Jesolo: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Jesolo: Roman' von Tanja Raich
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Jedes Jahr verbringen sie einen netten Urlaub in Jesolo. Was die Zukunft betrifft, will Andrea sich nicht festlegen, aber Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben. Aus dem Dilemma scheint es keinen Ausweg zu geben.

Als sie aus dem gemeinsamen Urlaub zurückkommen, ändert sich alles - Andrea ist schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind - und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte; sie zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen unter einem Dach leben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann.

Ein bewegender Roman über zehn Monate im Leben einer jungen Frau, der nicht nur Beziehung, Schwangerschaft und Familie in ihrer ganzen Ambivalenz zeigt, sondern auch, wie schwierig es ist, wie unmöglich fast, sich angesichts gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen als Individuum zu behaupten.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783896676443

Rezensionen zu "Jesolo: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Nov 2019 

    Lieblingsurlaub

    Ein Urlaub in Jesolo ist genau das Richtige, schon seit Jahren. Man muss nicht fliegen, die drei Stunden sind schnell geschafft. Andi und Georg kennen die Gegend und die Hotels. Zwar ist es nach der langen Zeit schon etwas abgegriffen, aber doch immer wieder schön. Georg aber möchte, dass sich ihre Beziehung weiterentwickelt. Mit Mitte dreißig sollte man doch erwachsen werden. Andi hat jedoch ganz andere Dinge im Kopf. Allerdings nichts bestimmtes, sie möchte das Leben auf sich zukommen lassen, sich nicht festlegen. Ihre Beziehung mit Georg gehört eigentlich auf den Prüfstand.

    Sie will nicht zusammenziehen, sie will kein Kind, sie will sich nicht festlegen, sie will, dass es so unverbindlich bleibt wie es ist. Nach dem letzten Urlaub ist Andi kurz davor, sich zu trennen. Es wird ihr einfach zu viel. Doch dann die Nachricht: sie ist schwanger. Der erste Impuls, ist der Gedanke an eine Abtreibung. Schnell aber ändert sich dies, Andi behält das Kind und sie behält es erstmal für sich. Immer noch unsicher, ob sie sich einfach in die ihr zugedachte Mutterrolle fügen soll oder ob sie sich auflehnen soll. Nach einem heftigen Streit, erinnert sie sich wieder an die guten Zeiten.

    Nicht jede Frau sieht es als Lebensziel, Ehefrau und Mutter zu werden. So auch Andrea genannt Andi. Sie lässt sich treiben im Leben, hat ihre Arbeit und einen Freund. Eigentlich reicht ihr das. Mit 35 verspürt sie den Wunsch nach Veränderung, allerdings geht dieser Wunsch wohl eher Richtung Trennung. Die Schwangerschaft kommt dann unerwartet. Doch Andi stellt sich der neuen Situation. Allerdings wirkt sie nicht glücklich. Freund und Schwiegereltern sind es, die vor Glück strahlen. Immer wieder stellt sich Andi alternative Situationen vor und sie scheint unsicher, was sie sich wünschen soll. Es gibt keinen wohligen Schwangerschaftskokon für Andrea.

    Eine ehrliche Schilderung über Beziehung und Schwangerschaft, die doch sehr ernüchtert. Es müssen Kompromisse gemacht werden, die wohl nur der einen Hälfte der Familie gefallen. Vielleicht ist es ein Buch, auf das man gewartet hat. Gut, zu erfahren, dass nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen herrschen. Bei aller Ehrlichkeit jedoch, bleibt in den neun Schwangerschaftsmonaten offen, ob Andrea schließlich zufrieden ist mit ihren Kompromissen der Einengung oder ob sie nicht doch noch ein Hintertürchen findet, das ihr eine gewisse Freiheit bedeutet.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Aug 2019 

    Hadern mit der Mutterrolle

    Georg und Andrea sind Mitte dreißig und schon seit der Jugendzeit ein Paar. Jedes Jahr fahren sie nach Italien, genauer gesagt nach Jesolo, immer ins gleiche Hotel. Da hat sich eine Menge Routine zwischen den beiden eingeschlichen, glücklich geht anders. Allerdings erfahren wir nur die Gedanken von Andrea, es sind aber auch ihre innersten Gedanken, Gefühle und Innensichten.
    „Seit ich denken kann, gibt es immer nur uns. Immer nur mich zusammen mit dir. Wenn du nicht da bist, fragen mich die anderen zuerst, wo du bist, und erst dann, wie es mir geht.“ (S. 36)

    Es gibt viele kleine Ungereimtheiten und Differenzen in diesem Urlaub. Die Ursache des Übels scheint aber die Tatsache zu sein, dass Georg gerne ein Kind möchte, Andrea sich vor dieser Entscheidung jedoch scheut.

    Ein paar Wochen nach dem Urlaub stellt Andrea fest, dass sie schwanger ist. Ungewollt. Bezeichnenderweise beginnt das Buch erst jetzt mit Kapitel 1, der vorhergehende Urlaub fand im Kapitel 0 statt. Das Buch hat nachfolgend noch insgesamt 9 Kapitel, für jeden Schwangerschaftsmonat eins.

    Andrea hadert von Anfang an mit dem Schwangersein, mit der Mutterrolle, den anstehenden Veränderungen, mit den Erwartungen, die die Umwelt an sie stellt. Diese Gewissenskonflikte werden sehr glaubwürdig und authentisch transportiert. In kurzen, klaren Sätzen. In Dialogen ohne Anführungsstriche und ohne Schnörkel. Andrea erkennt die Bemühungen Georgs an und versucht, sich selbst zu überzeugen:
    „Es ist ein Wunder. Das größte Wunder der Natur. Ein besonderer Moment. Eine Meisterleistung. Ein Spektakel. Das emotionalste Erlebnis im Leben einer Frau.“ (S. 63)

    Die vielen widersinnigen Ratschläge, die man als Schwangere bekommt, kennt jeder, sie sind fast ein wenig lächerlich: „Ich soll nicht fasten. Ich soll für Zwei essen. Mehr Eiweiß. Mehr Vitamine, Eisen, Magnesium. Auf keinen Fall Zigaretten und Alkohol. (…) Kein Hochleistungssport. Kein Tennis, Reiten, Tauchen. Laufen und Radfahren sind unbedenklich.“ (S. 91)

    Was Andreas Lage zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass sie von ihrer Mutter verlassen wurde, als sie noch ein Grundschulkind war. Das schwebt als unverarbeitetes Trauma im Hintergrund. Auch mit ihrem Vater hat sie seit Jahren keinen Kontakt. Im Gegensatz dazu sind die Schwiegereltern (über-)fürsorglich. Insbesondere Erika will helfen und unterstützen, schießt aber gern übers Ziel hinaus. Allerdings lässt Andi auch zu gerne alles geschehen. Sie wehrt sich nicht, ist passiv, sagt niemals „nein“…

    Auf diese Art und Weise wird sie in Georgs Vorstellungen und Pläne hineingedrängt, die eigentlich so gar nicht ihre eigenen sind:
    „Dieses Schwangersein., dieses Kindhaben, dieses Hausbauen. Ich habe bald dieses Leben: eine eigene Wohnung, ein Kind, einen Mann, der mich liebt. Die Familie ist die Erfüllung. Eine wohlige Seifenblase, die niemals platzt.“ (S. 131)

    Dieses Buch hat mich mit seiner poetischen Sprache und seinen ausdrucksstarken Bildern völlig begeistert. Die Autorin hat es aber auch inhaltlich mit ihrem Debut geschafft, dass ich als Fünfzigerin (die sich früher tierisch auf ihre Kinder gefreut hat und der die Gefühle der Protagonistin aus eigenem Erfahren heraus völlig fremd sind) alles sehr gut nachfühlen konnte. Zu keinem Zeitpunkt habe ich gedacht: „Was ist die überspannt, die spinnt doch…“. Damit ist dieser Roman aus meiner Sicht für alle Altersklassen eine Bereicherung. Er zeigt sensibel auf, wie eine Frau von einer vermeintlich natürlichen Situation überfordert sein kann. Tanja Raich entführt in die Welt einer Frau, die Probleme mit ihrer neuen Rolle hat, aber dennoch versucht, sich ihr zu stellen. Es sind alles ehrliche Gefühle, die wir da lesen, man ist ganz nah dran.

    Das hat mich wirklich beeindruckt und dafür vergebe ich mit 5 Sternen meine volle Lese-Empfehlung!