doch niemand nahm sie ernst.
    Anas Vater hat die ganzen Jahre versucht das Rätsel zu lösen, und kommt der Sache nun endlich näher.

    Die Umstände, die die Autorin dem Leser näher bringen will, hängen sowohl mit religiösen Fanatikern, als auch mit der Tatsache zusammen, dass Abtreibungen in Argentinien verboten sind. Beides liegt dicht beinander, lässt sich nur schwer trennen. So prangert sie, gut getarnt durch eine überaus spannende Geschichte, diese Missstände an. Ich habe ein wenig gebraucht, um zu erkennen wo alles hinführen soll.
    Abgelenkt war ich beispielsweise von der Symbolkraft der Kathedralen, die nicht nur im Titel, sondern während des gesamten Romans, immer wieder Erwähnung finden. Sie sind Bollwerke, die die Religion verkörpern, faszinierend anzusehen, und dennoch stehen sie auch für strikte religiöse Grundsätze.

    Ein Roman, der mich fesseln konnte, obwohl schon früh ersichtlich war wie das meiste zusammenhängt. Es gab nur wenige Überraschungen am Ende. Dennoch habe ich mich nicht gelangweilt und die Botschaft die letztendlich vermittelt werden soll ist wichtig und regt hoffentlich zum nachdenken an.

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  1. Lange Schatten eines Todes

    "An manchen Orten fällt das Überleben besonders schwer – in der Wüste, auf einer unbewohnten Insel, auf einem Berggipfel, auf dem Mars, in einem Land, in dem Krieg herrscht, im Urwald. Oder in meiner Familie." (S. 61)

    Ein 30 Jahre zurückliegender Todesfall ist Dreh- und Angelpunkt des Romans "Kathedralen", 2020 eine der meistverkauften Neuerscheinungen Argentiniens. Mit viel Wut hat die politisch engagierte, 1960 in Buenos Aires geborene Autorin und Journalistin Claudia Piñeiro das Buch geschrieben, das trotz des im Mittelpunkt stehenden Verbrechens kein Krimi ist, eher schon ein belletristisches Debattenbuch mit einer deutlicher Positionierung mittels krasser Charaktergestaltung.

    Sieben schwer vom Tod der 17-jährigen Ana Sardá betroffene Personen kommen mit sprachlich hervorragend unterscheidbaren Stimmen zu Wort, ein großer Pluspunkt des Romans, der auch dem Übersetzer Peter Kultzen zu verdanken ist. Bei allen hinterließ der Fund der zerstückelten, verbrannten Leiche der jüngsten der drei Sardá-Schwestern auf einer Müllhalde tiefe Spuren. Die Familie aus der gebildeten, streng katholischen Mittelschicht zerbrach daran.

    Jeder hat seine eigene Kathedrale
    Bei der mittleren Schwester Lía überwiegen Wut und Ratlosigkeit. Nie verziehen ihr ihre strenggläubige Mutter und ihre älteste Schwester Carmen die Abkehr vom Glauben ausgerechnet während der Totenwache. 9000 Kilometer von Buenos Aires entfernt führt sie inzwischen eine Buchhandlung in Santiago de Compostela, nur mit dem Vater in Briefkontakt. Ihre Kathedralen sind die Bücher.

    Mateo leidet unter seinen fanatisch katholischen Eltern Carmen und Julián, liebt dagegen seinen Großvater Alfredo, der ihn zu einer Reise zu den Kathedralen Europas ermuntert und ihm drei Briefe mitgibt: für ihn, für Lía und für beide gemeinsam. Seine Kathedrale besteht aus Fragezeichen.

    Höchst anrührend ist Marcela, Anas beste, in unverbrüchlicher Treue verbundene Freundin. Seitdem ihr in Anas Todesnacht in einer Kirche eine Statue des Heiligen Gabriel auf den Kopf fiel, leidet sie unter anterograder Amnesie, einem Totalverlust des Kurzzeitgedächtnisses. Obwohl sie sich an alles vor dem Unfall perfekt erinnert, gilt sie als unbrauchbare Zeugin. Erst als ihr der todkranke Alfredo endlich zuhört, kommt Bewegung in die Aufklärung. Ihre Kathedralen sind ihre Notizhefte.

    Elmer zweifelte als damals junger Polizist die Theorie des Sexualverbrechens mit Vertuschungsmord erfolglos an. Seine Kathedrale ist die Ermittlungsarbeit.

    Für Carmen verließ Julián das Priesterseminar, seine Berufung hielt dem Begehren nicht stand. Seine Kathedrale ist die Stärke seiner Frau, mit der er seine Schwäche kompensiert.

    Carmen ist stolz auf ihren radikalen Glauben, ihre Kathedrale, und fühlt sich durch ihn unangreifbar und erhaben.

    Alfredo gab die Suche nach dem Mörder seines „Kückens“ nie auf. Er ist froh, kurz vor seinem Tod die Wahrheit bis zu einem für ihn erträglichen Maß erfahren zu haben. Seine Kathedralen sind Lieblingswörter wie „Lía“ und „Mateo“, die er gerne vereint sehen möchte.

    Ein starkes gesellschaftliches Plädoyer
    Dass Claudia Piñeiros Figuren kaum Grautöne aufweisen, hat mich wegen ihrer Stimmigkeit nicht übermäßig gestört hat. "Kathedralen" ist für mich keine Abrechnung mit dem Katholizismus, wohl aber mit dessen selbstgerechter, unbarmherziger, scheinheilig-heuchlerischer Ausübung und der blinden Ergebenheit des Staates gegenüber der Institution Kirche.

    Krimifans kämen zwar beim sehr ausführlich geschilderten grauenhaften Tathergang auf ihre Kosten, doch passt die frühe Absehbarkeit nicht zu diesem Genre. Mich haben die Enthüllungen trotzdem bis zum Schluss gefesselt, weshalb ich den gesellschafts- und kirchenkritischen Roman mit Gewinn gelesen habe.

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  1. 4
    12. Mär 2023 

    Dunkle Abgründe...

    Lía, Ana, Carmen - das sind die drei Schwestern der gutsituierten Familie Sardá. Doch Ana, das Küken der Familie, lebt nicht mehr. Vor nunmehr dreißig Jahren wurde ihre brutal zugerichtete Leiche auf einem zugemüllten Grundstück gefunden - und seither ist nichts mehr, wie es einst war. Lía hat sich danach nicht nur vom Glauben abgewandt, sondern auch von ihrer Familie und lebt schon lange nicht mehr in Argentinien. Die älteste Schwester Carmen hat sich wenn möglich noch mehr als zuvor in den katholischen Glauben gestürzt und führt mit ihrem Mann Julián ein strenggläubiges Leben, in dessen Sinne sie auch ihren Sohn Mateo erzogen haben. Die beste Freundin Anas leidet seit deren Tod unter Gedächtnisverlust, und der Vater Alfredo in seiner Verzweiflung bemüht sich seit dreißig Jahren darum, endlich Antworten auf die Frage zu finden, was seinerzeit geschah - und weshalb.

    Jeder der genannten Charaktere erhält in diesem Roman ein eigenes Kapitel, in das die eigenen Erinnerungen und auch die Erlebnisse der letzten dreißig Jahre nach dem Tode Anas einfließen, so dass sich nach und nach ein deutliches Bild vom damaligen Geschehen ergibt - erschreckend und grausam. Eine düstere Familiengeschichte mit dunklen Abgründen, und mehr wage ich hier nicht zu verraten, weil dies für potentielle Leser:innen zu viel vorwegnehmen würde.

    Letztlich kam es hier jedenfalls zu unerwarteten Erkenntnissen, verbunden mit einer harschen Kritik am dogmatischen Katholizismus in Argentinien. Im Grunde hat Claudia Piñeiro hier einen Spannungsroman um ein für sie immens wichtiges Thema herum kreiert mit einer deutlichen und nicht zu überhörenden Botschaft. Dabei gestaltet sie die Figuren durchaus plakativ, schwarz-weiß gezeichnet ohne sonderliche Grautöne. Gearde die Strenggläubigen werden hier mit einer gehörigen Portion Scheinheiligkeit ausgestattet, was stellenweise überzogen anmutet, letztlich aber deutlich macht, um was es der argentinischen Autorin geht.

    Der Schreibstil ist literarisch wenig anspruchsvoll, die Kapitel greifen logisch ineinander und lassen sich flüssig lesen, die Botschaft steht sinnbildlich in riesengroßen Druckbuchstaben auf den Seiten, so dass für die Lesenden kein Interpretationsspielraum bleibt. Da geht Claudia Piñeiro keine Kompromisse ein, macht damit aber umso deutlicher, wie wichtig ihr das angesprochene Thema ist und dass sie da keinen Jota von ihrer Meinung abweichen wird.

    Plakativ aber in sich rund - alles in allem ein überzeugender Roman...

    © Parden

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  1. Was mit Ana Sardá geschah

    Ana Sardá ist tot. Die 17-Jährige wird übel zugerichtet aufgefunden. In der religiösen Familie ist das Entsetzen groß. Für die Schwester der Toten, Lía, markiert die Gewalttat endgültig den Bruch mit der Kirche. Sie wandert ins Ausland aus. Doch auch 30 Jahre später bewegt sie noch immer eine Frage intensiv: Was ist damals mit Ana passiert?

    „Kathedralen“ ist ein Roman von Claudia Piñeiro.

    Meine Meinung:
    Der Roman verfügt über einen interessanten Aufbau. Er umfasst sechs Teile, die wiederum in Kapitel untergliedert sind, sowie einen Epilog. Erzählt wird in jedem der Teile aus einer anderen Perspektive. Dabei gibt es zwei Stränge: einerseits die gegenwärtigen Entwicklungen und andererseits das Geschehen vor rund 30 Jahren. Die Handlung spielt größtenteils in Argentinien, aber auch in Europa.

    In sprachlicher Hinsicht ist der Roman sehr facettenreich. Die unterschiedlichen Perspektiven sind variantenreich herausgearbeitet. Auch stilistisch hat er vielerlei zu bieten: Unter anderem sind Briefe, Tagebucheinträge und Dialoge in Reinform eingefügt. Die Metapher der titelgebenden Kathedralen zieht sich durch den ganzen Roman.

    Angelegt ist die Geschichte als eine Art von Spannungsroman. Auf den rund 300 Seiten gelingt es der Autorin in der erste Hälfte, mit dem Rätsel um Anas Tod zu fesseln. Spätestens in der zweiten Hälfte ist die Auflösung jedoch sehr offensichtlich. Vor allem das letzte Drittel ist vorhersehbar und hält wenig Neues bereit. Das wiegt für mich jedoch nicht schwer, da das Buch nicht als Krimi oder Thriller vermarktet wird.

    Inhaltlich hat mich der Roman jedoch dennoch enttäuscht. Dem Geheimnis um Anas Tod liegt ein interessantes, diskussionswürdiges Thema von politischer und gesellschaftlicher Bedeutung zugrunde. Mit ihrer Geschichte wollte die Autorin unverkennbar die entsprechende Debatte in ihrem Heimatland beeinflussen und einen Beitrag zu einer Gesetzesänderung leisten. Das ist kein anrüchiges Anliegen, sondern in diesem Fall meiner Ansicht nach sogar zu begrüßen. Leider schießt die Autorin allerdings über das Ziel hinaus.

    Die Figuren, insbesondere jene, die den gläubigen Katholiken zuzuordnen sind, sind gnadenlos überzeichnet, schablonenhaft und eindimensional. Über Grautöne verfügen nur die Charaktere, die der Kirche zumindest skeptisch gegenüber stehen. Zwar legt die Autorin offenbar Wert darauf, das Handeln der Protagonisten ausführlich zu erklären. In der Ausgestaltung hat mich aber nur eine einzige Figur überzeugt: Anas Freundin.

    Auch unabhängig von den Personen ist der Roman sehr plakativ und unglaubwürdig. Einige Übertreibungen und absurde Details sollen keine Zweifel zulassen. Der Katholizismus wird als absolutes Feindbild aufgebaut. Die Botschaft des Romans mit dem Holzhammer mehrfach wiederholt. Dadurch hat bei mir nicht nur zunehmend das Lesevergnügen abgenommen, sondern die Geschichte leider auch ihre emotionale Wirkung verfehlt. Weniger wäre hier mehr gewesen.

    Das düstere Cover mit verwelkten Blüten passt sinnbildlich gut. Der spanischsprachige Titel („Catedrales“) wurde erfreulicherweise wortgetreu übersetzt.

    Mein Fazit:
    „Kathedralen“ von Claudia Piñeiro ist ein Roman, der leider hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Die wichtige Thematik hätte eine differenziertere Auseinandersetzung verdient gehabt. Ein Buch jedoch, das unterhaltsame Lesestunden bieten kann.

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  1. "Die Hölle, das sind die anderen ... "

    Die Hölle, das sind die anderen. Ein Spruch, der besonders gut auf dysfunktionale Familien passt, denn mit der Hölle sind natürlich nicht "die anderen" als Personen gemeint, sondern die Beziehungen zu ihnen, wenn sie gestört und krankhaft sind. Von so einer Familie mit ihren Höllen und Vorhöllen handelt "Kathedralen".

    Die Geschichte der Familie, um die es geht, erfahren wir nach und nach durch unterschiedliche Erzählstimmen. Den Anfang macht Lía, mittlerweile an die fünfzig Jahre alt. Vor dreißig Jahren starb ihre jüngere Schwester Ana eines offenbar gewaltsamen Todes, jedenfalls fand man ihrer Leiche grässlich zugerichtet. Am Sarg der Schwester verkündete die junge Lía damals laut und überzeugt, dass sie "nicht mehr an Gott glaubt". Gegenüber der tief gläubigen, katholisch geprägten Familie eine Provokation.

    Anas Tod, der nie polizeilich aufgeklärt wurde, geht wie ein Riss durch die Familie, eine "Narbe", so nennt es Lías später geborener Neffe Mateo. Lía, als erklärte Atheistin ihrer Familie entfremdet, geht nach Europa und endet als Buchhändlerin in Santiago de Compostela - paradoxerweise profitiert sie dort von dem Glauben, von dem sie sich abgewandt hat, denn viele ihrer Kunden begehen den Pilgerweg. Kontakt mit ihrer Familie hat sie nur über den Papa Alfredo, und auch mit ihm ist fest vereinbart, dass in den Briefen, die sie einander schreiben, nicht von der Familie die Rede sein darf. Lías ältere Schwester Carmen hat den ehemaligen Priesterseminaristen Julián geheiratet; mit Schwester und Schwager, die stockkatholisch geblieben sind, meidet Lía jeden Kontakt.

    Nach Lías Erzählabschnitt kommt ihr Neffe Mateo, Carmens und Juliáns Sohn, zu Wort, der natürlich von der grässlichen Familiengeschichte nur durch Hörensagen weiß, aber seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Danach nacheinander ein ehemaliger Ermittler, der aus polizeilicher Sicht berichtet; eine enge Freundin Anas namens Marcela, die Anas letzte Stunden miterlebte; Carmen und Julián und schließlich auch (durch einen nachgelassenen Brief) der inzwischen verstorbene Papa Alfredo. Der Autorin gelingt es meisterhaft, eine lang zurückliegende und verwickelte Geschichte, die jeder Beteiligte anders gedeutet hat, so mitzuteilen, dass man leicht folgen kann.

    "Kathedralen" ist ein unterhaltsamer Roman im besten Sinn des Wortes. Trotzdem ist jederzeit klar, dass es um tiefernste Dinge geht. Jedes Familienmitglied und auch die außenstehenden Erzähler, der Ermittler Elmer und die Freundin Marcela, ist eingebunden in ein Denkgerüst, das hauptsächlich dem katholischen Kirchenglauben entspringt und jeder Art Spielraum, im Denken wie im Handeln, enge Grenzen anlegt. Auch dort, wo man sich bewusst davon befreit hat, wirkt das Dogma noch nach. (Hier liegt auch der tiefere Sinn des Buchtitels, der sich auf eine Erzählung von Raymond Carver bezieht, aber im Zusammenhang unseres Romans die Weltanschauung bezeichnet, in der ein Mensch wie in einem Gebäude lebt.) Die ganze Familientragödie hat ihre Ursache in dieser Begrenzung. Die Autorin bedient sich einer Erzählweise, die wie ein Mosaik anmutet. Aus dem, was wir nach und nach durch unterschiedliche Stimmen erfahren, setzt sich der wahre Sachverhalt zusammen. Jede dieser Stimmen hat einen eigenen, unverwechselbaren Ton - besonders deutlich wird das durch die Gegensätzlichkeiten; etwa der Stimme von Carmen, die geradezu krankhaft engstirnig erscheint, und der Stimme von Anas Freundin Marcela, die ihr Gedächtnis verloren hat und nichts länger als wenige Minuten behalten kann. Durch die intensive Charakterisierung der Erzählstimmen gelingen der Autorin äußerst bewegende Momente. Dies betrifft vor allem Marcela und Papa Alfredo, der durch seinen Nachlassbrief zu uns spricht.

    Für uns europäische, weitgehend von religiösen Diktaten unabhängige Leserinnen scheint es bisweilen so, als ob die Autorin über das Ziel hinausschießt. Insbesondere die Kapitel, in denen Carmen und ihr Gatte Julián, der ehemalige Priesteranwärter, zu Wort kommen, sind derart krass, dass man eher mit ungläubigem Kopfschütteln reagiert als mit wirklicher Betroffenheit. Irgendeine Möglichkeit, sich in das Denken reaktionärer Katholiken einzufühlen, wird uns jedenfalls nicht geboten; wir sehen eher Karikaturen als Menschen. Absolut überzeugend gelingen der Autorin aber die Porträts derjenigen Familienmitglieder, die dreißig Jahre lang mit den ungeklärten Geheimnissen der Vergangenheit ringen. Auch wenn Leser, die mit den Regeln des literarischen Krimis vertraut sind, die Wahrheit schon früh ahnen, hält die Autorin bis zuletzt die Spannung hoch. Dass uns die geschilderte repressive Denkstruktur überholt und eher exotisch erscheint, ändert nichts daran, dass das Buch in der katholisch geprägten Gesellschaft Argentiens nach wie vor aktuell ist.

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  1. 4
    27. Feb 2023 

    Nicht Pineiros bester Roman

    Claudia Pineiro ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen Argentiniens. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, so z. B. den Premio Clarin für den gesellschaftskritischen Roman „ Die Donnerstagswitwen“ und mit „ Elena weiß Bescheid“, die Geschichte einer dramatischen Mutter-Tochter- Beziehung, stand sie auf der Shortlist des International Booker Prize. Auch ihr neuester Roman ist hoch dotiert, er wurde 2021 als bester spanisch-sprachiger Krimi ausgezeichnet .
    Ich kenne einige ihrer Bücher und keines hat mich bisher enttäuscht. Dementsprechend hoch waren meinen Erwartungen.
    Wie so oft kommen Pineiros sozialkritische Bücher im Gewand einer Kriminalgeschichte daher. So auch dieses Mal.
    Vor drei Jahrzehnten wurde die jüngste Tochter der Familie Sarda, die 17jährige Ana, zerstückelt und halb verbrannt aufgefunden. Der Täter wurde nie gefasst. Anas Tod hinterließ bei allen Familienmitgliedern seine Spuren.
    Lia, die mittlere der drei Schwestern, sagt sich an Anas Sarg von ihrem Glauben los. Für die streng katholische Mutter und für Carmen, die Älteste, ist dieser Affront Gotteslästerung und nicht zu verzeihen. Lia verlässt ihre Heimat und beginnt in Spanien ein neues Leben. Ausgerechnet in Santiago di Compostela, dem Pilgerort so vieler Gläubigen, macht sie eine Buchhandlung auf. Zu ihrer Familie hat sie beinahe jeglichen Kontakt abgebrochen. Einzig mit dem liberalen Vater Alfredo tauscht sie Briefe aus, vermeidet dabei aber private Dinge anzusprechen.
    Dreißig Jahre später stehen eines Tages ihre Schwester Carmen mit Ehemann Julian in Lias Laden und bitten sie um Hilfe. Ihr Sohn Matteo ist zu einer Europareise aufgebrochen und meldet sich nicht mehr.
    Claudia Pineiro hat ihren Roman vielstimmig angelegt. Nacheinander kommen die einzelnen Protagonisten zu Wort, beginnend mit Lia. Auf sie folgt Matteo, der versucht, sich von seinen alles bestimmenden Eltern loszulösen. Dann Marcela, die Freundin der Toten, Elmer, ein ehemaliger Polizist, der damals bei den Ermittlungen um den Mord an Ana beteiligt war und der an der offiziellen Todesursache Zweifel hegt. Aber auch Carmen und Julian schildern ihre Sicht der Dinge. Das Schlusskapitel gehört Alfredo.
    Aus diesen einzelnen Puzzleteilen setzt sich der Leser nach und nach ein genaues Bild des Geschehens zusammen. Dabei weiß er mehr als die einzelnen Protagonisten selbst.
    Claudia Pineiro versteht es meisterhaft, jeder Figur eine eigene unverwechselbare und charakteristische Stimme und Tonlage zu geben. Der Furor, der Lia antreibt, die Scheinheiligkeit Carmens und die Selbstgerechtigkeit von Julian finden ihre Entsprechung in Wortwahl und Tonfall. Besonders gut gelungen aber ist ihr die Erzählstimme Marcelas, der eigentlichen Heldin des Romans. Sie war bei Ana in deren letzten Stunden. Dabei wurde sie am Kopf verletzt und leidet deshalb an anterograder Amnesie, d.h. sie kann seit dem Unfall keine neuen Informationen mehr speichern. Alles was geschieht, wird gleich wieder vergessen. Ein normales Leben ist für Marcela nicht mehr möglich. Doch an die Ereignisse vor ihrem Unfall kann sie sich sehr wohl erinnern. „ Ana ist in meinen Armen gestorben. Eine Tote kann man nicht töten. Niemand stirbt zweimal.“
    Aber niemand versteht diese Aussage; mit ihrer Krankheit ist Marcela keine vertrauenswürdige Zeugin.
    Dieses Kapitel von Marcela ist stark geprägt von wiederholten Formulierungen, der Text weist zahlreiche Lücken auf, passend zum Krankheitsbild der Figur.
    Obwohl der Leser sehr bald ahnt, was passiert sein muss und wer verantwortlich dafür war, bleibt die Spannung bis zum Schluss. Pineiro geht es auch weniger um den Krimiplot, stattdessen um die verdrängten und unterdrückten Geheimnisse in der Familie.
    Ihr Hauptaugenmerk gilt aber der katholischen Kirche, die in Argentinien immer noch eine wichtige Rolle spielt. Claudia Pineiro hat sich als Frauenrechtlerin schon lange vehement für das Recht auf Abtreibung ausgesprochen . Erst 2020 hat der argentinische Staat, gegen den Widerstand der Kirche, Abtreibung legalisiert. „ Kathedralen“ ist für mich der Roman zur Debatte, auf Kosten der literarischen Qualität. Zu eindimensional sind der Autorin die Figuren geraten, die stellvertretend für die katholische Kirche stehen. Sie wirken überzeichnet in ihrer Klischeehaftigkeit.
    Auch die detailliert geschilderten Splatterszenen passen nicht zur sonstigen Erzählweise.
    Claudia Pineiro war wahrscheinlich ihr Anliegen, das Recht einer jeden Frau auf Abtreibung, so wichtig, dass sie zu dick aufgetragen hat. Hier zeigt sie zu wenig Vertrauen in ihre Leser. Die Botschaft wäre auch verstanden worden, wenn sie subtiler gearbeitet hätte.
    Das Motiv der titelgebenden Kathedralen zieht sich durch den ganzen Text. Entnommen ist es der gleichnamigen Kurzgeschichte von Raymond Carver, in der ein Mann vergeblich versucht, einem Blinden eine Kathedrale zu beschreiben. Erst als sie gemeinsam mit übereinander gelegten Händen eine zeichnen, gelingt eine Annäherung .
    Im letzten versöhnlichen Kapitel, einem Brief Alfredos an seine Tochter Lia und seinen Enkel Mateo, wird das Motiv nochmals aufgegriffen. Die Autorin hofft auf einen verständigen Gott „…-oder wie auch immer ihr ihn bezeichnen wollt“, dem „jeder seine eigene Kathedrale errichten“ soll.
    Trotz seiner Schwächen liest sich der Roman süffig und voller Spannung. Aber da ich andere Bücher der Autorin kenne, weiß ich, dass sie es besser kann.
    Ich schwanke immer noch zwischen drei oder vier Punkten.

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  1. Kathedralen - eine Streitschrift

    Die 1960 geborene Argentinierin Claudia Pineiro nimmt sich in ihrem Roman, der vor der Gesetzesänderung 2020 verfasst und von Peter Kultzen aus dem Spanischen übersetzt wurde, das reichlich umstrittene argentinische Abtreibungsgesetz zum Thema. Der Einfluss der katholischen Kirche in diesem Land war und ist groß, die Menschen beugen sich und hoffen, oder sie brechen aus.

    Bei Pineiro ist es die Familie Sarda, mit ihren drei Töchtern, der strenggläubigen Mutter Dolores und dem liberaleren Vater Alfredo, die zerbricht, als die 17jährige Ana ermordet wird. Für ihre ältere Schwester Lia war es der Zeitpunkt, endgültig dem Glauben und der Familie den Rücken zu kehren. Alsbald zieht sie von Buenos Aires nach Santiago de Compostela in Spanien. 30 Jahre sind seitdem vergangen und Lia hält nur brieflichen Kontakt mit ihrem Vater, in dem sie sich aber jegliche familiäre Auskünfte verbittet.
    Trotzdem steht eines Tages die älteste Schwester Carmen bei ihr im Geschäft und bittet sie um Hilfe bei der Suche nach ihrem Sohn Mateo, der sich in Europa aufhielt, ja sogar bei ihr im Laden mit seiner Kreditkarte etwas gekauft hat, sich jetzt aber nicht mehr melde.

    Aus dieser Zeitperspektive rollt Pineiro die Familiengeschichte wieder auf und lässt die verschiedenen Protagonisten in ihren eigenen Kapiteln zu Wort kommen, angefangen mit Lia über Mateo, dem "verlorenen Sohn", einem polizeilichen Ermittler und der besten Freundin der Verstorbenen, Marcela. Marcela erlitt am Tag des Todes ihrer Freundin eine retrograde Amnesie und fiel daher als wichtige Zeugin der Umstände aus. Doch jetzt hören ihr zwei Männer genauer zu. Der vermeintliche Mörder wurde nie gefunden.

    Die Erzählstränge entwickeln einen spannenden Sog und obwohl schnell deutlich wird, was passiert ist, möchte man die Kathedralen, die sich die Familienmitglieder aufgebaut haben, weiter erkunden. Der Schleier des Krimis ist schnell zerrissen und zum Vorschein kommen konstruierte Wahrheiten, die ein wackeliges Gerüst über schwarze Abgründe bilden.

    Man erahnt die Wut über die menschenverachtende Gesetzgebung, unterstützt von den Dogmen der Kirche, die die Autorin beim Schreiben gehabt haben muss. Ausdruck findet sie in einem splattermäßigen Ausbruch, der aber zum Glück nicht den Roman beherrscht. Dafür spiegelt sich das Thema, dass sie umtreibt in vielen Manifestationen wieder, so zum Beispiel die Erkundung der Kathedralen in Europa und dem kirchlichen Umfeld der Familienmitglieder. Ein wenig Schwarz-Weiß-Malerei könnte man dem Roman vorwerfen, doch ist die Zeichnung mit dieser Farbwahl nur um so deutlicher und das Ausmaß der Bigotterie unzweifelhaft. Das Buch kam in Argentinien vielleicht zur rechten Zeit, um ein Umdenken für die Gesetzesänderung zu unterstützen. Das mag für die deutsche Ausgabe keine Rolle spielen, wirft aber ein Schlaglicht auf die jüngste Vergangenheit Argentiniens. In diesem Sinne habe ich die recht spannende Anklage gern gelesen.

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  1. Barbarische Familientragödie ...

    Barbarische Familientragödie unter dem Einfluss des argentinischen Katholizismus

    Vor dreißig Jahren wurden die verstümmelten Leichenteile der 17-jährigen Aná Sardá gefunden. Die Ermittlungen wurden rasch eingestellt, der Fall nie aufgeklärt.
    Lía Sardá, die mittlere der drei Schwestern ertrug die Situation und ihre erzkatholische Familie nicht mehr, brach mit dem Glauben, verließ für immer Argentinien, um sich an Anás Traumziel Santiago de Compostela eine neue Existenz aufzubauen.
    Kontakt hielt sie lediglich zu ihrem Vater.
    Drei Jahrzehnte später taucht plötzlich die älteste Schwester Carmen in Begleitung ihres Ehemanns Julián in Lías Buchhandlung auf. Sie bitten Lía um Hilfe bei der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn Mateo.
    Claudia Piñeiro hat ihren Roman mehrstimmig angelegt, um die Umstände, die zu Anás Tod führten, zu beleuchten. Alle Personen kommen nacheinander zu Wort. Wir erfahren die Sichtweisen der Familienmitglieder Lía, Carmen, Julián, Mateo sowie die des Vaters Alfredo; außerdem berichten der Kriminalist Elmer und Anás beste Freundin Marcela, die seit einem Unfall in der Nacht der Tragödie ihr Kurzzeitgedächtnis verloren hat.
    Relativ schnell weisen die Indizien in eine Richtung. Der Tod Anás ist für Piñeiro weniger Anlass für das Lösen eines Kriminalfalls sondern Ausgangspunkt verschiedene Sichtweisen zu schildern. Dabei entlarvt sie den bigotten, erzkonservativen Katholizismus sowie eine misogyne Kirche und Gesellschaft.
    Mein größter Kritikpunkt an „Kathedralen“ betrifft die Plakativität, in der die Protagonist*innen dargestellt sind. Einige wirken dadurch unglaubwürdig auf mich. Lediglich Marcelas Stimme hat mich durchgängig überzeugt und tief bewegt.
    Gut und böse sind klar definiert; Grautöne sind nur spärlich zu finden. Manche Bilder bemüht die Autorin zu häufig, so dass sie ihre Wirkung verlieren und in ihrer Rührseligkeit genervtes Augenrollen bei mir hervorriefen. In starkem Kontrast dazu beschreibt sie die Verstümmelung Anás so detailliert, dass ich mich kurzzeitig in einem Splatter-Film wähnte. Auf diese Darstellung hätte ich gerne verzichtet.
    Nichtsdestotrotz ist es interessant, wie die strenggläubigen Protagonist*innen in diesem Roman ihr Handeln reflektieren, drehen und zurechtbiegen bis von Schuld keine Rede mehr sein kann.
    Sicherlich muss Piñeiros Roman als politischer, religions- und gesellschaftskritischer Text gelesen werden, der nur vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass die katholische Kirche in Argentinien jahrzehntelang ein Gesetz zur Legalisierung von Abtreibung erfolgreich blockierte und erst Ende 2020 klein beigeben musste.
    Thematisch finde ich Kathedralen äußerst interessant; die Umsetzung hat mich leider enttäuscht.
    Ich liebe es, wenn Geschichten weitere Deutungsebenen zulassen, Raum für eigene Gedanken lassen. Hier wird alles vorgegeben, nichts bleibt vage. Das Buch liest sich trotz der schweren Thematik leicht und vermutlich wird Kathedralen eine breite Leserschaft ansprechen. Von mir gibt es 2,5 Sterne.

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    23. Feb 2023 

    Religionskritischer Spannungsroman

    Die argentinische Autorin Claudia Pineiro greift in ihrem 2020 erschienen Roman „Kathedralen“ wichtige Themen aus der damals heiß geführten Debatte in der argentinischen Gesellschaft auf: Abtreibungen und die Rolle der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang.

    Vor 30 Jahren ist das 17jährige Mädchen Ana auf schreckliche Art und Weise ums Leben gekommen. Ihr Körper wurde verkohlt und zerstückelt auf einem verlassenen Grundstück gefunden. Nun 30 Jahre später erkunden wir zusammen mit Akteuren rund um das Geschehen von damals die Hintergründe der Tat und entdecken menschliche Abgründe.

    Durch einen multiperspektivischen Ansatz beleuchtet Pineiro das Geschehen und die Persönlichkeiten um Ana herum aus sieben verschiedenen Perspektiven. So tauchen wir ein in die Gedankenwelt nicht nur ihrer beider älteren Schwestern, sondern auch einer sehr engen Freundin, Marcela, einem damaligen Ermittler oder den Männern der Familie, Vater, Schwager und Neffe von Ana. Zeigt sich dadurch eindrücklich bei den beiden Schwestern, dass diese unterschiedlicher nicht sein könnten, vor allem in ihrer Position der katholischen Kirche gegenüber, ist vor allem die Perspektive von Marcela, welche im Rahmen der Geschehnisse ein gedecktes Schädel-Hirn-Trauma erlitt und nun an einer anterograden Amnesie leidet, äußerst interessant umgesetzt. Die verschiedenen Figuren bekommen alle ihre Eigenheiten zugesprochen und unterscheiden sich nicht nur in ihrer Wahrnehmung der Ereignisse, Einstellungen, Glaubenssätze sondern auch ihrem Ausdruck und Form. Das macht das Buch sehr abwechslungsreich und spannend. Nach und nach bekommen wir Hinweise, was damals wirklich zum brutalen Tod von Ana geführt hat. Dass man schon früh alle Puzzleteile zusammensetzen kann und kaum Überraschungen bezogen auf die Tat an sich auftreten, hat mich nicht weiter gestört. Vielmehr ist der Blick in die Köpfe der Figuren hier spannend. Denn es werden durch die einzelnen Personen die Wut der Autorin auf die Zustände in ihrem Heimatland klar verdeutlicht. Auch dass es hier eine klare Einteilung in gute und böse Figuren gibt, die sich auch während der Lektüre wenig wandelt, ist für mich als Anregung zur Diskussion über die Themen der Bigotterie fanatisch-katholischer Gläubigen, einer ins Gesellschaftssystem über die Maßen eingreifenden katholischen Kirche sowie dem patriarchalen Machtgefüge mit (jungen) Frauen als Leidtragenden eines scheinheiligen sozialen Umfelds im Rahmen des Romans gut zu rechtfertigen.

    Pineiro schreibt unglaublich süffig und man verschlingt die Seiten nur so. Dabei greift sie auf Mittel des unterhaltenden Spannungsromans zurück, weniger bis gar nicht auf literarisch anspruchsvolle Stilmittel. Das Denken wird den Leser:innen dieses Romans größtenteils abgenommen und Überlegungen fast immer vollständig ausformuliert. Damit muss man sich arrangieren, wenn man den vorliegenden Roman gewinnbringend lesen möchte. Für mich persönlich war dieser Roman informativ und spannend zugleich. Trotz des tonnenschweren Themas liest er sich leicht, wenngleich auch äußerst brutale Verstümmelungen geschildert werden, auf die ich im Zweifel in ihrer Ausführlichkeit hätte verzichten können. Da merkt man der Autorin die Nähe zum Krimi- oder Thriller-Genre sehr stark an.

    Die bringt Autorin die gesellschaftlich äußerst relevanten Themenfelder der religiös motivierten Gewalt und Gewalt an Frauen detailliert recherchiert zu einem sehr guten Spannungsroman zusammen. Mir hat es zur Abwechslung wirklich sehr gefallen, einfach einmal ein Buch schön süffig „weglesen“ zu können, ohne noch zwei bis drei weitere Bedeutungsebenen innerhalb eines Satzes herausfinden zu müssen. Ich wurde gut unterhalten, auch wenn ich sonst i.d.R. literarisch anspruchsvollere Sachen lese. Somit komme ich unter der Prämisse "Spannungsroman" auf 4 Sterne.

    4/5 Sterne

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    23. Feb 2023 

    Pilcher vs. Tarantino

    Rigider, unkritischer Glaube hat schon immer dazu gedient, zutiefst unchristliches Verhalten zu rechtfertigen – Piñeiro fasst dieses Paradoxon in einen grellen, zeitweilig blutigen Roman, der wie ein Krimi daher kommt. Jedes Kapitel wird aus einer anderen Perspektive erzählt, den Anfang macht Lía, die mittlere von drei Schwestern, von denen Ana, die Jüngste, offenbar einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Die Erzählzeit liegt 30 Jahre nach diesem Ereignis, das die Familie gesprengt hat – Lía lebt seitdem in Santiago de Compostela, wo sie eine Buchhandlung betreibt. Die Älteste, Carmen, hat einen ehemaligen Priesterseminaristen geheiratet. Carmen und ihr Mann sind auf der Suche nach ihrem erwachsenen Sohn, der vor seinen Eltern ebenfalls nach Europa geflüchtet ist – er will, als Vermächtnis seines verstorbenen Großvaters, eine Reihe berühmter Kathedralen besuchen und seiner Tante Lía einen Brief überbringen.

    Relativ bald ist die Auflösung des Kriminalrätsels klar, und auch der Inhalt des am Ende enthüllten Briefes birgt keine Überraschungen. Zudem werden die Regeln des Genres missachtet; noch kurz vor Schluss ergänzt die Autorin wichtige kriminalistische Details, so dass der Eindruck entsteht, dass sie ihren Plot nicht ganz durchdacht hat. Piñeiro ist offensichtlich mit viel Emotion an ihr Thema herangegangen; die Botschaft des Romans ist absolut unzweideutig. Zwei ihrer Figuren sind so wahnhaft religiös angelegt, dass sie ihr zu höllenschwarzen Monstern ohne Grautöne geraten sind. Anas Weiß dagegen ist fleckenlos, und nur die Atheisten oder gemäßigt Gläubigen lassen Zwischentöne erkennen. Piñeiros Furor gegen die katholische Kirche scheint durch jeden Satz – der Roman ist ein einziges Manifest gegen die katholische Sexualmoral.

    Auch sprachlich und in ihrer Symbolik trägt Piñeiro dick auf. Es gibt Szenen, die unerträglich sentimental sind, etwa wenn Großvater und Enkel zusammen Kathedralen (!) zeichnen, indem sie ihre Hände dabei übereinander legen. Ein größerer Gegensatz zu den späteren Splatterszenen ist nicht denkbar - stilistisch konnte die Autorin sich offenbar nicht zwischen Tarantino und Rosamunde Pilcher entscheiden. Die titelgebenden Kathedralen werden so oft bemüht, bis auch die/der Letzte verstanden hat, dass es sich um Symbole für persönliche Glaubenskonstrukte handelt. Auch Bücher spielen eine wichtige Rolle im Roman. Alfredo, der Vater der Mädchen ist Geschichtslehrer und immer in irgendwelche Lektüren versunken. Er kennt also die historische Schuld der Kirche, von der Inquisition bis zur Verflechtung mit den Mächtigen der Gegenwart. Seinen Enkel Mateo befreit Alfredo mittels der entsprechenden Lektüre vom zwanghaften Katholizismus seiner Eltern. Lías Buchhandlung ausgerechnet im berühmtesten Pilgerort der Welt ist ein Leuchtturm kritischen Denkens in einem Meer des Katholizismus.

    Á propos kritisches Denken: Ich hätte bei der Lektüre des Romans gerne selbst gedacht, aber das ist nicht nötig. Piñeiro macht ganz klar, was gedacht werden muss. Aber trotz seiner Durchschaubarkeit, eben aufgrund seiner grellen Machart, hat der Roman durchaus Schmiss und Spannung und wer es nicht allzu subtil braucht und Splatterfilme (oder Fitzek) mag, wird auch den Roman mögen.

    Das Ende konstruiert Versöhnung und Harmonie, wie sie so nicht möglich ist, vor allem dann nicht, wenn die ganze Wahrheit nicht angenommen werden kann. Manches bleibt offen, obwohl ein konfrontativ-dramatischer Showdown durchaus zum Stil des Romans gepasst hätte.

    Leider ist feministischer Anspruch kein Garant für gute Literatur, sonst müsste ich hier 5 Sterne plus vergeben. Mir war der Roman viel zu krude und plakativ – von meiner Seite also keine Leseempfehlung.

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