Idaho: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Idaho: Roman' von Emily Ruskovich
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Ein flirrender Sommertag in Idaho, USA: eine Familie im Wald, die beiden Mädchen spielen, die Eltern holen Brennholz für den Winter. Die Luft steht, die Mutter hat ein Beil in der Hand - und innerhalb eines Augenblicks ist die Idylle zerstört. Ist es Gnade, dass der Vater, Wade, langsam sein Gedächtnis verliert? Bald wird er nicht mehr wissen, welche Tragödie sich an jenem Tag abgespielt hat, wie seine Töchter hießen und seine Frau, Jenny, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Auch Ann, die Frau, deren Liebe groß genug ist, um zu Wade in das leere Haus zu ziehen, wird nie den Hergang der Tat erfahren. Aber mit jedem Tag an Wades Seite erkundet sie genauer, was damals geschehen ist, und nimmt schließlich Kontakt zu Jenny auf. Ein atemberaubender Roman über das Unbegreifliche in uns.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446258532

Rezensionen zu "Idaho: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Feb 2019 

    Was geschah auf dem Mount Loeil

    Dieser Roman ist eine etwas verworrene Geschichte, in der es um Realität und Irrealität geht. Der Leser muss sich mit einer Geschichte befassen, die aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird, wobei letztendlich das klärende Gespräch der betroffenen Personen nicht so richtig erfolgt. Es werden eher viele verschiedene Vermutungen präsentiert, der geneigte Leser darf sich aus diesen unterschiedlichen Gedanken, teils mit realem, teils mit irrealem Hintergrund seine eigenen Gedanken machen. Es geht um reale Erinnerungen und die pure Einbildungskraft. Und wir Leser fragen uns zum Teil, was ist wahr/real. Der Roman ist nicht chronologisch geordnet und auch immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln geschrieben, was die sowieso schon verwirrende Geschichte noch etwas verworrener gestaltet. Aber mir persönlich sehr gefällt. Ich liebe dieses Hin- und Herspringen. Und ich liebe auch den Sprachklang der Ruskovich. Und ich liebe die Art, in der Ruskovich ihre Charaktere zeichnet, denn genau das macht sie grandios. Diese Autorin hat Potenzial und ich denke wir werden noch von ihr hören. Dieser Roman entwickelt außerdem eine starke Sogwirkung.

    Zur Handlung: Wade, Jenny und ihre zwei Töchter June und May fahren an einem Augusttag im Jahre 1995 zum Holzholen auf den Mount Loeil, dabei kommt es zu einem folgeschweren Unglück. Die kleine Tochter May wird erschlagen, die größere Tochter verschwindet spurlos, die Ehefrau Jenny bezichtigt sich der Tat und geht ins Gefängnis, der Familienvater Wade bleibt allein zurück. Wobei nicht wirklich klar wird ob dies auch so war. Für mich ergeben sich zwei Deutungsmöglichkeiten, wobei es im Buch zu keiner eindeutigen Lösung kommt. Erschwerend kommt hinzu, das in der Familie von Wade die frühe Form der Demenz vorkommt, was Wade in einer nachvollziehbaren Weise Angst bereitet und zu dem familiären Drama noch dazukommt. Wade hatte vor dem Unfall in der Schule die Lehrerin Ann kennengelernt, hatte dort Klavierstunden genommen, weil er gehört hatte, dass Klavierspielen den Degenerationsprozess des Gehirns eventuell verlangsamen könnte. In der Zeit entsteht eine Nähe zwischen den Beiden, dies mündet schließlich in die Heirat und das Zusammenziehen von Ann und Wade. Ann weiß um die Geschehnisse beim Holzholen und versucht ihrerseits in einer etwas skurrilen Art für sich Licht ins Dunkel der Geschehnisse von damals zu bringen. Wade's Erkrankung wird nun nach acht Jahren Ehe schlimmer und mündet schon in gewissen Gewaltausbrüchen seiner Ehefrau gegenüber, die sie versucht zu ertragen, bei mir aber eine Angst auslöste und die Frage wie weit das noch gehen sollte. In dem Buch werden die Geschehnisse zwischen den Jahren 1973 und 2025 dargestellt, es werden die Sichten der verschiedenen Hauptakteure des Romans gezeigt, und auch ihr Beziehungsgeflecht untereinander, dadurch bekommt der interessierte Leser Einblicke und kann sich seine eigenen Gedanken machen und für sich selbst nach Deutungen suchen. Denn es wird am Ende nichts aufgelöst, es werden keine Fakten präsentiert, das dürfen wir Leser für uns selbst entscheiden. Was ich aber als nicht störend empfand, denn die Charakterzeichnungen der Ruskovich geben genug Raum für Lösungen ab.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Dez 2018 

    Virtuos erzählt!

    Eine Familie ist im Wald beim Brennholz sammeln. Vater, Mutter, zwei Mädchen. Es ist heiß, die Eltern arbeiten die Kinder spielen und plötzlich ist da ein Beil, eines der Mädchen tot, die sechsjährige May, die neunjährige Schwester June auf ewig im Wald verschollen. Die Mutter Jenny geht für die Tat lebenslänglich ins Gefängnis.

    Der Vater Wade leidet an einer familiären Disposition der Frühdemenz, seine zweite Frau Ann, die er ein Jahr nach der Katastrophe heiratet, beginnt ein Leben in Wades Retrospektive.

    Idaho ist ein beklemmendes atmosphärisch dichtes Meisterwerk. Unzählige Zeitebenen, viele Fäden, die zusammen und wieder auseinanderlaufen. Personen tauchen auf, bei denen man zu Beginn ihre Wertigkeit für das Buch unterschätzt, aber die die Autorin so gekonnt als Bande für ihre fortwährend rollende Erzählkugel verwendet. Das Buch zieht einen virtuos in ein Geflecht von Schuld, Vergebung, Liebe, Erinnerung. Bei aller Grausamkeit des Geschehens bleibt so viel Zärtlichkeit für die Figuren über.

    Was bleib von der Vergangenheit, wenn einen die Erinnerung dazu fehlt, wenn einem das Gedächtnis im Stich lässt. Was passiert, wenn echte Erinnerung von gedachter oder erzählter Erinnerung überdeckt wird. So wie Ann versucht den Hergang der Katastrophe zu rekonstruieren, so verliert sich der Leser in von der Autorin offensichtlich gewünschten Spekulationen. Ganz geschickt manipuliert Emily Ruskovich den Leser, allein an die Möglichkeit völlig irrationaler Geschehnisse zu glauben. Ein wenig ist das Buch wie ein Gemälde von Escher, alles dreht sich, führt scheinbar im Kreis, verwinkelt, verschoben und nur bei einer kleine Änderung des Blickwinkels schon wieder ganz anders.

    Mich hat das Buch über weite Strecken außerordentlich begeistert. Und doch, fühlte ich mich zum Schluss von der Autorin ein wenig allein gelassen. Je länger ich allerdings über das für mich zunächst so unbefriedigende Ende nachdenke, komme ich immer mehr zu dem Ergebnis, dass in den letzten Sätzen alles das steht, was es über das Buch zu wissen gilt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Apr 2018 

    Nichts ist so, wie es gewesen sein wird

    Ann, eine junge Klavierlehrerin, heiratet Wade, der ein Jahr zuvor auf dramatische Weise seine Töchter verlor, während seine Exfrau im Gefängnis sitzt. Doch damit nicht genug, leidet er wie sein Vater und Großvater an Demenz, die ihn bereits im vergleichsweise jungen Alter befällt. Einerseits ein Segen angesichts der schrecklichen Vorkommnisse, andererseits wird ihm immer wieder schmerzlich bewusst, wie nach und nach seine Töchter in Vergessenheit geraten. Ann versucht derweil anhand der Fundstücke im Haus (Fotos, Kleinigkeiten wie Spielzeug, Haargummis etc.), sich selbst ein Bild von dem damaligen Geschehen zu machen.
    Auch wenn die Geschichte zu Beginn wie ein Krimi erscheinen mag, ist es alles andere als das. Zwar wird eine unglaubliche Spannung im Hinblick auf die tatsächlichen Ereignisse am Berg aufgebaut, denen man sich langsam aus unterschiedlichen Richtungen nähert. Doch tatsächlich wird damit (wie auch mit anderen Geschehnissen) deutlich gemacht, wie sehr Vorstellung und Phantasie die Vergangenheit bestimmen, die sich wiederum auf die Gegenwart auswirken können. Ann ist beispielsweise immer mehr davon überzeugt, eine Mitschuld an diesem Unglück zu haben, was sie in große Gewissensbisse stürzt.
    Das Buch verlangt ein aufmerksames Lesen, denn die Perspektiven wechseln häufig zwischen verschiedenen Personen, sodass man bei einer gewissen Achtlosigkeit schnell die Übersicht verlieren kann, was Realität und was Imagination ist. Zudem ist die Sprache trotz der überaus düsteren Atmosphäre sehr poetisch, für die man sich Zeit nehmen sollte. Die Autorin hat ein Gefühl für gelungene Beschreibungen wie beispielsweise beim Thema Briefe '..., zum Verschließen angeleckt von den Zungen der Vergangenheit.' (S. 73) oder 'Morgen früh, wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt. Man kann es singen, so sanft man will, die Worte fletschen trotzdem die Zähne. Gott will nicht immer.' (S.101).
    Gewiss ist es kein Gute-Laune-Buch oder lockere Unterhaltung für die Strandliege. Dafür aber eine spannende Lektüre, die Anregungen zum Umgang mit der eigenen Vergangenheit und den Erinnerungen daran liefert.