Je tiefer das Wasser

Buchseite und Rezensionen zu 'Je tiefer das Wasser' von Katya Apekina
3.75
3.8 von 5 (4 Bewertungen)

Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin zum weltberühmten Schriftstellervater, der die Familie vor Jahren verließ. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: Verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:396
EAN:9783518429075

Rezensionen zu "Je tiefer das Wasser"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mär 2020 

    Familiensumpf

    Zwölf Jahre haben Edith und Mae nichts von ihrem Vater Dennis Lomack gehört, als er sie nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter Marianne von New Orleans nach New York holt. Die 14-jährige Mae begrüßt die Befreiung aus der Umklammerung ihrer psychisch kranken Mutter und hofft auf einen Neuanfang bei ihrem fremden Vater, einem gefeierten Schriftsteller. Ganz anders die 16-jährige Edith, die noch weiß, wie der Vater nach Mariannes erstem Suizidversuch die Familie verließ. Sie misstraut ihm, gibt ihm die Schuld am Leiden der Mutter und wirft ihm vor, seine Töchter damit alleine gelassen zu haben. Nun fühlt sie sich vom Vater gekidnappt und möchte so schnell wie möglich zu ihren Freunden, vor allem aber aus Verantwortungsbewusstsein zu ihrer Mutter zurück. Als der Vater dies ablehnt, macht sie sich heimlich auf den Weg und lässt Mae allein bei ihm zurück. Für beide Schwestern nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

    Viele Stimmen, mehrere Zeitebenen und doch nie verwirrend
    Der Debütroman Je tiefer das Wasser der in Moskau geborenen, mit drei Jahren in die USA eingewanderte Autorin Katya Apekina hat mich von der ersten Seite in Bann geschlagen. Anders als das eine Augenpaar auf dem dekorativen Cover suggeriert, wird hier aus der Sicht vieler erzählt. Am häufigsten hören wir Ediths und Maes Stimmen, Ediths im Präsens parallel zum Geschehen im Jahr 1997 aus unmittelbarer Betroffenheit, Maes dagegen aus der Rückschau 2012, ruhiger, abgeklärter und im Perfekt. Dazwischen erhebt sich ein polyfoner Chor aus mehr oder weniger direkt von der Familientragödie Betroffenen, ergänzt durch weit in die Vergangenheit zurückreichende Briefe, Gesprächsprotokolle und Tagebucheinträge. So ergibt sich ein farbiges Mosaik aus manchmal sich ergänzenden, manchmal sich widersprechenden Steinchen, mit dem ich mir allmählich ein eigenes Bild machen konnte. Interessant ist die Rolle der Kunst als Mittel der Unterdrückung für die einen, Weg in die Freiheit für andere.

    Täter und Opfer
    Marianne himmelte den wesentlich älteren, smarten Dennis schon als Kind an. Nach dem Tod ihres Vaters heiratete sie ihn mit 17 in der Hoffnung auf Rettung vor ihren Dämonen, ein Wunsch, der sich nie erfüllte. Stattdessen missbrauchte Dennis seine „Kindsbraut“, die selbst Gedichte schrieb, rücksichtslos als Muse für seine Kunst. Beide, Vater wie Mutter, beuteten die Kinder für ihre Bedürfnisse aus. In Mae, die ihrer Mutter verblüffend ähnelt, hoffte Dennis, erneut Inspiration zu finden – mit fatalen Folgen, wie Mae rückblickend erzählt:

    "Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren - und das waren sie oft -, dann wurde ich eben Marianne. [...] Und ich hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dads Muse zu sein. Ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzumachen, dass seine Gefühle für Mom mir galten, weil ich ihre Zweitbesetzung war."

    Bei der Lektüre habe ich fast atemlos verfolgt, wie unterschiedlich die beiden Schwestern mit den unheilvollen Familienabhängigkeiten umgehen und welch schwere Opfer sie bringen müssen für ein vergleichsweise hoffnungsvolles, aber sehr glaubwürdiges Ende.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Feb 2020 

    Obsessive Beziehungen

    Nach einem Suizidversuch ihrer Mutter werden die beiden Schwestern Edie und Mae zu ihrem Vater nach New York geschickt. Dennis Lomack, seines Zeichens gefeierter Schriftsteller, hat die Familie schon vor Jahren verlassen und keinen rechten Bezug zu seinen Töchtern. Während Edie, die Ältere, loyal zu ihrer Mutter bleibt und Dennis als Vaterfigur ablehnt, ist Mae von dessen neuer Rolle in ihrem Leben begeistert. Nach und nach entwickelt sie eine richtige Obsession, die nicht nur das Verhältnis der Schwestern zueinander, sondern auch das ganze Beziehungsgeflecht um Dennis herum gefährdet.

    Katya Apekina leuchtet in ihrem Debütroman die Untiefen der menschlichen Seele aus. Eine psychisch kranke Mutter und ein egozentrischer Vater - was soll so aus zwei Teenagern wie Edie und Mae werden? Edie musste stets damit zurechtkommen, dass ihre Mutter Mae mehr liebte als sie, die wurde dafür immer in die Wahnvorstellungen der Mutter hineingezogen. So ist es zunächst kein Wunder, dass die plötzliche Aufmerksamkeit eines Vaters anziehend auf sie wirkt, während Edie ihn ruppig von sich stößt. Beide Mädchen haben, auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollen, heftig mit dem Fehlen der Mutter zu kämpfen. Eine Rolle, die nun von einem Frauenhelden gefüllt werden soll, der sich jahrelang nur mit sich selbst befasst hat.

    In "Je tiefer das Wasser" wird eine Vielzahl von schwierigen Themen angesprochen. Hat Edies und Maes Mutter beispielsweise das Recht, ihrem Leben ein Ende zu setzen? Und war es in Ordnung von Dennis, seine psychisch labile Ehefrau zu verlassen und die Kinder in ihrer Obhut zurückzulassen? Im Zentrum steht dabei auch immer der große Altersunterschied zwischen Marianne Lomack und ihrem Exmann; zum Zeitpunkt des Kennenlernes der beiden war Marianne erst fünf Jahre alt. Kann auf solch einer Basis überhaupt eine normale, gesunde Ehe entstehen? Antworten werden dem Leser nicht serviert, die Autorin zeigt nur auf, was geschieht, wenn durch einzelne Ereignisse eine ganze Lawine ins Rollen gerät. Dabei baut sie unterschiedliche Perspektiven und Zeitlinien ein, die die Gegenwart von allen Seiten beleuchten und auch Außenstehende zu Wort kommen lassen.

    Der Roman ist kein einfacher, er ist nicht gefällig - vielleicht überschreitet er sogar eine Grenze. Aber manchmal muss Literatur auch genau das tun, um zum Kern einer Sache zu gelangen; in diesem Fall dem Thema "Obsession". Zum Rest der Handlung passend ist das Ende der Geschichte mehrdeutig und überlässt dem Leser die Entscheidung, wie Edies und Maes Geschichte weitergehen wird. Persönlich hätte ich mir hier mehr Eindeutigkeit gewünscht, aber womöglich gewinnt der Roman so an Eindrücklichkeit.

    Fazit: Ein harter Einblick in obsessive Familienbeziehungen

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 10. Feb 2020 

    Kein Buch für mich

    Nachdem ihre Mutter nach einem Selbstmordversuch in der Klinik ist, kommen Edith und Mae zu ihrem Vater nach New York. Während das jüngere Mädchen, Mae, damit offensichtlich sehr glücklich ist und als eine neue Chance begreift, lehnt Edith ihren Vater kategorisch ab.

    Es war Edith, die die Mutter gefunden und Hilfe geholt hat, während Mae sich im Nebenzimmer verschanzte. Und es war wiederum Mae, die unter den selbstzerstörerischen Attacken der Mutter am meisten litt.

    Die Autorin wählt für ihren Roman wechselnde Perspektiven, nicht nur die Eltern oder die Mädchen kommen zu Wort, auch viele Randfiguren, deren Bedeutung sich erst spät oder auch gar nicht erschließt, schildern ihre Sicht. Wobei sich bei mir eine leise Ahnung einschlich, dass Mae nicht nur das Aussehen ihrer Mutter erbte.

    Nach den ersten Seiten, dem ersten Kennenlernen der Schwestern fand ich die Geschichte noch interessant. Aber schon noch bald darauf musste ich mir eingestehen, dass ich keinen Zugang zu diesem Roman fand. Es war nicht nur der ständige Perspektivwechsel, die kurzen Abschnitte und die kurzen, ja sogar manchmal belanglosen Sätze, auch die Figuren blieben mir gleichgültig. Zwar überschlagen sich oft die Emotionen der Protagonisten, aber das konnte mich überhaupt nicht überzeugen, eher hat es mich abgestoßen.

    Je weiter ich las, desto mehr musste ich mich zwingen und ich war nahe dran, die Geschichte abzubrechen. Dem Sprachstil der Autorin konnte ich leider nicht viel Positives abgewinnen.

    An diesem Buch dürften sich die Geister scheiden, für mich war es ganz klar eine negative Leseerfahrung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Feb 2020 

    tiefgründige Familiengeschichte

    Die Schwestern Edie und Mae müssen mit dem Selbstmordversuch der Mutter fertig werden. Dadurch ändert sich ihr Leben drastisch - sie müssen zu ihrem bis dato für sie unbekannten Vater nach New York ziehen. Alle müssen mit dieser neuen und ungewohnten Situation auf die eigene Art fertig werden: für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Der Vater will die verlorene Zeit mit den Töchtern kompensieren.

    Das Buch ist aufgebaut wie ein Mosaik - man erhält immer bestimmte Teile der Geschichte - teilweise auch in Rückblenden (zB vom Leben mit der psychisch kranken Mutter). Nach und nach baut sich somit ein gesamtes Bild für den Leser auf. Diese Aufbereitung der Geschichte weckt schnell die Neugierde.

    Das Buch ist so geschrieben, dass man einen guten Einblick in die Emotionen der Figuren erhält (die nicht immer ganz angenehm sind) - dadurch ist man richtig in Mitten der Geschichte.

    Die Kapiteln sind eher kurz gehalten - aber man fliegt sehr schnell durch das Buch, da der Schreibstil sehr gut zu lesen ist und die Geschichte sehr interessant aufgebaut ist.

    Das einzige was mir nicht gefallen hat: das offene Ende. Ich bevorzuge einen eindeutigen Abschluss in den Geschichten, die ich lese.