Kalte Havel

Buchseite und Rezensionen zu 'Kalte Havel' von Tim Pieper
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Am Ufer der Havel wird ein junger Mann erschossen, sein bester Freund verschwindet spurlos. Es ist der Sohn einer Potsdamer Staatsanwältin, die viele Feinde hat. Für Hauptkommissar Toni Sanftleben beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Entschlossen ermittelt er in den Beelitzer Heilstätten und an anderen gespensterischen Orten, die dem Verfall preisgegeben sind. Doch die Ruinen sind bewohnt und werden mit allen Mittel verteidigt...

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:240
Verlag: Emons Verlag
EAN:9783740800017

Rezensionen zu "Kalte Havel"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Jan 2017 

    Ermittlungen in den Beelitzer Heilstätten

    Hauptkommissar Toni Sanftlebens zweiter Fall ist erneut eine sehr persönliche Angelegenheit. Er führt uns zu den Beelitzer Heilstätten, einem vom Verfall bedrohten Denkmal, um das sich viele Geschichten und Legenden ranken. Ein spannender Berlin-Krimi, dessen Titelbedeutung auch für das Privatleben des Ermittlers stehen könnte.

    Inhalt:

    Toni Sanftleben ist eigentlich noch vom Dienst befreit, doch als der Sohn einer Potsdamer Staatsanwältin vermisst und dessen Freund erschossen aufgefunden wird, kehrt er zurück aufs Revier. Ihm bleibt nur wenig Zeit, um den Jugendlichen zu finden. Eine zentrale Rolle im Leben des Opfers scheinen die Beelitzer Heilstätten zu spielen, ein verfallendes Baudenkmal, in dem sich nachts diverse Gruppen herumtreiben. Der erste Ermittlungsansatz ist also gefunden...

    Setting und Stil:

    An Toni Sanftlebens Seite geht es kreuz und quer durch Berlin. Die Beelitzer Heilstätten als spannender und geschichtsbehafteter Hintergrund gefällt mir sehr gut. Sanftlebens Hausboot darf natürlich auch nicht fehlen, auch wenn die Heimkehr dorthin meist eher bedrückende Kapitel bedeutet.
    Die benutzte Sprache passt zu den Personen, wobei ich mir etwas mehr Unterschiede gewünscht hätte und für die Jugendlichen eine modernere Ausdrucksweise passender gewesen wäre.

    Charaktere:

    Eigentlich hätte Toni Sanftlebens Zukunft so schön sein können, doch dann hätten wir als Leser wahrscheinlich keinen Krimi, sondern eine Liebesgeschichte vor uns. Damit dies nicht passiert, lässt sich Tim Pieper einiges einfallen, um Tonis Leben durcheinander zu bringen. Auch beruflich ist es in gewisser Weise ein Neuanfang, nachdem er sich eine längere Auszeit gegönnt hat. Genug Material, um den Leser angespannt an den Seiten kleben zu lassen.
    Die persönliche Beziehung zum Entführten, bzw. zu seiner Mutter, den geheimen Unternehmungen der Jugendlichen, die Kollegen und sein typisch ungeliebter Vorgesetzter runden die Handlung ab.
    Hinzu kommt ein Täter, für dessen Identität es einige Kandidaten gibt, die das Miträtseln schön schwierig gestalten.

    Geschichte:

    Auch dem zweite Fall des Hauptkommissars ist sehr spannend geworden und zeigt dem Leser eine unbekannte Seite Berlins und Potsdams. Der Fall fesselt und überrascht, der private Anteil der Handlung ist berührend. Eine runde Sache, die mit ihren vielen Ansatzpunkten und Wendungen genau das Richtige für Krimiliebhaber ist.

    Fazit:

    Wie auch schon die bisherigen Bücher Tim Piepers, konnte auch dieses mich wieder fesseln. Ein Krimi voller Lokalkolorit, der einen ganz besonderen Ort präsentiert, über den es im Nachwort einiges zu erfahren gibt. Eine Leseempfehlung für Krimifans, die von mir noch ein Extrasternchen erhält, weil mein Heimatort als Fluchtpunkt eine kleine Rolle spielt.
    Hoffentlich geht es weiter mit Toni, dessen Weg noch lange nicht zu Ende zu sein scheint.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Dez 2016 

    Lost Places...

    Eigentlich ist Toni Sanftleben ganz zufrieden mit dem Leben, so wie es jetzt ist. Er ist nach den Ereignissen im vorherigen Band zwar vom Dienst beurlaubt, doch kümmert er sich nun liebevoll um seine Frau, die nach etlichen Jahren wieder zu ihm und seinem Sohn zurückgekehrt ist. Eigentlich verschwendet Toni kaum noch einen Gedanken an seine frühere Arbeit, und um so überraschter ist er, als die Staatsanwältin ihn auf seinem Hausboot aufsucht.

    Ein Freund ihres Sohnes Alexander wurde erschossen - und seither ist er selbst wie vom Erdboden verschwunden. Entführt? Ermordet? Weggelaufen? Die Staatsanwältin hofft, ihren Sohn lebendig wiederzusehen und bittet Toni dringend um seine Mithilfe. Für diesen einen Fall ist seine Beurlaubung aufgehoben, und schon bald ist klar, dass er hier seine gesamte Erfahrung als Hauptkommissar in die Waagschale werfen muss, um Schlimmeres zu verhindern...

    Düster ist die Atmosphäre, die Tim Pieper hier in dem zweiten Band um den Berliner Ermittler Toni Sanftleben schafft. Viele der geschilderten Szenen spielen sich in sog. Lost Places ab, wie z.B. in den Beelitz-Heilstätten bei Potsdam oder in der verlassenen Kaserne in Krampnitz. Diese morbide Atmosphäre erscheint ungemein passend zu den Geschehnissen und Hintergründen des Falls, was mir sehr gefallen hat.

    "...und er erfasste instinktiv, was die einmalige Atmosphäre ausmachte. An den vernagelten Fenstern, an den verrosteten Teppichstangen und dem überwucherten Sprtplatz war abzulesen, dass alles, was sich hier abgespielt hatte, unwiederbringlich der Vergangenheit angehörte. Gleichzeitig war dieser Ort noch keiner neuen Bestimmung zugeführt worden, was ein Gefühl des Schwebenden, des Vagen und des Ungewissen auslöste, das in der geordneten Welt außerhalb (...) kaum entstehen konnte. Dieser Ort suggerierte eine Parallelexistenz." (S. 61)

    Toni Sanftleben hat es nicht leicht, wieder in den geordneten Dienst zurückzukehren, zumal nicht alle Kollegen ihn wieder willkommen heißen. Doch bald schon ist er bis über beide Ohren in den Fall verstrickt und ermittelt dabei teilweise in gänzlich anderer Richtung als in die von seinem Chef vorgegebene. Im Grunde hat er mit seinen Kollegen im Laufe der Ermittlungen kaum etwas zu tun - er gibt Anweisungen und holt sich gelegentlich Informationen ein, doch eigentlich geht Toni die meiste Zeit über seiner ganz eigenen Wege. Dieser Aspekt war für mich doch etwas verwunderlich, denn Polizeiarbeit im konsequenten Alleingang ist doch zumindest außergewöhnlich.

    Dennoch ergeben sich im Laufe der Ermittlungen immer neue Aspekte und Hintergrunddetails, die Toni allmählich klarer sehen lassen - und doch auch wieder nicht. Denn alles, was er herausfindet, komplettiert einerseits das Täterprofil, passt jedoch andererseits gleich auf mehrere der Verdächtigen. Das hat Tim Pieper wieder geschickt konzipiert, denn auch der Leser wird bis kurz vor Schluss im Unklaren gelassen, wer denn nun hinter der Ermordung des Freundes von Alexander steckt und was es mit dem Verschwinden des Sohnes der Staatsanwältin tatsächlich auf sich hat.

    Die Mischung aus morbider Atmosphäre einerseits und den vielen Fragezeichen andererseits, die lange immer mehr zu werden scheinen, hat mir gut gefallen. Ebenso empfand ich die Verwebung der fallrelevanten Elemente in der Gegenwart mit den Rückblenden aus der Sicht des ermordeten Opfers als sehr gelungen. Auch die privaten Einblicke in das Leben von Toni Sanftleben stehen in einem angenehmen Verhältnis zu dem Fall an sich - und machen Lust auf weitere Folgen der Reihe. Denn hier ist das letzte Wort noch nicht geschrieben, und etliche Antworten bezüglich des Privatlebens von Toni bleibt der Autor hier noch schuldig. Ein geschickter Schachzug!

    Der Schreibstil ist dabei flüssig und angenehm zu lesen, wobei ich manche Stellen als etwas zu gestelzt und zu gewollt empfunden habe, andere Passagen dagegen sehr bildhaft und fast schon poetisch fand.

    Insgesamt also ein gelungener zweiter Teil der Reihe, der unbedingt neugierig macht auf die Folgebände.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Nov 2016 

    Living on a Boat

    Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn lebt Toni Sanftleben auf einem Hausboot. Seine Frau Sofie hat sich erstaunlich gut erholt, ist allerdings immer noch unsicher und kann sich an viele Ereignisse nicht mehr erinnern. Seit Toni nicht mehr im aktiven Polizeidienst ist, mussten sie den Gürtel recht eng schnallen. Deshalb ist Toni beinahe erleichtert als die Staatsanwältin Caren Winter ihn bittet, in dem Mordfall eines jungen Mannes zu ermitteln, der der beste Freund ihres Sohnes war. Seit der Mordnacht ist ihr Sohn Alexander verschwunden und Caren Winter hält Toni Sanftleben einfach für den besten Ermittler.

    Kommissar Toni Sanftleben ermittelt wieder. Lange Zeit hat er sich hauptsächlich mit der Rekonvaleszenz seiner Frau beschäftigt, hat sie begleitet, sie von Therapie zu Therapie gefahren und Fortschritte bejubelt und Rückschläge tapfer hingenommen. Nun hat Sofie Sanftleben wieder eine gewisse Selbstständigkeit erlangt und Toni erkennt, dass er sie loslassen muss. Wenn er ganz ehrlich wäre, würde er wahrscheinlich gestehen, dass er seinen Job vermisst und ein Gehalt im aktiven Dienst ist auch nicht zu verachten. Der Fall ist knifflig, der Tote hat es in seinen jungen Jahren geschafft, sich viele Feinde zu machen. Staatsanwältin Winter ist verständlicherweise außerordentlich besorgt um ihren Sohn. Und nicht alle Kollegen scheinen über Tonis Rückkehr froh zu sein.

    Mit seinem zweiten Fall bekommt Toni Sanftleben eine harte Nuss zu knacken. Fesselnd beschreibt Tim Pieper wie sein Held wieder in den Job einsteigt und sich auf die Spur von Opfer und Täter begibt. Hinweise wollen bedacht und zusammengesetzt werden. Spuren im näheren Umland Berlins wollen verfolgt werden, die Erzählungen, die die Umgebung bereit hält, wollen erzählt werden. Tonis Wege mit seinem klapprigen Auto oder in Kreislaufertüchtigung auf dem Rad geben einen guten Einblick in die Gegebenheiten der Landschaft. Eine Gegend der heruntergekommenen Gebäude, die zu unheimlichen nächtlichen Wanderungen einladen. Die Szene, in der sich das Opfer bewegte, ist lebendig beschrieben. Und die Stimmung in der teilweise einsamen Landschaft lässt sich bestens miterleben. In dem Moment, in dem Toni erkennt, in welche Richtung die Hinweise führen, wird es rasant spannend und das Buch ist plötzlich viel zu schnell beendet. Schwierig zu verstehen ist allein die Beziehung zwischen Toni und seiner Frau, die nach der Trennung von sechzehn Jahren, erst einmal zu sich selbst finden muss.

    Ein ausgesprochen lesenswerter Kriminalroman um Kommissar Toni Sanftleben und sein Team.

    4,5 Sterne