Ich bleibe hier

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich bleibe hier' von Marco Balzano
4.6
4.6 von 5 (19 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ich bleibe hier"

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783257071214

Rezensionen zu "Ich bleibe hier"

  1. Verlierer der Geschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Aug 2020 

    Für Tausende Touristen ist der zur Hälfte aus dem Reschensee ragende Kirchturm der alten Grauner Pfarrkirche St. Katharina in jedem Jahr Grund für einen Stopp und Motiv für ein spektakuläres Urlaubsfoto. Ein zufälliges Vorbeikommen im Sommer 2014 war für den italienischen Autor Marco Balzano Anlass, die Geschichte des Bergdorfs Graun, der Region Südtirol und des Staudamms am Dreiländereck Italien-Österreich-Schweiz zu studieren und alte Bewohner, Ingenieure und Historiker zu befragen. Beeindruckendes Ergebnis dieser Recherchen ist der Roman "Ich bleibe hier", 2018 zweitplaziert beim angesehensten italienischen Literaturpreis Premio Strega, mit einer fiktiven Familiengeschichte vor historischem Hintergrund.

    Eine Ich-Erzählerin
    Die Grauner Lehrerin und Bäuerin Trina Hauser erzählt ihre Lebensgeschichte, allerdings nicht uns Leserinnen und Lesern, sondern ihrer Tochter Marica, von deren Verschwinden man bereits auf den ersten Seiten des Romans erfährt. Für Trina und ihren Mann Erich bleibt die abwesende Tochter zeitlebens eine Wunde, die zwar irgendwann nicht mehr blutet, aber immer schmerzt. Wie der Kirchturm im See haben sie einen wichtigen Teil ihrer selbst verloren.

    Dabei schien ihr Lebensweg, trotz der schwierigen Lage durch die italienische Annexion Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg, zunächst vielversprechend. Trina, die immer an die Macht der Wörter glaubte, war nach der Reifeprüfung 1923 Lehrerin geworden, doch Mussolinis Politik, die die Südtiroler mit immer brutaleren Methoden zwangsitalienisieren sollte, setzte ihren Ambitionen ein jähes Ende. Nun wurden Lehrkräfte aus Süditalien geholt, die deutsche Sprache verboten, geografische Bezeichnungen und sogar Grabsteininschriften von den Faschisten italienisiert. Trina gehörte zu den Mutigen, die trotz größter Gefahren Deutschunterricht an geheimen Orten erteilte.

    Faschisten und Nationalsozialisten
    Der anfänglich große Zusammenhalt gegen die italienischen Zuwanderer endete im Oktober 1939 mit Hitlers Angebot einer Auswanderung ins nationalsozialistische Deutsche Reich. Die „Optanten“ verloren ihre Heimat, die „Dableiber“, unter ihnen Trina und Erich, ihre Sprache:

    "Weil ich hier geboren bin, Trina. Mein Vater und meine Mutter sind hier geboren, du bist hier geboren, unsere Kinder sind hier geboren. Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ (S. 62)

    1939 war das Jahr, als die Tochter verlorenging. Wenig später griff die Regierung in Rom das alte Staudammprojekt wieder auf, das die Existenz Grauns und seiner Umgebung bedrohte, und das erst mit dem deutschen Einmarsch unterbrochen wurde. Wieder galt es, zu wählen: kämpfen in der Wehrmacht oder sich als Deserteur in den Bergen verstecken?

    Die Erleichterung über das Kriegsende wich mit der zügigen Wiederaufnahme der Bauarbeiten schnell der Ernüchterung, Widerstand blieb erfolglos. Im Sommer 1950 wurden die Häuser gesprengt und Graun überflutet. Wieder die Wahl zwischen Gehen und Bleiben und wieder die Entscheidung für die Heimat:

    "Wärst du zurückgekehrt, hätte uns nicht einmal mehr der Gedanke an das Wasser, das uns überflutet, erschreckt. Mit dir hätten wir die Kraft gefunden, woandershin zu gehen. Neu anzufangen." (S. 266)

    Was nicht in italienischen Geschichtsbüchern steht
    Dass die Dörfler schließlich kaum Entschädigung erhielten, die versprochenen Neubauten sich jahrelang hinzogen und der Stausee sehr wenig Energie lieferte, weil Atomstrom aus Frankreich billiger war, sind beschämende historische Tatsachen. Marco Balzano hat mit seinem Roman dieses Geschehen dem Vergessen entrissen. Seine Protagonistin Trina lässt er auf so einfache, schmucklose, melancholische und ehrliche Weise erzählen, dass garantiert niemand unberührt bleibt.

  1. Geschichte ok, Charaktere schwach

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 03. Aug 2020 

    Klappentext:
    Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol - doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand - mit Leib und Seele.
    Meine Meinung:
    Wer sich mit der Geschichte der Tiroler und Südtiroler sowie der Entstehung des Rechensees noch nicht auseinandergesetzt hat, findet hier interessante Einblicke in die Geschichte. Allerdings wird alles nur im Kurzüberblick behandelt. Die einzelnen Begebenheiten finden leider keine Tiefe.
    Das Buch ist in Briefen an die Tochter Marica aufgebaut. Trinas Tochter hat sich laut eigener Aussage entschieden mit Tante und Onkel nach Deutschland zu gehen, um lernen zu können. Leider wird nicht herausgearbeitet, ob sie überhaupt losgeht, ankommt und wie es ihr ergeht. Marica bleibt einfach verschollen.
    Trina leistet in dem Buch an keiner Stelle mit Leib und Seele Widerstand. Mit dem Unterrichten im Untergrund begeht sie scheinbar nur ein Abenteuer, das schnell beendet wird, als die Freundin in die Verbannung geschickt wird.
    Sie sagt selbst, dass sie lieber eine Schildkröte ist, die den Kopf einzieht, um das Schlimme nicht zu sehen. Hauptschuldige an ihrem Schicksal ist die Tochter, die wohl stärker war als sie.
    Für mich bleiben die Charaktere zu schwach und die Geschichte zu oberflächlich.

  1. Die Geschichte hinter dem Postkarten- Motiv

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Wer kennt nicht den aus einem See herausragenden Kirchturm, der das Cover dieses Buches ziert?
    Der Mailänder Autor Marco Balzano erzählt hier die Geschichte, die hinter diesem Postkarten- Motiv steht. Er erzählt sie aus der Perspektive der Ich- Erzählerin Trina, einer Frau aus dem kleinen Bergdorf Graun im Vinschgau.
    Trina bereitet sich im Frühjahr 1923 auf ihre Reifeprüfung als Deutschlehrerin vor, ein schöner Erfolg für die Tochter eines einfachen Zimmermanns. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Maja und Barbara erhält sie ihr Diplom. Allerdings ist bald klar, dass alle drei keine Anstellung bekommen werden. Mit der Machtergreifung Mussolinis ändert sich auch in Südtirol vieles.
    „ Bis zum Marsch auf Bozen verlief das Leben in den Grenztälern im Rhythmus der Jahreszeiten. Es schien, als käme die Geschichte nicht bis hier herauf. Sie war ein Echo, das verhalte. Die Sprache war Deutsch, die Religion christlich, die Arbeit die auf dem Feld und im Stall.“
    Mussolini verbietet die deutsche Sprache. Alles wird italianisiert, die Schilder an den Gaststätten, die Straßennamen, ja sogar die Inschriften auf den Gräbern. Immer mehr italienische Zuwanderer kommen in die Berge, halbe Analphabeten aus Sizilien werden als Lehrer an den Schulen eingesetzt.
    Trina beschließt, heimlich Deutsch zu unterrichten, in den sogenannten Katakombenschulen, obwohl das mit hohen Strafen sanktioniert wird. Dann lernt sie Erich kennen. Er ist arm, hat nur einen ganz kleinen Hof, aber er ist ruhig und klug. Die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder; einen Jungen, Michael, und vier Jahre später die Tochter Marica. An sie wird Trina später ihre Aufzeichnungen richten.
    1939 unterzeichnen Hitler und Mussolini einen Vertrag, der der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols die Option anbot, „ heim ins Deutsche Reich“ zu kommen.
    Die Dorfbewohner geraten in helle Aufregung. Die einen sind begeistert, träumen vom großen Bauernhof mit viel Viehbestand in einer fruchtbaren Gegend in Deutschland.
    Diejenigen, die in ihrer alten Heimat bleiben wollen, werden als Verräter beschimpft. Ein Riss geht durch das Dorf, ja, durch ganze Familien . Erich und Trina wollen bleiben , aber Erichs Schwester und sein Schwager zieht es fort und auch Tochter Marica verschwindet in dieser Zeit. Ein Kummer, unter dem Erich und Trina zeitlebens leiden, der sie innerlich zerbrechen lässt.
    Doch die Schicksalsschläge reißen nicht ab. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Erich wird, wie viele Männer aus dem Dorf, eingezogen, um für Mussolini zu kämpfen. Sohn Michael wendet sich den Nazis zu, zum Entsetzen seiner Eltern. Trina sieht sich vor neue Herausforderungen gestellt. Gemeinsam mit ihrer Mutter kümmert sie sich um Haus und Hof. Erich kehrt zurück, als ihm aber die neuerliche Einberufung droht, dieses Mal soll er auf deutscher Seite kämpfen, flüchtet er gemeinsam mit seiner Frau in die Berge. Sie verstecken sich in Unterständen und auf Bauernhöfen.
    Nach Kriegsende droht neues Unheil. Die Bauarbeiten für einen schon lange geplanten Stausee werden wieder aufgenommen. Die Dörfler, allen voran Erich, organisieren den Widerstand gegen das Projekt. Sie führen zahlreiche Gespräche, schreiben Gesuche an Politike, bis zum Papst schaffen sie es mit ihrem Anliegen. Doch aller Widerstand ist vergebens. Die Bauern werden zwangsenteignet, ihre Häuser gesprengt ; nur der denkmalgeschützte Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert darf bleiben und ragt seitdem als Mahnmal aus dem See.
    Trina und Erich wurde am Ende alles genommen: Am Anfang ihre Sprache und ihre Kultur, dann ihre beiden Kinder und zum Schluss ihre Heimat, ihr Hab und Gut.
    Doch: „ Auch die Wunden, die nicht heilen, hören früher oder später zu bluten auf. Die Wut, sogar die über die erlittene Gewalt, ist wie alles bestimmt, nachzulassen,...“
    Trina erinnert sich an einen Spruch ihrer Mutter. „ Niemand hat Zeit, stehen zu bleiben und um das zu trauern, was gewesen ist,...Vorwärts gehen, wie Mutter zu sagen pflegte, das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.“
    Marco Balzano erzählt uns in einer einfachen und doch ausdrucksstarken Sprache (passend zur Ich- Erzählerin) die wechselvolle Geschichte des Dorfes Graun in Südtirol. Dabei veranschaulicht er dem Leser, welch starken Einfluss politische Geschehnisse auf das Leben einfacher Menschen haben. So wird Historie lebendig und nachvollziehbar. Balzano berührt, ohne sentimental zu werden.
    „ Ich bleibe hier“ ist ein wunderbarer Roman mit komplexen Charakteren, der unterhält und belehrt. Jedem Südtirol- Reisenden ist die Lektüre des Buches zu empfehlen. Lesenswert ist auch der Nachtrag des Autors, in dem er seine Motive zum Schreiben dieses Buches darlegt. Für die Südtiroler ist der Roman des Mailänders Balzano eine kleine Wiedergutmachung.
    Marco Balzano hat mich schon mit seinem letzten Roman „ Das Leben wartet nicht“ begeistert und auch hier nicht enttäuscht.
    Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für das Buch.

  1. Düstere Zeitgeschichte...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Das Buch wurde mir empfohlen und da meine Eltern in dieser Region sehr gern in den Urlaub fahren, war ich doch sehr gespannt.

    In der Geschichte geht es um Trina und Erich, die im beschaulichen Graun ein einfaches Leben führen. Im idyllischen Bergdorf haben sie alles was sie brauchen, doch dann kommt der Krieg und verändert alles. Wird ihnen ihr beschauliches Leben bleiben?

    Gut gefallen hat mir die Wahl der Erzählperspektive, denn Trina fungiert als Erzählerin und schildert ihrer Tochter was sie alles erlebt hat. So bekam man tiefe Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin.

    Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, denn das Dorf Graun hat es wirklich einmal gegeben. Ich mag so etwas sehr gern. Ich habe sehr viel dazu gelernt, denn mir war nicht bewusst, dass Deutsche jemals unter Faschisten zu leiden hatten.

    Die Geschichte zeigt sehr deutlich auf, wie hart die Arbeit eines einfachen Bauern war und was die Belange von Konzernen alles zerstören können.

    Der nüchterne Schreibstil Balzanos passt perfekt zu dieser eher düsteren Geschichte. Der Roman hat sich angenehm lesen lassen und berührt enorm. Ich muss allerdings gestehen, dass er mich doch sehr emotional heruntergezogen hat, da einfach so viel Trauriges passiert und kaum Hoffnung verbreitet wird.

    Fazit: Die Beschreibung einer heutigen Urlaubsregion mal unter einem ganz anderen Blickwinkel weiß zu unterhalten und zu berühren. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.Prädikat gut.

  1. Was kann ein Mensch ertragen?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Dieses Buch thematisiert die Geschehnisse am Reschener Stausee, wo der Großkonzern Montecantini mit der Unterstützung von schweizerischen Geldgebern einen Stausee plant und baut und das Land Italien gegen die Einwohner mit einer immensen Härte vorgeht, die total erschreckt und abstößt. Sicherlich ist dies auch dem Fakt geschuldet, dass in der Region Südtirol meist deutschsprachige Einwohner leben und der Staat Italien damals gegenüber den Minderheiten im Land rigoros vorgeht/vorgegangen ist. Das Buch befasst sich auch mit den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg, wo die deutschen Bewohner Südtirols zum Spielball zwischen Mussolinis Faschisten und Hitlers Faschisten wurden. Dieser Roman erklärt mit diesen Rückblicken auch die heutige Situation in der Region Südtirol recht gut. Es ist sehr interessant, dass ein italienischer Schriftsteller dieses Geschehen in seinem Buch anprangert, wo doch Italiener die treibenden Kräfte hinter dem ungerechten Vorgehen gegenüber der deutschen Bevölkerung waren. Vielleicht auch eine Form der Wiedergutmachung, zumindest ist es aber ein Anfang. Historisch ist dieses Buch sehr interessant, unterrichtet es doch über ein nicht so bekanntes Geschehen. Vom Personal des Buches wird zudem noch gut verdeutlicht was die Politik und der Krieg mit den Menschen machen können. Hauptfiguren sind Trina und Erich, ein Ehepaar aus Graun, sie müssen die politischen Geschehnisse erdulden, aber auch persönliches kommt hinzu, so verlieren sie ihre Tochter Marica und müssen auch dies ertragen. Trina erzählt rückblickend ihr Leben in Briefen an diese Marica. Das Geschriebene ist kühl formuliert, hat aber dennoch viele Passagen, die sich ins Hirn brennen und das Buch hat mich stark beschäftigt. Ich habe dieses Buch geliebt!

  1. Südtiroler Geschichte erlebbar gemacht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jul 2020 

    „Du weißt nichts über mich, und doch weißt du viel, weil du ja meine Tochter bist.“ Mit diesem ersten Satz leitet Marco Balzano seinen Roman ein und zeigt gleich zu Beginn auf, um was es sich handelt: um einen langen Brief an die Tochter der Ich-Erzählerin Trina.

    Trina wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Graun geboren, einem kleinen Südtiroler Bauerndorf im Dreiländereck I/CH/A, in dem Deutsch gesprochen wird. Mit Mussolini beginnt die Italianisierung der Region. Immer mehr Zuwanderer kommen, Deutsch als Sprache wird geächtet, Lehrer ausgetauscht. „Mussolini ließ Straßen, Bäche und Berge umtaufen… Sogar die Toten haben sie gestört, diese Mörder, indem sie die Inschriften auf den Grabsteinen änderten.“ (S. 22) Mit der Sprache verliert ein Mensch seine Identität. Was das mit ihm macht, davon handelt unter anderem dieser Roman.
    Trina schafft es gerade noch, ihre Ausbildung als (deutsche) Lehrerin abzuschließen, bekommt aber keine Stelle. Sie büffelt Italienisch – eine Fähigkeit, die ihr zwar keine Arbeit beschert, aber häufig im Leben nützlich sein wird. Die Deutschen haben es schwer in Südtirol. Sie werden unterdrückt und nicht geachtet.

    Trina heiratet den Bauernsohn Erich, sie gründen eine Familie. Trina hat ihre Schwierigkeiten mit der Mutterrolle, wird aber liebevoll von ihrer eigenen Mutter unterstützt. Die Kinder wachsen auf und entwickeln eigene Vorstellungen vom Leben. Parallel dazu erhebt sich der Nationalsozialismus in Deutschland. Hitler versucht, die frustrierten Südtiroler auf seine Seite zu ziehen: „Auf Adolf Hitler zu hoffen, war die einzige Rebellion. Und diese Rebellion zeigte sich in den Wirtshäusern, an den geheimen Treffpunkten, wo die Männer zusammenkamen, um deutsche Zeitungen zu lesen, verrauchte aber, wenn sie allein in den Ställen die Kühe molken und zur Tränke führten.“ (S. 71) In diesem Spannungsfeld zerbrechen Familien, auch die von Trina.

    Über die politischen Umwälzungen hinaus drohen den Menschen weitere Gefahren: Die italienische Regierung plant zusammen mit einer großen Schweizer Firma den Bau eines mächtigen Staudamms. Von Beginn an ist die Flutung der Orte Reschen und Graun geplant. Über die Jahre gibt es Verzögerungen, Kämpfe und Widerstand, jedoch zeigt bereits das Buchcover mit einem Bild des Kirchturms inmitten des Reschensees, wie die Sache ausgegangen ist. Heute ist dieser Turm eine Touristenattraktion, man kann ihn aber auch als Mahnmal verstehen.

    Der Autor versteht es meisterhaft, die historischen Ereignisse und Probleme dieser Region mit dem Einzelschicksal von Trina und ihrer Familie zu verbinden. Dadurch macht er die vergangenen belegten Tatsachen fühlbar, man bekommt ein Empfinden dafür, was es heißt, in schweren Zeiten einer unerwünschten Minderheit anzugehören und einen großen Krieg zu überleben. Immer wieder stellt sich für die Protagonisten die Frage, ob sie die Heimat nicht verlassen sollten. Für Erich ist das keine Option: „Weil ich hier geboren bin, Trina. Mein Vater und meine Mutter sind hier geboren, du bist hier geboren, unsere Kinder sind hier geboren. Wenn wir weggehen, haben die anderen gewonnen.“ (S.64)

    Der Roman faszinierte mich sehr. Balzano schreibt in klaren, einfachen Sätzen, er berichtet genau so, wie jemand eine Geschichte erzählen würde. Der Text ist immer wieder mit bemerkenswerten Aussagen/Weisheiten gespickt, die Wahrheit und Tiefgründigkeit beinhalten, etwa: „Es wird schon seinen Grund haben, wenn Gott uns die Augen vorne eingesetzt hat! Das ist die Richtung, in die wir schauen müssen, sonst hätten wir die Augen an der Seite wie die Fische!“ (S. 95)

    Die spannende Handlung wird mit sehr viel Zwischenmenschlichem, Politischem, Familiärem begleitet – ohne je ins Triviale oder Kitschige abzugleiten. Gleichzeitig bekommt man Nachhilfe in Geschichte, man ist überrascht, wie eine ganze Region zum Spielball einzelner nationaler Interessen werden konnte. Das machte Lust, weitere Fakten über die Region herauszufinden und zu recherchieren.

    Balzano ist eine intelligente Familiengeschichte über mehrere Generationen gelungen. Er schreibt über eine Region, über die Menschen, über ihre Verluste und ihr Leben. Er hat interessante Figuren geschaffen und bleibt bis zum Ende hochgradig glaubwürdig. Besonders Trina entwickelt sich über die Jahrzehnte, sie wird von den Umständen geschliffen und angepasst. Der Roman wird mit Sicherheit breiten Leserschichten gefallen. Er hat alles, was ein gutes Buch braucht. Große Leseempfehlung!

  1. Zerstörung der Idylle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2020 

    Marco Balzano macht in seinem Roman „Ich bleibe hier“ Verluste erfahrbar, den Verlust von Identität, von Familie, von materiellem Gut und von Heimat. Er tut dies auf ruhige gelassene Weise, sprachlich knapp und einfach, aus ganz persönlicher Sicht seiner Protagonistin Trina, was dem Roman große Wucht und Eindringlichkeit verleiht.

    Die von Balzano erzählte Geschichte des Bergdorfes Graun und einer Familie beruht auf historischen Tatsachen. Von Graun ragt mittlerweile nur noch der Kirchturm aus dem Reschensee, berühmte Touristenattraktion und Selfie-Hintergrund in Südtirol. Verschwunden unter dem Wasser ist das Dorf, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg die junge Trina lebt und eine Ausbildung als Lehrerin macht. Mussonlinis Politik nach dem Marsch auf Bozen macht ihr einen Strich durch die Rechnung, er stellt die deutschstämmige Bevölkerung 1939 vor die Wahl zu bleiben oder nach Deutschland auszuwandern. Italienisch wird Amtssprache, Deutsch zu unterrichten ist verboten, und Trina bekommt keine Anstellung. Heimlich, mit Unterstützung des Pfarrers unterrichtet sie dennoch die Kinder in Speichern in der für die Gegend traditionellen Sprache Deutsch.
    Trina erzählt die Geschichte in der Ich-Form, manchmal an ihre kleine Tochter gerichtet, die mit Trinas Schwägerin und deren Mann als sogenannte Optanten 1939 nach Deutschland verschwand.
    Trina und ihr Mann Erich entscheiden sich 1939 zu bleiben, nach dem Pakt der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini, die die Bevölkerung in Südtirol vor die Wahl stellten, entweder nach Deutschland auszuwandern oder in ihren Dörfern zu bleiben und als Menschen zweiter Klasde die Zwangsitalienisierung zu erdulden. Schikane, Verbot der Sprache und zersplitterte Familien bestimmen den Alltag.
    Trina und Erich versuchen der Italianisierung ihres Dorfes zu trotzen und fliehen letztlich gegen Kriegsende zusammen in die Berge.
    Im letzten Teil des Buches steht das Staudammprojekt im Mittelpunkt, das nach Unterbrechung während des Krieges wieder aufgenommen wird. Die Dorfbewohner veranstalten Proteste, besetzen die Baustelle und wenden sich an Behörden und die Kirche, angeführt von Trinas Mann Erich und vom örtlichen Pfarrer. Sie alle hoffen bis ganz zum Schluß, ihre Heimat retten zu können. Wie die Geschichte ausgeht ist bekannt.
    Und erneut muss sich die Familie entscheiden, ob sie bleiben und in winzigen zusammengezimmerten Baracken oberhalb des Sees hausen oder das unterirdische Angebot auf Ausgleichszahlung und Umsiedlung annehmen.

    Auf dem Cover sieht man den Kirchturm von Alt-Graun, der aus dem Wasser ragt. Ein Symbol des Widerstandes, ein Mahnmal für Ungerechtigkeit und Heimatverlust, für Verwüstung. Marco Balzano erzählt im Nachwort, dass ihn dieser Anblick zum Roman inspirierte, der eine Familiengeschichte mit der Geschichte Südtirols und Europas verknüpft.
    Das Buch lebt von dieser Geschichte ebenso wie von der Protagonistin Trina, die auf eindrucksvolle Weise Verzweiflung, Resignation und Kampfgeist demonstriert. In ihrer Hilflosigkeit, mit der sie und ihre Familie den Machtspielen der Diktaturen, später denen der Bürokraten und Energiekonzerne ausgeliefert ist, vermag sie im entscheidenden Moment zu handeln, kraftvoll und mutig. Sie ist es, die die anmacht der Sprache und der Worte erkennt und an höchster Stelle gehört wird. Sie erkennt die Sprache als Teil der Identität und zugleich als Mauer, die gebaut wird, sieht die Schönheit und den Klang auch im verhassten Italienisch.
    Das Besondere an Trina ist, dass sie erkennt, dass sie im Strategiespiel der Mächtigen eine Wahl hat und sich bewusst entscheidet, Dinge zu tun, auch wenn Angst und oft Überdruss und Resignation ihr Leben zeichnen. Insofern ist sie eine äußerst kraftvolle und sehr faszinierende Frauenfigur.

    Das Buch ist ein Unterhaltungsroman in bestem Sinn, großartig und packend erzählt, lehrreich ohne zu belehren, mit einer eindrucksvollen Protagonistin. Was will man mehr!

  1. Schwere Zeiten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jul 2020 

    Inhalt (Klappentext):

    Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Von 1939 bis 1943 werden die Leute vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

    Meine Meinung:

    Der Erzählton war für mich zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Die Ich-Erzählerin Trina schreibt eine Art Brief an ihre Tochter Marica und erzählt ihre Lebensgeschichte. Der Ton ist nüchtern und erscheint teilweise emotionslos, aber mit der Zeit wird klar, dass Trina, so wie ihre ganze Familie oder vielleicht auch der Menschenschlag ihrer Region, ihre Gefühle schwer zeigen kann und lieber versucht, auch nach harten Schicksalschlägen, alles mit sich selbst auszumachen und nach vorne zu blicken. Es sind schwere Zeiten, die Trina erlebt. Die Südtiroler, die sich eigentlich mehr zu Österreich, bzw. Deutschland gehörig fühlen, werden durch die Faschisten unter Mussolini zwangs-italianisiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Ein Fakt, der mir bisher nicht bekannt war. Durch den Pakt mit Hitler wurden sie vor die Wahl gestellt - ihre Heimat verlassen, um ihre deutsche Identität zu behalten oder dazubleiben und ihr Deutschsein quasi aufzugeben. Eine Riss, eine unheilbare Wunde, die sich durch die Gemeinschaft zog und auch vor Familien nicht halt machte. Erstaunlicherweise wurden hier Hitler und die Nazis sogar als das kleinere Übel betrachtet.

    Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt Trinas Jugend und junges Erwachsensein, mit all den zuvor geschilderten Schwierigkeiten. Im zweiten Abschnitt erzählt Trina ihre Erlebnisse aus dem Krieg, unbeschönigt und erschreckend, aber mit klaren Worten. Diesen Teil empfand ich am intensivsten. Zuletzt geht es um den Kampf gegen den Staudamm und die Vertreibung der Dorfbewohner. Schonungslos wurden wirtschaftliche Interessen einiger Wenige vor die Rechte und Befindlichkeiten der betroffenen Bevölkerung gestellt. Man merkt Trina die Zermürbung an, sie gibt zwar nicht auf, aber der Tonfall ist nicht mehr so eindringlich, so dass die Geschichte leider auch ein wenig an Intensität verliert.

    Der Autor Marco Balzano erläutert in einem sehr guten und informativen Schlusswort seine Beweggründe, diese Geschichte, die wahre und historisch belegte Hintergründe hat, zu erzählen.

    Fazit:

    Eine berührende und gut erzählte Geschichte, die leider am Ende ihre Intensität etwas verliert, trotzdem sehr beeindruckend und lesenswert.

  1. Das höchste Übel ist Verlust der Heimat

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Jul 2020 

    "Wie schön ist es, eine Heimat zu haben und eine Heimat, mit der man durch Geburt, Erinnerungen und Liebe verwachsen ist." (Otto von Bismarck)
    Trina wächst in dem kleinen, idyllischen Bergdorf Graun in Südtirol auf. Wie ihre beiden Freundinnen wird sie Lehrerin. Doch die Zeiten sind hart und Südtirol gehört auf einmal zu Italien. Deutsch zu sprechen und vor allem zu unterrichten wird in Zukunft verboten. Trotzdem unterrichten sie heimlich, doch die Strafen sind hoch, wenn man erwischt wird. Immer mehr Grauner überlegen nach Deutschland auszuwandern oder in Italien weiter als Menschen zweiter Klasse zu leben. Trina die sich in Erich verliebt und heiratet ist klar, dass sie Graun nicht verlassen werden. Der Krieg, der Verlust der Tochter und die Flucht in die Berge lassen, Trina und Erich weiter für die Zukunft hoffen. Als die Italiener beschließen, den angefangenen Staudamm weiterzubauen, der ihr Dorf überschwemmen wird, bleiben Trina und Erich weiterhin im Dorf. Dieses Energieprojekt ohne Rücksicht auf die Bewohner Grauns und die Natur, ist selbst heute noch nicht vergessen.

    Meine Meinung:
    Das Bild mit dem Kirchturm des Reschensees ist maßgebend für diese Geschichte. Für mich ist es das erste Buch dieses Autors, dessen Schreibstil interessant und unterhaltsam ist, für mich jedoch ziemlich emotionslos blieb. Dafür das es eine Geschichte sein sollte, die hauptsächlich um die Geschehnisse von damals gehen sollte, war sie mir zu oberflächlich. Ich habe das Gefühl, der Autor wollte etwas zu viel in diesem Buch. Dadurch bleiben die Charaktere relativ blass und von einigen erfahre ich sogar im Nachhinein gar nichts mehr. Selbst die Geschehnisse um Trina und Erich, den beiden um die es hauptsächlich hier geht, waren mir zu emotionslos. In der Anmerkung am Ende schreibt der Autor, das es ihm darum ging, das Leute nicht nur Spaß an dem Stausee haben, sondern erfahren sollten von den damaligen Erlebnissen und wie schwierig der Verlust für die Menschen war. Viele von uns kennen sicher diesen Kirchturm, der im Reschensee herausragt, doch kaum einer kennt die Geschichte und das Schicksal der damaligen Bewohner. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Autor noch etwas mehr auf die Bewohner eingeht. Sicher ist es nicht einfach zu recherchieren, da es viele weit verstreut hat oder inzwischen verstorben sind. Jedoch einige der jüngeren Bewohner wohnen heute noch oberhalb des Sees. Doch leider überlagern zu viel andere Nebengeschichten, wie Krieg, Verlust der Tochter, das damalige Schicksal, sodass Graun ein wenig in den Hintergrund gedrängt wird. Erst gegen Ende ist dann das Dorf wieder präsent. Natürlich war es für mich interessant zu sehen, wie die Tiroler Bevölkerung sich gegen die Italiener wehrten. Besonders überrascht war ich, als sie mit dem Verbot deutsch zu sprechen aufgetaucht sind und welche extremen Strafen sie gegen das Verbot hatten. So kann ich gut verstehen, dass selbst heute noch einige Südtiroler wütend auf die Italien sind. Doch die Ungerechtigkeit die, die Grauner Bevölkerung mit dem Staudamm erleben mussten, hat mich am meisten erschüttert. Das ist auch das, was mich an dem Buch am meisten interessiert hat. Alles andere war zwar gut, hätte ich jetzt aber nicht unbedingt so ausführlich gebraucht. Viel lieber wäre es mir gewesen, hätte der Autor manche Charaktere, die er begonnen hat beendet, statt der Fantasie des Lesers zu überlassen. So hat mich das Buch zwar in manchem ganz gut informiert, jedoch in einigem mit Fragen zurückgelassen, was mich doch ein wenig enttäuscht hat. Interessant dagegen war noch die Anmerkung des Autors, warum er dieses Buch geschrieben hat. Von mir gibt es darum nur 3 1/2 von 5 Sterne für dieses Buch.

  1. Interessanter "Geschichtsunterricht"

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jul 2020 

    Wenn man den Reschenpass in Richtung Vinschgau überquert hat, erstreckt sich der Rechensee vor dem Betrachter und zwangsläufig fährt man an dem berühmten Glockenturm vorbei, der einst Teil des Dorfs Graun gewesen ist. Ein beliebtes Fotomotiv, vor dem die Touristen Schlange stehen. Auch Marco Bolzano war dort, wie er im Nachwort zu seinem Roman verrät:
    "Hätte ich nicht sofort den Eindruck gehabt, hier eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen, dann hätte ich, trotz der Faszination, die dieser Ort auf mich ausübt, nicht genug Interesse aufgebracht... Auch ich wäre stehen geblieben und hätte mit offenem Mund den Kirchturm bestaunt, der auf dem Wasser zu schwimmen scheint." (S.284)

    Balzano bettet die historischen Ereignisse Grauns von der Unterdrückung der Südtiroler durch Mussolini, der Option, die Hitler ihnen angeboten hat, "heim ins Reich" zu kommen sowie die Fertigstellung des Staudamms nach dem 2. Weltkrieg in die persönliche Geschichte der Lehrerin Trina ein, die aus der Ich-Perspektive erzählt und ihre Geschichte an ihre Tochter richtet, so dass das Erzählte wie ein langer Brief erscheint.

    "Du weißt nichts über mich, und doch weißt du viel, weil du ja meine Tochter bist." (13)

    So beginnt der erste Teil, der die Frage aufwirft, warum die Tochter nichts über die Mutter weiß, die als Lehrerin im Untergrund Kinder weiterhin in Deutsch unterrichtet, obwohl Mussolini die Sprache verboten und italienische Lehrer nach Südtirol entsendet hat.

    "Um bloß nicht uns nehmen zu müssen, stellten sie lieber halbe Analphabeten aus Sizilien und dem ländlichen Venetien ein. Ob die Tiroler Kinder etwas lernten, kümmerte den Duce sowieso herzlich wenig." (36)

    Der erste Teil (Die Jahre) erzählt von dieser Zeit, in der Trina ihr Examen gemeinsam mit ihren Freundinnen Barbara und Maja macht, im Wechsel der Jahreszeiten lebt, ihren Vater in der Schreinerei unterstützt und Erich kennenlernt - einen stillen jungen Mann, obwohl ihr Herz eigentlich für ihre Freundin Barbara schlägt. Nichtsdestotrotz heiratet sie Erich, der Widerstand gegen die Faschisten leistet, und nach dem Sohn Michael wird die Tochter Marica geboren. Trina glaubt, sie sei keine gute Mutter, sie hat Angst ihr Leben zu verpassen.

    "Auf dich und deinen Bruder aufzupassen war mir bald zu viel. Ich litt, weil mir die Zeit fehlte. Während ich mit euch beschäftigt war, dachte ich, verpasste ich so viele schöne Dinge auf der Welt, die ich später, wenn ihr groß sein würdet, nicht nachholen könnte." (62)

    Nachdem Hitler Österreich annektiert hat, eröffnet er den Südtirolern die Option, ins Reich zu kommen. Er wird als Befreier wahrgenommen, da er ihnen die Möglichkeit eröffnet, in ihrer Muttersprachen sprechen zu können.

    "Auf Adolf Hitler zu hoffen war die einzige Rebellion." (71)
    "Mama, ich will weg aus diesem Dorf. Hier kann ich nicht einmal mehr zur Schule gehen" (75), sagt Trinas Tochter.

    Aus heutiger Perpektive völlig unverständlich, aus der damaligen Situation heraus, in der die italienischen Faschisten die deutschsprachigen Bewohner Grauns unterdrückt haben, teilweise nachvollziehbar. Wobei Erich durchaus weitsichtig erkennt, dass die diejenigen, die sich gegen die große Option entschieden haben, die "hier geblieben" sind, nach der Machtübernahme Hitlers in Südtirol mit Repressionen zu rechnen haben.

    Von dieser Zeit handelt der 2.Teil, "Auf der Flucht", während der 3.Teil von der Fertigstellung des Staudamms und der Entstehung des Reschensees erzählt. Während der 2.Teil mitreißend und teilweise sehr emotional ist, fällt der letzte Teil im Vergleich zu den beiden vorherigen aus meiner Sicht etwas ab, da man weiß, dass der Kampf gegen den mächtigen Konzern nicht gewonnen werden kann und auch die Protagonistin selbst passiver wirkt, weniger in den Widerstand involviert ist, allerdings für diejenigen, die protestieren, die richtigen Worte findet.

    Balzano hat dazu in einem Interview gesagt:

    "Ein Schriftsteller muss immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen, das ist die größte Herausforderung. Ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die an das Wort als Mittel zum Widerstand glaubt. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Und solange wir die Möglichkeit haben, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren."
    (https://www.buchkultur.net/marco-balzano/)

    Dass Balzano das "Schweigen zum Reden" bringen will, dies ist ihm mit diesem Roman gelungen. Die Situation der Südtiroler, die im Dilemma zwischen Bleiben oder Gehen standen, deren kulturelle Identität Spielball der politischen Kräfte geworden ist, hat er beeindruckend dargelegt.
    Aber auch, wie machtlos die Bewohner Grauns gegenüber den ökonomischen Interessen des Konzerns Montecatini gewesen sind.

    Ein lesenswerter Roman gegen das Vergessen!

  1. Worte können alles sein

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jul 2020 

    Graun, ein kleines Bergdorf im Vinschgau. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges gehört Südtirol zu Italien. Nach der Machtergreifung Mussolinis wird die deutschsprachige Bevölkerung zwangsitalienisiert. Trina, die so wie ihre Freundinnen Barbara und Maja, Lehrerin werden wollte, bekommt nun keine Anstellung, doch im Untergrund unterrichtet sie weiter die Dorfkinder in Deutsch. Trina heiratet Erich Hauser und zieht auf seinen kargen Bauernhof. Die Hausers führen fortan ein Leben im Widerstand: gegen Mussolinis faschistische Schwarzhemden, gegen Hitler, gegen den Bau des gewaltigen Staudamms, der den Untergang für das Dorf bedeutet.
    In Trinas und Erichs Leben wird eine große Wunde gerissen, es ist ein Verlust an dem die Familie zu zerbrechen droht.
    Der italienische Autor Marco Balzano schreibt in seinem Roman „Ich bleibe hier“ wider das Schweigen. Trina glaubt an das Wort als Mittel des Widerstands. In Graun sind die Menschen hart arbeitende Bauern und Handwerker. Trinas Mutter war eine sehr kategorische Frau, die die Welt mühelos in Schwarz und Weiß einteilen konnte.
    „Sie hielt alle, die eine Schulbildung hatten, für unnötig schwierige Menschen. Faulpelze, Besserwisser und Haarspalter. Ich dagegen glaubte, das größte Wissen liege im Wort, besonders für eine Frau….Ich glaubte, sie könnten mich retten, die Wörter.“
    Worte können alles sein, Trost oder Waffe, sie können Berge versetzen, wenn alles verloren scheint. Worte bedeuten Freiheit, können Brücken schlagen. Manchmal bleiben aber auch nur Worte, um zu verarbeiten, was das Leben mit einem gemacht hat.
    Und so lässt Marco Balzano Trina erzählen, von der Zeit als die Dorfbewohner die italienischen Faschisten hassten und ein Rettung durch Hitlers Nazideutschland herbeisehnten. Sie erzählt vom Widerstand, von Flucht, von Trennung und Verlust. Balzanos Sprache ist schnörkellos, mitfühlend und bar jeglicher Sentimentalität.
    Der Kirchturm von Reschen, der aus dem Wasser des Stausees hervorschaut, ist heute eine Touristenattraktion. Auch Marco Balzano hat diesen Kirchturm gesehen. Die Geschichte der Gegend und des Staudamms motivierte ihn „eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die (ihm) die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen.“
    Was bleibt, wenn einem zunächst die Muttersprache, dann das Zuhause, die Landschaft, die Existenz, die Heimat genommen wird? „Vorwärts gehen….das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.“

  1. Leise und eindrücklich erzählt

    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jul 2020 

    „Unsere Häuser, die Kirche, die Straßen, alles lag innerhalb dieser Striche, von denen wir nicht sicher wussten, was sie bedeuteten. Jenseits gab es nur noch die Berge und die windschiefen Lärchen.“ (Zitat Seite 105)

    Inhalt
    Trina lebt in Graun, einem malerischen Südtiroler Bauerndorf. 1923 macht sie ihr Abitur und will Lehrerin werden. Doch dann kommt Mussolini und mit ihm ein Verbot der deutschen Sprache. Sie erhält keine Anstellung als Lehrerin, doch sie unterrichtet heimlich weiter. Die Nationalsozialisten mit ihrer Aufforderung, nach Deutschland auszuwandern, trennen das Dorf in die Optanten und die Dableiber. Erich, Trinas Ehemann, entscheidet sich zu bleiben, und sie bleibt mit ihm. Doch auch nach dem Krieg kommt ihre Heimat im oberen Vintschgau nicht zur Ruhe. Ein Stausee wird gebaut und sein Wasserpegel soll plötzlich viel höher werden, als ursprünglich geplant.

    Thema
    In diesem Roman geht es um die wechselvolle Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols, um Heimatverlust, Erinnerung gegen das Vergessen, um Familie, persönlichen Mut, politische Willkür und die Flutung des Reschensees.

    Charaktere
    Trinas Vater ist Schreiner, doch sie will Lehrerin werden. Als junge Frau widersetzt sie sich als Katakombenlehrerin mutig den Faschisten. Nach ihrer Heirat trifft Erich die Entscheidungen, die sie mitträgt. Seine Hauptfiguren umgibt der Autor mit unterschiedlichen Dorfbewohnern, so erfasst er sehr authentisch die verschiedenen Sichtweisen und Entscheidungen, von denen viele in ein einfaches „wir bleiben, hier ist unser Leben“ münden.

    Handlung und Schreibstil
    Der Autor erzählt die Geschichte von Alt-Graun und Reschen chronologisch in Form von Trinas Aufzeichnungen für ihre Tochter. Dieser Erzählform passt der Autor auch die Sprache an und da die schreibende Trina keine sehr gefühlsbetonte Frau ist, bleibt auch die Sprache unaufgeregt, karg, beinahe sachlich berichtend. Nach einer kurzen Einleitung beginnt sie mit ihrer Jugend und den Vorbereitungen für das Abitur 1923 und endet in einer Zeit, in der Sommerurlauber den Turm im See fotografieren. Ergänzt wird die Geschichte mit Rückblicken in Form von persönlichen Erinnerungen. Denn darum geht es in diesem Buch, nicht nur um die Schilderung der ohnedies bekannten Fakten, sondern vor allem um die persönlichen Schicksale, die damit verbunden sind.

    Fazit
    Diese mit den historischen Tatsachen verknüpfte Geschichte einer fiktiven Familie erzählt von Widerstand, Verbundenheit mit der eigenen Heimat, von Hoffnung und schließlich vom Verlust. Die ruhige, manchmal beinahe karge Sprache lässt das Geschehen umso eindrücklicher wirken, ein Buch, das nachdenklich macht und beim Lesen ein völlig neues Bild vom Kirchturm im Reschensee ergibt.

  1. Ein berührender Roman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Jul 2020 

    MEINE MEINUNG
    In seinem neuen Roman „Ich bleibe hier“ greift der italienische Autor Marco Balzano ein dunkles Kapitel aus der bewegten Vergangenheit Südtirols auf und widmet sich der berührenden Geschichte des kleinen Südtiroler Bergbauerndorfs Graun und seinem traurigen Schicksal im Wandel der Zeiten und als Spielball der politischen Interessen.
    Balzano erzählt zugleich aber auch eine berührende Geschichte über Heimatverbundenheit, Entwurzelung, Verlusten, Leid, Widerstand und Tapferkeit.
    Angesiedelt ist die vielschichtige Handlung im Vinschgau zwischen den 1930er bis in die frühen 1950er Jahre. Rückblickend berichtet die Ich-Erzählerin und Protagonistin Trina über ihr ereignisreiches Leben, erzählt von ihren geplatzten Zukunftsträumen, ihrem nur kurzen Familienglück und durchleidet erneut viele für sie sehr schmerzliche Erlebnisse. Im nüchternen, sehr emotionsarmen Stil einer Chronistin hat Trina ihre Familiengeschichte für ihre verschwundene Tochter zu Papier gebracht und lässt uns an dem kargen, entbehrungsreichen Leben im deutschsprachigen Vinschgau jener Zeit teilhaben. Schon bald hat mich die außerordentlich dichte und bedrückende Atmosphäre von Trinas Erinnerungen gefangen genommen und gefesselt. Oftmals schwingt beim Lesen der sachlichen Schilderungen ihrer bedrückenden Lebensgeschichte die Frage mit, wie viel Desillusionierung, Unglück und Leid ein Mensch in seinem Leben überhaupt ertragen kann und was ihn weiterleben lässt. Mit Trina hat der Autor eine überaus tiefgründige, sehr authentische Figur geschaffen, die mich sehr beeindruckt hat. Ausführlich protokolliert sie aber auch viele dramatische Ereignisse im Verlauf der bewegten Zeiten, die die Geschicke des Dorfs bedroht und das Leben seiner Bewohner sehr einschneidend bestimmt haben.
    Gekonnt greift Balzano in seinem Roman eine wenig bekannte Seite in der jüngeren Geschichte Südtirols auf, das mit dem italienischen Faschismus und dem nahtlos nachfolgenden Nationalsozialismus gleich von zwei totalitären Diktaturen heimgesucht wurde. Zudem schwebte immer wieder das Damoklesschwert eines unheilvollen Staudammprojekts über der Zukunft des Tales und drohte ihre Heimat zu vernichten. Gekonnt lässt Balzano die sorgsam recherchierten historischen Abläufe in die persönliche Geschichte von Trinas Familie einfließen.
    Äußerst bewegend ist es daher aus Trinas Sicht mitzuerleben, wie eine radikale Italienisierung unter Mussolini und die forcierte Siedlungspolitik die einheimische Bevölkerung unter Druck setzte und in verfeindete Lager gespaltete. Das Verbot der deutschen Amtssprache wurde von den Faschisten gezielt als perfides Mittel der Unterdrückung eingesetzt. Verschärft wurde ihre Lage noch durch ein zwischen Mussolini und Hitler geschlossenes Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler, wodurch sie sich für die deutsche Staatbürgerschaft und Auswanderung ins Deutsche Reich entscheiden mussten oder beim Bleiben in ihrer Heimat mit der italienischen Staatsbürgerschaft auch ihre Kultur und Sprache aufzugeben hatten. Auch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bringt für die Familie von Trina und Erich weitere Herausforderungen und folgenschwere Entscheidungen mit sich. Als nach Kriegsende schließlich das Staudammprojekt trotz massiver Proteste rücksichtslos realisiert wird, wird die Heimat vieler alteingesessener Familien dem sinnlosen Fortschritt geopfert und ein Stück Kulturlandschaft unwiederbringlich zerstört.
    Als ein Meister der leisen Töne versteht es Marco Balzano hervorragend, die Emotionen und Gedankenwelt seiner Hauptfiguren einzufangen und die erlebte Tragödie aus Perspektive der Einheimischen glaubhaft darzustellen. Ihre schmerzlichen Wunden und ihr bewegendes Schicksal, das man stellvertretend für das reale Leid der Menschen in jener Zeit miterlebt, entfalten eine außerordentliche Kraft aus sich heraus und stimmen sehr nachdenklich.
    Die Geschichte Grauns und das vielfältige Schicksal der Einheimischen gehen unter die Haut und werden mich die Touristenattraktion mit dem pittoresken Kirchturm im Reschen-See zukünftig mit beklommenen Gefühlen betrachten lassen. In den Anmerkungen des Autors geht Balzano ausführlich auf seine Beweggründe diesen Roman zu schreiben ein und erläutert zudem seine vielfältigen Recherchen zu den Hintergründen und Anspielungen auf einige historische Persönlichkeiten. Zur besseren Einordnung und Orientierung findet sich auf den Vorsatzblätter zudem einen hübsch illustrierte Landkartenausschnitt, der man die Lage des Vinschgauer Gebiets und die wichtigsten Orte entnehmen kann.

    FAZIT
    Eine berührende, großartig erzählte Geschichte über das Schicksal des kleinen Südtiroler Bergbauerndorfs Graun, die die Erinnerung an ein unrühmliches Kapitel in der jüngeren Geschichte Italiens wach halten möchte!

  1. eher unbekannte Zeitgeschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jun 2020 

    Ich bleibe hier“ erzählt die Geschichte von Trina, die Graun im Vinschgau lebt. Ihr Vater ist Schreiner, das Leben ist einfach. Trina wird Lehrerin, doch bevor sie auch nur einen Tag unterrichten kann, nimmt ihr Mussolinis Faschismus diese Möglichkeit. In Südtirol wird alles verboten was deutsch ist, Trina kann zwar Kinder heimlich auf Deutsch unterrichten, allerdings ist das mit großen Gefahren verbunden. 1939 müssen die Südtiroler wählen, entweder bleiben und endgültig italienisch werden, oder die Heimat verlassen und ins Deutsche Reich ziehen. Im Laufe des zweiten Weltkriegs wird auch Südtirol von den Deutschen besetzt, doch auch das bringt keine Freiheit. Und als der Krieg zu Ende ist, gibt es speziell in Graun und in Reschen keinen Frieden. Die italienische Regierung setzt nun die jahrelangen Pläne eines Stausees um.

    Der Reschensee mit seinem einsamen Kirchenturm darin, ist mir seit meiner Kindheit ein Begriff, war doch der Reschenpass schon immer die bevorzugte Strecke meiner Eltern um nach Südtirol in den Urlaub zu fahren. Dass für diesen Stausee mehrere Dörfer geflutet wurden, wusste ich schon früh. Durch dieses Buch wurde mir der jahrelange Kampf der Bewohner dagegen, noch einmal näher gebracht. Wobei die Anwohner lange nicht glaubten, dass das Vorhaben tatsächlich umgesetzt werden würde.

    Marco Balzano erzählt hier nicht nur die Geschichte des Stausees, sondern auch die ganz Südtriols. Unter den Faschisten Mussolinis war alles deutsche verboten, Kinder wurden in sogenannten Kellerschulen auf Deutsch unterrichtet. Als dann die Option kam, wurde die Bevölkerung noch einmal zerrissen, in die, die bleiben wollte und die Optionierer, die ihre Heimat verließen. Als diese nach dem Krieg teilweise zurückkamen, wurde der Riss in der Gesellschafft noch einmal deutlich, das Gehen wurde ihnen lange vorgehalten.

    Ich fand das Buch sehr gut zu lesen, man hatte das Gefühl mit Trina zusammenzusitzen und ihr zu lauschen. Vielleicht braucht es aber auch eine Verbindung zu dieser Region und ein bisschen Vorkenntnis der Geschichte um das Buch interessant zu finden. Für mich war es ein wirklich interessantes Leseerlebnis, das den Blick auf diesen einsamen Turm im See verändert hat.

  1. Schmerzlich, bedrückend, wunderbar und wichtig!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jun 2020 

    Ein schmerzliches und bedrückendes Stück Geschichte - interessant, berührend und unterhaltsam verpackt: Faschismus, Nationalsozialismus, ein Staudamm-Projekt, ein versinkendes Dorf und der Verlust eines Kindes.

    Der 288 Seiten lange Roman spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Graun im Vinschgau, eine kleine Gemeinde in Südtirol am Länderdreieck Italien, Österreich, Schweiz.

    Es sind die Zeilen einer Mutter an ihre Tochter. Die Ich-Erzählerin Trina, eine ehemalige Lehrerin, bringt ihre Erinnerungen und Gedanken zu Papier.

    Sie erzählt von ihrer Jugend mit ihren Freundinnen Maja und Barbara und wie sie sich in den Bauern Erich verliebte, den sie später heiratete und der der Vater ihrer beiden Kinder Michael und Marica wurde.

    Trina erinnert sich an die einschneidenden Veränderungen, Zerstörungen und Verwüstungen durch die Faschisten unter Mussolini in den 1920er Jahren, durch die sich das ruhige Leben in den deutschsprachigen Grenztälern massiv verändert hat.
    Straßen, Bäche, Berge und Grabinschriften wurden ins Italienische umbenannt. Deutsch zu sprechen wurde verboten. Alles musste italienisch werden, obwohl bis dahin italienisch in Südtirol eine nahezu exotische Sprache und Kultur war.

    Trotz ihres abgeschlossenen Lehramtsstudiums werden Trina und ihren Freundinnen Anstellungen als Lehrerinnen verwehrt. Den „richtigen Italienern“ wird auf dem Arbeitsmarkt der Vorzug gegeben.
    Sie beginnen abends heimlich zu unterrichten, was ein höchst gefährliches Unterfangen ist, und bringen den Kindern, die tagsüber in die italienische Schule gehen müssen, Lesen und Schreiben bei. In Deutsch!

    Und dann greifen die Faschisten, die immer gewalttätiger und extremer werden, den seit Jahren im Raum stehenden Plan auf, einen Staudamm zu bauen, für dessen Verwirklichung Graun und der Nachbarort im Weg stehen. Ein Plan, der die Bewohner erschüttert, denn sie müssten umziehen oder auswandern, damit das Gebiet des Vinschgau überflutet und die Strömung des Flusses zur Energiegewinnung genutzt werden könnte.
    Die Gefahr der Zwangsenteignung steht im Raum.

    Aus anfänglicher Wut über das faschistische Regime wird Melancholie und Resignation. Der Kampf ums Überleben beginnt und die Hoffnung, dass Hitler die Bewohner von Mussolini befreit, wächst.Die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Der zweite Weltkrieg trifft auch Trina und ihre Familie hart...

    Trina erinnert sich auch an die Jahre mit ihrer Tochter Marica und erzählt zärtlich von dieser Zeit.

    In dieser turbulenten Phase ziehen Anita und Lorenz Erichs Schwester und ihr Mann, in den Ort. Die beiden sind kinderlos und haben einen Narren an Marica gefressen. Das Mädchen verbringt viel Zeit bei Tante und Onkel, die sie nach Strich und Faden verwöhnen.
    Als eines Tages Trina ihre 11-jährige Tochter dort abholen möchte, trifft sie auf ein leeres Haus…

    Trotz oder vielleicht sogar wegen des nüchternen und melancholischen Tonfalls werden die Protagonisten lebendig und man sieht das Erzählte vor sich:
    den Ort, die Landschaft, die Personen.
    Mit kraftvoller, schnörkelloser, einnehmender, eindrücklicher Sprache und präzisen Formulierungen vermittelt die Autorin die zunehmend bedrückende Atmosphäre und ein immer gefährlicheres Klima.

    Interessant und neuartig war für mich, das Kriegsgeschehen literarisch aus einer ganz anderen, ungewohnten Perspektive zu erleben und eine ganz besondere und neue Leseerfahrung war diese unmittelbare Verknüpfung der Themen Faschismus und Nationalsozialismus.

    Der Roman begeisterte mich und ist unbedingt lesenswert!

  1. Es wird nahezu unmöglich sein, diesen Roman nicht zu mögen.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jun 2020 

    Kurzmeinung: Historisch-fiktiver Roman. Stimmig auf allen Ebenen. Wieder einmal das große Kino.

    Die Orte Graun und Reschen in Südtirol haben eine wechselvolle Geschichte. Sie waren nicht immer schon touristisch erschlossen wie heute, sondern ursprünglich fruchtbares Bauernland, Land in dem feste Traditionen und Gebräuche sich jahrhundertelange gehalten hatten und die ansässigen Menschen sich seit Generationen und Generationen kannten und mit viel Mühe und einer gewissen Bescheidenheit dem Land ihren Unterhalt abrangen. Man hatte nicht viel, nur, was man brauchte, aber man hatte, was man brauchte.

    Doch dann wird ein Staudamm gebaut und alles, was den Menschen lieb und teuer war, ist überschwemmt. Davon handelt der Roman, den Marco Balzano sehr sorgfältig komponiert hat und für den er auch akribisch recherchiert hat. Noch heute sieht man den Kirchturm des Dorfkirchleins aus dem Wasser ragen!

    Der geschichtliche Hintergrund: Als Mussolini an die Macht kommt und der Faschismus seinen Herrschaftszug durch Italien antritt, wird Südtirol von den Italienern in Anspruch und Beschlag genommen. Die beiden Sprachen, deutsch und italienisch, beide auf ihre Weise wunderschön, sind plötzlich zu Waffen geworden. Der deutschen Bevölkerung wird untersagt, ihre Sprache zu benutzen, öffentliche Bekanntmachungen werden nur noch in italienisch verlautbart und damit am deutschen Bevölkerungsteil vorbei und es ist verboten, auf deutsch zu unterrichten.

    Doch drei Bauernmädchen hatten einst Größeres im Sinn, studierten auf Lehramt und waren gerade mit ihrer Ausbildung fertig geworden als die Historie sie aus dem Sattel wirft. Sie bekommen keine Anstellung. Was tun? Jedes der Mädchen entscheidet sich anders. Trina, inzwischen mit Erich, einem der Landwirtschaft und der Viehzucht verschriebenen Bauern verheiratet, entscheidet sich dafür, in den Untergrund zu gehen.

    Fast gleichzeitig zur Verschärfung der politischen und gesellschaftlichen Lage in Südtirol, verursacht durch die Weltpolitik, bedroht das ehrgeizige Projekt des Staudammbaus die Existenz der beiden Orte. Schon oft hat die italienische Regierung dazu angesetzt, es zu verwirklichen, aber nie ist es zur Ausführung gelangt. Deshalb wiegt man sich auch diesmal in Sicherheit als eine Armada von Arbeitern anrückt. Doch diese Sicherheit ist trügerisch.

    Balzano ist es gelungen auf recht wenigen Seiten sogar, einen intensiven historisch-fiktiven Roman hinzusetzen, der auf allen Ebenen mitnimmt und auf jeder Ebene stimmt, sowohl auf der individuellen, der sprachlichen wie der historischen.

    Die Lehrerin Trina ist Erzählerin und Trägerin einer Familientragödie. Alles Geschehen wird stets vor dem sehr begrenzten lokalen Hintergrund geschildert. Wir als Leser bleiben bei Trina und ihrem Leben und gleichzeitig erleben wir Mussolini, Hitler und die Nachkriegszeit. Liebe, Schicksal, Trauer, Widerstand, Fatalismus. Mehr geht eigentlich nicht.

    Fazit: Was Balzano mit seinem kleinen Romanlein liefert ist wieder einmal das ganz große Kino. Hoffentlich wird das Buch bald verfilmt.

    Kategorie: Historischer Roman
    Verlag: Diogenes, 2020

  1. Großartig

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jun 2020 

    Das Buchcover sieht aus wie eine kunstvolle Fotomontage, ist aber tatsächlich Realität. Der Turm der Kirche von Alt-Graun in Südtirol ragt aus dem Reschensee als morbide Kuriosität, Touristenattraktion und als Mahnmal. Wie es dazu kam erzählt dieses Buch sehr anrührend, das und noch sehr viel mehr.

    Hier geht es um Südtirol, das nach dem Ersten Weltkrieg zwar von Mussolinis Italienern annektiert wurde, das dadurch aber noch längst nicht italienisch war.
    Im verschlafenen Graun ignoriert man die Italiener nach Kräften und hofft auf Hilfe aus Deutschland oder Österreich. Diese Nationalsozialisten könnten das Zeug haben, die Faschisten aus dem Land zu treiben, ist die allgemeine Meinung.
    Erich und Trina sind beide in Graun aufgewachsen, sehen aber eher besorgt den Entwicklungen entgegen. Auch die Gerüchte um den Staudamm, der in ihrer Gegend errichtet werden soll, gefallen ihnen nicht.

    In einem langen Brief an ihre Tochter erzählt Trina von all diesen Ereignissen. Es ist eine Art melancholische Lebensbeichte, die schonungslos und anrührend ihre Lebensgeschichte erzählt und gleichzeitig den Untergang eines Tiroler Bergdorfes, das dem Fortschritt im Weg stand.
    Mit Erich und Trina lernt man was es damals hieß, unter Faschisten in Tirol zu leben. Die Sonderstellung der Tiroler in diesem Gefüge war mir bislang nicht klar. Man durchleidet auch den Zweiten Weltkrieg aus einer ganz ungewohnten Perspektive.

    Dieses Buch hat von allem ein bisschen, plastische Historie, viel Lokalkolorit, lebendige Figuren, Liebe und Leid, und präsentiert es anrührend in wunderbarer Sprache.
    Es ist ein kleines Buch mit ganz viel Inhalt und könnte zu meinen Jahreshighlights gehören.

  1. Ein Südtiroler Frauenleben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mai 2020 

    Öfters bin ich schon via Reschenpass nach Italien gereist und der Kirchturm im See ist immer eine auffallende Landmarke. Ich werde in wohl in Zukunft nicht mehr mit gleichen Augen ansehen können. Es wird immer eine Erinnerung an das Schicksal der Grauner Dörfler damit verbunden bleiben.

    Marco Balzano hat einen Roman geschrieben, der sich mit der jüngeren Geschichte Südtirols befasst. Es waren unruhige Jahrzehnte die das Land und die Bewohner nachhaltig geprägt haben. Der Autor berichtet aus der Sicht der Vinschgauerin Trina, die zusammen mit zwei Freundinnen das Lehrerseminar besucht.

    Nun im Rückblick, in einem langen Brief an die verlorene Tochter, erzählt Trina von ihren Hoffnungen, zerstörten Träumen und fragilem Glück. Sie berichtet von der zwangsweisen Italienisierung, die ihr das Lehren verbietet, vom Ausweg in geheime Keller- und Heckenschulen, von der Verfolgung durch die Faschisten des Duce und gleich anschließend von den Schrecken des Nationalsozialismus, der bis nach Südtirol wirkte. Viele deutschsprachige Südtiroler glaubten an die Versprechungen und siedelten ins Deutsche Reich, wo sie sich willkommen fühlten. Die Zurückgebliebenen sahen sich dem Misstrauen der Administration ausgesetzt, ganz besonders während der Kriegsjahre. Und dann kamen die Staudammpläne und mit dem Wasser war der Untergang des Dorfes Graun besiegelt

    Vielleicht ist es grade die Form einer persönlichen Erzählung, die das Buch so unmittelbar macht. Die Sprache empfand ich als schlicht und dennoch sehr kunstvoll. Mich haben jedenfalls Trinas Erinnerungen in Bann geschlagen. Ganz ohne Schuldzuweisungen erzählt sie von einem exemplarischen Leben, das gleichzeitig ein Abbild der Jahrzehnte zwischen den Kriegen und der Nachkriegszeit ist. Da entstanden Wunden, die nur schwer heilen. Es sind auch die Wunden, die das Leben Trina zugefügt haben und nun als alte Frau kann sie davon berichten.

    Mich hat dieser Roman sehr berührt und ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der Südtirol als Urlaubsziel kennt und sich ein wenig mehr mit den Menschen und ihrer Heimat beschäftigen möchte.

  1. Geraubte Heimat

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Mai 2020 

    Ich muss gestehen, auch ich war bisher einer der Touristen, die den Reschensee mit seinem halb versunkenen Kirchturm fotografierten und anschließend Urlaub im wunderschönen Südtirol gemacht haben. Zwar war mir die Geschichte des Orts im Großen und Ganzen bekannt, die wahre Geschichte aber über ein fiktives Schicksal vermittelt zu bekommen, geht doch deutlich unter die Haut.
    Erzählt wird aus der Perspektive Trinas, die Lehrerin werden möchte und ein ruhiges und beschauliches Leben mit wenig Abwechslung in Graun verbringt. Doch mit der Machtergreifung Mussolinis wird die Lebenssituation der deutschsprachigen Südtiroler komplett umgekrempelt. Die deutsche Sprache wird verboten, Namen werden italianisiert, nur italienisch sprechende Lehrer an den Schulen zugelassen, die die Schüler nicht verstehen.
    Trina, die sich zum Unterrichten berufen fühlt, lernt die fremde Sprache, in der Hoffnung, doch noch eine Stelle zu bekommen. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Stattdessen unterrichtet sie in den Kriegsjahren heimlich in einer sogenannten Katakombenschule Deutsch, was für sie, aber auch für ihre Schüler ein großes Risiko darstellt.
    Mit ihrem Mann Erich, der nie aus Graun fort will, bekommt sie eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter verlässt später ohne Abschied die Familie, worunter Trina ihr Leben lang leidet.
    Erzählt wird auch die leidvolle und entbehrungsreiche Zeit, in der Erich als Deserteur heimkehrt und die beiden in die Berge fliehen, um nicht verhaftet und getötet zu werden.
    Eine sehr wichtige Rolle spielt immer der Staudamm, der über Jahrzehnte hinweg geplant, verworfen, letzten Endes aber doch gebaut wird. Das ganze Tal wird geflutet, die Dörfer Graun und Reschen verschwinden und die Menschen werden für immer ihrer Heimat beraubt.
    Trina erzählt ihr Schicksal in einer nüchternen, schnörkellosen Sprache, was das unsagbare Leid und die Ungerechtigkeit, die den Bewohnern der Region zugefügt wurden, aber auch ihr persönliches Leid, fast dokumentarisch wirken lässt und einen dennoch tief berührt.
    Für mich ist ,,Ich bleibe hier" ein sehr trauriges, aber starkes Buch, das man unbedingt lesen sollte.