Jack

Buchseite und Rezensionen zu 'Jack' von Anthony McCarten
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Jack"

2018] Gewebe 19 cm Zürich 253 Seiten [Neuwertig, eingeschweisst, als Geschenk geeignet Deutsche Literatur ]

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Diogenes
EAN:9783257068566

Rezensionen zu "Jack"

  1. Auf den Spuren von Jack Kerouac

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2018 

    Von Anthony McCarten, dessen Bücher mich in den vergangenen 2 Jahren schon mehrfach beschäftigt haben, habe ich nun auch sein neuestes Werk „Jack“ gelesen. Mein Interesse weckte bei mir dabei nicht nur der Autor, sondern auch der Stoff: Es geht um Jack Kerouac, einen amerikanischen Autor, der mit „Unterwegs“ (On the road) ein „One Hit Wonder“ (so würde man das im Musikgeschäft wohl nennen) gelandet hat und danach wieder ziemlich schnell und vollständig von der literarischen Bildfläche verschwand. Ich war neugierig, was es über ihn zu erfahren gibt.
    Aber eine Warnung vorweg: Es handelt sich hier nicht um eine Biografie von Kerouac. McCartens Roman ist ein fiktionaler Text mit sicherlich sehr vielen Anknüpfungen an die reale Geschichte, aber wohl auch mit viel zusätzlich Erdachtem und Erfundenem.
    In dem Roman spürt Jan, eine junge amerikanische Literaturwissenschaftlerin, Jack Kerouac nach und versucht dieser zentralen Figur der Beat Generation, der sich sehr vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, nachzuspüren und seine Nähe zu finden. Über ihre Motive dazu später.
    Wir treffen Jack Kerouac in dem Roman im Jahr 1969 und erfahren schon auf der ersten Seite des Romans, dass dies auch sein Todeszeitpunkt ist. Jan steht bei seiner Beerdigung abseits der Trauergesellschaft und der Leser erfährt, dass zwischen den beiden – Jan und Jack – eine ganz besondere Beziehung und Nähe bestand und genau mit dieser befasst sich dann im weiteren Verlauf auch der Roman.
    Jan setzt sich auf die Fährte des Autors und kann ihn, der so lange schon abgetaucht ist, tatsächlich im Haus seiner Mutter aufspüren. Er, der sich jeglicher Öffentlichkeit entzogen hat, lässt sich nach hartnäckigem Drängen auf Gespräche mit ihr ein und gibt ihr schließlich die Erlaubnis, eine komplette Bibliographie seines Werks zu verfassen. Eigentlich möchte Jan noch weitergehen und eine Biographie des Autors schreiben, aber hierbei blockt Jack dann doch ab. Die verborgenen Geheimnisse und Wahrheiten seines Lebens möchte er verborgen halten. Da ist vor allem die Geschichte rund um das Verhältnis zu seinem ehemals besten Freund , der als Dean Moriarty die Hauptfigur in „Unterwegs“ ist und der später u.a. wegen Drogendelikten im Gefängnis landet. Jacks Rolle bei seiner Festnahme und langen Inhaftierung ist dabei nicht sehr erfreulich und ihre Freundschaft wird nie wieder aufgenommen oder belebt.
    Und dennoch öffnet sich Jack Jan gegenüber so sehr wie er es nur selten oder nie zumindest in seinem reiferen Leben einem Menschen gegenüber getan hat. Da wirft Jan eine sensationelle Nachricht in die Geschichte hinein. Sie sei Jacks Tochter, geboren von Jacks zweiter Ehefrau nach deren Trennung von Jack. Ihr Interesse an Jack sei also nicht literaturwissenschaftlicher, sondern familiärer Natur. Jack ist geschockt, aber auch fasziniert von diesem Gedanken, auf einmal eine Tochter haben zu können. Er nimmt sie in sein Haus auf, wo sie eine Zeit lang auch wohnt und dabei Jacks Neffen Petey aus dem Haus verdrängt. Das wiederum verleitet diesen dazu genauere Nachforschungen über Jan anzustellen, um ihre Tochterversion zu überprüfen. Dabei kann er ihre Version widerlegen und sie als Lügnerin entlarven.
    Wir haben es bei Jan also eher mit einer Stalkerin, denn mit einer armen, vom versoffenen Vater verlassenen Tochter zu tun. Und doch bleibt es, wie es war: Sie ist diejenige, die der verschütteten Geschichte um den Autor Jack Kerouac nach seinem Welterfolg am nächsten gekommen ist.
    Aber auch bei ihr bleiben eine Menge weiße Flecken, Lücken und Fragezeichen und es ist McCartens Verdienst, mit diesem Roman eine Geschichte rund um ein lückenhaftes, aber bedeutendes Kapitel der amerikanischen Literaturgeschichte geschrieben zu haben und so den Geist dieser Autoren- und Literatur-Generation wiederbelebt zu haben. Die Beat Generation behält mit diesem Roman ihre Schemenhaftigkeit. Sie entzieht sich der normalen Behandlung durch Kritiker und Literaturgeschichtler. Aber sie spielt ihre ganz besondere Rolle.
    FAZIT:
    Antony McCarten versteht es tatsächlich, Geschichten zu konstruieren und zu erzählen! Er kommt mit diesem Roman dem Beatnik Jack Keruoac sehr nahe, ohne ihn zu fassen zu kriegen. Und genau darin liegt die Würze und Reife dieses Romans.
    Ich vergebe dicke 4 Punkte.

  1. Jack Kerouac, wer er war oder nicht war

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Apr 2018 

    "Denn die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu leben, verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden, und nach allem gleichzeitig gieren - jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen." - aus "On the road" ("Unterwegs") von Jack Kerouac

    Und Jack Kerouac brannte. Er war ein Getriebener, dem es darum ging, nicht eine Sekunde seines Daseins zu verschwenden. Leben am Limit, das war seine Devise. Sex, drugs, rock'n roll, durch die Weltgeschichte reisen und das tun, was einem Spaß macht. Mit seiner Einstellung zum Leben ist er zum Vorbild einer ganzen Generation geworden, der sogenannten Beat Generation. Sein Roman "On the road", dem man autobiografische Inhalte nachsagt, erschien 1957 und wurde zur Bibel seiner Anhänger.
    Aber auch Helden altern. Jack wird der Rummel um seine Person irgendwann zu viel. Seine Fans lieben ihn, die Literaturkritiker hassen ihn. Psychisch und körperlich angeschlagen verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Die letzten 3 Jahre seines Lebens verbringt Jack Kerouac, alkohol- und drogenabhängig, in einem kleinen Ort in Florida, wo er am 21. Oktober 1969 im Alter von 47 Jahren stirbt.

    Anthony McCartens Roman "Jack" beginnt am Tag von Kerouacs Beerdigung.
    Die Ich-Erzählerin Jan wohnt der Beerdigung ihres Idols bei. Sie ist Literaturstudentin und hat sich intensiv mit dem Leben Kerouacs befasst. Sie möchte seine Biographie schreiben. In einer Rückblende schildert sie die letzten fünf Monate Kerouacs; wie sie ihn ausfindig gemacht hat; wie sie ihm das erste Mal gegenüber steht; wie sie sich näher kommen, sie nach und nach sein Vertrauen erlangt und schließlich sein Einverständnis bekommt, seine Biographie zu schreiben.

    Jack Kerouac hat nichts mehr von dem schillernden Idol einer ganzen Generation. Er ist ein menschliches Wrack. Das Leben am Limit sowie permanenter Alkohol- und Drogenkonsum fordern ihren Tribut. Aber immer noch versteht er es, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. In den Gesprächen mit Jan blitzt immer wieder der "alte" Jack durch, der nach seinem ganz eigenen Lebenscredo gelebt hat, um das ihn wahrscheinlich auch heute noch viele Menschen beneiden würden. Lebe dein Leben ohne Rücksicht auf Verluste. Denn Rücksichtnahme war ihm fremd.

    "Er war ein Meister der Verstellung, ein Virtuose im Spiel der Identität sein Leben lang. Im Laufe der Zeit hatte er so viele verschiedene Menschentypen gespielt - Footballheld, Junkie, Hobbybuddhist, frommer katholischer Messdiener, Grobian, Säufer, Muttersöhnchen, Berühmtheit, attraktives Postermotiv, aufgeschwemmtes Wrack, kultivierter Literat, Landstreicher, Weltreisender, scheuer Einzelgänger, Retter des modernen Romans, Schänder des modernen Romans und so weiter ..."

    Bleibt natürlich die Frage, was ihn dazu bringt, sein Leben vor einer wildfremden Person wie Jan auszubreiten, und sie mit der hochheiligen Aufgabe zu betreuen, seine Biographie für die Nachwelt zu Papier zu bringen? Die Antwort auf diese Frage ist eine der großen Überraschungen in diesem Buch, mit denen mich Anthony McCarten umgehauen hat. Es wird nicht bei dieser einen Überraschung bleiben. Nur soviel: eigentlich könnte man "Jack" als einziges Rollenspiel verstehen:

    "'Die Persönlichkeit eines Menschen hat Dutzende von Facetten. Fahren Sie in einen Ferienort. Sehen Sie sich um. Der humorlose Anwalt schlüpft aus seinem Anzug und verwandelt sich in einen Partylöwen. Der berühmte Schauspieler wird zum erbärmlichen Langweiler. Die eingeschüchterte Hausfrau mausert sich zur hinreißenden Liebhaberin, wird ein völlig anderer Mensch. Es ist immer das Gleiche, die Sehnsucht nach Flucht ...' - er ließ das Glas auf dem Tresen kreisen - ' Flucht aus dem Gefängnis des eigenen Ichs. ...'"

    Hier werden Rollen gespielt. Jeder Protagonist rutscht in eine oder mehrere Rollen, ob absichtlich oder gezwungenermaßen sei dahingestellt. Manche Rollen kann man sich halt nicht aussuchen. Und welcher Mensch tatsächlich hinter den unterschiedlichen Rollen steckt, lässt sich kaum sagen.
    Ich habe schon einige Romane von Anthony McCarten gelesen. Mit einigen hat er mich begeistert, mit anderen weniger. "Jack" gehört für mich ganz klar zur ersten Kategorie. McCarten konzentriert sich auf den gestrauchelten Helden Kerouac, holt ihn vom Podest und vermenschlicht ihn. Egal, ob man die Sturm- und Drangjahre des echten Kerouac gut findet oder nicht, für McCartens Jack wird man Mitleid empfinden. Kerouac aus der Sicht einer Biographin zu zeigen, die sowohl sein Lebenswerk als auch den Menschen Kerouac wie er heute ist zeigt, ist ein genialer Plot. Und wenn man dann noch feststellt, dass nicht nur Kerouac eine Geschichte hat, sondern auch die Biographin - und was für eine! - wird man den Roman nicht mehr aus der Hand legen können. So ging es mir zumindest. Und daher gibt es von mir eine dicke fette Leseempfehlung!

    © Renie