Im Bauch der Königin: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Im Bauch der Königin: Roman' von Taha, Karosh
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Im Bauch der Königin: Roman"

Shahira bricht die Regeln der kurdischen Community mehrfach: Sie ist alleinerziehend, schert sich nicht um die Blicke der Leute, die sie mit ihrer Freizügigkeit auf sich zieht, lebt nicht monogam. Für Amal und Raffiq, die Freunde ihres Sohnes Younes, ist sie Faszination und Provokation zugleich. Sie bewundern Shahira für ihre Kompromisslosigkeit und ihren Umgang mit Sexualität, missbilligen aber auch, wie sie ihre Bedürfnisse scheinbar über die ihres Sohnes stellt. Shahiras Andersartigkeit konfrontiert alle drei mit ihren eigenen Sehnsüchten, ihren Vorurteilen wie auch den Entscheidungen, die sie treffen müssen. Und ändert auf diese Weise ihr Leben für immer. ›Im Bauch der Königin‹ vereint die alternativen Geschichten, die uns Amal und Raffiq erzählen, als Wendebuch – jede führt die Figuren in ihre je eigene Richtung und zeigt, dass es nicht eine Wahrheit gibt. Und doch sind Überschneidungen da, spiegeln sich Motive, Fragestellungen und Perspektiven: eine literarische Klecksographie. Was beide Teile des Buches eint, sind Karosh Tahas Erzählkunst, ihre kraftvolle und sinnliche Sprache wie auch ihr Witz und Scharfsinn. Das herausragende Buch eines Ausnahmetalents.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:250
Verlag:
EAN:9783832183943

Rezensionen zu "Im Bauch der Königin: Roman"

  1. Abnabelung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jun 2020 

    "Im Bauch der Königin" ist ein Buch mit einem interessanten Aufbau, Vorder- und Rückseite des Buches sind vollkommen identisch, von beiden Seiten könnte dieses Buch begonnen werden zu lesen, nur das Lesebändchen gibt dann einen gewissen Hinweis, wenn man das so sagen kann. Denn eigentlich sind beide Geschichten auch irgendwie autark. Die beiden Teile könnten als ein weiblicher und ein männlicher Blick gedeutet werden, die Charaktere treten teilweise in beiden Teilen auf, nur die jeweilige Geschichte und die Gestaltung der Charaktere sind unterschiedlich. In einer wunderschönen bildhaften und blumigen Sprache beschreibt Karosh Taha hier die Lebenssituation kurdischer Einwanderer in Deutschland, dieses Buch ist ein Blick auf eine andere Kultur, ein Blick auf Entwurzelte, ein Blick auf zwei Generationen, eine in eine Coming of age Story verpackte Gesellschaftskritik. Dadurch, dass in diesem Buch Jugendliche erzählen, sind die verschiedenen Thematiken aus einer jugendlichen Sicht formuliert, wären definitiv noch ausbaufähig. Aber diesen Ausbau erhalten die Jugendlichen ja erst mit den weiteren erlebten Jahren. Und von daher ist die Geschichte eine interessante, denn diese Jugendlichen haben schon einiges erlebt, aber genauso steht ihnen noch vieles bevor. Dieser Blick der Jugendlichen beinhaltet einen Blick auf ihre eigene Generation und auch auf die Generation ihrer Eltern. Und in diesem Blick liegt eine Gesellschaftskritik, die man einerseits auf die Situation der Migranten in Deutschland beziehen kann, andererseits werden aber auch gewisse Tendenzen in der eigenen, kurdischen Kultur angeprangert. Dies finde ich interessant gewählt, öffnen sich doch jüngere Generationen mehr den anderen Kulturen und verändern doch damit auch die eigene Kultur entsprechend und ebenso betrachten sie die eigene Kultur aus anderen, kritischeren Augen. Ebenso interessant ist es die Buchteile in einen weiblichen und einen männlichen Blick aufzubauen. Haben doch geschlechtsspezifische Blicke eine ganz eigene Bedeutung, hier in der Kultur der Kurden, wie auch in unserer westlichen Welt. Ebenso interessant gewählt ist auch der Titel des Buches, im Bauch der Königin, einerseits wird hier der Königin/der Weiblichkeit eine Bedeutung gegeben, die sie früher einmal hatte und irgendwann wieder haben wird und andererseits könnte man den Titel als eine Form der Abnabelung begreifen. Besonders gefallen hat mir auch, dass im Buch auf das Geschichten erzählen Bezug genommen wird und hier im Besonderen auf die Figur der Scheherazade und damit wieder auf eine starke weibliche Rolle/eine starke Weiblichkeit. Denn auch Amal in der ersten Geschichte ist ein starker weiblicher Charakter und ebenso auch die Figur der Shahira. Denn obwohl selbstbestimmte Frauen in der kurdischen Gesellschaft ein nicht so leichtes Leben hatten/haben, heißt das ja nicht, dass dies für immer so bleiben wird. Das Einzige, was mich an diesem Buch gestört hat, war, dass ich beim Lesen wenig bis gar keine Nähe zu den Protagonisten aufbauen konnte, aber dies ist für mich auch in der Gestaltung als Coming of age Geschichte begründet, hier fällt mir das Nähe aufbauen etwas schwerer.

  1. Ein Buch, zwei Wahrnehmungen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Jun 2020 

    Eine kurdische Community in einer deutschen Stadt im Ruhrgebiet: dort leben Amal, Younes, Raffiq mit ihren Müttern und Vätern. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, können besser deutsch als kurdisch, gehen in deutsche Schulen und sind trotzdem immer noch Teil einer fremden Subkultur. Die Eltern leben größtenteils noch traditionell. Es ist schon ein mittelschweres Drama, wenn die kurdischen Gewürze ausgehen und das Gekochte „deutsch“ schmeckt. Doch in dieser Enklave sticht eine Frau heraus, Shahira. Sie ist Younes Mutter, die verdammte Königin des Viertels, eine „verdorbene“ Frau, die sich offenherzig kleidet und promiskuitiv lebt.
    Im Bauch der Königin ist der zweite Roman der kurdisch stämmigen deutschen Autorin Karosh Taha. Formal ist dieses Buch etwas ganz Besonderes, denn es sind zwei Bücher in einem. Ein Wendebuch mit zwei Buchcovern, zweimal einem Impressum. Zwei Realitäten, die beide so stattfinden könnten und ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Es sind dieselben Protagonisten in diesen Realitäten, aber sie werden unterschiedlich betrachtet. Während der eine Teil aus Amals Sicht erzählt, dem „Moglimädchen“, das sich nicht benimmt, wie man es von einem Mädchen, schon gar nicht einem kurdischen Mädchen erwartet, steht im anderen Teil Raffiq im Fokus. Die Familien ähneln einander, die Freundschaftsverhältnisse differieren. Mal sind Amal und Younes innige Freunde und Raffiq der „Erzfeind“, mal sind Raffiq und Amal ein Paar, die beiden Burschen beste Freunde.
    Das Leben der Migranten ist ein eintöniges, die Aussicht auf die neue Welt durch den Zementblock alter Traditionen verbaut. Die Tage wiederholen sich. In der Wiederholung liegt auch der große Reiz dieses Buches, der sich mit der Zeit jedoch abnützt. Hier musste ich manchmal höllisch aufpassen, nicht den Faden oder das Interesse zu verlieren.
    Als Konstante in beiden Realitäten ist Younes jedoch immer der „Hurensohn“ und Shaihra die Schlampe. Und gleich in welcher Realität wir uns befinden, es geht immer um Heimat, Herkunft, Familie, einen Blick zurück und die große Frage, was die Zukunft bereithält. Es geht um Ausgrenzung in der fremden neuen Heimat, aber auch um Ausgrenzung innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Es geht um weibliche und männliche Perspektiven, stark patriarchale Strukturen und das Aufkeimen weiblicher Selbstbestimmung.
    In den ganz alten Geschichten der alf leila wa leila, den Geschichten aus tausendundeiner Nacht, erzählt eine Frau um ihr Leben. Sie erzählt von Zeiten als „Frauen noch Königinnen waren und Ifrite aus Meeren aufstiegen, um Menschen das Leben zu erschweren“ . Auch Karosh Taha ist eine begnadete Erzählerin, die mit Poesie und bildhafter Sprache aufwarten kann. Das Paradies liegt angeblich unter den Füßen der Mutter. Das Paradies, das die jungen Menschen in dieser Geschichte zu finden hoffen, ist kein mystisches. Es ist ein ganz irdischer Platz, an dem sie ankommen können, es ist der Zugang zu Bildung, es ist das eigene intellektuellen und wirtschaftliche Fortkommen. Es ist nicht ganz so einfach, „wenn die Mutter eine Hure ist“, sagt Younes. Es ist ein großer Abnabelungsprozess. Dem Bauch der Königin zu entwachsen, ist nicht immer nur ein biologischer Vorgang.
    „Es gibt ein Ende, sagt Younes.“ Das Ende, von dem Karosh Taha erzählt, ist gleichzeitig ein neuer Anfang.

  1. Einwanderer. Zweite Generation.

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2020 

    Kurzmeinung: Der vierte Stern wackelt ...

    Die Geschichte des Romans ist jetzt nicht mehr neu, es ist die Geschichte der ersten und zweiten Generation irakischer Flüchtlinge. Handlungsort ist eine nicht benannte größere Stadt, 252 Kilometer von Frankfurt/Main entfernt. Es könnte Düsseldorf sein. Oder?

    Die Schreibweise ist besonders, ergeht sich in unzähligen, gewollten, Wiederholungen, besonders im ersten Teil. Das nervt unendlich. Prägt sich aber auch ein! Im ersten großen Abschnitt erzählt Amal von ihrem Viertel, stellt die Kinder, die dort leben vor, die Familien. Mehr oder weniger teilen alle dasselbe Schicksal, sie sind immer noch Entwurzelte, obwohl sie in zweiter Generation nun in Deutschland geboren sind. Dasselbe Schicksal in immer neuen Variationen, denn ihr Aufenthaltsstatus ist unterschiedlich.

    Die Menschen richten sich ein, die einen so, die anderen so, in einigen Familien können die Väter die Demütigung nicht ertragen, in Deutschland eine untergeordnete Tätigkeit auszuüben, obwohl sie in ihrer Heimat prestigetragende Berufe ausübten. Die Sprachbarrieren betrachten sie als einen Anschlag auf ihre Persönlichkeit und sind nicht gewillt, genug Energie aufzuwenden, sie zu überwinden. Deshalb beschließen einige der Männer, zurückzukehren, auch wenn das bedeutet, dass sie in ein Land gehen, das politisch prekäre Verhältnisse aufweist. Was es für ihre Frauen und Kinder, vorzugsweise für die Töchter bedeutet, wird angerissen. Dabei bleibt es aber auch.

    Amal und Raffik, ihr späterer Freund, der den zweiten Teil erzählerisch bestreitet, kennen von allen Familien intimste Details. Gleichzeitig in zwei Kulturen zuhause oder auch gleichzeitig in zwei Kulturen nicht ganz Zuhause, davon erzählt der Roman.

    Wovon er eigentlich nicht spricht, obwohl er ständig davon spricht, ist die Emanzipation der Frau(en). Shahira, die sich von ihrem Mann getrennt hat, nachdem dieser nach einem Ehebruch versucht hat, sie in den Irak zu verschleppen, lebt, wie sie will und ist promiskuitiv, obwohl sie genau weiß, dass nicht nur ihr Ansehen in dem Viertel darunter leidet, sondern ihr Sohn Younes deswegen allerhand auszustehen hat. Shahira spricht vielleicht zweimal in dem Roman expressis verbis. Doch Shahira ist gar nicht so sehr das Thema des Romans, obwohl er so beworben wird. Es geht um die tastende Ankunft der Kinder und der Frauen, die sich ob sie wollen oder nicht verändern – oder aufgeben und ihren Männern zurück in die alte Heimat folgen. Oder die Männer geben auf. Und die, die eigentlich nicht aufgeben, haben einfach manchmal Pech und werden abgeschoben. Immer die Falschen, denkt man.

    Die Kritik:

    Das ständige Draufrumgehacke auf den Körper und die engen Röcke von Shahira ist eher quälend und themaverschleppend und ist als Beitrag zur Auseinandersetzung zur sexuellen Selbstbestimmung oder überhaupt zur Selbstbestimmung der Frau viel zu oberflächlich. Die Darstellung der Shahira-Figur hat der geneigten Leserin gründlich missfallen und ihr den Roman etwas vergällt. Der vierte Stern wackelt und schwankt ...

    Dennoch löst der Roman Kopfkino aus, denn man kann sich gut in die einzelnen Familien und ihre Positionen hineindenken. Man verändert sich oder man scheitert. Es scheint keine andere Möglichkeit zu geben.

    Fazit: Stilistisch interessant, manchmal nervend, wird ein altes Thema aufbereitet. Leider ist das alte Einwanderungsthema immer noch brandaktuell und wird uns noch eine Weile begleiten. Die Konflikte der Community sind jedoch auf ein verharmlosendes Niveau heruntergebrochen. Der Titel des Romans hat sich nicht erschlossen.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: DuMont, 2020