Hotel Amerika: Roman | Reclams Klassikerinnen

Buchseite und Rezensionen zu 'Hotel Amerika: Roman | Reclams Klassikerinnen' von Maria Leitner
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Inhaltsangabe zu "Hotel Amerika: Roman | Reclams Klassikerinnen"

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Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:255
EAN:9783150114766

Rezensionen zu "Hotel Amerika: Roman | Reclams Klassikerinnen"

  1. Lebenswelten im New Yorker Luxushotel der 1920er Jahre

    Maria Leitner war „eine Pionierin der investigativen Sozialreportage“ (S. 225). Man merkt dem Roman an, dass die Autorin selbst in verschiedenen Hotels gearbeitet hat und sie die dort herrschenden Bedingungen sehr gut kannte. Anders lassen sich Authentizität und Nähe zu den Figuren nicht erklären.

    Leitner wendet ihren Blick den zahllosen einfachen Arbeiter/innen zu, die im Mikrokosmos des Hotels Amerika ihren Dienst tun. Es gibt strenge Hierarchien, getrennte Schlaf- und Speiseräume. Die Scheuerfrauen und Stubenmädchen stehen am Ende der Fahnenstange. „Die Trennung erfolgt aber nicht nur nach der Stellung, sondern auch nach den Geschlechtern und der Rasse.“ (S. 105) Die ungelernten (und damit austauschbaren) Arbeitskräfte sind meistens Einwanderer oder Schwarze. Letztere sind einem latenten Rassismus ausgesetzt, werden aber für ihre positive Lebenseinstellung bewundert. Shirley stammt aus Irland. Sie ist jung, ein bisschen naiv und arbeitet seit sechs Jahren zusammen mit ihrer Mutter Celestine im Hotel. Shirley leidet unter der harten Arbeit, den unwürdigen Bedingungen und dem kargen Lohn. Sie träumt von einem besseren Leben, zu dem ihr ihr neuer Freund verhelfen soll, der offenbar vor einem großem geschäftlichem Erfolg steht. Als Leser hat man gleich Zweifel an der Belastbarkeit der hochfliegenden Träume der hübschen jungen Frau.

    Arbeitslosigkeit und Not auf der Straße sind groß, umso erstrebenswerter ist eine feste Anstellung im Hotel. Fritz bewirbt sich um eine solche, sein Freund Heinrich, der Nachtwächter, setzt sich für ihn ein. „Fritz ist schon ungeduldig, er möchte endlich wissen, ob er heute Glück haben wird. Glück! Wenn man durch schwere, harte Arbeit gerade so viel verdient, dass man nicht verhungert, so hat man schon ‚Glück‘. Eine verrückte Welt ist das!“ (S. 28) Die Perspektiven wechseln. Während Fritz sozialistischen Ideen nahesteht, kuschen andere vor der Obrigkeit oder tun brav ihren Dienst. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist omnipräsent, soziale Absicherung gibt es keine. Der einfache Arbeiter ist der Willkür der Vorgesetzten und Besitzenden ausgeliefert.

    Die Gegensätze zwischen Arm und Reich legt Leitner anschaulich offen. Die Gäste dürfen sich allerlei Kuriositäten leisten. Egal ob Tiere im Zimmer, Überreste von Sauforgien oder verdreckte Waschräume – die Zimmermädchen müssen es klaglos richten. Je wohlhabender die Klientel, desto mickriger fällt das Trinkgeld aus. Die Dauergäste haben ihre „ticks“: „Sie haben das höchste Ziel ihres Lebens erreicht, sie sind reich (…). Und nun martern sie ihr Gehirn, um noch mehr vom Leben zu erzwingen; sie wollen Unsterblichkeit, übernatürliche Kräfte oder übermenschliche Macht wie Doktor Faustus im Mittelalter.“ (S. 57) Die Gäste sind fordernd, dekadent und beharren auf die sofortige Befriedigung ihrer Wünsche. Die Sympathien des Lesers werden eindeutig gesteuert. Auch Herr Fish ist Gast im Hotel. Sein Aufzug jedoch eher ungewöhnlich. Was hat er mit dem Kellner, dem „schönen Alex“ vor?

    Betrachtet wird nur ein einziger Tag, der mit kleinen Tragödien zweifellos viel Aufregung und Bewegung in den Alltag der Arbeitnehmer bringt. Die Vorbereitungen der feudalen Hochzeitsfeier von Millionärstocher Marjorie Strong (man beachte die sprechenden Namen) erfordern umfangreiche Planungen und beweisen, wie wichtig jeder Einzelne im Getriebe dieser gut geölten Hotel-Maschinerie ist. „Page 16 ist in Gedanken versunken. Er denkt daran, dass man hier nicht denken darf. Sie müssen alle immer in Bewegung sein, wie Flugzeuge, die nie in der Luft halten können, für die Stillstehen Absturz und Tod bedeutet.“ (S. 101) Faule Kartoffeln führen zu einem Aufstand mit Folgen, an dessen Ende die Frage steht, ob sich die übergreifende Solidarität aller Mitarbeiter lohnt oder ob es reicht, wenn sich jeder primär um sich selbst kümmert. Protagonistin Shirley darf in diesem Zuge eine Entwicklung erfahren.

    Der Roman liest sich ungemein flüssig. Er ist unterhaltsam, gibt dabei aber tiefe Einblicke in die unsoziale Arbeitswelt des aufstrebenden New York am Ende der 1920er Jahre, die spiegelbildlich auch für europäische Verhältnisse der damaligen Zeit stehen dürfte. Spannende Perspektivwechsel legen völlig unterschiedliche Denkstrukturen der verschiedenen Klassen offen. Die gesellschaftliche Zugehörigkeit wird durch Herkunft, Familie und Vermögen zementiert. Empathie der Besitzenden den einfachen Leuten gegenüber sucht man vergeblich. Die Autorin beschreibt diese entgegengesetzten Lebenswelten enorm anschaulich. Egal ob Wäscherei, Großküche, Etage oder Service – man bekommt ein dezidiertes Bild von den Verhältnissen, unter denen die Menschen arbeiten und leben. Die einzelnen Handlungsstränge lesen sich spannend, die Dialoge wirken lebendig und realistisch. Im Text finden sich zahlreiche wunderbare, nachdenkenswerte Formulierungen, wie man sie von guten Klassikern gewohnt ist.

    Ich bin begeistert, dass der Reclam Verlag diese beeindruckende Autorin wiederentdeckt hat und auch sehr dankbar für das umfangreiche von Katharina Prager stammende Nachwort, das Leben und Werk Maria Leitners beleuchtet. Der Text von 1930 wurde angabegemäß nur behutsam modernisiert, was ich grundsätzlich sehr befürworte. Allerdings hätte man einen heute als sehr diskriminierend verstandenen Begriff (N-Wort) schlicht durch „Schwarze“ ersetzen können. Das ist aber mein einziger Kritikpunkt an dieser liebevoll gestalteten Hardcover Ausgabe, die eine breite Leserschaft finden und erfreuen sollte.

    Große Leseempfehlung!

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  1. Solidarity forever

    Die irische Wäscherin Shirley ist sich sicher: Heute ist ihr letzter Tag im Hotel Amerika. Ihr heimlicher Freund wird sie herausholen aus diesem 30-stöckigen Luxushotel in New York, in dem die Gäste hofiert werden, die Angestellten aber von der Hand in den Mund leben. Das glitzernde Kleid für ihr neues Leben liegt jedenfalls schon bereit. Der deutsche Küchenjunge Fritz hingegen ist gerade erst angekommen und muss sich erst einmal zurechtfinden in diesem Wirrwarr und Trubel. Er wünscht sich nichts sehnlicher als einen eigenen Schlafplatz. Als die niederen Angestellten in ihrer Pause faule Kartoffeln vorgesetzt bekommen, ist das Maß voll. Nach und nach füllt sich die Kantine. Dem Hotel droht ein veritabler Aufstand...

    In der Reihe "Reclams Klassikerinnen" gibt der Reclam Verlag teils komplett in Vergessenheit geratenen Schriftstellerinnen den literarischen Raum, den sie verdienen. Jüngst ist mit "Hotel Amerika" der deutschsprachigen ungarischen Autorin Maria Leitner (1892 - 1942) ein Klassiker aus dem Jahre 1930 erschienen, der seinerzeit im Neuen Deutschen Verlag veröffentlicht wurde. Es ist eine eindrucksvolle Neuveröffentlichung.

    Bemerkenswert ist zunächst, wie es Maria Leitner gelingt, die Leser:innen unmittelbar hineinzuwerfen in diesen einen Tag im Leben verschiedener Hotelangestellter. Sofort ist man mittendrin in diesem Luxushotel, das einem Bienenstock gleicht. Alles ist in Bewegung, der neue Tag beginnt und mit ihm eine weitere höchst anstrengende Arbeitsschicht, an deren Ende man sich vielleicht über ein paar zusätzliche Dollar Trinkgeld freuen darf - wenn man Glück hat. Shirley, eine junge Irin, die seit sechs Jahren in der Hotelwäscherei beschäftigt ist, hat dieses Glück auf ihrer Seite. Voller Zuversicht blickt sie auf ihren offenbar letzten Arbeitstag, die letzten Schindereien, das letzte schlechte Essen. Ihr neuer Freund, der gerade als Gast im Hotel abgestiegen ist, hat ihr versprochen, an so viel Geld zu kommen, um ein gemeinsames neues Leben beginnen zu können.

    "Hotel Amerika" erinnert in gewissen Sequenzen an eine zugänglichere Variante von Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway". Eine Gemeinsamkeit ist, dass sich die Handlung an genau einem Tag abspielt. Zudem setzt auch Leitner auf einen erzählerischen Bewusstseinsstrom, der mal bei Shirley, mal bei Fritz oder anderen Figuren ist oder einfach die verschiedenen Etagen und Zimmer des Hotels passiert. Ein Unterschied ist jedoch, dass es bei Maria Leitner viel mehr direkte Rede gibt. Gerade in den zwei zentralen Momenten des Romans, in denen ein Aufstand der Angestellten droht, gibt ein Wort das andere und aus der Vielzahl der Stimmen ist gar nicht mehr herauszuhören, wer da jetzt eigentlich gerade was fordert. Das ist ganz hervorragend umgesetzt und gibt diesen Szenen einerseits eine hohe Intensität, andererseits fühlt man als Leser:in genauso überfordert wie die Angestellten in diesem Raunen und Rufen.

    Ein weiteres Plus ist, dass Leitners Sympathie immer auf Seiten der Armen und Schwachen ist. Es sind Figuren wie das schwedische Zimmermädchen Ingrid oder eben der idealistische Fritz, der die Chancen vor allem in einer organisierten Arbeiterschaft sieht, die lange im Gedächtnis bleiben. Der wichtigste und gelungenste Charakter ist aber Shirley, die den Roman eröffnet und beschließt. Scheinbar furchtlos ob der guten Aussichten, ist es ausgerechnet ein junges Mädchen, das die Fäden in die Hand nimmt. Und auch wenn Shirleys eindringliche Rede bei den Vorgesetzten wegen des fehlenden Rückhalts verpufft, ist sie eine starke Frauenfigur, in der sowohl die feministischen als auch die sozialistischen Ideale Maria Leitners aufblitzen.

    Neben der im Vordergrund stehenden Sozialkritik ist "Hotel Amerika" auf einer untergeordneten Ebene fast so etwas wie ein Kriminalroman. Im Hotel übernachtet nämlich gerade ein einflussreicher und berühmter Verleger, dessen Tochter kurz vor der Traumhochzeit an diesem besonderen Ort steht. Gäbe es da nicht jemanden, der ein paar pikante Details über den mächtigen Mann weiß. Leitner verwebt diese kriminalistischen Elemente bemerkenswert stimmig in den Verlauf der Geschichte.

    Bereichert wird die auch optisch gelungene Neuausgabe durch ein ausführliches und informatives Nachwort der Historikerin Katharina Prager. Hier erfährt man nicht nur traurige Details über die letzten Monate im Leben der Maria Leitner, sondern auch, dass diese den Roman sozusagen aus erster Hand erzählte. Denn Leitner selbst arbeitete als Scheuerfrau in diversen New Yorker Hotels.

    Maria Leitners "Hotel Amerika" ist ein spannendes und eindringliches Plädoyer für Solidarität und das Sichtbarmachen eines Prekariats, das in den Schilderungen der Arbeitsbedingungen erstaunlich aktuell wirkt. Das Buch war 1933 eines der ersten, das der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fiel. In Bonn erinnert nur noch ein Gedenkstein daran. Es ist Reclam und Maria Leitner zu wünschen, dass sie durch die Neuveröffentlichung künftig in einem Atemzug mit ungleich bekannteren Zeitgenoss:innen wie Anna Seghers oder Bertolt Brecht genannt wird.

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