Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Rezensionen zu "Ich erwarte die Ankunft des Teufels"

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     - 23. Mär 2020 

    Eitelkeit und Rebellion

    „Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mir selbst verfassen, Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt.“
    So beginnt das Tagebuch der 19-jährigen Mary MacLane. Es ist ein Manifest der Weiblichkeit, der unbändigen Profilierungslust, das Werk einer ganz außergewöhnlichen jungen Frau. Zumindest für eine Frau der damaligen Zeit. Denn Mary Mac Lane schrieb dieses Tagebuch zwischen Jänner und April 1901. Vier Monate verbring sie schreibend, manchmal täglich, manchmal gibt es Lücken von einigen Tagen. Oft ist es ein langer Schwall an Worten, manchmal nur ein Einzeiler für einen Tag.
    Nun, wer war diese Mary MacLane: Geboren wurde Mary in Kanada, aufgewachsen in Montana, wo sie immer noch lebt, als sie dieses Werk verfasste. Der Vater, der nie einen Gedanken an sie verschwendet hat, wie sie behauptet, verstarb früh. Mit der Mutter und einigen Geschwister verbringt sie ihren Alltag in der eintönigen Stadt Butte. Sie sieht sich selbst als „Philosophin ihrer eigenen guten peripatetischen Schule“. Sie erhebt sich über alle anderen Menschen, nennt sich ein Genie, auch in Aussehen und Figur ansehnlich. Den Teufel wünscht sie sich als Liebhaber, den Teufel, für den sie alles, sich selbst hingeben will. Der Eintönigkeit, die stupiden Alltagstätigkeit will sie entkommen, der Tristesse des Bergbaustädtchen, der Ödnis der Ungebildeten und gibt sich dann doch mit einem Steak und frischen Zwiebeln zufrieden.
    Der Peripatos driftet nur allzu oft in Pathos ab. Mag der Anfang noch einen gewissen Sog gezogen haben, mit der Zeit beginnt sich alles zu wiederholen, sich im Kreise zu drehen. Mary will schreiben, will Ruhm, will Glück, will sterben, will unsterblich sein und dann wieder alles von vorne.
    Sie fragt (sich, uns?): „Bin ich nicht unerträglich eitel?“ – „Ja!“, will ich schreien. „Ja, ja!“
    Marys Leben ist eine einzige Rebellion, nur nicht für die Allgemeinheit, sondern ausschließlich für sie selbst. Ich bin mir sicher für die Zeit, den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, da war ein Werk wie dieses eine Sensation, wahrscheinlich ein Skandal. Aus heutiger Sicht finde ich Mary nur affektiert und redundant.