Ins Unbekannte

Buchseite und Rezensionen zu 'Ins Unbekannte' von Lukas Hartmann
4.4
4.4 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ins Unbekannte"

Sabina kommt aus Russland nach Zürich, um sich in der psychiatrischen Klinik von Dr. C.G. Jung behandeln zu lassen. Und wird seine Geliebte. Fritz, der Sohn eines Schreiners, träumt von einer besseren Gesellschaft, bringt die Schweiz an den Rand einer Revolution und rettet Lenin in Russland das Leben. Beide sind sie mutig, widersprüchlich, zerrissen, betreten unaufhörlich Neuland. Ihre Schicksale kreuzen, spiegeln sich – und verlieren sich im Dunkel der europäischen Geschichte.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
Verlag: Diogenes
EAN:9783257072051

Rezensionen zu "Ins Unbekannte"

  1. Unbekannte Verbindungen

    Wenn man Lukas Hartmann „Ins Unbekannte“ folgt, stellt man fest, dass zwei Leben nicht unbedingt einen Roman ergeben, mögen diese noch so interessant und gut erzählt sein. In seinem Text folgt Hartmann den Spuren von Sabina Spielrein und Fritz Platten, zwei Menschen, die beide eine Zeitlang in Zürich und Russland lebten und beide in Sowjetrussland ums Leben kamen, getötet von Sowjets bzw. den Nazis. Diese doch recht spärlichen und kaum überzeugenden Parallelen bilden das Grundgerüst dafür, das beide Leben gleichermaßen in dem Roman betrachtet werden – eine Verbindung, die in Anbetracht des Handlungsverlaufs doch recht fragwürdig und wenig tragfähig erscheint.

    Schiebt man dieses wenig überzeugende Konstrukt jedoch beiseite, erhält man besonders in den Kapiteln, die Sabina Spielrein gewidmet sind, ein informatives, überzeugendes und faszinierendes Porträt einer Frau, die sich unabhängig macht, Liebe erfährt und zu überwinden versucht und deren Leben, wie so viele andere der Zeit in einer Tragödie endet. Lukas Hartmann gelingt mit seiner Geschichte über Sabina ein Blick hinter die Fassade des zunächst aufmüpfigen Teenagers und der später gereiften, intelligenten und verantwortungsbewussten Ärztin, der aufschlussreich und trotz aller Distanziertheit auch bewegend ist. Gerade auch die bewusste Entscheidung zu einem besonderen Romanende ist hier berührend und begeisternd.

    Die Teile, die sich mit dem Kommunisten Fritz Platten auseinandersetzen, sind nicht ganz so interessant, vieles wird hier doch den Erläuterungen politischer Positionierung untergeordnet, parteipolitische und ideologische Grabenkämpfe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben auf mich als Leser in dieser Ausführlichkeit doch nur einen begrenzten Reiz, auch wenn sie hier natürlich in sprachlich sehr ansprechender Form präsentiert werden.

    Schlichtweg ärgerlich sind jedoch einige erzählerische Ungenauigkeiten, die den Leser zum Grübeln bringen. So stimmen die zeitlichen Abläufe im Sabina-Teil nicht (u.a. ist es innerhalb eines Tages März und April), später wird eine Schwangerschaft sehr unelegant und konfus quasi innerhalb von wenigen Seiten doppelt erzählt. Da wünsche ich mir doch mehr Sorgfalt.

    Insgesamt ist „Ins Unbekannte“ ein durchaus faszinierender Roman über Sabina Spielrein, der mir noch besser gefallen hätte, wenn sich der Zusammenhang des angestrebten Doppelporträts sinnvoll und deutlich offenbart hätte.

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  1. Zwei Leben, die erzählt werden sollen

    Zwei Leben, die erzählt werden sollen

    Durch den Roman führen zwei Personen, unabhängig voneinander, eine Zusammenführung war während des Lesens für mich immer eine Option, doch der Autor hatte diesbezüglich andere Pläne. Allerdings möchte ich erwähnen, dass beide Charaktere ins Unbekannte ziehen, dies stellt dann wohl die Verbindung her, und erklärt den Titel des Romans von Lukas Hartmann, der bereits einige sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht hat.

    Sabina Spielrein wird von ihren wohlhabenden Eltern von Russland in die psychiatrische Klinik Burghölzli in die Schweiz gebracht. Sie leide an Anfällen von Hysterie, die der Arzt C.G. Jung heilen soll. Zwischen der jungen Sabina und dem Arzt entwickelt sich eine große Sympathie, die ihre Folgen haben wird. Sie beginnt nach der erfolgreichen Therapie ein Studium, um selbst in diesem Bereich tätig werden zu können, angespornt von Jung, dem sie auch anderweitig verfallen ist.
    Im weiteren Verlauf der Handlung begleitet der Leser Sabina auf ihrem weiteren Lebensweg, der sie irgendwann zurück nach Russland führt.

    Der Gegenpart, in Form von Fritz Platten, erzählt aus dem Straflager in Russland seine Lebensgeschichte. Er war in der Schweiz Streikführer und entschließt sich nach Russland zu gehen. Die Zeichen standen bereits auf Sturm, doch er hielt es trotzdem für eine gute Idee. Seine gesamte Familie folgte ihm in eine landwirtschaftliche Kommune, doch er scheitert. Auch auf privater Ebene kann er nur Misserfolge vorweisen, seine einzige wahre Liebe, nach vielen kurzen Ehen, wendet sich von ihm ab. Im Lager siecht er nur noch vor sich hin, und bedauert sich, und lässt sein Leben Revue passieren.

    Das Ende der beiden Charaktere, die sich trotz Überschneidungen nie kennenlernen durften, war sehr emotional. Anhand ihrer beider Lebenswege wurde mir wieder einmal die Zeit und die damit verbunden Schrecken des Nationalsozialismus bewusst. Zwei Personen, die historisch gesehen Fußspuren hinterlassen haben, die mir beide aber bisher nicht bekannt waren. Lukas Hartmann hat sich wohl aus gutem Grund dazu entschieden, dass es an der Zeit ist, Sabina, die Jüdin war, und Fritz eine Stimme zu geben.
    Sabinas Geschichte hat mich während des gesamten Buches gefangen genommen. Es war sehr interessant mitzuerleben, wie sich diese Frau entwickelt hat und wie ihr restliches Leben verlaufen ist.
    Die Handlung um Fritz konnte mich hingegen nicht so richtig packen.
    Lange hat mich die Möglichkeit einer von engeren Verbindung zwischen den beiden Protagonisten abgelenkt. Doch am Ende funktionierte es natürlich auch ohne diese, und das sogar sehr gut und obendrein auch sehr aussagekräftig!

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  1. 5
    22. Nov 2022 

    Zwei Geschichten – zwei Lebenswege – ein verwandtes Ende

    Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman „Ins Unbekannte“ gleich zwei Geschichten, wie der Untertitel des Buches auch schon verrät: Die Geschichte von Sabina und Fritz. Beide Geschichten und auch beide Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein:
    - Sabina, eine Tochter aus gutem russischem Haus in Rostow am Don, die von ihren Eltern in die Schweiz gebracht wird, damit dort hoffentlich ihre Psyche geheilt werden kann. Sie trifft dort mit den Großen der gerade entwickelten Psychoanalyse (Jung und Freud) zusammen und macht selbst eine psychoanalytische Karriere, bevor sie in ihr von der Revolution komplett umgekrempeltes Heimatland zurückkehrt.
    - Fritz, ein Proletarier, der sich mit den „Proletariern aller Länder“ vereinigen möchte und mit ihnen in der gerade revolutionär entstandenen Sowjetunion den Aufbruch in eine neue Zeit und eine neue Gesellschaft erleben und mitgestalten möchte. Er gründet eine Schweizer Agrarkolonie in den Tiefen des russischen/sowjetischen Reiches und muss mit den Hemmnissen des Systems und den Frustrationen seiner Mitreisenden zurechtkommen.
    Zwei Schicksale, die in den 10er und 2023 Jahren des 20. Jahrhunderts zwischen West und Ost hin und her geworfen werden. Die geschichtlichen Umbrüche gehen alles andere als spurlos an ihren Leben vorbei, sondern setzen ihnen Hoffnungen, Frustrationen und Grenzen.
    Der Leser bleibt bei der Lektüre in der stetigen Erwartung des Kreuzungspunktes dieser beiden Schicksale, der Vereinigung der beiden Erzählstränge und wird in dieser Erwartung am Ende enttäuscht. Doch ist das wirklich eine Enttäuschung? Meine Vermutung ist, dass dies sicher gewollt und bewusst konstruiert so ist. Es geht gerade um die Verschiedenheit der Lebensschicksale, die dann doch eine Gemeinsamkeit am Ende teilen: beide überleben das diktatorische Regime nicht. So wie es uns schon Wolfgang Leonhard anhand seines ganz eigenen, persönlichen Lebens geschildert hat: „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ und das sind nicht nur die revolutionär gesinnten, die sich mit Leib und Seele in diesen Umsturz gestürzt haben (wie etwa Fritz), sondern auch so zarte und unpolitisch lebende Personen wie Sabina. In dieser Zeit zu leben, hieß für viel zu viele: an dieser Zeit unterzugehen, auf die ein oder andere Art und Weise. Diese Vielfalt der Schicksale und diese Vielfalt des Scheiterns gestaltet Hartmann in seinem Buch auf ganz besonders feinfühlige und wunderbar einfühlsam erzählende Art und Weise.

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  1. 4
    18. Nov 2022 

    Sachlich, aber dennoch erschütternd

    „Ins Unbekannte“ beschreibt eine Zeit der Umbrüche – politisch kommt die Idee der sozialen Gerechtigkeit auf, die sich zum Ideal des Sozialismus steigert. In der Medizin entsteht die Disziplin der Psychologie, die auf neuartige Weise das Innenleben der Menschen erforschen und verletzte Seelen heilen will.

    Hartmann stellt hierfür zwei Biographien kapitelweise nebeneinander, die sich nur einmal räumlich kurz annähern, ohne sich je zu berühren. Einmal die der russischen Jüdin Sabina Spielrein, die aufgrund der Diagnose Hysterie in die Züricher Burghölzl-Klinik eingeliefert und von C. G. Jung behandelt wird. Aus dem Arzt-Patientin-Verhältnis wird eine Liaison. Spielrein wird selbst Psychoanalytikerin und pflegt später mit Jung eine kollegiale Freundschaft, in der fachlicher Austausch Vorrang hat. Sie gilt als Pionierin der Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie des Kindes. (Wikipedia)

    Die zweite Biografie betrifft Fritz Platten, bekannt als derjenige, der Lenin zurück nach Russland brachte und als dessen Lebensretter bei einem Attentat. Seine Biographie ist, im Gegensatz zu Spielreins, durch rein ideologische Motive bestimmt. Wo Spielrein danach strebte, dem Einzelnen zu helfen, interessiert Platten sich nur für die Masse, die es kollektiv vor dem Kapital zu retten gilt. Hierfür ist ihm kein Opfer zu groß – nur muss meist nicht er selbst das Opfer bringen. Er hat Partnerinnen und Kinder für sein Ideal verlassen und nun, im Gulag, viel Zeit, seine Prioritäten zu bereuen.

    Vor allem seine verschwundene letzte Frau Berta füllt jahrelang seine Gedanken – als er erfährt, dass sie längst tot ist, bricht er zusammen. Spielrein arbeitet sich immer wieder an ihrer prägenden Beziehung zu Jung ab, die dieser feige abbrach, nicht ohne ihr die Rolle der schuldigen Verführerin zuzuschieben. Die sensible Beschreibung der inneren Kämpfe der Protagonisten verleihen der teils sehr knappen, sachlichen und informationslastigen Erzählweise Leben. Spielrein war für mich dabei die weitaus interessantere und spannendere Figur. Auf der Zeitebene gibt es, vor allem im Platten-Strang, ein paar Flüchtigkeitsfehler, die für Irritation sorgen, aber letztlich nicht ins Gewicht fallen - nur schade bei einem solchen Profi wie Hartmann.

    Gemeinsam ist beiden Protagonisten, dass sie sich dazu entschließen, die sichere Schweiz zu verlassen und nach Russland zu gehen, als Stalin bereits an der Macht ist. Sabina fällt dort mit ihrer Familie der deutschen Judenverfolgung zum Opfer, Platten wird nach langer Haft in einem russischen Straflager exekutiert. Beide haben sich „Ins Unbekannte“ gewagt, beide bezahlten dafür mit dem Leben. Dies wird von Hartmann respektvoll zurückhaltend erzählt. Erschütternd ist es dennoch.

    Mir waren weder Spielrein noch Platten vor der Lektüre bekannt – und hierin sehe ich die eigentliche Stärke des Romans – diese beiden Persönlichkeiten ins Bewusstsein zu holen, die historischen Fakten mit der Wucht des gelebten Dramas zu verbinden. Hartmann rollt diese beiden Leben auf und bringt uns ihre Tragik näher. Er erinnert uns auch daran, dass totalitäre Regime zu allen Zeiten dieselben Kennzeichen haben, an denen man sie leicht erkennen kann. Das kann vielleicht helfen in einer Zeit, in der Gewissheiten schwierig scheinen.

    Fazit: Trotz kleiner Mängel ein beeindruckender Roman mit Nachhall.

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  1. ‚Der rote Fritz‘ + Sabina, die Psychoanalytikerin

    Am Anfang dachte / hoffte ich immer noch auf ein Kennenlernen der zwei Protagonisten, habe sogar ausgerechnet, dass sie altersmäßig zusammenpassen würden. Nichts war’s!!!! Zwei parallele Biografien warten hier im Buch auf die Leserschaft.

    Seltsamerweise störte mich das nicht – zu interessant waren diese beiden Lebensläufe:
    Sabina Spielrein stammt aus Rostow am Don und wird 1905 von ihrer Mutter in die psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich gebracht. Vor ihr liegen aufregende und prägende Jahre in der Schweiz, besonders beeinflusst durch den Psychoanalytiker Dr. Carl Gustav Jung.

    Fritz Platten dagegen stammt aus der Schweiz, erzählt aber sein Leben rückblickend im Straflager Lipowo in Nordwestrussland, in der berüchtigten Lagerbaracke 4.

    Er opferte auf dem Altar seiner fanatischen Einstellung seine Eltern, seine 4 Frauen und auch seine 2 Kinder. In Erinnerung blieb er, weil er die Reise Lenins im verplombten Zug durch Europa organisiert hatte und auch als Lenins Lebensretter bekannt wurde.

    Die zwei Lebensläufe – immer abwechselnd erzählt – packten mich und wühlten mich gewaltig auf: bei Sabina das Ende und bei Fritz war mein Adrenalin während seiner ganzen Geschichte ‚am Anschlag‘.
    Sehr treffend empfand ich nämlich die Beschreibung des Systems der Heimlichkeiten - 'Über das durfte nicht gesprochen werden', 'jenes durfte sie ihm nicht sagen', 'die Wahrheit werde ohnehin vertuscht'- und war mächtig angewidert davon! (Das geht mir allerdings auch mit den anderen politischen Religionen so!)

    Haften bleiben wird bei mir auch der allgemein gültige Satz, der absolut zeitlos ist: „"Sobald politische Führer bereit sind, über Leichen zu sehen, gehören sie zur selben Kategorie, zu jener der Zerstörer und Mörder." (Und mit dem Erscheinungsjahr 2022 des Buches ist auch damit die politische Aktualität hergestellt!)

    Ich empfand diese Lektüre als sehr bereichernd, erfuhr ich doch aus ihr einige Fakten, die mir bisher unbekannt waren. Wunderschöne Sätze voller Lebensweisheit taten ihr Übriges! Ich kann nicht anders, als die Höchstzahl der möglichen Sterne zu vergeben und drücke dieses Buch allen, die Interesse an Geschichte haben, wärmstens ans Herz.

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  1. Zwei bewegende Lebensläufe in bewegten Zeiten

    Lukas Hartmann ist einer der bekanntesten Schweizer Autoren. Er beschäftigt sich gerne mit in Vergessenheit geratenen historischen Persönlichkeiten. In diesem Roman „Ins Unbekannte“ geht es um Fritz Platten (1883 – 1942) und Sabina Spielrein (1885 – 1942). Hartmann wechselt beide Perspektiven kontinuierlich, die Kapitelüberschriften weisen uns den Weg, wo wir uns gerade mit wem befinden.

    Sabina Spielrein ist eine Tochter aus wohlhabenden jüdisch-russischen Verhältnissen. Mit der Diagnose, eine Hysterikerin zu sein (ein Schicksal, das vielen unangepassten Frauen jener Zeit widerfuhr), wird sie ins psychiatrische Klinikum „Burghölzi“ in Zürich eingeliefert. Sie ist erst 19 Jahre alt. Ihre Eltern kommen offenbar mit ihren Ausrastern nicht mehr zurecht, Sabina leidet unter der fortgesetzter Züchtigung und Diskriminierung im Elternhaus. Schnell verliebt sich die junge Frau in ihren Therapeuten Carl Gustav Jung, einen langjährigen Freund und Unterstützer Siegmund Freuds. Auch der verheiratete Jung fühlt sich zu Sabina hingezogen. Es beginnt eine wechselhafte Liaison, an deren Höhen und Tiefen wir als Leser teilhaben dürfen. Jung scheint positiv auf den Gesundheitszustand der jungen Frau zu wirken, außerdem ermutigt er sie zur Aufnahme eines Medizinstudiums, das die Grundlage für ihre erfolgreiche Karriere bildet. Die Psychoanalytik wird ihr lebenslanges Fachgebiet bleiben. Doch natürlich hat diese ungleiche Liebe auch ihre Schattenseiten. Für Sabina wird Jung eine lebenslange Prägeinstanz bleiben.

    Fritz Platten lernen wir erst 1941 im Straflager Lipowo kennen. Er wurde dort zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt, die Arbeit ist monoton, die Lebensbedingungen hart. Fritz lässt sein Leben Revue passieren. Als Arbeiterkind blieb ihm das Gymnasium versagt, die Rechte der Arbeiterklasse lagen ihm stets am Herzen. Zunächst engagierte er sich in der Schweizer Sozialdemokratie (SPS), radikalisierte sich aber zunehmend zum Kommunisten. Nachdem er mit dem Gesetz in Konflikt kam, zog es ihn immer wieder nach Russland. Er war ein Idealist, ein Eiferer, der sich vehement für einen gerechten Kommunismus einsetzte. Er lernte Lenin persönlich kennen und gilt sogar als dessen Lebensretter. Fritz Platten lebte für seine Ideale, denen er sein Privatleben konsequent unterordnete. Auf der Strecke blieben mehrere Ehefrauen, Partnerinnen und Kinder, die Bestandteil seiner nachdenklichen Rückblicke sind. Er beleuchtet aber auch seinen politischen Werdegang kritisch, insbesondere reibt er sich an seinem zeitweiligen Wegbegleiter Robert Grimm, der einen moderateren Weg als Platten eingeschlagen hat und 1941 noch für die SPS im Nationalrat sitzt.

    Die Lebensdaten der beiden Figuren sind nahezu identisch. Man wartet gespannt darauf, dass sich die beiden begegnen werden oder sucht einen anderweitigen Zusammenhang. Davon abgesehen lesen sich beide biografischen Verläufe fesselnd, weil viel von der Innensicht der Protagonisten preisgegeben wird.
    Hartmann versteht es, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Man findet sich sehr schnell ins Geschehen ein. Das jeweilige Zeitkolorit wird höchst authentisch geschildert, obwohl der Stil eher sachlich-distanziert gehalten ist. Es sind bewegte Zeiten, durch die sich die Protagonisten bewegen. Beide brennen in gewisser Weise für etwas bzw. für jemanden. Mir fiel der Zugang zu Sabinas Biografie etwas leichter, wahrscheinlich, weil bei ihr vornehmlich persönliche und berufliche Entwicklungen im Vordergrund stehen, während bei Fritz das Politische dominiert. Außerdem handelt es sich bei ihm konstant um retrospektive Betrachtungen, bei Sabina ist man unmittelbarer am fortlaufenden Geschehen beteiligt. In beiden Biografien spürt man die latente Benachteiligung von Frauen, von einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist man noch meilenweit entfernt. Das gilt bei den Eidgenossen ebenso wie bei den Russen.

    Hartmann hat sich bemüht, die biografischen Daten detailgenau mit einfließen zu lassen. Je nach Interessenlage mag das dem ein oder anderen etwas üppig geraten sein, für die Gesamtbewertung der Figuren sind die verschiedenen Stationen jedoch bedeutsam. Hartmann verklärt die Figuren in keiner Weise, er deckt Brüche, Rücksichtslosigkeiten oder Irrationalitäten schonungslos auf. Sein Ziel ist es nicht, allzu viel Sympathie mit Sabina und Fritz zu generieren. Trotzdem trifft einen das respektvoll gehaltene Ende des Romans mit Macht. Hier zeigt Hartmann die Härte und Gewissenlosigkeit unterschiedlicher Diktaturen mit voller Wucht.

    „Ins Unbekannte“ ist ein lesenswertes, informatives Buch. Es beugt sich nicht dem derzeitigen Trend allzu gefällig gehaltener biografischer Romane, es erzeugt keine Heldenmythen und wirkt sehr glaubwürdig. Sabina und Fritz sind zwei Figuren, die hiermit dem Vergessen entrissen werden. Ihre Schicksale stehen stellvertretend für viele andere. Leseempfehlung!

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  1. Möglichst wenig auffallen ...

    "Ins Unbekannte" behandelt die Lebensläufe zweier völlig unterschiedlicher Menschen. Der Schweizer Fritz Platten, 1883 geboren, schloss sich früh der sozialdemokratischen Partei an und später der kommunistischen Partei der Schweiz. Sein leidenschaftlicher Einsatz für die Ziele der Internationale brachte ihn in seiner Heimat in Schwierigkeiten. Er war ein persönlicher Bekannter und großer Bewunderer Lenins, was ihn aber letztlich unter dem Stalinismus nicht geholfen hat: Bereits am Beginn des Romans, 1905, befindet er sich wegen Spionagetätigkeit in einem sowjetischen Straflager. Der eintönige Alltag mit der Fertigung von Schindeln lässt den Gedanken Raum. Platten erinnert sich an die Frauen seines Lebens, die er keineswegs immer anständig behandelt hat. Für ihn hat immer der Gedanke an "das große Ganze" vor privaten Verpflichtungen rangiert.

    Demgegenüber steht der Lebensweg der Russin Sabina Spielrein. Sie stammt aus bürgerlichem jüdischem Elternhaus in Rostow, wird aber 1905 wegen anhaltender "hysterischer" Zustände von ihrer Familie in die Schweiz gebracht, an die renommierte psychiatrische Klinik in Burghölzli, wo Carl Gustav Jung, der MItbegründer der Psychoanalyse, als Arzt wirkt. Die Begegnung der beiden wird eingehend und mit großer Einfühlsamkeit geschildert. Sabina, zu diesem Zeitpunkt neunzehn, erscheint mehr als Rebellin denn als psychisch krank. In den Gesprächen mit Jung lassen ihre Anfälle nach, sie kann sich ernst genommen fühlen. Er ermutigt sie sogar, selbst ein Medizinstudium aufzunehmen. Es ist hinreichend bekannt, dass die beiden ein Liebesverhältnis hatten, obwohl Jung Familienvater war - der klassische Fall der Verliebtheit der Patientin in den Seelenarzt.

    Der Roman begleitet Sabina weit über diese Episode hinaus bis zu ihren letzten Lebenstagen in Rostow. Ihr Leben war - auch unter Berücksichtigung der politischen Verwerfungen der Zeit - ein schwieriges. Sie musste sich als Ärztin durchsetzen, sich neben der Arbeit allein um ihre Tochter kümmern, von 1923 an im sowjetischen System arbeiten und dabei ununterbrochen ihre Linientreue beweisen, ganz abgesehen von den Ressentiments, die ihr als Jüdin entgegengebracht wurden - und letzteres gilt mehr oder weniger für jedes Umfeld, in dem sie tätig war. In den Kapiteln, die sich um ihre tägliche Plackerei und ihr Bemühen um Anpassung drehen, zeigt Hartmann großes schriftstellerisches Können. Mit wenigen Sätzen macht er jeweils fühlbar, wie sich seine Heldin (hier stimmt die Bezeichnung) unter ihren persönlichen Verantwortlichkeiten aufrieb - für ihren Ehemann, die beiden Töchter, die Familie überhaupt, und für die ihr anvertrauten Patienten. Wie sie nebenher noch Zeit fand, Forschungen zu betreiben, wissenschaftliche Abhandlungen zu schreiben und ihren Töchtern Geigenspiel beizubringen. Hier hat Hartmanns Roman seine großen Momente. Der Stil ist eher unauffällig, der Erzähler scheint bewusst hinter die Persönlichkeit Spielreins zurückzutreten, die sich als so stark erweist und doch in jeder Lebenslage darum ringt, möglichst wenig aufzufallen. Die Tragik dieses Lebens unter immer neuen Zwängen lässt wohl keinen Leser kalt.

    Fritz Platten kommt - in mehrfacher Hinsicht - bei Hartmann schlechter weg. Zum einen ist er als Persönlichkeit weit weniger interessant, oder es gibt über ihn einfach nicht so viel zu wissen, jedenfalls sind seine Kapitel über weite Strecken mehr oder weniger schlichte Chronik seiner politischen Anstrengungen, wie man sie auch im Lexikon lesen kann. Zum anderen ist er - mein persönlicher Eindruck - auch einfach ein Mensch, über den man sich ärgern muss; der typische "Aktivist", der sich für eine abstrakte Idee leidenschaftlich einsetzt und darüber sein persönliches Umfeld völlig vernachlässigt. Vielleicht hat Hartmann ihn deshalb gleichsam als Gegenpart zu Sabina Spielrein gewählt.

    "Ins Unbekannte" ist ein leises und zurückhaltendes Buch. Über weite Strecken erscheint es unpersönlich, hält den Stil einer schlichten Chronik der Ereignisse ein. Das betrifft, wie gesagt, besonders die Kapitel über Platten. Vom Ende her betrachtet sind jedoch beide Lebensläufe gleich bedeutungsvoll und tragisch. Hartmann zeigt die Lebensläufe zweier ganz unterschiedlicher Menschen auf, die von den großen Umwälzungen der Zeit buchstäblich aufgerieben wurden. Fazit: sehr empfehlenswert!

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  1. 5
    13. Nov 2022 

    Unangepasstheit

    Sabina Spielrein und Fritz Platten, zwei reale Charaktere werden hier in dem Roman "Ins Unbekannte" vom Autor Lukas Hartmann der geneigten Leserschaft vorgestellt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Sabina_Spielrein

    https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Platten

    Zwei Charaktere, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Schon gesellschaftlich haben Platten und Spielrein nichts miteinander zu tun. Sabina Spielrein entstammt einer besser gestellten russischjüdischen Familie, die aufgrund ihrer Erkrankung bei Carl Gustav Jung in der Schweiz in Behandlung kommt, in eine Beziehung zu ihm gerät und später als Ärztin und Psychoanalytikerin ihren Weg bestreitet, erst in der Schweiz, später wieder in Russland. Fritz Platten kommt aus der Arbeiterklasse und wird Kommunist, rettet Lenin das Leben und emigriert in die Sowjetunion. Nur ihr politisches Denken ähnelt sich etwas, ihre Bereitschaft zu politischem Handeln unterscheidet sich dagegen gravierend. Was sie aber auch verbindet, ist eine größere Bereitschaft, trotz widriger Umstände ihr Leben zu gehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Unangepasstheit verstehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Dickköpfigkeit, einen gewissen Eigensinn bezeichnen. Sie betreten ständig Neuland, gehen immer wieder ins Ungewisse, ins Unbekannte. Sie sind starke Charaktere!

    Lukas Hartmann spinnt in "Ins Unbekannte" eine Geschichte um diese beiden herausragenden Persönlichkeiten. Eine fesselnde und spannende Geschichte, wenn man den Mut hat sich auf diese beiden ungewöhnlichen Charaktere einzulassen und sie nicht gleich vollkommen abzulehnen. Denn beide sind keine gefälligen und sympathischen Charaktere. Beide sind sperrig, widersprüchlich und zerrissen. Doch sie sind auch mutig, vielleicht manchmal auch verblendet und nicht nachvollziehbar, aber sie sind einzigartig. Und sie zahlen einen Preis für ihre Andersartigkeit. Doch an solche außergewöhnlichen Menschen wird man sich erinnern. Eben durch Literatur oder durch Filme. An den Durchschnittsbürger erinnert sich nur der kleine Kreis der Bekannten, die eigene Familie. Auch wenn jeder von uns irgendwann im Dunkel der Geschichte verschwinden wird. Aber manche Zeitgenossen bleiben eben durch ihre Unangepasstheit in der kollektiven Erinnerung. Eine schöne Geschichte schreibt der Autor Lukas Hartmann hier und ich habe ein Autor mehr, den ich beobachten werde und von dem sicher noch weitere Bücher vor meine Augen wandern werden. Denn dieses hier hat mir sehr gefallen!

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  1. Die Grenzen der Freiheit

    Menschen sollten frei sein und selbst entscheiden dürfen, welche politischen, gesellschaftlichen und religiösen Wege sie einschlagen, solange sie anderen auch diese Freiheit zugestehen. Die europäische Geschichte lehrt uns eines Besseren, insbesondere die finsteren Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs.

    Lukas Hartmann geht mit zwei sehr unterschiedlichen Menschen "Ins Unbekannte".

    Den hoffnungsvollen Anfang macht Sabina Spielrein, einer 19 jährigen Russin, die von ihren vermögenden Eltern 1904 in die schweizerische Uniklinik Burghölzli eingeliefert wird. Sabina gilt als hysterisch, ihre Eltern sind mit ihr überfordert. Der 10 Jahre ältere Carl Gustav Jung nimmt sich ihrer Behandlung an. Die neuen Methoden der psychanalytischen Gespräche zeigen ihre Wirkung. Sabina reift zur jungen Dame und fasst den Entschluss, Medizin zu studieren und in die Fussstapfen ihres umschwärmten Vorbildes zu treten. Da die Affaire mit ihrem Arzt auf unfruchtbaren Boden fällt und auch Dr. Freud, den sie in Wien kennengelernt hat, ihr zu mehr Abstand rät, heiratet sie 1912 den russischen Arzt Pawel Scheftel in Rostow, kehrt aber zur Geburt ihrer ersten Tochter nach Berlin zurück. Pawel ist unglücklich in Berlin und reist heimwärts. Erst 1923, auf drängende Bitten ihrer Familie und ihres Mannes, fährt auch Sabina ins Ungewisse, in die Sowjetunion...

    Ganz anders ergeht es Fritz Platten. 1883 in der Schweiz geboren, lernen wir ihn im November 1941 im sowjetischen Straflager Lipowo kennen. Rückblenden während seiner monotonen Arbeit und seinen albtraumgeplagten Nächten erzählen uns von seinem Leben in der Schweiz, von einer abgebrochenen Schlosserlehre, von seinem Engagement im Arbeiterbund, seiner maßgeblichen Beteiligung am schweizerischen Landesstreik, aber vor allem seiner Heldentat, dem exilierten Lenin 1917 die Rückkehr mit dem Zug quer durchs feindliche Deutschland in dessen Heimatland zu ermöglichen. Fritz Platten wird zum überzeugten Kommunisten und emigriert 1923 ins vermeintliche Arbeiterparadies, mit seiner großen Liebe Berta Zimmermann. Mit einer landwirtschaftlichen Kommune scheitert er grandios und konzentriert sich ab 1926 lieber als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moskauer Agrarinstitut. Doch ihn ereilen die stalinistischen Säuberungsaktionen...

    Lukas Hartmann lässt 1905 diese beiden Menschen in Zürich bei einer Demonstration aufeinandertreffen. Beide noch jung, voller Hoffungen und Ideale, streifen sich ihre Blicke nur für einen Atemzug, dann tauchen beide schon wieder ab, in ihre ganz eigenen Biografien. Sabina mit ihrer Metamorphose vom getriebenen Kind zur selbständigen Frau und anerkannten Psychanalytikerin. Fritz vom umstürzlerischen Jungspund zum gefestigten Mann mit Überzeugungen, der selbst im Straflager an Stalins Unfehlbarkeit glaubt.

    Beide kannten nicht die ganzen Spielregeln. Beide waren davon überzeugt, dass alles menschlich bleibt. Sabina ging 1942, weil sie dazu aufgefordert wurde, mit 25000 weiteren Juden zum Schulgebäude von Rostow. Fritz erhob sich 1942 von seinem Krankenlager, um ein letztes Mal die Gedenkstätte für seine verstorbene Frau Berta zu besuchen, begleitet von Pjotr, dem er vertraut, der ihm die Wunden versorgte.

    Voller Respekt beendet Hartmann an dieser Stelle seinen Roman. Er möchte kein weiteres mal vom Unrecht und von der Sinnlosigkeit erzählen. Er erzählt von Lebensentwürfen, von Reifung und Umbruch. Er geleitet den Leser ins Unbekannte und vermittelt einen Eindruck davon, wieviel Potential, Fortschritt und Freiheit von Machtgier und Menschenhass zerstört wurde.

    Ein eindrücklicher Roman, der mit großen Namen die Neugier wachhält, Gewissheiten vorraussetzt und den Fokus auf (nur) zwei Menschen setzt, die uns den Geist dieser Zeit mit all seinen Varianten fassbar macht. Die Nachwirkung ist stark.

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  1. Interessant, einfühlsam und packend erzählt

    „Menschen sind und bleiben unterschiedlich. Man kann sie zu Gutem erziehen, aber nicht zurechtstutzen wie Nutzpflanzen.“ Zitat Seite 118)

    Inhalt
    Sabina Spielrein, eine junge Russin aus begüterten Verhältnissen, wird 1904 von ihren Eltern in eine psychiatrische Privatklinik in Zürich gebracht. Dort wird sie von Carl Gustav Jung, damals Oberarzt, behandelt. Er ermutigt sie, ihrem Wunsch zu folgen und Medizin zu studieren. Die Psychoanalyse wird ihr Fachgebiet. Der junge Schweizer Fritz Platten ist begabt und interessiert, er möchte lernen, aber die Armut seiner Eltern macht den Besuch des Gymnasiums unmöglich. 1918 ist er einer der Initiatoren des Schweizer Landesstreiks, kämpft für eine gerechtere Gesellschaft. Sabina gerät in eine Demonstration und für einige Augenblicke kreuzen sich zufällig ihre Wege. „Einer, der zuvorderst ging, fiel ihr besonders ins Auge. Er trug einen weit geschnittenen Mantel, sein ungewöhnlich langes Haar wehte im Wind.“ (Zitat Seite 117)

    Thema und Genre
    In diesem Roman mit einem realen geschichtlichen und biografischen Hintergrund geht es um die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt Russland und Schweiz. Es geht um Fortschritt, Forschung und den Beginn der Psychoanalyse, um Bindungen, Familie, um persönliche Ziele, Träume, Ideologien, Gewalt, Unterdrückung, Aufbruch und Scheitern.

    Charaktere
    Bis auf einen kurzen, zufälligen Augenblick kennen die beiden Persönlichkeiten, um deren Biografie es in diesem Roman geht, nicht. Sabina Spielrein, Russin, Ärztin, eine der ersten Frauen, die sich auf das Fachgebiet Psychoanalyse spezialisiert, in langjährigem Kontakt und Gedankenaustausch mit C.G. Jung und Siegmund Freud. Fritz Platten, Schweizer, Nationalrat, zunächst Sozialdemokrat, dann überzeugter Kommunist, Revolutionär. Zwei Persönlichkeiten mit Zukunftsvisionen, eigenwillig und unangepasst.

    Handlung und Schreibstil
    Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei konträre Lebensgeschichten, die der Autor abwechselnd erzählt. Während er dem Leben von Sabina Spielrein chronologisch folgt, schildert er die wichtigen Ereignisse und Stationen im Leben von Fritz Platten rückwirkend und nicht immer chronologisch, sondern je nach dessen jeweiligen Erinnerungen und gedanklichen Dialogen während der Nachtstunden seiner späten Lebensjahre. Die einzelnen Kapitel tragen als Überschrift die Ortsangabe und die Jahreszahl, wodurch die Zuordnung beim Lesen übersichtlich bleibt. Der ruhige Erzählstil nimmt sich Zeit und das Vernetzen der fiktiven Romanhandlung mit den biografischen Fakten wirkt logisch und gelingt wunderbar, ohne je konstruiert zu wirken. Der Autor nimmt sich Zeit für beide Persönlichkeiten, es sind nicht nur Ereignisse und Erfahrungen in deren Leben, sondern ebenso viel Raum nehmen ihre Entwicklung, ihre Gedanken, Überzeugungen, aber auch Zweifel und widersprüchliche Entscheidungen ein. So ergibt sich ein packendes, lebendiges Gesamtbild.

    Fazit
    Diese beiden Biografien zu lesen fand ich sehr spannend, dieses immer wiederkehrende Auseinandersetzen mit dem eigenen Lebensweg und den Entscheidungen, auch das Hinterfragen, ergibt für mich einen sehr vielseitigen Roman, interessant zu lesen. Gerade bei Romanen mit biografischem Hintergrund, mit Personen, die wirklich gelebt haben und deren Biografien man nachlesen kann, ist es nicht einfach, den richtigen und glaubhaften Weg zwischen Fakten und Fiktion zu finden, für mich ist es Lukas Hartmann perfekt gelungen.

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