Kairos: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kairos: Roman' von Jenny Erpenbeck
4.7
4.7 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kairos: Roman"

Die neunzehnjährige Katharina und Hans, ein verheirateter Mann Mitte fünfzig, begegnen sich Ende der achtziger Jahre in Ostberlin, zufällig, und kommen für die nächsten Jahre nicht voneinander los. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und des Umbruchs nach 1989 erzählt Jenny Erpenbeck in ihrer unverwechselbaren Sprache von den Abgründen des Glücks – vom Weg zweier Liebender im Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Lüge, von Obsession und Gewalt, Hass und Hoffnung. Alles in ihrem Leben verwandelt sich noch in derselben Sekunde, in der es geschieht, in etwas Verlorenes. Die Grenze ist immer nur ein Augenblick.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag:
EAN:9783328600855

Rezensionen zu "Kairos: Roman"

  1. Eine Liebe?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Okt 2021 

    "Die Gelegenheit beim Schopf packen" ist ein Ausspruch, der seinen Ursprung in der Darstellung des griechischen Gottes Kairos hat. Kairos galt in der griechischen Mythologie als Verkörperung des günstigen Augenblickes, den man nur festhalten konnte, wenn man ihm an der Stirnlocke packte, denn ansonsten war er kahl. Zog Kairos also an seinem Gegenüber vorbei, war's das mit dem günstigen Moment.

    Der Roman von Jenny Erpenbeck trägt nicht umsonst den Titel "Kairos". Denn den günstigen Moment erwischen die Protagonisten Katharina und Hans, als sie sich Ende der 80er Jahre zufällig in Ost-Berlin begegnen. Aus dieser Zufallsbegegnung entwickelt sich eine, in vielfacher Hinsicht, ungewöhnliche Beziehung.

    Katharina ist eine 19-jährige Auszubildende, die bei ihrer Mutter wohnt und an der Schwelle zum Erwachsensein steht. Sie ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Der Sozialismus gehört für sie zur Normalität, sie ist genauso politisch interessiert, wie andere ihrer Generation - mal mehr, mal weniger. Hans ist Mitte fünfzig, verheiratet, Vater eines Sohnes in der Pubertät, Schriftsteller und überzeugter Sozialist. In der Liaison der beiden herrscht ein Ungleichgewicht. Hans dominiert Katharina, blendet sie mit seiner Lebenserfahrung, seinem unerschöpflichen Wissen über Kunst und Kultur. Er sonnt sich in ihrer Bewunderung und versucht, sie nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Katharina verwechselt Schwärmerei mit Liebe und versucht, seinen Ansprüchen zu entsprechen. Dadurch verliert sie immer mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit. Die Beziehung zwischen den beiden nimmt einen ungesunden Verlauf, über mehrer Jahre, in denen sich seelische Höhen und Tiefen abwechseln.

    Jenny Erpenbeck hat es mir mit der Darstellung des Hans nicht einfach gemacht. Ich konnte nicht anders, als mich über diese Figur zu empören. Dabei war der Altersunterschied nicht entscheidend, sondern eher die Dominanz eines Mannes, der außerhalb dieser Beziehung ein Schwächling ist und im echten Leben wenig Rückgrat besitzt. Er nutzt die Dominanz gegenüber Katharina um sein Ego aufzumöbeln.

    Während Katharina und Hans also mit ihrer und in ihrer "Liebe" kämpfen, findet um sie herum ein politischer Umbruch statt. Das Leben wird von dem Untergang der DDR bestimmt. Die Grenzen werden geöffnet und der Westen hält Einzug in den Alltag der Menschen, die plötzlich mit abrupten Veränderungen zu tun haben, die nicht alle willkommen sind, zumindest nicht in der Schnelligkeit.

    Einer, der von der Wende überfordert sein wird, ist Hans. Das Weltbild des überzeugten Sozialisten stürzt ein. Es fällt ihm schwer, sich mit der neuen Situation zu arrangieren.

    Kairos ist also eine interessante Kombination aus Wende-Roman und Beziehungsgeschichte. Was mich dabei begeistert hat, ist der Aufbau des Romans. Kairos wird aus zwei Perspektive erzählt, die eng miteinander verwoben sind - enger geht es nicht. Der Wechsel der Perspektiven findet innerhalb der Kapitel des Romans völlig unvermittelt statt; Satzzeichen der wörtlichen Rede sind nicht vorhanden. Man rutscht also von einem Moment auf den anderen in die Gedankenwelt des anderen Protagonisten - zunächst völlig unbemerkt, was natürlich gewöhnungsbedürftig ist. Doch durch die sprachliche Intensität der Autorin schafft man es, eine gedankliche Abgrenzung zwischen den beiden Gedankenwelten herzustellen.

    Mein Fazit:
    Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Umbruchs der DDR, wobei mir der Hintergrund besser als der Vordergrund gefallen hat. Denn die Beziehungsgeschichte hat mich nicht überzeugt, was ausschließlich an meiner Ablehnung des männlichen Protagonisten lag. Bemerkenswert sind jedoch die sprachliche Intensität von Jenny Erpenbeck sowie der ungewöhnliche Aufbau dieses Romans.

  1. Doppeltes Requiem

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Okt 2021 

    Am 11. Juli 1986 begegnen sich die 19-jährige Katharina, Setzerlehrling, und der 53-jährige Schriftsteller Hans W. in einem Bus in Ostberlin zum ersten Mal:

    "Die Türen schlossen sich wieder, der Bus fuhr an, sie suchte nach einem Haltegriff.
    Und da sah sie ihn.
    Und er sah sie.
    Draußen ging eine wahre Sintflut hernieder, drinnen dampfte es von den feuchten Kleidern der Zugestiegenen." (S. 16)

    Noch am gleichen Abend nimmt er sie mit in seine Wohnung, weder seine Frau noch sein 14-jähriger Sohn sind zuhause. Sie hören Mozarts Requiem und landen im Ehebett:

    "Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina." (S. 29)

    Ob Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, für diese schicksalhafte Begegnung verantwortlich war, fragt sich Katharina, als sie viele Jahre später, nach Hans‘ Tod, die beiden Kartons mit Erinnerungsstücken auspackt.

    Der erste Karton…
    … enthält Andenken aus den ersten 14 Monaten der Beziehung, Licht und Schatten gleichermaßen. Es ist eine Zeit, während der Katharina „immer weiter fortgerissen“ wird, in der sie entdeckt, „dass sie so lieben kann“, sie Hans beim Familienurlaub an der Ostsee beobachtet und sich ein gemeinsames Kind vorstellen kann. Sie genießt es, von ihm ausgeführt zu werden, bewundert ihn für seine Bildung und akzeptiert seine Machtdemonstrationen mittels sadomasochistischer Praktiken. Erstaunlich zurückhaltend vorgebrachte Bedenken ihrer Eltern und Warnungen ihrer Freunde ignoriert sie:

    "Seit du mit diesem Hans zusammen bist, hast du irgendwie dein Strahlen verloren." (S. 134)

    Hans ging als Student bewusst in den Osten, weil er, desillusioniert von der Rückkehr alter Nazis auf alte Posten, alle Hoffnungen auf die antifaschistische DDR setzte. Nun idealisiert er Katharina ebenso wie damals den Staat und stilisiert sie zu einer Heiligen. Wie die kommunistische Regierung auf Widerstand mit immer drastischerer Unterdrückung antwortete, reagiert auch Hans, der nie seine Ehe für Katharina aufs Spiel setzten würde, auf das, was er für ihren Verrat hält.

    Der zweite Karton…
    … legt Zeugnis von Hans‘ Terror und Machtgehabe als Reaktion auf Katharinas "Treuebruch" ab: Verhöre, Überwachung, Gehirnwäsche, Vorwürfe:

    "Für mich ist dein Betrug die größte und einschneidendste Niederlage meines Lebens." (S. 272)

    "… dass du dich so erniedrigen konntest, dass du dich so klein gemacht hast – das hat dich in meinen Augen entschieden wertgemindert." (S. 312)

    Bis 1992 und über die Wende hinaus zieht sich die toxische Beziehung hin. Kein Tiefpunkt beider parallel verlaufender Ereignisse bleibt ausgespart.

    Die Ostperspektive macht's
    Kairos ist zweifellos ein bedeutendes Stück zeitgenössisch-deutscher Literatur, sprachlich eine Wonne und mit einer Fülle von Anspielungen auf Theater, Musik, Kunst und die DDR-Künstlerszene, von denen ich gewiss nur einen Teil erfasst habe. Was fehlt, ist eine gewisse Leichtigkeit, jedes Wort wirkt bedeutungsschwer und bisweilen gar pathetisch. Probleme hatte ich mit der Glaubwürdigkeit der Beziehung, an der Katharina unbegreiflicherweise  festhält, als sie zum Praktikum nach Frankfurt an der Oder geht und später in Ostberlin Bühnenbild studiert. Auch die Wendung im Epilog hätte es für mich nicht gebraucht. Einen wirklichen Erkenntnisgewinn brachte mir jedoch der spezielle Blick der in Ostberlin wie ihre Protagonistin 1967 geborenen Jenny Erpenbeck auf die Vorwende-, Wende- und Nachwendezeit. Dafür alleine schon lohnt die Lektüre.

  1. Sprachlich wie inhaltlich ganz besonders raffiniert und kreativ

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Sep 2021 

    „Kairos ist ein religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein könnte. In der griechischen Mythologie wurde der günstige Zeitpunkt als Gottheit personifiziert.“ (Zitat Wikipedia)

    In Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ kann ich durchaus beobachten, dass es solche entscheidenden Momente gibt. Zum einen gibt es diesen einen Moment in der Beziehung von Katharina (19 Jahre alt) und Hans (53, verheiratet). Der günstige Zeitpunkt für ihr Zusammenkommen ist eines Tages eingetreten, als sie sich in der Straßenbahn begegnet sind und sich sofort zueinander hingezogen gefühlt haben. Ob dies für alles Folgende tatsächlich eine gute Entscheidung gewesen ist, sei dahingestellt...

    Ein weiterer günstiger, entscheidender Moment bahnt sich an in Bezug auf den Niedergang der DDR und die anschließende Geburt eines gemeinsamen Deutschlands. Und auch hier fragt man sich, ist es ein wirklich guter Zeitpunkt? Hätte es sich nachteilig ausgewirkt, hätte man diesen Zeitpunkt verstreichen lassen?

    Mit großer sprachlicher Raffinesse, großartiger Kreativität und viel Lokalkolorit verknüpft die Autorin genau diese beiden Szenarien miteinander. Sie lässt die furiose Liebesgeschichte im Ost-Berlin der Jahre 1986 – 1992 spielen. Erpenbeck erschafft mit Hans einen Charakter, der aufgrund seiner Vergangenheit bewusst in den Osten gegangen ist, um für den Sozialismus zu kämpfen. Er hat eine gute Position als Radiojournalist inne, nebenbei schreibt er Bücher und führt mit seiner Frau eine recht „offene“ Ehe. Er hat eigentlich vergleichsweise viele Freiheiten zur damaligen Zeit. Am Ende der DDR dann ist auch Hans am Ende: desillusioniert, müde, hoffnungslos...

    Katharina hingegen ist jung, unverbraucht, unerfahren und rein, und sie ist in der DDR aufgewachsen, hat keine nennenswert tragische Vergangenheit, die sie aufarbeiten muss. Sie schaut auf zu Hans, der ihr in Sachen Kultur, Kunst (insbesondere Literatur und Musik) viel beibringt – sie ist fasziniert von ihm und begibt sich in eine mehr und mehr abhängige Beziehung. Hans wiederum beginnt, nach einem für ihn einschneidenden Ereignis, die Anhänglichkeit von Katharina aufs Schlimmste auszunutzen... Eine obsessive Liebesbeziehung entspinnt sich, die auch vor (insbesondere psychischer) Gewalt nicht Halt macht. Und immer wieder werden hier die Parallelen zur DDR und zur Wirkungsweise der Stasi angedeutet. Gleichzeitig erfährt man aber auch von vielen damaligen Kulturschaffenden und ihrem Kampf für mehr Freiheit und unzensierte Kunst.

    Fazit: Mich hat der Roman mit all seiner Raffinesse, mit der Einbringung vieler, interessanter geschichtlicher Namen, Zusammenhänge und Ereignisse der Wendezeit und davor, unheimlich gut gefallen. Die Liebesgeschichte kommt in diesem besonderen Rahmen niemals kitschig daher, sondern fesselt und fasziniert und lässt mich auch nach der Lektüre nicht los. Ich glaube zudem, man kann beim zweiten und dritten Lesen immer noch mehr entdecken von den vielen Zusammenhängen und Erkenntnissen, die Jenny Erpenbeck hier beschreibt – sei es in Verbindung mit der psychologisch extrem vertrackten Liebesbeziehung oder hinsichtlich der geschichtlichen Hintergründe. Nominiert ist „Kairos“ für den Bayerischen Buchpreis und ich drücke ihm sowas von die Daumen! Absolut lesenswert!

  1. „ Lass ihn vorüberziehen“

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Sep 2021 

    Zu Beginn des Romans sitzt eine Frau mittleren Alters vor zwei Kartons und sichtet deren Inhalt: Briefe, Postkarten, Photos, Restaurantrechnungen, Zettel und vieles mehr. Relikte einer längst vergangenen Liebe, hinterlassen von dem Mann, den sie damals geliebt hat.
    Ihre erste schicksalhafte Begegnung war in Ostberlin, am 11. Juli 1986. Sie, Katharina, war damals 19 Jahre jung, lebte noch bei ihrer Mutter und machte gerade eine Ausbildung zur Schriftsetzerin. Er, Hans, 53 Jahre alt, verheiratet, arbeitet als Schriftsteller und beim Rundfunk. Trotz des gewaltigen Altersunterschieds stürzen sich die beiden in eine heftige Liebesbeziehung. Sie treffen sich heimlich, gehen Essen oder ins Museum und der gebildete, ältere Mann versteht sich als Mentor für die junge Frau. Sie führen Gespräche über Literatur und Kunst und Hans zeigt ihr, welche Musik hörenswert ist. Katharina lässt sich bereitwillig leiten und formen, wirft sogar ihre Schallplatten in den Müll, weil Hans sie für Schund hält. Sie lebt nur noch für und mit Hans, unterwirft sich ihm völlig.
    Doch von Anfang an schwingt das Ende mit. Bei ihrem ersten Mal hören sie Mozarts Requiem. „ Wir dürfen uns nicht unglücklich machen, sagt er, und greift nach ihrem Schoß. Sie lächelt: Soweit sind wir doch schon. Salve Me, salve me.“
    Nicht unbeabsichtigt wird die Schlusszeile aus Brechts Gedicht „ Die Liebenden“ zitiert.
    ( „ Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem. — Und wann werden sie sich trennen? — Bald. / So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.“)
    Als Katharina Hans mit einem jungen Arbeitskollegen betrügt, kommt die Beziehung noch mehr ins Ungleichgewicht. Hans, der nie seine Frau verlassen würde und immer Geliebte hatte, gesteht Katharina keinerlei Freiheiten zu. Sie muss in Zukunft alles offenlegen, darf keine Geheimnisse vor ihm haben. Er wendet Methoden an, die an die Stasi oder an Stalins Schauprozesse erinnern: absolute Kontrolle, unbedingtes Bekennen nur zu ihm, Eingestehen von Schuld und manches mehr.
    Es ist eine Qual zu lesen, wie Katharina sich vollständig unterwirft, sich in eine Abhängigkeit begibt, bis zur Selbstzerstörung. Sie ist unglücklich, kann sich aber nicht lösen von diesem Mann.
    Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieser obsessiven Liebe parallel zum Untergang der DDR. An beiden Figuren spiegelt sich deutsche Geschichte.
    Hans, 1933 geboren, war geprägt vom Nationalsozialismus. Einst begeisterter Hitlerjunge wählte er nach dem Krieg ganz bewusst die DDR, weil er überzeugt war, hier das bessere System zu finden.
    Katharina dagegen ist ein Kind der DDR ( „ Ein Geschöpf der neuen Zeit.“), ist mit deren Idealen aufgewachsen, musste aber nie dafür kämpfen.
    In der Beziehung zwischen Hans und Katharina stehen sich , wie am Ende der DDR, Alt und Jung gegenüber. Auf der einen Seite die erschöpften Kämpfer, die auf ihrem Machtanspruch beharren, denen gegenüber die jungen Oppositionellen, die für mehr Freiheit eintreten.
    So wie die Beziehung von Hans und Katharina zum Scheitern verurteilt ist, so ist es auch das DDR- System.
    Jenny Erpenbeck zeichnet den Auflösungsprozess dieses Staates in einprägsamen Bildern. Sie lässt Katharina durch ein Ostberlin irren, von einer Aufführung in der Staatsoper, vorbei an den Tribünen zur Geburtstagsfeier der Republik hin zu einem Gottesdienst der Oppositionellen. Katharina gehört nirgends dazu.
    Vor allem aber beschreibt die Autorin genau, was die Wende für viele DDR - Bürger bedeutet hat. Nicht nur den Verlust alter Gewissheiten oder die Hoffnung auf einen reformierten Sozialismus, sondern auch ganz konkret den Verlust ihrer beruflichen Existenz.
    Katharina Erpenbeck erzählt ihre Geschichte chronologisch, vom ersten Kennenlernen bis zum Ende sechs Jahre später; von der kurzen Rahmenhandlung abgesehen, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Dabei haben wir einen Erzähler, der meist die Perspektive Katharinas annimmt, hin und wieder auch die von Hans. Sehr gut zeigt sich dabei die unterschiedliche Wahrnehmung der beiden bei ein und derselben Szene. „ Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina.“
    Auch in diesem Roman trifft man auf den vertrauten Jenny Erpenbeck- Sound. Der Text ist stark rhythmisch, die Sprache wird auf ihre Bedeutung hinterfragt; dabei gelingen der Autorin immer wieder schöne, unverbrauchte Bilder. Außerdem hat Jenny Erpenbeck einen guten Blick für Details, für Stimmungen und Emotionen.
    „ Kairos“ so heißt der Roman in Anspielung auf den gleichnamigen griechischen Gott. Kairos ist der Gott des günstigen Augenblicks. Er trägt über der Stirn eine Locke, die es zu packen gilt. Denn ist man zu langsam, so präsentiert er uns seinen rückwärtigen kahlen Schädel. Dann ist die Gelegenheit vorüber. „ War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf?“ Das fragt sich die älter gewordene Katharina. Wenn man die ganze Geschichte kennt, so möchte man ihr zurufen: „Lass ihn vorübergehen, ohne stehenzubleiben, lass ihn ziehen!“
    „Kairos“ von Jenny Erpenbeck ist ein literarisch überzeugender Roman über eine toxische Beziehung und ein Abgesang auf die DDR. Absolut lesenswer!

  1. Ein großartiger Roman!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Sep 2021 

    Am 11. Juli 1986 treffen sich zufällig mitten in Ost-Berlin die damals 19-jährige Katharina und der 53-jährige Hans. Und wie es Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, in dem Moment bestimmt, nutzen die beiden „die Gunst der Stunde“ und entscheiden, den Abend zusammen zu verbringen. Und auch später halten sie an der Stirnlocke des Gottes fest und setzen ihre aufregende Bekanntschaft fort.

    Was zuerst als eine kleine Liebesaffäre beginnt, wächst mit der Zeit zu einer großen Liebe, die eigentlich keine sein darf. Denn Hans, ein freier Rundfunkmitarbeiter und Schriftsteller ist verheiratet und hat einen Sohn. Er hat überhaupt nicht vor seine Familie zu verlassen, dafür aber will er -eifersüchtig und besitzergreifend, wie er ist - die junge Katharina, angehende Bühnenbildstudentin, nach seinen Vorstellungen zu formen. Katharinas Liebe scheint keine Grenzen zu haben, sie unterwirft sich ihm vollkommen und man kann nur fassungslos beobachten, wie sie langsam in ihr Unglück rennt.

    Diese dramatische Liebesgeschichte verbindet Jenny Erpenbeck meisterhaft mir der deutschen Geschichte der späten achtziger Jahre, mit dem Untergang der DDR und der unmittelbaren Zeit danach. Sie lädt ihre Leser und Leserinnen nach Berlin und beschreibt genau, wie die Stadt damals ausgesehen hat. Sie führt ihre Leserschaft durch die bekannten Straßen und an die meistbesuchten Orte, erzählt, wie man damals gelebt und geliebt hat, worüber man sprach. Die Leser und Leserinnen tauchen in die Welt des Theaters, Musik, Dichter und Denker ein, folgen Erzählungen über Kämpfer für die bessere Welt. Die Autorin bedient sich einer anspruchsvollen aber fesselnden Sprache, ist mal nachdenklich, mal allegorisch, mal poetisch.
    Zu bedeutenden Themen dieses Romans gehören sowohl die Utopie des Kommunismus sowie die vernichtenden, grausamen Bilder des Nationalsozialismus, brutale Methoden der Faschisten und später der Stasi.

    „Kairos“ ist ein großartiger Roman, den ich mit großem Interesse gelesen habe und der noch lange in meiner Erinnerung bleibt. Das Buch bekommt meine wärmste Leseempfehlung!

  1. Liebe in Zeiten des Umbruchs

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Sep 2021 

    Kairos ist der Gott des glücklichen Augenblicks. „War der Augenblick ein glücklicher, in dem sie damals, als neunzehnjähriges Mädchen, Hans traf?“, sinniert die mittlerweile mit einem anderen Mann verheiratete Katharina Jahre nach ihrer Beziehung mit Hans. Der Anlass? Hans ist gestorben, seine Witwe bringt zwei Kartons vorbei, die angefüllt sind mit Erinnerungsfragmenten aus jener Zeit.

    „In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, …“ S. 9

    In personalem Erzählstil werden wir anhand dieser Kartons durch eine insgesamt sechs Jahre währende Beziehung geleitet. Katharina ist an deren Beginn 19 Jahre jung, Hans ist ein 53-jähriger privilegierter Familienvater, der für den Rundfunk und als „freier fester Autor“ arbeitet. Er ist ein Intellektueller, der mit seiner jungen Freundin über Literatur diskutiert, mit ihr seine Liebe zu klassischen und romantischen Komponisten teilt und nicht widerstehen kann, die junge Frau zu formen. Er führt sie gerne in feine Lokale aus, für Katharina erschließt sich mit ihm eine andere Welt, die sie ihren gleichaltrigen Freunden immer mehr entfremdet. Was zunächst wie eine Affäre beginnt, gewinnt zunehmend an Obsession und Leidenschaft. Hans und Katharina zelebrieren ihre Liebe, sammeln Erinnerungen, Eintritts- und Speisekarten, Briefe, Termine und vieles mehr. Wochen-, Monats- und Jahrestage spielen eine große Rolle. Obwohl Hans verheiratet ist, wacht er über Katharina mit großer Eifersucht und nimmt Einfluss auf ihre beruflichen Entscheidungen. Mit der Zeit benimmt er sich auch übergriffig und despotisch, was zu starken emotionalen Schwankungen über die Jahre führt. Beide arbeiten im Dunstkreis des Theaters, bestimmte Szenen weisen auch dazu Parallelen in ihrer Dramaturgie auf.

    Der überwiegende Teil des Romans findet im Ost-Berlin der Jahre 1986 bis 1992 statt, einer Zeit des Umbruchs also. Jenny Erpenbeck versteht es meisterhaft, das Politische mit dem Persönlichen zu verbinden. Sie stellt dem Staat eine ungleiche Paar-Beziehung gegenüber – beide leiden, beide sind im Niedergang begriffen. Die Atmosphäre des Vorwende-Berlins ist dabei wunderbar eingefangen, so dass ein unglaublich authentisches Bild entsteht. Erpenbeck führt die Leserschaft zusammen mit den Protagonisten in Szenekneipen und -lokale, lässt sie durch die Straßen schlendern oder auf den Bus warten. Locker fließen politische Standpunkte in Dialoge ein, Hans ist ein überzeugter Sozialist. Ebenso beschreibt die Autorin Katharinas Eindrücke während eines Westbesuchs in Köln sowie alle Formalien, die zuvor dafür notwendig waren. Die Wende selbst wird aus Ost-Perspektive geschildert. Augenfällig dabei die existentiellen Ängste, die erzwungenen Veränderungen und Umstrukturierungen, die für den West-Leser neue, interessante Blickwinkel bieten, während beim Ost-Leser Erinnerungen wach werden dürften. Insofern wird neben der packenden Liebesgeschichte auch ein bedeutendes Stück deutscher Vergangenheit aufgearbeitet und beschrieben. Insbesondere Hans bringt dabei seine eigene Biografie mit ein. Er hat nach dem Krieg bereits einen Systemzusammenbruch erlebt und Wunden davongetragen, die sich in seinem Verhalten spiegeln.

    Die personalen Erzählperspektiven sind ohnehin faszinierend, denn sie wechseln sich laufend ab. Dabei kann man Hans und Katharina tief in Seele und Gedanken schauen. Erpenbeck zeigt diese Wechsel nicht gesondert an und benutzt keine Redezeichen, was ein aufmerksames Lesen erfordert. Man wird dafür aber reichlich belohnt. Der gesamte Roman ist wunderbar stimmig konzipiert und erfüllt hohe literarische Ansprüche. Leser, die sich in der griechischen Sagenwelt sowie bei den deutschen Dichtern, Schriftstellern und Liedermachern auskennen, werden noch mehr Bezüge herstellen können als ich – diese Kenntnisse sind aber keinesfalls notwendig. Man hat auch so Freude an den teilweise tiefgründigen oder philosophischen Gedanken zu vielfältigen Themen. Man darf interpretieren, muss aber nicht.

    „Kairos“ ist ein intensives Leseerlebnis. Jenny Erpenbeck ist eine wunderbare Beobachterin, die sich detailliert in ihre Figuren, deren Befindlichkeiten sowie in verschiedene Schauplätze hineindenken kann. Hervorzuheben ist ihre unverwechselbare Sprache, die ich gar nicht genug loben kann. Ihr Sound hat mich von Beginn an so sehr begeistert, dass ich zeitnah auch andere ihrer Romane lesen möchte.

    Große Lese-Empfehlung !

  1. Vom Vom Privaten im Politischen: ein herausragender Roman.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Sep 2021 

    Kurzmeinung: Hätte unbedingt auf die Shortlist gehört. Statt des ganzen Genderzeugs.

    So wie man bei der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland von der Gunst der Stunde spricht, dem historischen „Kairos“, so ist auch die Begegnung des Erpenbeckschen Paars ein „Kairos“. So empfindet es wenigstens das im Mittelpunkt der Geschichte stehende Paar Hans und Katharina und zelebriert wieder und wieder ihre Kennenlernstunde. Wenn Hans nicht, wenn Katharina nicht gerade in dem Moment, wenn der Bus nicht, wenn du woanders hingesehen hättest, wenn du mich nicht angesehen hättest, wenn ich nicht mitgegangen wäre, etc. etc.

    Von der Obsession einer ungleichgewichtigen Liebe handelt Jenny Erpenbecks neuer Roman „Kairos“ und spielt vor dem Hintergrund einer entscheidenden politischen Entwicklung in der deutschen Geschichte. Die DDR liegt in ihren letzten Zügen. Sie röchelt schon, doch noch nicht jeder will den Todesatem im Nacken hören. Dabei hat einmal alles so gut angefangen.

    Ostberlin: Ungefähr sechs Jahre lang, von 1986 an, begleitet man die beiden Protagonisten, nämlich Katharina, blutjung, im Werden erst und noch formbar, und Hans, den alternden Schriftsteller, der in der DDRschen Medienlandschaft als anerkannter Musikexperte tätig ist.

    Nicht nur das Alter schafft in dem Liebesverhältnis der beiden ein Ungleichgewicht. Hans, ein Idealist, hat bereits eine Lebensgeschichte hinter sich, die ihn geprägt hat. Sein Geburtsjahr ist 1933. Seine Wahl im Osten zu leben war freiwillig.

    Katharina dagegen, 1977 geboren, ist politisch unschuldig und muss ein eigenständiges politisches Bewusstsein erst entwickeln, was in dem manipulierenden Umfeld, im dem sie sich befindet, nicht leicht sein dürfte. Der Sozialismus ist ihr selbstverständlich, von Geburt an wurde sie indoktriniert. Sie hat die DDR nicht gewählt. Aber das ist ihr nicht klar.

    Viele Eigenschaften des Paares spiegeln sich im Politischen. Da ist zum einen das Ungleichgewicht zwischen einem, der oben ist und einem, der unten ist, da ist das Alte, das sich gegen das Neue, Junge sträubt und es zu Boden presst. Das Oppressive und das Repressive, ja sogar das Nostalgische der Paar-Rituale, alles findet sich im Politischen wieder. Und schließlich die Umkehr der Verhältnisse.

    Zurück zum Privaten: Hans ist ein Intellektueller wie man ihn sich vorstellt. Klug. Belehrend. Wirklichkeitsscheu. Geistig überlegen. Linke Hände. Ein Denker. Belesen. Museumsverrückt, Konzert- und Vorstellungsbesessen.Entscheidungsschwach. Bequem. Leicht gekränkt. Natürlich gibt es auch anders gestrickte Intellektuelle, einzelne, die sich nicht im Wolkenkuckucksheim eingerichtet haben, aber Hans ist so.

    Es ist eine Liebe wie auf der Bühne. Einzigartig. Unwiederholbar. Die große Liebe. Eine erstklassige Inszenierung. Es ist daher kein Zufall, dass das Theater und die Kunst eine große Rolle im Leben der Protagonisten spielen. Es ist Hans, der Regisseur ihres Liebesspiels ist und es ist Katharina, die das Bühnenbild entwirft, beide sind Akteure in ihrem eigenen Stück und zelebrieren es bis zum Überdruss. Mehrere Aufführungen oder mehrere Akte. Auftakt, Höhepunkt. Läuterung. Umkehr. Niedergang. Vorhang.

    Mit Sätzen von großer literarischer und intellektueller Kraft setzt Jenny Erpenbeck ihre Worte. Hans erläutert griechische Mythologie, referiert über Dichter und Denker der ostdeutschen Kultur, Gedichte werden vorgetragen, Politisches in Bezug gesetzt.

    Und trotzdem, obwohl das Poltische eine so große Rolle spielt und darin gelebt wird, bleibt es dezent. Jenny Erpenbeck drängt dem Leser nichts auf. Sie schlägt ihm nichts um die Ohren. Sie zeigt nur hierhin und dorthin. So war es, so dachte man. Das kommt an.

    Als das Ende der DDR kommt, ist es das Ende. Nichts von „Wenn das Ende nicht gut ist, ist es nicht das Ende.“ Es ist das Ende und es ist für viele Menschen nicht gut, sondern vernichtet ihre Existenz. So hat man sich das nicht vorgestellt.
    Beeindruckend als eine symbolische Szene des Ausverkaufs der DDR ist es, wie nach dem Mauerfall seitens der Buchhandlungen tonnenweise Bücher weggeschmissen wurden, für deren Besitz man vorher wer weiß was gegeben hätte. Noch eindrücklicher dargestellt in Ingo Schulzes Roman "Die rechtschaffenen Mörder".

    Fazit: Das Private ist eben immer auch das Politische. „Kairos“ ist ein ungemein gelungener Liebesroman mit hoher gestalterischer Dramatik und Kraft. Mit eingebautem Erpenbeck-Sound. Versteht sich. Denn Jenny Erpenbecks erzählerische Mittel sind so vielfältig und scheinen ihr nie auszugehen, dass man nicht anders kann als von ihren Romanen fasziniert und begeistert zu sein. „Kairos“ zeugt wieder einmal davon. Eine große Autorin. Ein großartiges Buch.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: Penguin, 2021