Kälte

Buchseite und Rezensionen zu 'Kälte' von Szczepan Twardoch
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4 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kälte"

Der Kampf eines Mannes, der nichts zu verlieren hat. Gegen die Welt und sich selbst. Einst war Konrad Widuch begeisterter russischer Revolutionär, kämpfte in der Reiterarmee. Unter Stalins Herrschaft verliert er alles, den Glauben an die Sowjetunion, seine junge Familie, die Zukunft. Aus den Schrecken des Gulag kann sich Widuch mit äußerster Härte befreien – und steht vor dem Nichts: in den Weiten der Taiga, einer atemberaubend schönen wie tödlichen Welt. Zusammen mit der Russin Ljubow und dem mitgeflohenen Gabaidze wird er von den Ljaudis gefunden. Bei dem archaischen Volk entdeckt Widuch ein fremdes Leben voll arktischer Exotik, ungeahnter Stille, eine Welt mit unbegreiflichen Göttern; der versehrte Gabaidze wird zum Schamanen. Als ein russisches Flugzeug landet, müssen Widuch und die schwangere Ljubow sich wehren und sind bald wieder auf der Flucht, allein im höchsten Norden. Szczepan Twardoch schickt seinen Helden auf eine zum Zerreißen spannungsvolle Lebensreise, die Konrad Widuch immer wieder nur mit Gewalt bestehen kann. Russland, der hohe Norden, das 20. Jahrhundert in all seinen Abgründen prägen diesen Weg. Wie oft kann man sich selbst besiegen, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren?

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783737101882

Rezensionen zu "Kälte"

  1. Wieviel Kälte ist ertragbar?

    Wieviel Kälte ist ertragbar?

    Gymnasium, Oberstufe, kurz vor dem Abitur, Deutsch-Leistungskurs, vor vielen Jahren: auf dem Programm für den Unterricht steht Grimmelshausens Simplicissimus, ein Werk, das die Gräuel des 30-jährigen Kriegs in derber, teilweise unernster und vulgärer Sprache schildert. Ich habe dieses, für mich als Schüler sehr fremdartige Opus -zurückhaltend ausgedrückt- nicht gemocht.

    Dennoch muss sich etwas davon in meinem Gedächtnis bleibend festgesetzt haben. Ich habe mich nämlich wieder daran erinnert, als ich jetzt Twardochs Kälte gelesen habe. Und vielleicht ist eine derartige Erinnerung ja doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass gute Literatur nicht unbedingt vom Leser gemocht werden muss, um auch nach sehr langer Zeit wieder präsent zu sein.

    Genau das war mein erster Gedanke nach der Lektüre der mehr als 400 Seiten Kälte. Denn die Kälte ist nicht nur die vorherrschende Temperatur, die die Protagonisten des Buchs bewältigen müssen, es ist nahezu durchgängig auch die Empfindung, die dem Leser bzw. der Leserin vermittelt wird, eine grausame Kälte, die sich festsetzt und mit Sicherheit auch nach vielen Jahren, so wie bei dem Simplicissimus, in Erinnerung bleibt. Eine derartige Empfindung ist unbequem, unbeliebt und vielleicht sogar lästig, aber sie bleibt. Wer das nicht will, der sei vor diesem Buch gewarnt.

    Twardoch schildert in Kälte das Schicksal des Konrad Widuch, eines Mannes, der nach dem Ersten Weltkrieg, den er in der deutschen Marine verbringt, über den Matrosenaufstand in die Wirren der russischen Revolution gerät. Nach anfänglicher Begeisterung beurteilt er die Vorkommnisse in der russischen Revolution zunehmend skeptisch und wird ein Opfer des Stalin-Terrors. Er verliert seine geliebte Familie, wird nach unerträglichen Folterungen nach Sibirien verbannt, flieht aus dem Lager, überlebt wider Erwarten und findet Zuflucht bei einem sibirischen Volksstamm, der wegen seiner abgeschiedenen Lebensweise von den Folgen der russischen Revolution noch völlig unberührt ist. Eingebettet ist die Schilderung dieses Lebensschicksals erzähltechnisch reizvoll in eine Rahmenhandlung, die darüber berichtet, wie eine Art von Tagebuch dieses Konrad Widuch in den Besitz des Romanautors gelangt.

    Offensichtlich absichtlich klärt Twardoch nicht alle Unklarheiten auf, die sich aus der Verknüpfung der Rahmenhandlung mit dem Tagebuch ergeben. Das ist sicherlich ein Teil dessen, was dazu beiträgt, dass das Buch in Erinnerung bleibt, allerdings nur ein ganz kleiner Teil. Entscheidend dafür, dass man sich an dieses Buch sicherlich auch noch nach vielen Jahren erinnern wird, ist die Kernfrage, die das Buch immer wieder stellt: wie viel Grausamkeit erträgt der Mensch, und zwar auch dann, wenn die Grausamkeit als unbedingte Notwendigkeit zur Bewältigung existenzieller Lebenssituationen erscheint? Bleibt man dann Mensch, eine Frage, die sich der Protagonist immerhin häufig stellt, obwohl auch er selbst immer wieder grausam handelt. Und weiter: wie viel Grausamkeit kann der Mensch des 21. Jahrhunderts, also der heutige Leser bzw. die Leserin ertragen? Kommt die Grausamkeit angesichts der jüngsten kriegerischen Entwicklungen in Europa nicht vielleicht sogar in ein mitteleuropäisches Lebensempfinden zurück oder war sie möglicherweise tatsächlich nie ganz verschwunden , eine Assoziation, die Twardoch eventuell ganz bewusst herbeiführen will, da er in dem Buch Russland als geradezu gierigen Menschenverschlinger darstellt.

    Die Darstellung der Grausamkeiten, die dieses Buch enthält, ist an vielen Stellen geradezu explizit und vielfach schwer erträglich. Sie wird aber an keiner Stelle lediglich um ihrer selbst willen dargestellt. Sie erscheint vielmehr als erzähltechnische Notwendigkeit und auch als Mittel, um das, was Twardoch inhaltlich zum Ausdruck bringen will, zu erreichen.

    Gibt es Schwächen? Vielleicht eine einzige, nämlich die manchmal den Erzählfluss hemmenden Schilderungen völkerkundlicher Besonderheiten der Region, in die sich der Protagonist des Buchs flüchtet, nachdem er aus dem russischen Straflager entkommen ist. Diese sind nach meinem Eindruck an einigen Stellen zu ausschweifend geraten.

    Ich habe das Buch nicht gemocht, der Protagonist ist mir ähnlich wie der Simplicissimus femd geblieben, teilweise habe ich ihn sogar als abstossend empfunden, die geschilderten Grausamkeiten sind teilweise widerlich, haben aber leider wohl einen realistischen Hintergrund und sind erzähltechnisch notwendig. Ich werde das Buch dennoch in Erinnerung behalten, und zwar voraussichtlich über einen sehr langen Zeitraum. Deswegen -auf emotionaler Basis etwas widerwillig, mit dem Intellekt aber in voller Überzeugung- 5 Sterne. Unabhängig von meinen persönlichen Befindlichkeiten handelt es sich eben doch um ein sehr gutes Buch.

    Seite 393: „Wie kommt das, wenn etwas Schlimmes da ist, dann kann man nicht glauben, es könnte jemals vergehen, und wenn es vorbei ist, fasst man nicht, dass es jemals da war? So als hätte die Vergangenheit keine Bedeutung, und alles, was man hat, ist das, was jetzt ist…?“ Wahrscheinlich für uns alle eine zutreffende Beobachtung, es sei denn, es kommt einem ein Simplicissimus oder künftig eben ein Konrad Widuch dazwischen.

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  1. Wilder, härter, abstoßender?

    Wie weit darf man gehen, um die Trägheit der Buchkäufer zu überlisten?

    Dem Autor höchstselbst fallen die Aufzeichnungen des Konrad Widuch in die Hände. Zusammen mit der 83jährigen Borghild, die ihn bei einer Familien- und Schreibauszeit auf Spitzbergen ansprach und auf einen Abstecher mit einer Segelyacht ins Polarmeer vor der russischen Küste überredet, macht er sich auf die Suche nach einen geheimnisumwobenen Ort, Sewjer, einst Ziel des Konrad Widuchs.
    Borghild übergibt Szczepan die Aufzeichnungen ohne weitere Erklärung. Er soll sie lesen, erst dann will sie Erklärungen abgeben. Szczepan vertieft sich in Widuchs Tagebucheinträge.

    Mit 14 flieht Konrad aus seinem schlesischen Heimatdorf, arbeitet als Bergbauer im Ruhrgebiet, dient im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Kriegsmarine, ist 1918 beim Matrosenauftsand dabei und zieht schließlich als überzeugter Bolschewist mit seiner Frau Sofie in den russischen Bügerkrieg. Mit Sofie zusammen bekommt er 1928 und 1936 zwei Töchter. Aber die Zeiten ändern sich. Was gestern noch die angesagte neue Gesellschaftsordnung war, ist heute plötzlich der Feind. Stalin verfolgt seine verdienten Büger und sperrt sie in Lager. Die neue Sowjetunion wird in Hunger, Folter und Verbannung geboren. Sofie und die zwei Kinder können sich rechtzeitig absetzen, doch Konrad wird verhaftet, verhört, gefoltert und in einen Gulag irgendwo in Sibirien gesteckt.

    Konrad gelingt die Flucht, als er mit 3 Mitgefangenen und zwei Wächtern zu einem Außenarbeitseinsatz geschickt wird. Er verrät seine Kameraden an die Wächter, ein Gemetzel beginnt, bei dem nur Konrad und ein weiterer Insasse überlebt. Konrad rächt sich für Taten aus dem Lager und schlägt ihm eine Hand mit der Axt ab. Das eigentliche Abenteuer beginnt zu diesem Zeitpunkt, alles was davor war, sind abschweifende Rückblicke, vorgeschoben vor dem Ort, den er nicht nennen will, vor Abgründen, die er umkreist, wie der Hai sein Opfer. Sich immer wieder selbst zur Disziplin ermahnend, schreibt er für seine geneigte, aber wohl nicht existierende Leserin, sich selbst bezeichnet er als Lümmel. Zynismus, Resignation und Ironie prägen seine Notizen.

    Unterwegs begegnen sie Ljubow an einem Lagerfeuer. Sie hat soeben Teile ihrer Wegbegleiterin verspeist. Zu dritt treffen sie dann auf das paläoasiatische Volk der Ljaudis. Diese nehmen die sichtlich geschwächte Gruppe der Fremden bei sich auf. Ljubow wird Sexsklavin, der versehrte Gabaidze Schamane. Konrad studiert die Cholodser, das Volk aus aus der Kälte, die noch nichts vom Krieg in der Welt, oder Stalin gehört haben, bis eines Tages ein russisches Flugzeug am Himmel zu sehen ist.

    Folgende Ereignisse veranlassen die Ljaudis ihre einst geehrten Gäste zu verbannen, die ganze Familie, die sie aufgenommen hat, gleich mit. Sie wollen Sewjer erreichen, ein Land, wo quasi Milch und Honig fließen und Mammuts fürs Überleben sorgen. Am Zielort zerbricht die Hoffnung, doch Konrad macht sich erneut auf den Weg, trifft auf zwei Forscher aus der Bretagne, die mit ihrem Schiff im Eis stecken und auf den Frühling warten. Der eine kommt beim Eisbärenangriff ums Leben, der zweite will sich zu Fuß auf den Weg in den Süden machen. Konrad bleibt beim Schiff und schreibt seine Erlebnisse nieder, bis das Eis bricht und er einen Weg zurück nach Sewjer findet, wo er einst die schwangere Ljubow zurückließ. Eine magische Vision schleicht sich in die harte Realität.

    Ein verstörendes Buch voller Gewaltexzesse, grenzwertiger Wortwahl und distanzloser Opferbeschreibungen. Widuchs Geschichte, als selbsverfasste Berichterstattung, die wahrscheinlich nie gelesen werden sollte, wird hier durch eine ebenso in Frage gestellte Abenteuergeschichte des Autors ans Licht geholt. Namen und Orte, nicht genannt, oder fiktiv, werden mit der Rahmenhandlung, trotz aller Googleverfügbarkeit, zur Wahrheit gekürt. Mag dies der unverhohlenen Russlandkritik und der Warnung vor deren Imperialismusbestreben geschuldet sein, diese Zeiten bieten sich an, doch der Stempel für Schaulust und Sensationsgier überlagert die Botschaft vom Verschwinden der "letzten Mohikaner".

    Ohne Frage wird dieses Buch seine Leser finden. Zarte Gemüter sollten sich aber auf eine Odyssee durch lebensfeindliche Gegenden, misogyne Betrachtungen und Abgründe der Menschlichkeit gefasst machen. Da hilft der ironische Humor Widuchs und Twardochs nicht wirklich.

    Die angesprochene Leserin hat sich zum Schluss ziemlich über die plötzlich einsetzende Beschimpfung geärgert. Ein Stilmittel, dessen Zweckmäßigkeit mich ratlos macht. Auch habe ich bei der Zusammenfassung der Handlungsabläufe gemerkt, dass es abschließende Lücken und nicht chronologische Abläufe gibt.

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  1. Einblick in menschliche Abgründe

    Organisch eingebunden in eine Rahmenhandlung, in der der Autor namentlich selbst auftaucht, erwartet den Leser hier eine ergreifende, brutale, zynische und zuweilen tragikomische Abrechnung mit einem „bestialischen Russland, das sich mit seinem schweren Leib in Eurasien breitmacht, unersättlich, gierig nach Menschenblut, und wo es hinkommt, wo sein Riesenleib sich reckt, da bleibt nichts.“ (vgl. S. 89)

    Dem Autor fallen mehr oder weniger zufällig die Aufzeichnungen Konrad Widuchs in die Hände, einem aus Schlesien stammenden Polen, der seit April 1946 einsam auf dem kleinen Expeditionsschiff S/Y Invisible im Polarmeer feststeckt. Die Einsamkeit, seine bisherigen Erlebnisse sowie die fordernden äußeren Umstände haben ihn offensichtlich zermürbt. Immer wieder kritisiert er sich selbst, wendet sich einer namenlosen nicht-existenten Leserin zu, bezweifelt den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Erinnerungen und spart nicht mit tüchtiger Selbstironie. Dieser Stil ist gewöhnungsbedürftig. Ich gebe zu, dass ich über weite Strecken des Romans damit gehadert habe.

    Konrad Widuch (geb. 1895) beschreibt sein bewegtes Leben. Bereits mit 14 Jahren verließ er das Elternhaus, verdingte sich im Bergwerk, ging zur Marine. Er erlebte den Kieler Matrosenaufstand 1918 aktiv mit und solidarisierte sich mit den sozialistischen Ideen Lenins. Gemeinsam mit seiner Frau Sofie siedelte er nach Russland über, schloss sich den Bolschewiken an. Beide bekommen zwei Töchter. Der Systemwechsel hin zu Stalin bringt die Familie unter Druck. Sofie gelingt es, mit den Kindern zu fliehen. Konrad gerät in die Mühlsteine des Stalin-Terrors. Viel Furchtbares hat er dort erlebt, an manch Schrecklichem war er selbst beteiligt. Brutalste Willkür, Grausamkeiten und menschenunwürdige Erlebnisse säumen seinen Weg, die er dem Leser nicht erspart. Einzig über das Jahr im sibirischen Gulag, in dem nicht der Körper, sondern die Seele stirbt, spart er sich aus. An diesen Erinnerungen will Widuch möglichst nicht rühren. Das lässt angesichts der übrigen Schilderungen tief blicken.

    Konrad gelingt die Flucht aus dem Lager. Für das nackte Überleben opfert er seine Moral. Immer wieder stellt er sich die Frage nach dem Menschsein: Wo fängt es an, wo hört es auf? Das Motiv durchzieht seine Gedanken und regt auch den Rezipienten zum Nachdenken an. Bei dem (fiktiven) sibirischen Urvolk der Ljaudies findet Konrad gemeinsam mit der ebenfalls geflohenen Kriminellen Ljubow eine neue Heimat. Gastfreundschaft wird bei dem weitgehend autarken Volk großgeschrieben. Widuchs Erinnerungen an seine etwa sieben Jahre bei den Ljaudies haben etwas von männlich idealisierten Abenteuergeschichten. Neben den gewiss gut recherchierten Sitten und für unsere Maßstäbe teilweise grausamen Opferritualen geht es oft und derbe um Jagd, Krieg und Sex. Der Erzähler räumt selbst ein, dass „eventuell seine Erinnerung den Rest dazugeschrieben habe, schließlich reproduziert sie die Vergangenheit nicht, sondern erschafft sie. Vielleicht, vielleicht habe ich das nur geschrieben, um anzugeben, ich weiß es nicht.“ (vgl. S. 165/66) Diese zunehmende Verwirrung des Erzählers fasziniert und irritiert gleichermaßen. Sie wirft einen schonungslosen Blick auf seine verzweifelte, hoffnungslose Lage.

    Der bereits 2022 im polnischen Original erschienene Roman „Kälte“ ist weit mehr als ein Abenteuerroman, der die Schrecken des Totalitarismus thematisiert. Er ist ein komplexes, hoch politisches Werk mit klarer Botschaft: Russland ist ein höchst aggressiver Staat. Man kann weder dem Land noch seinen über die Jahrzehnte wechselnden Regierungen trauen, und man konnte es noch nie: weder im Zarenreich, weder unter Lenin, Stalin oder Putin. Russland vergisst nicht, weder die Lebenden noch die Toten. „Wenn Russland hierherkommt, das weißt du, dann kommt es unaufhaltsam, grausam gleichgültig und gleichgültig grausam, wie eine Sturmflut, eine Lawine, und hinterlässt nichts als Brandreste und Knochen.“ (S. 360)

    Was kann ein Mensch im Laufe seines Lebens ertragen, ohne seine Würde, sein Menschsein zu verlieren? Dieser Frage wird man sich während der Lektüre zwangsläufig stellen müssen, ebenso der nach Ethik und Moral. „Kälte“ ist ein zutiefst unbequemes Buch. Es holt uns aus der Komfortzone heraus und zwingt uns hinzusehen. Zu lange hat Europa die russischen Macht- und Hegemonialinteressen weitgehend stillschweigend toleriert. Szczepan Twardochs Position als politisch engagierter Bürger und Autor Polens ist ebenso eindeutig wie illusionslos. Er belegt seine Meinung kompetent anhand historischer Entwicklungen, die sich aus der Biografie des mit Russland aneinandergeratenen Dissidenten Konrad Widuch ergeben, den es tatsächlich gegeben haben könnte.

    Twardoch gilt zu Recht als herausragender Autor der polnischen Gegenwartsliteratur. Er hat seinen Plot perfekt konstruiert und in der Gegenwart verankert. Das furiose Ende sowie die Entwicklung bis dorthin haben mir das noch einmal deutlich vor Augen geführt. Twardoch bietet ein vielseitiges Figurenkarussell auf, das Platz für zahlreiche Graubereiche lässt. Er hält sich nicht an Geschlechterzuschreibungen oder Erwartungen des Lesers. Mancher Satz, manche Szene tut regelrecht weh. Zart besaitet sollte man nicht sein, wenn man sich diesem eiskalten Roman zuwendet, dem es nicht an Spannung mangelt. Hier muss das Buch definitiv zum richtigen Leser finden. Ich hoffe, dass dieser Leseeindruck dabei helfen kann.

    Die grandiose Übersetzung stammt von Olaf Kühl. Selten fiel mir eine Sternevergabe so schwer. Dieses Buch hat definitiv viele Leser verdient. Ich empfehle es gerne und doch mit Einschränkungen weiter.

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  1. Der Mensch ist des Menschen Wolf


    „Kälte“ ist ein forderndes Buch und letztlich eine gewaltige Wutrede gegen Russland. Dafür bedient sich der Autor an der Geschichte, aber wie sollte er seine Wut auch anders begründen? Ich kann nur auf Magnus Brechtken verweisen, der in seinem Buch "Vom Wert der Geschichte" sagt: „Wir können, wenn überhaupt, nur aus der Geschichte lernen. Etwas anderes ist uns gar nicht verfügbar.“

    Im Zentrum der Binnenhandlung steht ein ehemaliger Bolschewist, einer der Mitbegründer des Systems, der wie so viele zum Opfer der stalinistischen Säuberungen wird. Er durchlebt Schreckliches, und er verschont den Leser nicht von den Schilderungen von Folterungen und Strafmaßnahmen. Die Frage, die ihn immer begleitet, ist die seines ersten Satzes: "Ich- ein Mensch? War ich je ein Mensch?" Das Menschenbild ist illusionslos und deprimierend: der Mensch ist des Menschen Wolf, jeder ist sich selbst der Nächste, es gibt keine moralischen Kategorien mehr, keine Solidarität, keine Humanität: das alles kann sich ein Mensch nicht leisten, für den der Selbsterhaltungswillen die einzige Kategorie ist, nach der er handeln kann. Damit wird der Mensch in die Nähe des Tieres gerückt, und der Titel "Kälte" steht daher nicht nur für den weitläufigen Ort der Handlung, sondern auch für den Seelenzustand.

    Der Autor entwirft jedoch ein Gegenbild: das Bild eines archaischen, bisher unbekannten (und fiktiven) Volkes in der Arktis, wo der Protagonist erstmals in seinem Leben so etwas wie Sicherheit und Heimat findet. Die Ljaunis werden allerdings bedroht von der Einvernahme durch Russland, und so steht dieses Volk als Beispiel für die vielen indigenen Völker Sibiriens, deren ethnische Eigenständigkeit dem russischen Moloch zum Opfer fiel bzw. nicht gesichert werden konnte: die Enzen, Tschukschen, Itelmenen, Jakuten, Korjaken u. a. Diese drohende Übernahme führt zu einer äußerst pointierten Wutrede, die schwerste Anklagen gegen das heutige Russland erhebt.

    Gibt es einen Ausweg, dem russischen Moloch zu entkommen? Ja, es gibt die Insel Seweras, das in den Mythen der Ljaunis zum Sehnsuchtsort wird. Aber auch Seweras entpuppt sich als Halluzination. Oder doch nicht? Sehr schön und voller Phantasie verknüpft der Autor an diesem Punkt die Handlung mit einer fiktiven Rahmenhandlung, der er durch biografische Daten ein hohes Maß an Authentizität verleiht.

    Und mit der Fata Morgana Seweras ist die Ausgangsfrage nach dem Mensch-Sein auch beantwortet. Ein Mensch-Sein ist unter den Umständen, die uns hier erzählt werden, nicht möglich. Hier bleibt der Mensch des Menschen Wolf. Die Verhältnisse machen ihn dazu.

    Twardochs sprachliche Wucht und seine Erzählkunst sind beeindruckend. Die teils assoziative Struktur des Romans wird geordnet durch eine klare Komposition, mit der die verschiedenen Handlungsfäden auf unterschiedlichen Zeitebenen abgewickelt werden. Sicher: die unflätigen Ausdrücke und die Grausamkeiten sind schwer erträglich, aber sie sind bedingt durch das Thema des Buchs: Ich - ein Mensch?

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  1. 5
    17. Mai 2024 

    Über das Menschsein

    „Ihr wisst nicht, wie Russland kommt, wenn es kommt. Russland, wenn es kommt, kommt groß, obwohl seine Menschen elend, schwach sind, aber es kommt groß und ist nicht imstande, etwas neben sich zu dulden, was nicht Russland ist […].“

    Szczepan Twardochs neuer Roman verhandelt anhand der neueren russischen Geschichte die Frage, was den Menschen ausmacht und unter welchen Bedingungen Menschlichkeit möglich ist.

    Der Roman beginnt mit einer Rahmenhandlung in der Gegenwart. Deren Erzähler hört sich an wie Twardoch himself, hat einige Eckdaten mit ihm gemeinsam und ist auf einer Segelfahrt im Nordmeer unterwegs. Der Skipper, eine rätselhafte alte Frau, hat ihm die Notizbücher Konrad Widuchs übereignet. Diese Notizbücher, geschrieben 1946, erzählen Konrads Lebensgeschichte und bilden den Kern des Romans. Was hat die alte Frau mit Konrad zu tun? Und wie ist der reale Twardoch mit alldem verbunden?

    Konrad, Jahrgang 1895, war Teil des historischen Geschehens zwischen Deutschland, Polen und Russland. (Die zahlreichen historischen Bezüge werden vorausgesetzt; zum Glück gibt es Wikipedia). Zunächst als Soldat des deutschen Kaisers, dann als bolschewistischer Funktionär, schlussendlich als politischer Häftling in einem Gulag Sibiriens. Konrads Flucht aus dem Gulag endet in Cholod, dem Dorf der Ljandis, einem fiktiven arktischen Volk. Bei den Ljandis kann Konrad aufatmen – doch dann greift plötzlich der lange Arm Russlands nach Cholod. Die Rettung scheint Seweras zu sein, so etwas wie das Gelobte Land der Ljandis. Aber gibt es Seweras überhaupt?

    Das Volk der Ljandis dient als Gegenentwurf zu Russland. Trotz des auf den ersten Blick folkloristischen Settings liefert der Roman weder heroische Rebellen noch edle Wilde nach dem Vorbild Karl Mays. Die Kultur der Ljandis ist so willkürlich wie jede andere und so grausam, wie es die gnadenlose Arktis erfordert. Gleichzeitig heiligen sie das Gastrecht und praktizieren eine Form der Basisdemokratie.

    Twardochs Antiheld Konrad ist dagegen das Produkt Russlands: Zynisch, verroht und abgestumpft; traumatisiert und deformiert von einem Leben voller Angst und Gewalt, schreibt er, um nicht den Verstand zu verlieren. Seine Geschichte steht stellvertretend für alle, die an eine Utopie glaubten, sich in ihrem Namen schuldig gemacht haben und in den Mühlen des Totalitarismus zermahlen wurden. In unmenschlichen Systemen kann es keine Menschlichkeit geben.

    Ich habe diesen Roman mit steigender Faszination und oftmals mit Grauen gelesen. Twardochs literarische Meisterschaft zeigt sich in jedem Aspekt des Buches. Ihm gelingen vielschichtige, authentisch wirkende Figuren. Die elegante Sprache und Stringenz im Strang der Gegenwart steht im Kontrast zum Erratischen, Sprunghaften und Assoziativen von Konrads Sprache, die es schwer macht, sein Erleben zeitlich einzuordnen. Die Gewaltexzesse, die Konrad mit zynischer Kälte schildert, sind schwer zu ertragen. Dem stehen sensible, oft lyrische Beschreibungen der arktischen Natur gegenüber. Twardoch switcht souverän von Genre zu Genre. Das Sozialdrama wechselt in den Berichtsmodus, der Abenteuerroman wird zur archaischen Tragödie und changiert schließlich ins Phantastische. Immer wieder verschwimmen Realität und Fiktion durch das fluide Wesen von Konrads Erinnerung – auch das ein Thema des Romans. Das alles ist höchst kunstvoll verwoben und nicht immer leicht zu lesen.

    Die Zusammenführung der Erzählstränge bietet Raum für eine Vielzahl von Interpretationen. Als ich das Buch zuklappte, merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte und musste erstmal ausatmen. Ein Roman von unglaublicher Wucht.

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  1. Aus dem Gulag zu einem Polarvolk – Kritik an Russland

    Es fängt spannend an: der Erzähler, der Merkmale des Autors aufweist, braucht eine Auszeit vom Leben und begibt sich nach Spitzbergen, in die arktische Einsamkeit. Dort trifft er auf eine alte Jachtbesitzerin und Seglerin, die ihn ein Stück weit mitnehmen wird. Aus der geplanten kurzen Rückreise wird ein längerer Törn weit nach Osten mit unbekanntem Ziel. Es geht um ein altes Tagebuch, Aufzeichnungen, die Borghild dem Erzähler Szczepan zu lesen gibt und das ihn zunehmend fasziniert und nicht mehr loslässt.

    Es ist die Geschichte des Konrad Widuch, der ein wechselhaftes Leben vorweisen kann: als Vierzehnjähriger verlässt er die Mutter, arbeitet in Bergwerken in Schlesien und im Ruhrgebiet, als Matrose im Krieg, bis er schließlich als überzeugter Bolschewik nach Moskau geht und auch für die Russen an Kriegen teilnimmt. Schließlich wird er verhaftet (Stalins Säuberungen), in verschiedene Lager geschickt, bevor ihm schließlich die Flucht gelingt und er in den arktischen Weiten auf ein indigenes Volk trifft, das ihn bei sich aufnimmt. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern in abschweifenden Erinnerungen, die dem Leser einiges an Aufmerksamkeit abfordern.

    Aber nicht nur das beansprucht den Leser, sondern auch die geschilderten Brutalitäten und Grausamkeiten wie z.B. schlimmste Folterungen und man fragt sich, ob das so ausführlich berichtet werden muss. Immer wieder stellt sich dabei die Frage 'Was ist ein Mensch? Bin ich noch ein Mensch?' Schließlich hat auch Konrad sich in den Kriegen an Grausamkeiten und Tötungen beteiligt. Immer wieder schimmert Kritik an Russland durch, 'eine eigene Welt (russki mir), eine Hölle für sich, egal, wer an der Macht war'. (65) Das kann nur als Kritik am Heute verstanden werden und dieser aktuelle Bezug hat mir gefallen. Leider ist aber alles ziemlich abstoßend und zu drastisch dargestellt und wenn man es mit Beschreibungen vom 'Ficken' und vom Kannibalismus übertreibt, könnte es sein, dass man damit Leser vergrault und sein Ziel als Autor nicht erreicht.

    Die Begegnung mit dem erfundenen indigenen Volk der Ljaudis wird detailliert und für mich zu ausführlich geschildert, zudem mit Worten aus ihrer Sprache gespickt, was meinen Lesefluss gestört hat. Auch die ständige Ansprache der Leserin und seine Selbstermahnungen im Übermaß haben mich genervt.

    Was ich gut fand, war die zunehmende Kritik an Russland und den Russen, was ich als Kritik am heutigen Zustand verstehe, z.B. dass sie 'nichts als Brandreste und Knochen' hinterlassen (360). Eine Rede Konrads an die Indigenen (383-386) klingt für mich wie ein kritischer Essay über die Gefahren, die von Russland drohen. Das kann man 1:1 auf heute übertragen und es gilt nicht nur für die indigenen arktischen Völker oder die Vasallenstaaten rund um das Kernland, sondern für alle, nach denen dieses imperialistische Land seine Krallen ausstreckt: 'Wenn Russland kommt, dann so, dass hier von eurem Leben nichts mehr bleibt.' (384) – 'In Russland ist niemand frei, nicht mal ein mächtiger Divisionskommandeur …' (385).

    Überhaupt benutzt der Autor im ganzen Buch einen Genremix, den ich nicht immer als organisch eingefügt empfand: die Beschreibung der Indigenen wie ein Fachartikel, kontrastierend dagegen Splatter-Szenen, dazwischen Elemente wie aus Abenteuergeschichten und am Ende sogar noch Phantastisches.

    Obwohl mir einiges gefallen hat, gibt es leider zu viele Kritikpunkte, um wirklich eine Empfehlung auszusprechen: zu viele brutale Gewaltszenen, eine oft sexistisch-vulgäre Sprache, zu viele Abschweifungen. So ist es mir schwer gefallen, die Intentionen des Autors zu verstehen und zu erkennen.

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  1. Seemannsgarn mit einer Mission

    Kurzmeinung: zu viel Gewalt - die Lektüre war schwierig.

    In eine aufregende Rahmenhandlung auf See eingespannt – erzählt der Autor von einem Menschen mit bewegter Vergangenheit. Konrad Widuch verlässt schon mit 14 Jahren sein Elternhaus in Oberschlesien, nachdem er nicht ohne guten Grund gewalttätig geworden war. Von nun an ist er auf sich allein gestellt und malocht anfangs im Bergbau in der Zeche Königin Luise, dann heuert er bei der Kaiserlichen Marine an auf der SMS Helgoland, bringt es bis zum Unteroffizier bis er schließlich 1914 in den Matrosenaufstand in Kiel gerät. Das ist Konrads politisches Erwachen, er wird Bolschewik und hofft auf eine gerechtere Welt. Freilich wird er, mit seiner Familie hoffnungsvoll und tatendurstig nach Russland gezogen, sehr bald eines Besseren belehrt, Russland ist unerwartet und beängstigend anders. Wie anders? Gnadenlos anders. Auch Konrad verroht, wenn er Bolschewikenfeinde jagen muss mit seiner Disvion, bewahrt sich aber einen kleinen Rest Menschlichkeit. Schließlich gerät er unter Stalins Säuberungen selbst in die Hände der russischen Geheimpolizei also des Staates, er wird nach Sibirien verbannt und existiert in einem Gulag. Seit er sich in Väterchen Russlands sorgende Hände begeben hat, besteht sein Leben nur noch aus Qual und Unmenschlichkeit. Daran ändert seine Flucht auf dem ewigen Eis nichts. Im Gegenteil.
    Das Leseerlebnis und der Kommentar:
    Um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen, wie Russland sowohl mit seinen eigenen Bürgern verfährt wie auch mit seinen Gästen und Nachbarn, führt der Autor Szczpan Twardoch die Leserschaft in einen Strudel von Obszönität und Gewalt, ja in eine Gewaltorgie, wobei er kein unappetitliches Detail auslässt. Man darf sich mit Fug und Recht fragen, ob all die grausigen Protagonisten von Nöten sind, um begreiflich zu machen, was der Autor von Russland Expansionspolitik hält, in einer Brandrede äußert Konrad sich dazu. „Ihr wisst nicht, wie Russland kommt, wenn es kommt. Russland, wenn es kommt, kommt groß, obwohl seine Menschen elend und schwach sind, aber es kommt groß und ist nicht imstande, etwas neben sich zu dulden, was nicht Russland ist, deshalb verwandelt es alles in Russland, versteht ihr?“ Hier geht es darum, dass vor allem der Leser versteht, was es bedeutet, wenn Russland ein Land überfällt: eine gnadenlose Russifizierung, die alles ausrottet, was anders ist. Die Tschetschenienkriege haben das gezeigt, der Ukrainekrieg zeigt es momentan! Und Twardoch zeigt es an dem Volk der Ljaudis, das als Stellvertreterfunktion für alle Staaten-Anlieger Russlands dient. Die Ljaudis sind wahrlich keine guten Menschen, aber im Vergleich zu Russlands Gebaren, in Konrads Augen, ermöglichen sie annehmbares Leben; jedenfalls für Männer. Frauen haben wie immer die übelste Karte gezogen, ihr wisst schon welche! Auch die Ljaudis führen Krieg und Konrad ist wider Willen mittenmang: „Ich hatte überhaupt keine Lust auf Krieg, ich hatte genug davon, aber das Schicksal der Ljaudis war jetzt auch mein Schicksal und mein Leben, und so wie ich mir die vorherigen Kriege nicht ausgesucht hatte, so kam auch dieser von allein zu mir.“ So mag es gehen, so geht es oft, so geht es vielen und ist man in einen Krieg gezwungen, geht es ums Überleben und erst in zweiter Linie um die Frage, die sich Konrad Widuch bisweilen stellt: „Bin ich noch ein Mensch?“ Man wagt keine Antwort!
    Szczepan Twardoch verwendet zahlreiche Genreelemente um einen trotz aller Gewalt spannenden Abenteuerroman zu gestalten, Splatterelemente reichlich, doch er moduliert auch mit phantastischen Momenten; eigentlich spinnt Szczepan Twardoch „nur“ blutiges Seemannsgarn, Seemannsgarn mit einer Mission, könnte man sagen, er lässt seine Protagonisten mit der Natur kämpfen; Eis, Bären, wilde Völker, Hundeschlitten, wogende See, alles dabei, plus ungezügelter Sex. Er ist ein Meister der Konstruktion und der Imagination. Sein Zynismus, der den Roman zwar gallenbitter macht, aber auch etwas auflockert, ist durchaus politisch zu verstehen. Eigentlich … ein super Roman, der fünf Sterne verdient hätte. Wenn nur … wenn. Denn die Gewaltexzesse sind wahr und wahrhaftig abstoßend und jenseits dessen, was ich tolerieren kann. Daher gibt es von mir
    Fazit: trotz aller Kunstfertigkeit nur 3 Sterne. Wer jedoch immer noch ein positives Bild von Russland hat, der sollte diesen Roman unbedingt lesen!
    Kategorie: Abenteuerroman
    Verlag: Rowohlt, 2024

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