Ich an meiner Seite: Roman

Rezensionen zu "Ich an meiner Seite: Roman"

  1. Macht nachdenklich

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Apr 2020 

    Nachdem der 22-jährige Arthur, der still und intelligent ist, nach 26 Monaten Gefängnis wieder in Freiheit ist, muss er feststellen, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Was ihm fehlt sind die passenden Zeugnisse. Gemeinsam mit seinem Therapeuten Börd und seiner Ersatzmutter Grazetta schmiedet er einen Plan für eine kleine Lüge.

    Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn die Beschreibung hat mich neugierig gemacht und ich wollte wissen, wer Arthur ist und wie sein Leben verläuft.
    Der Einstieg in das Buch ist mir gut gelungen. Der Schreibstil war anders und hat mich deutlich mehr gefordert, als es andere Bücher tun. Ich musste mehr zwischen den Zeilen lesen, interpretieren, zusammenreimen. Doch das gefiel mir gut und es fiel mir auch nicht schwer. Zudem war ein toller Humor dabei, der das Lesen sehr angenehm machte.
    Die Charaktere wurden detailliert beschrieben und ich hatte klare Bilder vor Augen. Arthur war ein besonderer Protagonist, den ich schnell ins Herz geschlossen hatte. Weshalb er ins Gefängnis kam, wurde erst später erwähnt. Dennoch war klar, dass er kein typischer Krimineller war. Ich habe ihm von Anfang an gewünscht, dass er eine neue Chance erhält. Neben Arthur wurden auch sein Therapeut Börd und die sterbenskranke Grazetta toll beschrieben und ich habe sie beide liebgewonnen. Die Personen waren insgesamt wirklich toll, auch wenn ich an der einen oder anderen Stelle gerne noch mehr erfahren hätte.
    Die Geschichte begann mit Arthurs Entlassung aus der Haft und spielte dann auf unterschiedlichen Zeitebenen und Orten, zwischen denen immer wieder gewechselt wurde. Dadurch erfährt man von Arthurs Leben seit seiner Kindheit. Sehr bewegend beschrieben wurden die Zeit und die Zustände im Gefängnis, das ging mir sehr nahe. Danach ein „normales“ Leben zu führen, ist gar nicht so einfach und bedarf der Hilfe, die Arthur hier von Börd erhielt.

    Die Geschichte regt zum Nachdenken an und wirkt auch noch nach. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

  1. In der Hauptrolle: das Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Apr 2020 

    „Heute Vormittag hat Arthur Galleij als freier Mensch das Gefängnis der JVA Gerlitz verlassen.“
    Arthur ist 22 Jahre alt, als er nach Verbüßung einer Haftstrafe wieder ins Leben entlassen wurde. Er ist ein stiller junger Mann, intelligent, auf sich allein gestellt. Mit Hilfe seines Bewährungshelfers Vogl, „Börd“ genannt, und dessen unorthodoxen Methoden soll er wieder Fuß fassen in der Gesellschaft.
    Die österreichische Autorin Birgit Birnbacher beschreibt in ihrem Roman „Ich an meiner Seite“ den Werdegang eines jungen Menschen, der wohl zu Recht strafrechtlich verurteilt wurde und dem man trotzdem eine Chance auf Resozialisierung wünscht. Ein reales Vorbild liegt der Person des Arthurs zugrunde, wie man in der Danksagung der Autorin erfährt.
    Ohne Vater wuchs Arthur auf, in der Salzburger Provinz. Die Mutter Marianne erhofft sich ein besseres Leben als das ihrige in der Eisenbahnersiedlung, als Alleinerzieherin von zwei Söhnen. Georg, Mariannes Lebensgefährte, der sich mehr mit seinem Blackberry unterhält als mit der Frau und den Kindern, kann dies ermöglichen. Die Familie zieht nach Andalusien, hangelt sich empor. Doch als ein Unglück passiert, zieht Arthur alleine wieder zurück nach Wien.
    Birgit Birnbacher erzählt keine lineare Geschichte, springt zwischen Gegenwart, Kindheitserinnerungen, der Zeit vor der Haftstrafe. Lange weiß man als Leser nicht, was einen Menschen wie Arthur ins Gefängnis gebracht hat. Arthur ist kein Krimineller, ganz im Gegenteil. Die Erfahrungen, die er in der Justizvollzugsanstalt gemacht hat, prägen ihn. Außer den Schwerverbrechern, mit denen Arthur im Knast überleben lernen musste, ist die Autorin ihrem Personal zugeneigt. Da ist die alte sterbenskranke Schauspielerin Grazetta, die etwas Besonderes mit Arthur vorhat. Und „Börd“: Dieser schräge Charakter soll für Arthurs Resozialisierung sorgen. Sein Galgenhumor und skurrile Episoden sorgen mitunter sogar für heitere Momente.
    Jemanden an seiner Seite zu wissen, kann Stütze und Trost sein. Arthur hat lang nur sich selbst an seiner Seite. Da kann es schon passieren, dass er sich selbst im Weg steht. Mit Börds spezieller Methode betritt Arthur eine ganz persönliche Bühne, mit sich selbst als Hauptrolle.
    “Nicht wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können.“ Sich selbst zu spielen, in einer besseren klügeren, weichgezeichneten Version, das rettet Arthurs Leben