Ich, Antoine: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich, Antoine: Roman' von Julie Estève
3.4
3.4 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ich, Antoine: Roman"

Ein Dorf in den Bergen Korsikas, Mitte der 1980er-Jahre. Als die 16-jährige Florence tot im Pinienwald gefunden wird, ist ein Schuldiger schnell ausgemacht: Antoine Orsini, der Dorftrottel, dem die Walnussbäume näher sind als die Menschen und der ein Diktiergerät seinen besten Freund nennt. Jahre später hat er seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück. Noch immer spricht im Dorf niemand mit ihm, und so streift Antoine allein umher und berichtet einem Plastikstuhl davon, was damals wirklich geschehen ist. Ruppig und mit eigenwilliger Sinnlichkeit erzählt ein einfacher Mann seine Geschichte. Und die Geschichte einer Dorfgemeinschaft, die so erbarmungslos ist wie die korsische Sonne.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:224
Verlag:
EAN:

Rezensionen zu "Ich, Antoine: Roman"

  1. Nicht ganz einfache Erzählweise

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jun 2021 

    Antoine Orsini ist der Dorftrottel eines kleinen Ortes Korsikas. Als Mitte der 1980er Jahre die 16-jährige Florence tot aufgefunden wird, ist Antoine schnell der Schuldige. Nachdem er viele Jahre seiner Haftstrafe abgesessen hat, kehrt er in das Dorf zurück. Er streift umher und erzählt währenddessen seinem Plastikstuhl, was damals wirklich geschah.

    Die Beschreibung hat mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht. Ich war gespannt, was mich für eine Geschichte erwartet.
    Der Einstieg in das Buch ist mir nicht leicht gefallen. Ich hatte anfangs ziemliche Schwierigkeiten mit der umgangssprachlichen und einfachen Erzählweise, denn es wurde aus Sicht von Antoine erzählt und seine nicht besonders ausgeprägte Intelligenz spiegelte sich darin deutlich wider. Ich habe mich dann allerdings daran gewöhnt und fand die Schreibweise letztlich sehr passend zu Antoine.
    Antoine tat mir mehrfach sehr leid, denn weil er geistig zurückgeblieben war, wurde er immer wieder das Opfer von Gemeinheiten. Dass er für einen Mord verurteilt wurde und im Gefängnis saß, passte zwar zur Geschichte, war aber eher unrealistisch. Ich habe mich jedoch nicht daran gestört.
    Die Geschichte wurde aus Antoines Sicht und seinen Erzählungen gegenüber seinem Plastikstuhl erzählt. Dadurch bekam ich einen sehr guten und tiefen Einblick in Antoine. Neben der Gegenwart gab es Rückblicke, was damals wirklich geschah. Ich fand es sehr interessant und war gespannt, ob Antoine etwas mit dem Tod von Flo zu tun hatte, was ich bezweifelte, oder was wirklich geschah. Da man als Leser dies nur Stück für Stück erfährt und zudem aus dem Gedächtnis eines geistig minderbemittelten Menschen, erschienen die Erinnerungen manchmal nicht klar, sondern etwas verwischt oder unvollständig. Erst am Ende sind die Zusammenhänge klar geworden. Das Ende schloss die Geschichte gut ab, war allerdings auch recht bedrückend.

    Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte mich das Buch immer mehr fesseln. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

  1. Eine Geschichte ohne Botschaft

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Jun 2021 

    Antoine ist geistig zurückgeblieben. Von den Bewohnern seines Heimatdorfes wird er deshalb als Dorftrottel abgestempelt. Außerdem hält man ihn allgemein für einen Mörder, weil er vor 29 Jahren die 16jährige Florence im Wald getötet haben soll. Als Antoine aus dem Gefängnis entlassen wird und in sein Dorf zurückkehrt, wird er daher allgemein gemieden und bleibt allein. Antoine ernennt daher einen gebrauchten Plastikstuhl zu seinem neuen Freund und erzählt ihm seine Geschichte und das, was damals wirklich geschehen ist.

    Den Aufhänger des Buches fand ich so reizvoll, dass ich mich zur Lektüre dieses Buches für eine Leserunde angemeldet habe. Stilistisch ist der kleine Roman – er hat nur 158 Seiten – durchaus gelungen. Denn bis auf das erste und das letzte Kapitel wird die Geschichte ausschließlich aus der Sicht Antoines erzählt. Das bringt es mit sich, dass sich der Leser in den Kopf von Antoine hineinversetzen muss und all seine oft wirren Gedanken mitbekommt. Dadurch, dass man als Leser die Gedankenwert von Antoine nicht immer versteht und vieles erst sortieren und bewerten muss, wird die kleine Kriminalgeschichte interessant.

    Davon abgesehen hat das Buch leider nicht viel zu bieten. Als Leser bekommt man durch die Augen von Antoine anhand einer Vielzahl von Episoden mit, wie grausam und mitleidslos die Dorfbewohner untereinander im Allgemeinen und zu Antoine im Besonderen sind. Antoine findet unter ihnen keine Freunde; meist wird er nur ausgenutzt. Nicht umsonst war zunächst ein Diktiergerät sein bester Freund, und nun erzählt er einem Plastikstuhl seine Geschichte. Niemand hört ihm zu; niemand interessiert sich für ihn. Und dabei bleibt es.

    Letztlich ließ mich das Buch daher ziemlich ratlos zurück. Welche Botschaft wollte die Autorin mit den oft allzu explizit beschriebenen Grausamkeiten und Demütigungen vermitteln? Dieser Teil der Geschichte nimmt neben der Kriminalgeschichte relativ viel, wenn nicht sogar den größeren Raum ein, führt aber nirgendwo hin. Wie ich auch in unserer Leserunde geschrieben habe, bin ich kein Anhänger von düsteren Zustandsbeschreibungen. Daher kann ich mich nicht überwinden, hier mehr als drei Sterne zu geben.

  1. Vom Glücksbringer zum Dorftrottel

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Jun 2021 

    Vom Glücksbringer zum Dorftrottel

    Antoine Orsini war für kurze Zeit der Glücksbringer seines Ortes, einem kleinen Bergdorf auf Korsika.Doch dies hielt nicht lange an und der minderbemittelte junge Mann avancierte zum Dorftrottel. Niemand nahm auf ihn Rücksicht, oder half ihm.
    Als die 16 jährige Florence tot im Wald aufgefunden wird, ist Antoine der einzige Verdächtige und kommt für diese Tat ins Gefängnis. Nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hat, kommt er zurück ins Dorf und erzählt einem Plastikstuhl sein Leben. Was man Antoine glauben möchte, liegt wohl ganz bei einem selbst, denn Antoines Sicht und Denkweise ist oft sehr wirr und nicht logisch aufgebaut. Ein Aspekt, den die Autorin gut dargestellt hat, denn so wird klar, dass Antoine anders ist. Es wird aber auch klar, dass Antoine in vielen Dingen besser Bescheid weiß als die Dorfbewohner die ihn so verachten und abgestempelt haben. Generell handelt es sich bei den Bewohnern um einen ruppigen Haufen, der vor der eigenen Haustür kehren sollte.

    Der Leser zweifelt oft daran, ob Antoine wirklich der Täter ist, doch in den Rückblenden erfährt man, dass er sich oft mit Florence getroffen hat. Es schien fast so, als sei er in sie verliebt. So werden beim lesen immer wieder Zweifel gesät, war er es, oder war er es nicht?
    Allem voran immer die große Frage nach dem warum. Warum musste Florence sterben? Im weiteren Verlauf wird dies zwar klarer, doch trotzdem bleiben genügend Rätsel, die den Roman für mich spannend genug machten, ihn weiterzuverfolgen.

    Ansonsten war ich nicht allzu angetan von dem Werk der französischen Autorin. Antoine löste in mir zwar Mitgefühl aus, da er einfach abgestempelt wurde und niemand Verständnis für seine Andersartigkeit aufbrachte, doch ansonsten sprang leider kein Funke über. Sicher wollte die Autorin mit der derben Sprache rüberbringen wie Antoine gestrickt ist, doch für mich war dies oft zu viel des Guten. Da hätte mir eine Erzählweise, die dies zwar darstellt, aber nicht schonungslos von ihm selbst kommt, denke ich besser gefallen. Aber die Moral der Geschichte kommt an. Niemand sollte vorverurteilt werden, egal wie besonders er auch ist. Jeder Mensch genießt dieses Recht! Jeder Mensch sollte mit Respekt behandelt werden, dann muss er seinen Kummer auch keinem Plastikstuhl anvertrauen wie Antoine!

  1. Antoine tragisches Leben als Dorftrottel

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jun 2021 

    "Die anderen halten sich die Nase zu und sagen mir, dass ich stink, Läuse hab und später Penner werd, weil ich jetzt schon den Geruch verbreite und immer Dreck an den Füßen und unter den Fingernägeln hab." (Buchauszug)
    In einem kleinen Dorf in den Bergen Korsikas wird die 16-jährige Florence tot im Wald gefunden. Für die Dorfgemeinschaft ist schnell klar, dass nur einer der Täter sein kann, nämlich Antoine Orsini der Dorftrottel. Jahre später, die er unschuldig im Gefängnis verbringt, erzählt er seine Geschichte einem roten Plastikstuhl, den er durch Zufall gefunden hat. Sein einziger und bester Freund, der ihm geblieben ist, ist Magic sein kleines Diktiergerät.

    Meine Meinung:
    Das recht eigenwillige Cover mit dem roten Stuhl spiegelt ein wenig den Inhalt und die einfache, abfällige Sprache wider, die Julie Estéve hier verwendet. Bei dem in Ich-Form geschriebenen Plot tauche ich in Antoines Gedankenwelt und Gefühlswelt ein. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich zu Beginn doch recht schwergetan mit dieser recht trivialen, anstößigen und vulgären Sprache. Habe ich doch kürzlich erst das Buch "Kalman" von Joachim B. Schmidt gelesen, das dagegen wesentlich freundlicher und liebenswerter daherkommt und bei dem ich trotzdem den behinderten Kalman gespürt habe. Hier hingegen will mich die Autorin schon mit ihrer Sprache schockieren. Wahrscheinlich damit wir uns ganz auf diese Geschichte einlassen. Und so kann ich mir Antoine nicht nur bildlich vorstellen, sondern ich rieche ihn förmlich, wenn er sich einnässt oder von sich selbst sagt, dass er stinkt. Eigentlich ist ein glücklicher Mensch mit seinem Freund Magic einem Diktiergerät. Er lebt in seiner ganz eigenen Welt, in der er sogar verheiratet ist. Florence kennt er zwar gut, doch ihr etwas antun, das würde Antoine niemals übers Herz bringen. Trotzdem widerspricht er nicht, als man ihn für ihren Tod schuldig spricht. Derweil wäre es leicht gewesen, Florence Tod nachzuvollziehen, man hätte nur sich vielleicht besser in Antoine hineinversetzen müssen. Nicht nur das Dorf hat Probleme mit Antoine, sondern auch seine eigene Familie. Sein Vater, ein cholerischer Alkoholiker, hätte ihn am liebsten mit dem Kopfkissen erstickt, da er ihm immer noch die Schuld für den Tod seiner Frau anlastet. Ebenso sind seine Geschwister keine große Hilfe für Antoine. Schwester Tomasine kehrt dem Dorf schon recht früh den Rücken und lebt nun in Paris. Sein Bruder Pierre kreidet Antoine ebenso den Tod der Mutter an und ist wie alle anderen davon überzeugt, dass er Florence ermordet hat. Anerkennung und ein bisschen Liebe findet er lediglich bei Mademoiselle Madeleine, seine ehemalige Lehrerin. Es ist wirklich kein leichtes Buch, doch wer damit keine Probleme hat, sich darauf einzulassen, der kann sich definitiv sehr gut in den armen, einsamen Antoine hineinversetzen. Ob man hierfür allerdings wirklich so eine extreme Darstellung eines geistig Behinderten haben muss, bezweifle ich. Trotzdem bin ich im Laufe des Buchs immer mehr in Antoine Lebensgeschichte eingetaucht, selbst wenn ich etwas anderes erwartet hatte. Doch der hier inzwischen über 60-jährige Antoine mit seinem kaputten Plastikstuhl kann einem eigentlich nur leidtun. Das Ende allerdings hat mich dann ein wenig enttäuscht. Nicht nur das Florence Tod im Laufe des Buchs immer mehr verblasst, ist zudem Antoines Ende recht tragisch. Deshalb gebe ich diesem Buch 3 1/2 von 5 Sterne.

  1. Quälend vulgär

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 31. Mai 2021 

    Geografisch betrachtet sind meine letzten beiden Lektüren Nachbarn: "Schilf im Wind" von Grazia Deledda spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Sardinien, der aktuelle Roman "Ich, Antoine" von Julie Estève auf Korsika. Zum Klassiker, der ein Porträt einer archaischen Inselgesellschaft mit vielen Naturschilderungen und kulturellen Eigenheiten in einer lyrischen Sprache zeichnet, ist der Korsika-Roman jedoch ein völliges Kontrastprogramm.

    Ein geborener Sündenbock
    "Ich, Antoine" ist die von ihm selbst 2016 erzählte Lebensgeschichte des geistig behinderten Anti-Helden Antoine Orsini. Er lebt in einem korsischen Dorf im bergigen Hinterland von Ajaccio, wo er für alle nur der „Dorftrottel“, das „Drecksungeheuer“, der verlauste, stinkende „Spasti“ ist, von Kindheit an Opfer von Spott, Häme und brutalen Gemeinheiten, der geborene Sündenbock. Die Mutter starb bei seiner Geburt, sein cholerischer Vater, ein arbeitsloser Trinker, hasst und verprügelt ihn von Beginn an:

    "Mein Papa war gleich stinksauer auf mich. Hat gemeint, dass ich n Mörder bin, er hätt mich mitm Kopfkissen ersticken sollen. Hab schon als Baby wie n Dorftrottel ausgeschaut, mein Kopf war schlicht überdimensional. Papa hat gesagt, es is ne ganz schöne Strafe, wenn man so nen hässlichen Schwachkopf wie mich hat." (S. 91)

    Auch sein Bruder Pierre, ein korsischer Aktivist, lastet ihm den Tod der Mutter an, seine Schwester Tomasine verlässt die Familie Richtung Paris. Lediglich eine früh verstorbene Lehrerin kümmerte sich zeitweise liebevoll um ihn.

    So hat er keinen Fürsprecher, als 1987 die 16-jährige Dorfschönheit Florence tot im Wald liegt. 15 Jahre muss er dafür ins Gefängnis, obwohl er stets seine Unschuld beteuert.

    Einfach nicht mein Buch
    Manchmal passen Leserin oder Leser und Buch nicht zusammen, so wie bedauerlicherweise in diesem Fall. Zwar ist die Form des unsortierten Monologs passend und hat bei "Kalmann" von Joachim B. Schmidt mit einem ebenfalls geistig behinderten Ich-Erzähler gut funktioniert, aber die verstümmelte, derbe, mit Vulgärausdrücken durchsetzte Sprache Antoines, die eine in meinen Augen verunglückte Authentizität vortäuschen soll, war mir eine Qual:

    "Gleich nach der engen Kurve, da fängt das Dorf an.
    Meine Heimat!
    Bei dem Gedanken daran könnt ich gleichzeitig kotzen und scheißen. Irgendwann zünd ichs an, das Dorf, dann is es endlich weg." (S. 39/40)

    Und selbst wenn ich die Sprache als passend empfunden hätte: Genauso wenig, wie ich mir milieuauthentische Talkshows im Privatfernsehen ansehe, möchte ich Texte in Gossensprache lesen. Außerdem ist die Mischung aus detailgenauem Gedächtnis, fraglicher Zuverlässigkeit, seherischen Fähigkeiten, kindlicher Naivität, Gedankenspielen zum Vietnamkrieg, zu Tschernobyl oder Sauerstoffschocks und Formulierungen wie „ausgeklügelter Plan“ schlicht nicht stimmig. Hätte ich das Buch nicht im Rahmen einer Leserunde gelesen, ich hätte es schnell weggelegt, obwohl man kaum drei Stunden dafür braucht. Dabei ist die Grundidee gut und hätte mir – mit einem auktorialen oder personalen Erzähler wie in der Rahmenhandlung nach Antoines Tod, mit mehr Lokalkolorit und weniger schablonenhaften Charakteren – durchaus gefallen können. So blieb mir der emotionslose, unsympathische Protagonist, dessen mit über 60 Jahren vor einem kaputten Plastikstuhl abgelegte Lebensbeichte eigentlich Mitleid hätte hervorrufen müssen, genauso fremd wie die gesamte düstere Dorfgesellschaft. Wer für den Tod von Florence verantwortlich war, trat daher zunehmend in den Hintergrund, es war mir im Grunde schlicht egal.

  1. Trostlos und abstoßend

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 28. Mai 2021 

    Julie Esteves zweiter Roman spielt in einem kleinen Dorf auf Korsika. Die Handlung setzt Mitte der 1980er Jahre ein und zieht sich über einen Zeitraum von knapp 30 Jahren.
    Zu Beginn ist die Hauptfigur Antoine schon tot; wir lesen von seiner trostlosen Beerdigung.
    Danach ergreift Antoine selbst das Wort. Doch er spricht nicht den Leser an, sondern erzählt seine Lebensgeschichte einem alten Plastikstuhl. Man merkt sofort, Antoine ist anders. Er war nämlich der Dorfdepp. Von allen gehänselt, verspottet, aufs Übelste gequält. Auch in seiner Familie fand er kaum Unterstützung und noch weniger Verständnis und Liebe. Die Mutter starb bei seiner Geburt - wofür ihn Vater und Bruder verantwortlich machen. Er wächst zusammen mit seinen älteren Geschwistern Pierre und Tomasine auf. Der Vater ist ein jähzorniger und brutaler Säufer, der Bruder verübt Terror im Namen eines freien Korsika, zieht ansonsten wildernd durch die Wälder. Tomasine flüchtet aus dem tristen Elternhaus nach Paris, in der vergeblichen Hoffnung auf eine Karriere als Sängerin.
    Einzig die Lehrerin Madame Madeleine kümmert sich eine Zeitlang um den zurückgebliebenen Jungen, doch mit ihrem Tod hat Antoine niemand mehr. Er bleibt der Außenseiter im Dorf, der lieber stundenlang in der Macchia herumstreift.
    Dann verliebt er sich in Florence, die frühreife 16jährige Dorfschönheit. Und als diese eines Tages tot im Pinienwald aufgefunden wird, ist für alle schnell klar, wer der Täter ist. Antoine kommt für 15 Jahre ins Gefängnis und kehrt danach ins Dorf zurück, wo er weiter wie ein Aussätziger behandelt wird.
    Nun, als alter Mann, erzählt er seine Geschichte und der Leser erfährt nach und nach, was damals wirklich geschehen ist. Dabei muss er genau aufpassen, denn Antoine mischt Erlebtes mit Erfundenem oder Geträumten, zieht falsche Schlussfolgerungen; nicht alles ist ganz überzeugend. Wobei für mich das Ende wieder gepasst hat ( auch wenn es konstruiert wirkt). Zeigt es doch, dass man auf vielfältige Art schuldig werden kann.
    Die Autorin beschreibt hier die Gedankengänge und Erlebnisse eines geistig zurückgebliebenen Menschen und den grausamen und gnadenlosen Umgang mit ihm. Man muss Mitleid haben mit dieser Figur. Zu niederträchtig die Spielchen, die die Dorfjugend mit ihm treibt, zu widerlich die Beschimpfungen, denen er ausgesetzt ist. Wenn jemand mal ein freundliches Wort für ihn hat, missversteht das Antoine in seinem Überschwang völlig.
    Trotz meinem Mitgefühl war mir Antoine nicht sympathisch. Er ist voller Rachegefühle (verständlich zwar ), ohne Empathie und sein Verhalten und seine Sprache sind derb und vulgär.
    Hier setzt mein Hauptkritikpunkt an diesem Roman an. Die Sprache hat mich zusehends abgestoßen, ermüdet auch auf die Dauer. Das Buch hätte einen personalen oder besser noch auktorialen Erzähler gebraucht. Die grobe Sprache der Dialoge eingebettet in eine sprachlich gut erzählte Geschichte, so wäre die Authentizität noch immer gegeben und das sprachliche Können eines Autors hätte das trostlose Setting erträglich gemacht.
    Wie unsere Leserunde gezeigt hat, polarisiert dieser Roman. Wer sich nicht an der vulgären Sprache und dem deprimierenden Personal stört, wird eine interessante Sozialstudie lesen. Ich aber habe mich durch dieses Buch gequält.
    „ ... ein Roman voll bitterer Schönheit und ergreifender Menschlichkeit“ - so urteilt Le Monde über dieses Buch. Ich konnte keine Schönheit finden und noch weniger Menschlichkeit.

  1. ...auf allen Ebenen außergewöhnlich...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Mai 2021 

    Dieser kurze und in der hiesigen Leserunde ziemlich kontrovers diskutierte Roman ist mal was ganz anderes - sowohl was Erzählweise und Sprache, als auch Inhalt betrifft ... und mir hat‘s wunderbar gefallen!

    Die Erzählweise ist originell, manche würden sagen: zu wenig chronologisch geordnet bzw. diffus.
    Der Inhalt ist überraschend, bewegend und packend, manche würden sagen: unspektakulär mit unbefriedigendem Ende.
    Die Sprache zog mich in den Roman hinein, ist unverblümt, roh, derb und für das beschriebene Milieu authentisch, manche würden sagen: es ist eine abstoßende Umgangs- und Fäkalsprache.

    Der erste Satz ist bereits ein Paukenschlag und hat‘s in sich „Antoine Orsini ist tot...“
    Die erste Szene, noch vor dem ersten Kapitel angesiedelt, ist gewaltig: Wir werden Zeugen eines Trauermarsches zum Friedhof, auf dem der Sarg mit Antoine in seine Grube hinabgelassen wird.
    Absolute Stille, geheuchelte Tränen... und die alte Biancarelli spuckt sogar auf den Sarg!

    Rückblende.
    2016, ein Bergdorf auf Korsika.
    Wir lernen den 63-jährigen Dorftrottel Antoine kennen.
    Er hat gerade einen kaputten Plastikstuhl neben einer Mülltonne entdeckt und beschließt, ihn nach Hause mitzunehmen.

    Wir erfahren, dass er von den beschränkten, konservativen und rohen Dorfbewohnern mit wüsten und verächtlichen Wörtern wie „Spasti“ tituliert wird, dass er schon als Kind gehänselt wurde und schon immer ein Außenseiter war.
    Wie erleichternd, dass seine Lehrerin Madame Madeleine ein Herz für ihn hatte und sich seiner annahm.

    Auf dem Heimweg mit seinem Plastikstuhl unterm Arm meidet Antoine die alte Biancarelli, die Mutter der bereits vor 29 Jahren verstorbenen Florence.
    Florence war damals 16 Jahre alt und Antoine fand ihre Leiche in einem Pinienwäldchen.
    Er wurde für ihren Tod verantwortlich gemacht.
    Er verbüßte dafür eine 15-jährige Haftstrafe...

    Der Plastikstuhl wird Antoines Freund, um den er schon mal den Arm legt, mit dem er ganz gerne die Aussicht genießt, dem er Geschichten aus seinem Leben erzählt und dem er anvertraut, was damals passiert ist...

    Julie Estève erzählt die tragikomische Geschichte von dem geistig zurückgebliebenen und emotional unterentwickelten Antoine, der eine blühende Phantasie, seine ganz eigene Logik und weder die Fähigkeit zu Empathie, noch ein Rechts- bzw. Unrechtsbewusstsein hat.
    Den Ernst von Situationen kann er nicht einschätzen und kritische Gedankengänge sind ihm fremd. Stattdessen ist sein Denken sehr konkretistisch.

    Mit kindlichem Ernst, altklug und gewieft manövriert er sich durchs Leben. Er trägt viele Aggressionen und Rachegefühle mit sich herum und hat keine Hemmungen, Geheimnisse auszuplaudern oder sich über Andere lustig zu machen ...und wenn‘s sein muss, wird schon mal was geklaut oder er zieht eine Show ab, um kostenlos ins Kino zu kommen. (S. 10)

    „Der hat einfach die Haustür sperrangelweit offen gelassen, so dass jeder rein konnte, und da hab ich geschwind nen Radiergummi, nen Kamm und eben den Wecker stibitzt. (S. 72)

    Während ich zu Beginn noch recht viel Mitgefühl mit Antoine hatte, wurde er mir im Verlauf ziemlich unsympathisch und obwohl ich eine Liebhaberin der schönen Sprache bin, störte mich das Derbe und Rohe hier nicht... es passte einfach.

    In dem 160-seitigen Buch gab es einen denkwürdigen und tiefgründigen Satz, der mit besonders gut gefiel, weil ich ihn so treffend finde: „Feinde geben dem Leben nen Sinn, wenn einem sonst keiner einfällt.“ (S. 25)

    Die 1979 in Paris geborene Julie Estève ist eine präzise Beobachterin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und angereichert mit brutalen Szenen, Witz und schwarzem Humor die spannende, bewegende und erschütternde Geschichte eines geistig und emotional eingeschränkten Mannes, einer lieblosen Familie und eines abgelegenen und zurückgebliebenen Dorfes erzählt. Und zwar kurzweilig, lebendig, detailliert und bildhaft.

    Dass diese emotional intensive Geschichte als Monolog aus der Sicht des sehr einfach gestrickten Antoines völlig unspektakulär dargestellt wird und heftige Szenen von ihm bagatellisiert oder in ihrer Brisanz nicht erkannt werden, erhöht dabei das Schockierende an dem Ganzen.

    Ich habe mich inzwischen zu einer rigorosen „Bücher-Aussortiererin“ entwickelt, aber dieses Werk darf bleiben.

  1. Ein Erzähler, mit dem man sich schwertut

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Mai 2021 

    Antoine Orsini ist ein armer Teufel. Geistig zurückgeblieben, zu keiner Zeit umsorgt und gefördert, von der Gemeinschaft des korsischen Bergdorfs, in dem er sein ganzes Leben verbracht hat, wie ein Fußabtreter behandelt, erzählt er seine Geschichte selbst. Keinem Menschen, weil ihm sowieso nie jemand zuhört, sondern einem kaputten Plastikstuhl. Es ist nicht immer klar zu deuten, was er von sich gibt, und seine derbe Ausdrucksweise, mit Schimpfworten und Fäkalausdrücken gespickt, setzt eine gewisse Toleranz beim Lesen voraus ... dies schon vorab.

    Antoine ist über 60, und fünfzehn Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht. Verurteilt wegen Mordes an einer jungen Frau namens Florence, die tot im Wald gefunden wurde. Florence war schön und lebenshungrig, die von vielen verehrte Schönheit des kleinen Dorfs. Sie hatte, wie Antoine uns wissen lässt, einen Geliebten, der mit einer anderen Frau verheiratet war, einen Verehrer, der sie krankhaft begehrte, und eine bitterböse, kontrollsüchtige Mutter. Und sie hatte Antoine, der - wie er uns wissen lässt - über ihr Leben und ihre Geheimnisse vermutlich besser Bescheid wusste als irgendjemand sonst. Doch können wir Antoines Bekenntnissen glauben? Antoine vermischt Beobachtetes mit Erfundenem; er hat eine rege Phantasie, beweist in manchen Einzelheiten überraschende Gewitztheit, dann wiederum zeigt er sich strunzdumm und empathielos. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, wofür ihm seine reichlich verstockte Familie die Schuld zuweist. Der Vater ist Alkoholiker, der Bruder baut Bomben (vermutlich für die ETA), die Schwester ist frühzeitig aufs französische Festland abgehauen, um ihr Glück zu suchen. Antoine lebt von der Stütze und hat weder Strom noch Wasser, er stopft seinen Haushalt mit gefundenem Plunder voll, ernährt sich aus Mülleimern und wäscht sich allenfalls mal im See. Er ist kein Erzähler, den man mögen oder dem man vertrauen möchte.

    Damit ist schon das Problem umrissen, das viele mit dem Buch haben werden. Man müsste mit Antoine Mitleid haben, weil er - abgesehen von einer einzigen Person, einer Lehrerin seiner Kindheit, die schon lange nicht mehr lebt - zeit seines Lebens als Dorftrottel behandelt wurde. Aber dieses Mitgefühl fällt nicht eben leicht, er ist kein Mensch, der Sympathie weckt. Und auch alles andere in diesem kurzen Roman ist nicht leicht. Gelegentlich fängt die Autorin Einzelheiten der korsischen Landschaft ein, die ein wenig Erholung vom erdrückenden Alltag bieten - die Düfte, die Gärten mit Feigen und Trauben, die Atmosphäre des geheimnisvollen Lac de Tolla, wo Antoine hin und wieder baden geht. Doch insgesamt bleibt das Gefühl einer brutalen und rückständigen, am Rande vergessenen Dorfgesellschaft ohne Perspektiven, die auf dem Schwächsten herumhackt, wie das in solchen Gemeinschaften halt üblich ist - ohne irgendwelche Lichtblicke, ohne Verweis in eine möglicherweise bessere Alternative oder Zukunft. Der Roman ist mit dem äußerst "sperrigen" Protagonisten ein mutiger Wurf, aber er verlangt auch recht mutige Leser.

    Ein interessanter Punkt - darauf sei noch hingewiesen - ist die Einschaltung einer neutralen Erzählstimme im ersten und im letzten Kapitel. Sie ist notwendig, weil der Roman mit Antoines Beerdigung beginnt. Was wir hören, ist quasi aus dem Grab gesprochen. Es hätte - das ist meine persönliche Meinung - dem Roman gut getan, wenn dieser Erzählstimme mehr Raum gewährt worden wäre. So ist die Gegenüberstellung von Antoines Sterbeszene, wie er selbst sie erzählt, und danach der in der dritten Person erzählten Szene, wie sein Bruder ihn tot vorfindet, m.M.n. eine unglaublich bewegende Passage, und ich hätte mir gern mehr von diesem Nebeneinander gewünscht, um Antoines Welt ein wenig objektiver wirken zu lassen. So bleiben am Ende viele Fragen offen; Antoine ist kein Zeuge, dem man trauen kann, und was den Tod der jungen Florence angeht, um den alles kreist, wirkt letztlich vieles überkonstruiert und unglaubwürdig. Für mich eine Geschichte, die stärker hätte wirken können, wenn sie ein wenig anders erzählt wäre - das mag jede Leserin anders sehen.

  1. Ein trostloses Leben am Rand der Gesellschaft

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Mai 2021 

    Mit dem ersten Satz „Antoine ist tot, und es war nicht die Hitze, die ihn umgebracht hat.“, ist bereits klar, dass die Erzählstimme des Romans bereits verstummt ist. Sie wird durch einen zweiten Erzähler am Anfang und Ende des Romans eingebettet.

    Antoine wächst in einem kleinen korsischen Bergdorf auf. Seine Sprache ist gewöhnungsbedürftig, denn er ist geistig zurückgeblieben. Seine Sätze sind einfach, der Ausdruck derb, was aber zum Umfeld des Protagonisten passt. Antoine erzählt seine Geschichte. Er erzählt sie einem kaputten Stuhl, wir dürfen lauschen. Als er sie erzählt, ist er bereits über 60 Jahre alt und hat rund 15 Jahre wegen Mordes im Gefängnis verbracht – unschuldig, wie er behauptet.

    Antoine erzählt von seiner mutterlosen, traurigen Kindheit mit einem brutalen, alkoholsüchtigen Vater, unbarmherzigen Schulkameraden und einem insgesamt freudlosen Umfeld. Sein bester Freund Magic begleitet ihn überall hin: „In der Schule mag keiner neben mir sitzen, ich hock mit Magic, meinem besten Freund, der in echt Philips heißt, in der letzten Reihe. Hab ihm den Namen gegeben, wie ich ihn das erste Mal gesehen hab! Er ist ganz klein und hat lauter Bläschen. Wir haben nen Fensterplatz, von wo aus man die Bäume angucken und hören kann, wie der Wind rauscht.“ (S. 11)

    Antoine springt in seiner Erzählung durch die Zeit, sein phänomenales Gedächtnis und seine genaue Beobachtungsgabe machen es ihm möglich, vergangene Erlebnisse sehr genau zu beschreiben. Aufgrund seines geistigen Defizits kann er sie allerdings nur sehr eingeschränkt deuten. Zudem fehlen ihm jegliche Bildung, Moral und der Umgang mit Gefühlen, wodurch sein Bericht kindlich-naiv und weitgehend emotionslos erscheint. Für mein Empfinden ist diese Erzählstimme absolut stimmig und in sich glaubwürdig.

    In Antoines Kindheit gab es nur wenige Lichtblicke. Überhaupt sind die wenigen Menschen, die sich ihm liebevoll zuwandten, alsbald gestorben. Er wird weder geliebt noch anerkannt, wird selbst von seinen nächsten Angehörigen als schwere Bürde empfunden. Antoine ist immer der Schwächste, das Opfer, auf dem die anderen herumtrampeln. Für ihn ist das so selbstverständlich, dass er scheinbar emotionslos darüber berichten kann, wie er gequält, drangsaliert und geprügelt wird. Nur sein anschließend tränennasses Gesicht oder seine mit Urin und Fäkalien verschmierten Hosen geben Aufschluss über die menschliche Not, die dahinter steht. Antoine lässt auch seine Zeit in Haft nicht aus: „Knast ist furchtbar, furchtbarer als der Tod. Wünsch ich niemandem, dass er im Knast sitzen muss.“ (S. 26)

    Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der gewaltsame Tod der 16-jährigen Dorfschönheit Florence vor 29 Jahren. „Florence war n richtiger Star, aber bloß bei uns im Dorf. (…) Sie angucken war ungefähr so, wie in die grelle Sonne schauen.“ (S. 16) Antoine war mit ihr befreundet, im Verlauf der Lektüre ergeben sich für den Leser allerdings Zweifel, ob diese Freundschaft von beiden Seiten ausging. Antoine ist kein sympathischer Charakter, er wirkt mitunter übergriffig, cholerisch und empathielos. Er bildet sich Zuneigung ein, wo offensichtlich gar keine ist. Man zweifelt ständig an der Zuverlässigkeit seiner Aussagen. Er selbst beteuert, mit Florences Tod nichts zu tun zu haben und rollt akribisch das Lebensumfeld der jungen Frau auf, die lebenshungrig und auf der Suche nach Liebe war, regelmäßig in die Disco ging, einen verheirateten Geliebten hatte, von einem weiteren jungen Mann krankhaft verehrt wurde und deren strenge Mutter jeden ihrer Schritte kontrollieren wollte. Fast beiläufig lässt Antoine neue Verdachtsmomente und Indizien fallen, die den Leser aufmerken lassen, ihm selbst aber gar nicht bedeutsam vorkommen. So entwickelt diese Handlungsebene einen starken Sog, man möchte wissen, wer für Florences Tod verantwortlich ist, was in ihrer letzten Nacht passiert ist.

    Antoine kehrt immer wieder zurück zu diesen Vorgängen von 1986/87. Wir lernen die enge, bedrückende Welt des korsischen Dorfes kennen, die mangelnden Perspektiven seiner Bewohner, die dem Sonderling nie eine Chance gaben und ihn vorverurteilten. Einzig die Natur- und Landschaftsbeschreibungen sowie die vielfältigen Gerüche der dort beheimateten Blüten und Kräuter sorgen für positive Stimmungsbilder. Wer die Insel kennt, wird die gesamte Atmosphäre noch mehr zu schätzen wissen.

    „Ich, Antoine“ ist ein Roman, auf dessen einfältigen, robusten Erzähler man sich einlassen muss, weil man sonst trotz seines Schicksals nicht richtig warm mit ihm wird. Ein paar nette Bonmots gibt es auch: „Feinde geben dem Leben einen Sinn, wenn einem sonst keiner einfällt.“, „Säufer trinken eben, damit das Leben und die Langeweile vergehen“ oder: „Ne große Liebe wird man halt nicht so leicht wieder los. Is wie mit den Läusen!“. Sie täuschen aber nicht über die große Trostlosigkeit hinweg, die von dem kleinen, intensiven Roman ausgeht.

    Mich hat das Buch enorm gefesselt. Ich empfehle vor dem Kauf jedoch die Leseprobe, manchen Leser mag der Schreibstil abstoßen, der für den Übersetzer gewiss eine große Herausforderung darstellte. Wer sich jedoch auf Antoines rauhe Welt einlassen will, den erwartet ein durchaus intensives Leseerlebnis. Ich empfehle dieses Buch allen Lesern, die das Besondere lieben und keine Schönwetter-Literatur suchen.

  1. Kurz, derb, aber mit Nachhall

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Mai 2021 

    In der Kürze liegt die Würze und in der Sprache liegt die Macht. Es ist die sehr einfache und derbe Sprache, die das Buch auszeichnet.

    Es ist nämlich der Trottel Antoine, der mit seiner infantilen Sichtweise von den Ereignissen aus dem kleinen korsischen Dorf in den 1980er Jahren berichtet. Die 16jährige Florence liegt tot im Wald und Antoine wird des Mordes beschuldigt und geht für 15 Jahre ins Gefängnis. Nach der Haftentlassung kehrt Antoine ins Dorf zurück, weil es seine Heimat ist. Aber die Menschen dort haben ihm nicht verziehen. Antoine braucht sie nicht. Er verbringt seine Tage mit einem kaputten roten Plastikstuhl, dem er die Orte zeigt, an denen sein Leben stattgefunden hat und seine Unterhaltungen führt er mit Magic, einem Diktiergerät.

    Nach und nach hören wir also von Antoine, wie er aufgewachsen ist, seine Mutter aus Versehen umgebracht hat, sein Vater ihm die Schuld für alle Missgeschicke gibt, wie ihn die Kinder aus dem Dorf als Glücksbringer erwählen, aber gleichzeitig seine Einfalt für ihre grausamen Spielchen ausnutzen und wie er schließlich eines Tages, er hatte es vorausgesehen, für den Tod des Mädchens verantwortlich gemacht wird.

    Antoine erzählt kreuz und quer, vor und zurück und nur allmählich wird klar, was sich zugetragen hat. Antoine hat alles mitgekriegt, hat alles gewusst, hat alles gemacht, was die Leute von ihm verlangt haben und so ist er eben auch ins Gefängnis gegangen, weil es das Gesetz so wollte.

    Wer hat sich schuldig gemacht, nicht nur am Tod des Teenagers, sondern auch an Antoine? Denn Antoine ist tot, das lesen wir gleich mit dem ersten Satz im Buch.

    Auf 150 Seiten kann man sich dem Leben Antoines nicht entziehen, hält ihn für schuldig, hält ihn für ein Opfer, vermutet Wut und Rache, um dann doch voller Mitleid die unausgesprochene Warheit hinausbrüllen zu wollen. Der Dorftrottel als Chronist der Ereignisse, mit der Wucht der ungeschönten Sprache, faszinierend, abstoßend, konzentriert. Eine vertraute Situation in unvertrauter Prosa, vielleicht unbedeutend, dafür aber mit Nachhall.