Ich und die Menschen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich und die Menschen: Roman' von Matt Haig
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

In diesem Hörbuch geht es um dich" - In einer regnerischen Nacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Und es ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Es hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen, jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die es überkommen, wenn es Debussy hört oder seiner vermeintlichen Frau Isobel in die Augen blickt?

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:352
EAN:9783423260145

Rezensionen zu "Ich und die Menschen: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2014 

    Voller Weisheiten, skurril und warmherzig...

    In einer regnerischen Freitagnacht findet Professor Andrew Martin die Lösung für das größte bekannte Problem in der Mathematik. Danach verschwindet er. Seine Stelle nimmt jemand anderes ein - ein Wesen von einem anderen Stern mit überlegener Intelligenz und einem Auftrag: den weiteren mathematischen Fortschritt der Menschheit zu verhindern.
    Der neue Andrew ist nicht begeistert von seiner Aufgabe, auch nicht von seiner neuen Existenz. Und von den Menschen schon gleich gar nicht. Was für eine seltsame Lebensform, die nur primitivste Technik, mittelmäßige Intelligenz und keinerlei Sinn fürs Wesentliche besitzt! Und doch, bei näherer Bekanntschaft kann man auch positive Seiten an ihnen entdecken... Er schiebt die Erfüllung seines Auftrags immer weiter hinaus, und eines Tages reißt seinen Auftraggebern die Geduld.

    Um zu schützen, muss man manchmal zerstören. (Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt das Universum.) Es war eine ganz einfache Mission - oder wäre es gewesen, wenn ich mich nicht hätte hineinziehen lassen. (S. 19)

    Das Wesen vom anderen Stern, das in den Körper des genialen Mathematikers Andrew Martin schlüpft, hat den Auftrag zu verhindern, dass die neueste mathematische Erkenntnis des Professors an die Öffentlichkeit gelangt. Der technische Fortschritt, der dadurch erzielt werden könnte, würde die Menschheit überfordern und damit in Gefahr bringen.
    Um zu ergründen, wem der Professor vor seinem Verschwinden von seiner bahnbrechenden Entdeckung berichtet hat, muss das Wesen einige Zeit lang in der Person des Mathematikers in dessen Umfeld unauffällig Erkundigungen einholen.

    Das gelingt anfangs weniger gut, jedenfalls die Sache mit dem Unauffälligen. Als er nackt über die Autobahn rennt, wird er von der Polizei einkassiert und landet schließlich in der Psychiatrie. Doch wenig später wird er entlassen und nimmt seinen Platz in der Familie des Professors und bei seiner Arbeit an der Universität von Cambridge ein. Was natürlich nicht reibungslos funktioniert.

    Neben allerlei skurrilen und absonderlichen Situationen ist es v.a. die Sichtweise des Außerirdischen auf die Menschheit, die das Besondere des Romans ausmacht.

    Die Erde war, wie mir später klar wurde, ein Planet der verpackten Dinge. Nahrung in Folie. Körper in Kleidung. Verachtung in Lächeln. Alles war verpackt. (S. 27)

    Doch es bleibt nicht dabei, dass der fremde Andrew der Menschheit einen manchmal nicht sonderlich schmeichelhaften Spiegel vorhält - je länger er auf der Erde weilt, desto mehr schöne Seiten entdeckt er unerwartet am Erdensein.
    Musik. Gedichte von Emily Dickinson. Erdnussbutterbrote. Und - Gefühle.

    Und ich erkannte das Ergreifende der menschlichen Existenz: ein sterbliches Wesen zu sein, das im Grunde allein war, aber den Mythos der Gemeinschaft mit anderen Menschen brauchte. Mit Freunden, mit Kindern, mit Geliebten. Es war ein verlockender Mythos. (S. 183 f.)

    Das Wesen vom anderen Stern trifft eine Entscheidung. Und diese Entscheidung wird alles verändern. Grundlegend...

    Voller Weisheiten, skurril und warmherzig kommt dieser Roman daher, der trotz des Wesens vom anderen Stern nichts mit Science-Fiction zu tun hat. Dabei ist das Buch flüssig geschrieben und präsentiert Charaktere, die einem rasch ans Herz wachsen. Neben witzigen Episoden tauchen unvermittelt tiefgründige, fast philosophische Passagen auf, die zumindest kurz nachdenklich stimmen und/oder berühren. Die Sichtweise eines "Fremden" ermöglicht dabei einen nahezu unverfälschten Blick auf das Menschsein, doch es ist ein Lernen auf Gegenseitigkeit.

    Das Ganze mündet am Ende in 97 Ratschlägen für einen Menschen, von denen ich mühelos zwei Drittel hier als erwähnenswerte Zitate einstreuen könnte (S. 324 ff.). Stellvertretend hier ein paar Beispiele:

    Zweifle nicht an deinen Fähigkeiten. Du hast die Fähigkeit zu lieben. Das ist genug.

    Sei neugierig. Hinterfrage alles. Die Fakten der Gegenwart sind die Märchen der Zukunft.

    Jede neue Technologie auf der Erde ist in fünf Jahren lächerlich überholt. Halte dich an die Dinge, die auch in fünf Jahren nicht lächerlich sein werden. Liebe. Ein gutes Gedicht. Ein Lied. Der Himmel.

    Strebe nicht nach Perfektion. Die Evolution und das Leben kommen nur durch Fehler weiter.

    Versuch nicht immer cool zu sein. Das ganze Universum ist cool. Es sind die warmen Stellen, die zählen.

    Hör auf deinen Kopf. Hör auf dein Herz. Hör auf deinen Bauch. Hör auf alles, außer auf Befehle.

    Haaaaalt, jetzt reicht es wirklich. Das sprengt hier sonst den Rahmen.

    Ich kann nur raten: lest es selbst! Dieses Buch ist in meinen Augen jedenfalls zurecht ein Bestseller...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jul 2014 

    Es lässt mich nachdenklich zurück

    Andrew Martin, Professor der Mathematik in Cambridge, ist im wahrsten Sinne des Wortes, nicht mehr er selbst. Er wurde ausgetauscht von einem Außerirdischen, der ihn getötet hat um sein Aussehen anzunehmen. Er musste das tun, denn Andrew hatte ein mathematisches Rätsel gelöst, für das die Menschheit noch nicht bereit war. Nun soll er sich unter die Menschen mischen um zu erfahren, wer alles von Andrews Durchbruch weiß um diese Personen dann zu töten. Das führt dazu, dass er gleich an seinem ersten Tag auf der Erde nackt von der Polizei aufgegriffen wird und in der Psychiatrie landet. Er merkt, dass er noch sehr viel lernen muss und mit Hilfe seiner "Gabe" wird er schnell wieder entlassen. Er versucht alles, damit seine Frau Isobel und sein Sohn Gulliver nicht misstrauisch werden. So langsam merkt er wie er sich verändert. Er begreift, dass das menschliche Dasein doch nicht so unnötig ist, wie er immer geglaubt hat und er erkennt, dass man Schmerz, Verlust und Angst kennen muss um Liebe empfinden zu können. Und dann trifft er eine unwiderrufliche Entscheidung.....

    Der außerirdische Andrew kommt von einem Planeten in dem es kein Ich, sondern nur ein Wir gibt. Es gibt keine Gefühle, nur Logik. Es gibt keine Familien, keine Partnerschaft, keine Liebe, sondern nur die Logik, und die Moderatoren, die dafür zuständig sein, dass alles rund läuft. Ihre Religion ist die Mathematik. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie verwirrend alles auf der Erde für Andrew war, als er hier ankam. Das sorgte am Anfang der Geschichte für sehr viele Lacher.

    Aber dann ändert sich Andrew. Je mehr er über die Menschen lernt, desto mehr fühlt er sich zu ihnen hingezogen. Und eigentlich sind sie doch gar nicht so hässlich, wie er am Anfang dachte. Mit ihren Nasen und Ohren, die aus dem Gesicht stehen und diesen seltsamen Händen und Füßen. Und auch wenn die Menschheit nicht besonders intelligent ist und im Fortschritt weit hinter seinem Heimatplaneten zurückliegen, haben sie doch etwas ganz besonderes: Sie sorgen füreinander, sind füreinander da und schenken sich Liebe, Wärme und Geborgenheit.

    Der Ich-Erzähler lässt uns an der ganzen Palette seiner Gefühle teil haben, die er nach und nach entwickelt. Der erste wirkliche Freund auf diesem Planeten ist der Familienhund Newton, den er sehr gut versteht und der ziemlich intelligent auf ihn wirkt. Mit seinem Sohn Gulliver hat er ziemliche Probleme, ist der doch gerade 15 Jahre alt und in der schlimmsten Pubertätsphase. Aber mit der Zeit findet diese Familie immer enger zusammen.

    Es ist schon ein etwas anderes Buch, das ich hier in Händen hielt. Ein Buch, das uns einen Spiegel vor Augen hält. Es zeigt uns, was für seltsame Wesen wir doch sind. Dass wir an Dingen festhalten, die absolut unnötig sind, aber sie sind eben schon immer so gewesen also warum sollten wir sie ändern? Es zeigt uns, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und ich fand es sehr interessant mich mal mit den Augen einer anderen Spezies zu sehen.

    Der Schreibstil ist sehr leicht und flüssig zu lesen, aber nicht ganz einfach. Man muss auch zwischen den Zeilen lesen können, um die ganze Schönheit dieser Geschichte zu erfassen. Fast Philosophisch möchte ich sie nennen, aber trotzdem auch prosaisch. Andrew schreibt seinem Sohn 97 Regeln auf, nach denen er sich nach Möglichkeit richten soll. Ich finde, die sollten wir alle beherzigen, denn es steckt eine Menge Wahrheit dahinter.

    Ich vergebe für dieses wunderschöne und außergewöhnliche Buch 5 von 5 Punkten, den Favoritenstatus und eine Leseempfehlung an alle, die auch die leiseren Töne mögen. Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, denn es ist etwas ganz besonderes und gehört zu diesen Geschichten über die man noch lange nachdenkt, wenn das Buch gelesen ist. Vielleicht sollte jeder selbst einmal für kurze Zeit ein "Andrew" sein. Einfach mal alles aus einer anderen Perspektive sehen und in Frage stellen. Ich denke, das würde uns allen ganz gut tun.

    © Beate Senft

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jun 2014 

    Das Leben aus philosophischer Sicht

    Der Mathematikprofessor Andrew Martin wandert nackt an der Autobahn entlang. Doch ist er nicht mehr er selbst. Eine hochintelligente außerirdische Form hat von ihm Besitz ergriffen, deren Ziel es ist, Professor Martin auszuschalten, da er eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hat. Aber nicht nur der Professor, sondern auch alle, denen er von seiner Entdeckung erzählt hat, sollen eliminiert werden.
    Andrew bzw. die außerirdische Intelligenz kann sich Schöneres vorstellen, als diesen Auftrag auszufüllen, weiß er doch, dass alle Menschen hässliche, dumme Lebewesen sind, die nichts anderes im Kopf haben, als ihr Leben mit Nichtigkeiten zu verschwenden.
    Doch dann merkt er, dass diese Nichtigkeiten Spaß machen können, allen voran Erdnussbutter mit ganzen Nüssen oder das Streicheln eines Hundes. Und so dumm und hässlich sind diese Menschen gar nicht. Allen voran Isobel...

    Gleich von Anfang an ist man in der verwirrenden Gedankenwelt einer außerirdischen Intelligenz gefangen, die selbst versucht, sich in einer Welt zurechtzufinden, die sie bislang nur von Wortkapseln her kennt, die man verschluckt und somit deren ganzes Wissen in sich aufnimmt. Doch irgendwie hat die Wortkapsel nicht alles enthalten, was es Wissenswertes von der Erde gibt. Und dies muss der Außerirdische bzw. der neue Andrew am eigenen nackten Leib erfahren.

    Das Buch kommt betont ruhig daher. Gefühle sind am Anfang nur spärlich vorhanden. Doch das Tempo wird angehoben und die außerirdische Lebensform muss sich mit ihrem neuen Leben als Professor Andrew Martin arrangieren und so tun, als wäre alles beim Alten.

    Das dies nicht gelingt, ist von vorneherein klar und so kommt es zu vielen Missverständnissen, Fettnäpfchen und vor allem Fragen, Fragen, Fragen.

    Ich habe mich irgendwie gleich wohl gefühlt und mich darauf gefreut, den „Lebens“weg des Außerirdischen mitzuverfolgen, auch wenn er eigentlich eine Mission hat, die nicht zu vertreten ist.

    Die meist philosophischen Denkweisen haben mich selbst dazu angeregt, über die Spezies Mensch nachzudenken und so bin ich teilweise zu überraschenden Ergebnissen gekommen, die mit denen der Lebensform übereinstimmten.
    Ein bisschen schwarzer Humor, Kritik an menschlichen Gewohnheiten und eine gesunde Portion Ironie haben so eine Mischung ergeben, die locker, flockig aufzeigt, was es heißt, ein Mensch zu sein und vor allem, was das Leben lebenswert macht.

    Fazit:
    Herzlich, lebens- und vor allem lesenswert.