Hool

Buchseite und Rezensionen zu 'Hool' von Philipp Winkler
4.65
4.7 von 5 (9 Bewertungen)

Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:310
Verlag: Aufbau Verlag
EAN:9783351036454

Rezensionen zu "Hool"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2017 

    Wenn Fussball und Gewalt der Sinn des Lebens sind

    Für den 27jährigen Heiko Kolbe gibt es nur wenig im Leben was ihm wichtig ist, nachdem seine Freundin ihn verlassen hat: Es sind seine Freunde, mit denen er seine Liebe zum Fußball und zur Gewalt teilen kann. Immer wieder treffen sie sich zu Matches mit Gleichgesinnten aus anderen Städten, wo es ausschließlich darum geht, sich gegenseitig zusammenzuschlagen. Den Kick, den sich Andere beim Bungeejumping oder Bergsteigen holen, erhalten diese jungen Männer durch Schlägereien bis auf's Blut, wobei die Gegnerschaft im Fußball der bereits vorhandenen Aggressivität noch einen zusätzlichen Schub verleiht.
    Nach Niemand ist bei den Kälbern ist dies bereits das zweite Buch in kurzer Zeit, das mir einen Einblick in eine Welt liefert, die bei Hool zwar im wahrsten Sinne des Wortes um die Ecke liegt; doch wovon hier erzählt wird, wirkt so weit entfernt, als wäre von einem anderen Planeten die Rede. Wunstorf, Luthe, Hannover - all diese Orte, in denen Heiko sich aufhält, sind mir gut bekannt. Aber in seinem Leben gehören Alkohol und Drogen ebenso wie Gewalt und Kriminalität zum Alltag. Da werden Anabolika gehandelt, Drogen vertickt und konsumiert, Tierkämpfe mit Wettgeschäften veranstaltet; es wird gesoffen, gekifft und wenn es einem gerade danach ist, einer zusammengeschlagen. Klar weiß ich, dass nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen (oder sowas in der Art) ist und es in unserer Gesellschaft Bereiche gibt, in denen die Uhren anders gehen. Doch was Philipp Winkler hier überzeugend durch seinen Protagonisten erzählen lässt, ist für mich eine völlig fremde Welt, obwohl sie in meiner unmittelbaren Nachbarschaft existiert.
    Heiko ist kein wirklicher Sympathieträger – wie könnte es bei einem Hooligan auch anders sein? Doch auch wenn seine Sprache vulgär, brutal und derb ist, ist er ebenso wenig der Widerling und die Dumpfbacke schlechthin, wie man vermuten könnte. Er war auf dem Gymnasium (wenn auch ohne Abschluss), machte Zivildienst und lehnt Nazis ab. So wie er seine Ruhe will, lässt er die Anderen in Ruhe und wäre nicht diese ständig schwelende Wut in ihm, der er bei den Matches freien Lauf lässt, könnte er der nette junge Nachbar von gegenüber sein. In Rückblicken, die in die laufende Erzählung immer wieder eingeschoben werden, wird erkennbar, woher diese Wut letzten Endes kommt. Auch der Blick auf Heikos Freunde widerspricht dem Klischee der rechten Schläger. Sie sind ebenfalls keine Nazis: Kai ist ein lebensfroher Student; Jojo ein braver Sohn, der bei seiner Mutter lebt.
    Es ist ein brutales und grausames Buch ohne Schwarz-Weiß-Malerei, das ungemein realistisch wirkt und gerade im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen um das Auseinanderdriften der Gesellschaft ein wichtiger Beitrag sein kann. Ich habe auf jeden Fall einen Einblick in eine Welt erhalten, der mir sonst nicht möglich gewesen wäre. Dafür Danke!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jan 2017 

    Gesellschaftliches Paralleluniversum

    Es gibt sie, diese gesellschaftlichen Paralleluniversen, nur einen Steinwurf von der normalen Welt entfernt und doch so schwer zu begreifen wie die Zivilisation eines fremden Sterns. Philipp Winkler hat mit seinem Romandebüt „Hool“ so ein Paralleluniversum beschrieben.

    Die Geschichte einer Gruppe von Hooligans aus der Nähe von Hannover erzählt einer von ihnen, Heiko Kolbe. Er ist Anfang 20, hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, und vor allem keine Perspektive. Geld verdient er bei seinem Onkel Axel, der ein Fitnessstudio betreibt, in dem sich zwielichitige Gestalten aus dem Drogenhändlermilieu die Klinke in die Hand geben. Axel ist es auch, der die sogenannten Matches organisiert.

    Matches sind im Grunde nichts anderes als verabredete und extrem brutale Massenschlägereien zwischen Gruppen aus verschiedenen Städten. Es gibt beispielsweise die Natzen, die Ultras und eben die Hools, die sich gegenseitig krankenhausreif prügeln. Zu diesen Schlägereien fahren sie gemeinsam und so selbstverständlich wie andere Gleichaltrige mit ihrer Fußballmannschaft zum wöchentlichen Freundschaftsspiel. Immer geht es um die Ehre. Um die Ehre von Hannover, um die Ehre der Fußballmannschaft Hannover 96. Absurderweise gibt es für diese Gewaltorgien einen strikten Ehrenkodex, so als würde es sich um eine olympische Disziplin handeln, bei der unter allen Umständen auf Fair Play zu achten ist. So dürfen keine Messer zum Einsatz kommen, auf Verwundete, die am Boden liegen, darf nicht mehr eingetreten werden.

    Warum aber wählt jemand überhaupt diese destruktive Welt für sich? Und warum arrangiert sich jemand so lange mit dem Tanz am Abgrund? Winkler gibt eine ziemlich eindeutige Antwort darauf. Es ist das Verständnis und die Loyalität der Gruppe, das Gefühl irgendwo dazuzugehören und gebraucht zu werden, die als Belohnung für die lebensbedrohlichen Schlägereien winken. Wahrscheinlich funktionieren nach diesem Muster auch Neonazi- und ähnliche Gruppierungen.

    Hool ist kein schönes Buch im Sinn einer erbaulichen Geschichte. Eher ist es eine Sozialstudie in Romanform, aber eine, die nachhallt und deren Bilder lange im Kopf nachwirken.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Dez 2016 

    Sprachlosigkeit und Wut...

    Hier ist drin, was draußen draufsteht: Hooligans. Im Fokus des Geschehens steht der junge Heiko Kolbe, der gerade mal etwas älter als 20 Jahre alt ist und nur einen Lebensinhalt zu kennen scheint: die Hooligan-Szene um Hannover 96. Vor allem gemeinsam mit Heikos langjährigen Freunden Kai, Ulf und Jojo scheint jeder Gegner bezwingbar zu sein, der Kick aus Wut und Adrenalin durch jede Ader zu rauschen. Dazugehören, die Wut rauslassen - darum geht es Heiko, nicht etwa um einen radikalen politischen Hintergrund (Nazis lehnt er ab) oder gar um Fußball ('Wir sind ja nicht oft im Stadion. Ist einfach nicht mehr der Ort für unsereins.')

    "Ich überlegte, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren, wie Manuela das formuliert. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend." (S.72)

    Erzählt wird hier aus der Ich-Perspektive Heikos, was den Leser zwingt, sich bei allem Ekel und anfänglichem Unverständnis zunehmend mit der Person des jungen Mannes zu befassen und sich in ihn einzufühlen. Saufen, rauchen, prügeln, in den Tag hineinleben, Verantwortung übernehmen nur hinsichtlich der Gruppe und ihrer Mitglieder. Für Heiko scheint diese Gruppe der Hooligans mit seinem Onkel an der Spitze eine Art Familienersatz zu sein, nachdem er seiner eigenen enttäuscht den Rücken zugekehrt hat. Heikos Mutter ist schon vor Jahren weggelaufen, sein Vater ist Alkoholiker und hat sich aus einem Thailandurlaub eine neue Partnerin mitgebracht, mit der Heiko kaum je ein Wort gewechselt hat, und Heikos Schwester versucht mit ihrer eigenen Familie die Hoffnung zu verwirklichen, dass dort alles besser klappen möge und versucht zeitweise etwas missionarisch,die Verhältnisse in der Ursprungsfamilie zu glätten.

    Heiko ist längst ausgezogen, und nachdem das Verhältnis zu seiner Freundin in die Brüche ging, ist er zu einem Bekannten auf einen abgelegenen und verwahrlosten Hof gezogen, wo illegale Tierkämpfe an der Tagesordnung sind - und nicht nur Hunde gehören dazu. Brutal die Schilderungen der Zustände, vulgär oft die Sprache, jedoch nicht immer. Wiederkehrende Perspektivwechsel von der Gegenwart in die Vergangenheit zerren Heikos Geschichte ans Licht, und ebenso skizzenhaft die seiner Freunde. So gewinnt jede Figur zunehmend an Kontur, der Leser an Verständnis für die Sprachlosigkeit und Einsamkeit, die das Leben Heikos durchdringen. Und die Sehnsucht danach, anerkannt und gemocht zu werden, dazuzugehören.

    "Ich weiß selber nicht so recht, warum ich überhaupt aufgestanden bin und wie ein Getriebener durch die Nacht fahre. Vielleicht weil ich irgendwo landen will, wo ich das Gefühl habe, angekommen zu sein." (S. 270)

    Empathie für Heiko entsteht beim Lesen in jedem Fall, manchmal auch Sympathie, Mitleid in jedem Fall. Und Philipp Winkler schafft in meinen Augen in seinem literarischen Debüt ein authentisches Bild, auch wenn er selbst, wie er in einem Interview betont, nie zur Hooliganszene gehörte oder auch nur jemanden daraus kennt. Es mag sein, dass sich hier fleißig aus der Klischeekiste bedient wurde - denn genauso stellt man sich als Unbeteiligter die Welt eines Hooligan vor - doch geht Winkler darüber hinaus. Er zeigt, wie es ist, wenn der vermeintliche Halt in sich zusammenbricht. Denn genau dies geschieht Heiko. Ein Freund nach dem anderen verabschiedet sich aus der Hooliganszene, und auch sonst bröckelt die Welt, in die er sich geflüchtet hat, immer mehr. Mit zunehmender Wut versucht sich Heiko an den Scherben festzuhalten, und die spannende Frage ist, wohin sein Weg ihn letztlich führt.

    Raffiniert ist dabei die Wahl der Ich-Perspektive, durch die der Leser Heiko zunehmend näher kommt und mit ihm fühlt. Dadurch kommt es allerdings irgendwie auch zu einer Verharmlosung der Brutalität, der Ekelexzesse, der unbeherrschten Wut, auch der Tierquälerei. Denn wenn der Ursprung der Wut verständlich wird, die Hauptfigur zunehmend auch sympathisch erscheint, wirken die negativen Aspekte nur noch halb so schlimm. Ein Spagat, den ich nicht wirklich gerne vollzogen habe.

    Abgesehen von der Gewalt und der Gefühllosigkeit ist es die Einsamkeit und die Sprachlosigkeit bezüglich der wesentlichen Dinge im Leben, die mir hier beim Lesen wirklich zugesetzt haben. Tatsächlich konnte ich immer nur einige Seiten am Stück lesen und war dann froh, das Buch wieder weglegen zu können. Anfangs war ich sehr offen der Thematik gegenüber, letztlich bin ich eher froh, dass das Buch endlich ein Ende hat.

    Insgesamt ein außergewöhnliches Buch mit einer nichtalltäglichen Thematik, die hier sprachlich gut umgesetzt wurde. Die Virtuosität des Autors, der manchmal nur ein Wort benötigt, um eine Situation kippen zu lassen und dem es gelingt, selbst skizzenartig aussagekräftige Bilder zu schaffen, ist bemerkenswert. Auch wenn ich hier in meiner Wertung ambivalent bin, ist es für mich nachvollziehbar, weshalb dieses Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 gelandet ist...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Dez 2016 

    eine völlig fremde Welt

    Die Begeisterung und Ekstase, die Fußball bei so vielen Leuten hervorruft, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich kenne zwar die Spielregeln, bin auch mit der Bundesliga vertraut, gehe auch manchmal ins Stadion. Natürlich sehe ich mir Europa- und Weltmeisterschaften an. Aber das war's dann auch schon. Alles, was darüber hinausgeht und scheinbar auch zum Fußball dazugehört wie Schlachtgesänge und Fan-Krawalle, ist für mich nicht zu begreifen. Wenn ich brüllende Fußballfans sehe, denen der Hass auf die gegnerische Mannschaft aus jeder Pore tropft, denke ich immer nur: "Meine Güte, wie hohl!"

    Und dann ist mir "Hool" von Philipp Winkler vor die Lesebrille gekommen, ein Roman über eine Gruppe von Hooligans aus Hannover. Dieses Buch befasst sich ausgiebig mit dieser, für mich unverständlichen Welt. Ich bin noch nie so voreingenommen an ein Buch herangegangen wie an dieses. Aber mich beschäftigte einfach die Frage, was Menschen dazu bewegt, sich solch gewaltbereiten Gruppierungen anzuschließen. Mit "Hool" erhoffte ich mir eine Antwort.

    Gleich vorweg: Das Buch und ich hatten keinen guten Start. Wenn ich auf den ersten Seiten schon mit einer organisierten Massenschlägerei konfrontiert werde und eine Gruppe Hooligans kennenlerne, die sämtliche Klischees zu dieser Szene bedient, überkommt mich Widerwillen, nahezu Ekel. Winkler hat es jedoch erstaunlicherweise geschafft, dass sich mein Widerwillen in Luft aufgelöst hat und ich lernte, mich auf die Personen einzulassen, die im Laufe der Handlung immer mehr aus der grauen Masse der Hooligans hervorstachen und immer mehr Profil bekamen. Allen voran Heiko, der Hauptprotagonist und Ich-Erzähler in Winklers Roman.

    "Neben mir johlt die Bierkastentruppe noch immer ihre dämlichen Jubelgesänge. Sonst ist niemand zu sehen. Niemand, dem ich mit Anlauf ins Gesicht springen kann. Niemand, dem ich meine pochenden Fäuste in die Fresse jagen kann. Niemand, an dessen Zähnen ich mir die Finger aufschneiden kann, nur um weiterzuschlagen, bis sie sich von Wurzeln und aus dem Zahnfleisch lösen. Und niemand, auf den ich weiter einschlagen könnte, bis er an den eigenen Zähnen erstickt. Stattdessen klopft mir der Regen auf die Schultern und die Schädeldecke und hämmert mir die Wut in jede einzelne Faser meines Körpers." (S. 180)

    Heiko kommt aus einer Familie, die völlig verkorkst ist. Vater Hans ist Alkoholiker, die Mutter ist abgehauen. Geborgenheit und ein liebevoller Umgang existieren nicht in dieser Familie. Stattdessen trifft man auf Gleichgültigkeit und Nebeneinander herleben. Alles scheint sich darum zu drehen, den Vater Hans bei Laune zu halten und die Konsequenzen und Blessuren aus seinem Alkoholkonsum möglichst gering zu halten. Mittlerweile hat sich Hans sogar eine Ersatzfrau besorgt: Mie aus Thailand, die in Heikos Elternhaus völlig deplatziert wirkt.
    Heiko hat keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Er jobt bei seinem Onkel Axel, der einen Boxing-Gym betreibt, indem zwielichtige Gestalten ein- und ausgehen. Axel ist der Anführer einer Gruppe Hooligans und organisiert regelmäßig Prügeleien mit befeindeten Fangruppen anderer Fußballclubs. In Axels Gruppe herrscht eine stramme Hierarchie: es gibt die erfahrenen Mitglieder, die sich ihre Sporen bereits seit langem erkämpft haben und in der Hackordnung weit oben stehen. Der Nachwuchs muss sich noch bewähren und hat sich demnach unterzuordnen. Das Gruppenleben wird von klaren Regeln bestimmt. Auch wenn Heiko zum Nachwuchs gehört, nimmt er doch eine Sonderstellung innerhalb der Gruppe ein. Schließlich wird er als derjenige gehandelt, der früher oder später die Nachfolge seines Onkels antreten wird.
    Heiko ist früh von zuhause ausgezogen. Man kann es ihm nicht verdenken. Er kommt bei Arnim unter, einem durchgeknallten Ex-Knacki, der sich in einem heruntergekommenen Haus eingenistet hat und hier illegale Tierkämpfe veranstaltet.

    Heikos Familienersatz sind seine Freunde aus der Hooligan-Gruppe. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen: Kai – Kind reicher Eltern und Student; Jojo – Jugendtrainer, seine Familie kommt dem Begriff einer „normalen“ Familie am nächsten; Ulf – Familienvater. Heikos Freunde haben eines gemeinsam: Sie haben eine Perspektive außerhalb der Hooligan-Szene und dadurch die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Heiko fehlt diese Perspektive. Er setzt auf die Hools, macht diese Gruppe zu seinem Lebensinhalt. Seine Perspektive besteht darin, bei der nächsten Schlägerei, den Gegner richtig aufzumischen und "Geschichte zu machen" - was auch immer das bedeuten mag.

    "'... ich habe null', ich forme mit den Fingern einen Kreis, ,nichts. ... Das hier habe ich. Mehr nicht. Ich beschwer mich nicht darüber. Und weißt du, warum? Weil ich für das hier lebe. Weil ich dafür eintrete und dazu stehe. ..." (S. 234)

    Wie bereits erwähnt, stellt Winkler seine Charaktere als Teil einer Masse dar. Ich hatte zu Beginn Schwierigkeiten, die einzelnen Personen zu unterscheiden. Aber mit der Zeit kristallisieren sich die Charaktere aus der Masse heraus. Sie erhalten ein Profil, einen Hintergrund und ein Schicksal. Auf einmal hat man als Leser einen ganz anderen Zugang zu diesem Buch. Die Personen werden einem vertraut und man entwickelt Mitgefühl für die einzelnen Charaktere. Plötzlich nimmt man die Schlägereien als gegeben hin. Man beginnt die Beweggründe der Charaktere zu verstehen. Man wird diese Beweggründe jedoch niemals gutheißen.

    Philipp Winkler entführt den Leser in eine völlig fremde Welt. Dies macht sich allein schon in seinem Sprachstil bemerkbar, der diesen Roman sehr authentisch wirken lässt. Er lässt seine Charaktere in einer sehr derben Sprache miteinander kommunizieren. Ist das verwendete Vokabular typisch für die Jugendsprache oder für das Milieu, indem die Handlung angesiedelt ist? Wahrscheinlich von beidem etwas. Zumindest tauchen Begriffe auf, die auf mich (50+) fast schon exotisch wirken. Das macht das Lesen für mich zu einem besonderen Erlebnis, da ich bisher noch nichts gelesen habe, das diesem eigenwilligen Sprachstil auch nur annähernd ähnelt.

    Es gibt besondere Momente in diesem Buch, in denen das Geschehen sehr bildhaft dargestellt wird. Winkler versteht es, den Leser in diesen Momenten in ganz besondere Stimmungen zu versetzen. Da sind auch viele Wohlfühl-Momente dabei. Zum Beispiel schildert er den Augenblick, als Heiko seine schlafende Freundin beobachtet. Ein sehr berührender Moment, der allerdings von jetzt auf sofort mit nur einem einzigen Wort zerstört wird:

    "Von der Tür aus kann ich ihre Rippen zählen und deutlich den Knochen des Schlüsselbeins unter der Haut schimmern sehen. Ich atme ganz flach. Die Katze schnurrt hinter mir im Flur. Sie hat sich die Haare geschnitten. Eine Strähne ihres Ponys ist rot getönt. Ihre Lider sind geschlossen. Sie schläft wie eine Leiche." (S. 274)

    Die Stimmung kippt und auf einmal wird aus einem Wohlfühl-Moment etwas Hässliches. Und insbesondere wenn Heiko diese Szenen erlebt, bestätigt sich einmal mehr seine Perspektivelosigkeit. Sein Leben kann nicht schön sein. Menschen wie er sind chancenlos.

    Aber sind sie das wirklich? Winkler lässt das Ende der Geschichte offen. Er bietet Heiko die Möglichkeit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Was er am Ende daraus macht, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

    Fazit:
    Hool“ ist ein Roman, der in diesem Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden war und allein durch seine Thematik herausstach. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich für einen Roman mit diesem Thema begeistern könnte. Aber genau das ist eingetreten. Indem Winkler seinen Fokus auf die einzelnen Charaktere seines Buches legt, bekommt die Geschichte etwas Tiefgründiges, das ich bei diesem Thema nicht erwartet hätte. Der Leser arrangiert sich mit der Gewalt in diesem Buch. Stattdessen gerät die Entwicklung der Charaktere in den Mittelpunkt. Diese krasse Verbindung aus hohler Gewalt und Tiefgründigkeit machen dieses Buch daher für mich zu einem der ungewöhnlichsten und besten Bücher in 2016.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Dez 2016 

    Zwischen den Welten

    Das Buch von Philipp Winkler hat mir sehr gut gefallen. Ein verdienter, deutscher Buchpreis 2016. Sehr interessant. Die Geschichte, der Schreibstil, familien- und gesellschaftskritisch erzählt.

    Es war sehr spannend. Die Charaktere jeder einzelnen Figur, die Handlungen, die Sprache. Die Sprache habe ich als recht gewaltig und sehr fantasievoll erlebt. Am liebsten würde ich hier nur Zitate über die Ausdrucksweise einbringen, über die ich immer wieder gestolpert bin …
    Das ist ja auch eine Kunst, diesen Jargon, diesen speziellen (teilweise restriktiven) Sprachcode dieser Menschen in schriftlicher Form umzusetzen. Eine saloppe Sprache, manchmal in dialektform, manchmal recht fäkalhaft, gossenhaft. Oftmals auch gemischt. Und sehr oft auch recht bildhaft:

    Zitat:
    Der Protagonist Heiko beschreibt seine Freundin Yvonne. ... "… und ihre kleinen Glubscher, diese blauen Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde". (Die Seitenzahl habe ich leider vergessen)
    Auf Seite 145 beschreibt Heiko die verbrauchte Luft in seinem Zimmer, oben, wo die Luft sich schwer atmen ließe, als hätte sie ein Verfallsdatum, das lange überschritten wurde.

    Der Roman ist nicht nur eine ernste Familiengeschichte, der Autor geht oftmals recht humorvoll und komikhaft mit seiner Thematik um. Das lockert den ernsten Alltag in dieser fiktiven Welt etwas auf.

    Ich werde mich hier kurzhalten, da in der Leserunde in diesem Forum schon viel gesagt wurde. Ich möchte ein Buch nicht zerreden.

    Auf den ersten Seiten fällt uns allen aus der Leserunde das gestörte Verhalten des Vater Hans Kolbes auf. Recht beziehungsgestört im Umgang seiner erwachsenen Kinder Manuela und Heiko. Im Hintergrund steht noch eine Person namens Mie, die sich rarmacht, sodass ich nicht gleich einzuschätzen weiß, was sie für eine Rolle zu dieser Familie hat. Hans Kolbe ist alkoholabhängig und wird in eine Reha überwiesen. Weshalb der Vater alkoholabhängig geworden ist, erzählt uns Winkler erst auf den späteren Seiten. Aber man kann den Grund bereits erahnen. Er wurde von seiner Frau, von der Mutter seiner Kinder, verlassen. Dies alleine ist es aber nicht. … Später wird auch hier deutlich, warum die Frau abgehauen ist, die nicht nur ihren Mann verlassen hat, sondern auch ihre Kinder. Manuela, die ältere von den beiden Geschwistern, hat es besser getroffen als Heiko. Sie hat auf Lehramt studiert und hat auch eine Anstellung als Lehrerin, während Heiko zweimal durch das Abitur gerasselt ist und keine Ausbildung gemacht hat.

    Er war auch noch ein Kind, als die Mutter ihre Koffer gepackt hat. Als sie ging, saß Heiko auf der Treppe. Er wusste nicht, dass seine Mutter nicht wiederkommt. Sie hatte sich von ihm mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet, ohne jegliche Erklärung. Manuela konnte besser mit diesem Mutterverlust ungehen, da sie älter war.

    Manuela ist mittlerweile verheiratet und hat ein Kind, und neidet die Herkunftsfamilie ihres Mannes, sodass sie die Konflikte ihrer Familie herunterspielt, bis sie selbst nicht mehr kann, und bei einer Familienfeier in Tränen ausbricht. Es gelingt ihr nicht mehr, vor ihren Schwiegereltern eine harmonische Familie zu spielen. Die Fassade ist längst gefallen.

    Manuela ist auch diejenige, die alles tut, um die verrottete Familie immer wieder zusammenzuführen.

    Die Gründe, weshalb Heiko, sein Vater … so geworden sind, wie sie sind, erzählt Winkler uns nicht sofort. Das ist das Schöne an seinem Buch. Er rückt mit seinen Informationen peu a peu erst raus. Und so liest man jede Seite mit großem Interesse und mit großer Spannung. Eine Chronologie gibt es nicht. Es gibt immer wieder Zeitsprünge vor und zurück.

    Heiko wohnt nicht mehr zu Hause, lebt in einem heruntergekommenen Haus, bei einem Bekannten namens Arnim, der auch ein schräger Vogel ist, denn Arnim hält Wildtiere bei sich und macht aus ihnen Kampfmaschinen, und verdient sich damit seinen Unterhalt. Diese vielen Szenen mit den Tieren haben mich total angewidert. Am liebsten hätte ich sie übersprungen. Mir haben die Tiere so furchtbar leid getan. Aber solche Menschen gibt es tatsächlich, die Tiere wie Objekte behandeln … Natürlich werden die Tiere nicht artgerecht gehalten. Ein Bartgeier, der auf den Namen Siegfried reagiert, und der vergessen hat, was Freiheit ist, ist in einem kleinen Zimmer untergebracht … In den späteren Kapiteln schafft sich Arnim noch einen Tiger an, der in einer Grube leben soll, in der die Wände vor seiner Ankunft mit Aluminium ausgestattet werden, damit der Tiger nicht rausspringen kann. Das Schicksal dieses Tigers endet tragisch. Wie entsetzlich traurig.

    Heikos Umfeld besteht hauptsächlich aus merkwürdigen Leuten. Da seine Familie für ihn keine wirkliche Familie mehr ist, so sind seine Freunde, die er auch aus seiner Kindheit kennt, so etwas wie ein Substitut, eine Ersatzfamilie.

    Kein einfacher Umgang mit dem Umfeld, Heiko und seine Truppe, die sich mit ihren Gegnern, den Hooligans, in einem permanenten körperlichen Kampf befinden, der nicht selten böse endet.

    Ein Teil des Schlusses hat mir sehr gut getan, ein anderer Teil wiederum nicht. Stichwörter: Tiger und Hund.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Dez 2016 

    Gibt es einen Ausweg?

    Heiko Kolbe lebt für seine Freunde, Kai, Ulf und JoJo, den Hannoveraner Hooligans. Er arbeitet im Gym seines Onkels, der auch die Fäden bei den Hools in der Hand hält. Nur bei den Matches fühlt Heiko sich als ganzer Mensch, er wird von Vorfreude gepackt und geht im Kampfgetümmel regelrecht auf.
    Seine Familie ist zerrüttet, der Vater Trinker, die Mutter vor vielen Jahren abgehauen. Manuela, seine Schwester hat den Absprung geschafft, leidet aber trotzdem unter dem fehlenden Familienzusammenhalt.Normalität und Geborgenheit kennt Heiko nicht. Er kann seine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen, da er dies nie vorgelebt bekommen hat.
    Sein Lebensinhalt beschränkt sich auf die Arbeit im Gym und den geplanten Matches. Die Beziehung zur Morphiumsüchtigen Krankenschwester Yvonne ging in die Brüche, aber Heiko scheint keine Absicht zu haben dies zu ändern.
    Da er zu Hause nicht mehr bleiben wollte, lebt er nun schon längere Zeit bei Arnim. Dieser lässt ihn umsonst bei sich wohnen, mit der Auflage seine Tiere zu versorgen, wenn er unterwegs ist. Arnim hält sich Kampfhunde und einen Geier, um Kämpfe auszutragen und verdient so illegal sein Geld. Heiko scheint dies alles Schnuppe zu sein, wie so ziemlich alles andere auch.

    Philipp Winkler hat mit Hool einen sehr authentischen und interessanten Roman geschaffen. Er ließ mich in eine Welt eintauchen, die ich nur durch Berichte aus dem Fernsehen ansatzweise kenne. Er räumt auf mit einigen Vorurteilen, die aus Hooligans oft auch gleichzeitig Nazis machen. Zum einen zog er mir mit seinen brutalen Schilderungen den Boden unter den Füßen weg, zum anderen keimte auch Hoffnung in mir auf. Den bei vielen ist es nur eine Phase, und die normalen Dinge nehmen irgendwann wieder einen Platz im Leben desjenigen ein. Winkler hat mir eine Tür in eine Welt geöffnet, die ich nicht betreten möchte, aber es war sehr interessant für eine kurze Zeit vom heimeligen Sofa aus, daran teilzuhaben.

    Durch die Erzählperspektive in der Ichform und die angepasste Ausdrucksweise bekam ich das Gefühl, das Heikos Leben neben mir abgespult wird. Einige Sprüche Sind sehr derb, passen aber absolut zu dem was Heiko Kolbe darstellt.
    Winkler deutet nur wenig direkt an, der Leser muss sich Informationen erarbeiten, aber dies erhöhte den Reiz der Geschichte. Ich musste am Ball bleiben, damit die meisten Teile an ihren Platz rücken konnten. Am Ende des Buches lässt der Autor dem Leser sehr viel Raum für eigene Interpretationen. Es ist wie im wahren Leben, dort gibt es auch keinen Leitfaden der auf jede Frage eine Antwort parat hält.

    Hool hat mich vollends überzeugen können. Dieser Roman ist etwas anderes, wirkt anfangs etwas gewagt, mutiert aber zu einer sehr tiefgründigen Geschichte, die ich zu Beginn so nicht erwartet hätte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Dez 2016 

    Aus dem Leben eines Hooligans

    Inhalt
    Heiko ist ein Hooligan, der unter der Führung seines Onkels Axel und gemeinsam mit seinen Jugendfreunden zu Matches fährt, um sich mit anderen Gruppen zu schlagen. Ziel ist es, dass möglichst viele der eigenen "Mannschaft" oben bleiben, wer am Boden liegt, hat verloren. Nachgetreten wird nicht, selbst unter den Hooligans scheint es so etwas wie einen Ehrenkodex zu geben. Verbindendes Element zwischen den Hooligans ist die Zugehörigkeit zu einem Fußballclub - Heiko gehört zu Hannover 96. Zuerst Stadion, wo jeder nach einer hierarchischen Ordnung einen Platz hat, dann Kämpfe, obwohl diese auch ohne entsprechende Fußballspiele abgemacht werden.

    Wie gerät man in dieses Milieu? Heikos Mutter hat die Familie verlassen und seine ältere Schwester Manuela, ihn und ihren arbeitsunfähigen Mann Hans zurückgelassen, um eine neues Leben zu beginnen. Ein Verlust, der tief sitzt, über den Heiko aber nicht sprechen will.
    In den regelmäßigen Rückblenden fächert sich allmählich Heikos Vergangenheit auf. Ist man zu Beginn noch angewidert von seiner Lust an der Gewalt und seiner derben Sprache, so empfindet man allmählich Verständnis für den Ich-Erzähler.
    Heiko hat es wirklich nicht leicht gehabt: Der Verlust der Mutter, die Alkoholsucht seines Vaters, der ihn wohl auch geschlagen hat, die neue "Mutter" Mie, die Hans von einer Urlaubsreise aus Thailand "mitgebracht" hat und die ein Schattendasein im Haus fristet. Seine Freundin Yvonne, die er sehr mag, hat ihn wegen ihrer Drogenprobleme verlassen. Nur seine Schwester hat scheinbar den Absprung geschafft und versucht sich als Lehrerin mit Mann und Kind eine bürgerliche Existenz aufzubauen, auch wenn ihre Vergangenheit sie sehr belastet:

    ">Heiko. Ich hasse Mama dafür. Ich hasse sie dafür, dass sie einfach abgehauen ist. Ich hasse sie dafür, dass wir ihr so egal sind.< Ich wollte ihr sagen, dass es mir ähnlich geht. Dass das keine Familie ist. Und auch nie eine war. Jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte, war sie das nicht. Ich wollte Manuela sagen, dass sie meine Schwester ist. Ich meine; natürlich ist sie das. Aber eigentlich wollte ich damit noch etwas anderes sagen. Statt all dem und noch mehr, was ich vielleicht hätte sagen können, sagte ich aber gar nichts. Denn ich bekam die Schnauze mal wieder nicht auf." (S.54)

    So muss sich Heiko eine Ersatzfamilie suchen. Er lebt bei Arnim, der wegen Mord im Gefängnis war und Kampfhunde sowie einen Geier hält und in einem heruntergekommenen Haus im Außenbereich der Stadt lebt. Mit den Tierkämpfen verdient er sein Geld, was Heiko anwidert. Gegenüber Tieren erlaubt er sich Fürsorglichkeit, auch wenn er die Tauben füttert, während sein Vater in der Reha-Klinik ist.
    Sein Geld verdient Heiko im Wotan Boxing Gym, der seinem Onkel Axel gehört.

    "Die Klientel besteht hauptsächlich aus mindererfolgreichen Kampfsportlern, Atzen aus dem Security-Bereich und Bikern. Und leider auch so einigem an rechtem Gesuchs. Muss man sich natürlich auch nicht wundern, wenn man sein Gym nach einem germanischen Gott benennt. Wenn ich das Sagen hätte, dann würde hier keiner von den Glatzen reinkommen. Nur hab ich hier so gut wie gar nichts zu melden, so als Mädchen für alles." (S.35)

    Neben seinem Onkel bilden vor allem seine Freunde Kai, Ulf und Jojo seinen Rückhalt. Kai scheint aus gut situiertem Haus zu stammen und studiert, was ihn nicht davon abhält, zu trinken und koksen und sich zu schlagen. Ulf ist ein Bär von einem Mann, verheiratet und hat einen Sohn, während Jojo einen Job als Fußballtrainer hat.
    Ursprünglich gehörte auch Jojos Bruder Joel zum Freundeskreis hinzu, doch ein tragisches Ereignis hat dem Fußballtalent ein Ende gesetzt, wie aus einem Rückblick ersichtlich wird.
    Die Szene, als alle zum Todestag Joels Grab besuchen, zeigt, dass sie hinter der harten Fassade ihre Gefühle verbergen und Heiko durchaus sensibel ist.

    "Ich wage den Blick zu Jojo neben mir. Er ist vollkommen still. Macht keinen Mucks. Aber sein Oberkörper ruckelt in zarten Stößen. Als hätte er Schluckauf. Ich sehe in sein Gesicht. Er hat die Augen zugekniffen. Seine Lippen sind in den Mund gerollt. Ich ertrag das nicht, also lasse ich ihm den Moment mit seinem kleinen Bruder." (S.61)

    Im weiteren Verlauf der Handlung wird die Freundschaft der Kumpels auf die Probe gestellt, so ist Ulf der Erste, der die "Firma" wegen seiner Familie verlassen will. Dafür hat Heiko überhaupt kein Verständnis. Jojo hat seinen Trainerjob, den er sehr ernst nimmt, und Kai gerät in einen Hinterhalt, dessen Folgen ihn dazu veranlassen, neue Wege zu gehen. Heiko fühlt sich im Stich gelassen und seine Einsamkeit münzt er in Rache um - Rache für Kai, damit will er alles wieder gut machen...

    Bewertung
    Der Roman bietet einen Einblick in eine - für mich - völlig fremde Welt der Hooligans, der fanatischen Fußballfans und damit verbunden in die Freude am Zuschlagen.
    Heiko sucht bei Axel, nachdem seine Familie ihm keinen Halt geben kann, Selbstbestätigung. In den Kämpfen kann er seinen Aggressionen freien Lauf lassen, sie geben seinem Leben einen Sinn und strukturieren es gewissermaßen. Der Lebensbereich bleibt begrenzt und überschaubar - die Arbeit im Gym, die Fußballspiele, das Abhängen mit den Freunden, die Kämpfe.
    Als sein Vater in die Reha muss und er sich um die Tauben kümmert, gerät sein Leben allmählich aus den Fugen. Erinnerungen werden wachgerufen und die Vergangenheit holt ihn ein. Als dann ein Freund nach dem anderen die "Firma" verlässt, verliert Heiko gewissermaßen seine Familie - sogar sein Onkel verrät ihn und nutzt ihn offenkundig nur aus.

    Ohne diese Leserunde hätte ich sicherlich nicht nach dem Roman gegriffen, kühles Cover und eine Thematik, die mich eigentlich nicht interessiert - dachte ich, auch noch als er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises auftauchte.
    Ich habe mich geirrt - trotz der abschreckenden Ausdrucksweise des Ich-Erzähler, die von Fäkalausdrücken durchzogen ist, gibt es ganz ungewöhnliche Bilder, die überraschen:

    "Und ihre kleinen Glubscher, diese blaue Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. (...) Ihr Lachen klang wie so ein Windspiel, oder wie die Dinger heißen. Wie ein Sommerregen, der auf mein entblößtes Hirn rieselt, mich beruhigt und mir das Gefühl gibt, das ganze Drecksleben wär doch irgendwie erträglich. Solange ich diesem Lachen zuhören könnte." (S.119)

    Trotz der verherrlichten Gewalt und der abstoßenden Lebensweise Heikos gelingt es dem Autor tatsächlich, dass man für den Protagonisten immer mehr Sympathie empfindet. Dazu tragen die Rückblenden maßgeblich bei, die einen immer tieferen Blick in Heikos Vergangenheit werfen, bis hin zu seiner Zeit als Junge, als er das erste Fußballspiel gemeinsam mit seinem Vater und Onkel Axel besucht hat - quasi die Keimzelle seiner zukünftigen Existenz.
    Obwohl diese Rückblenden Ereignisse und Handlungen erklären, bleiben auch Fragen offen.
    Warum hat die Mutter die Familie verlassen? Warum hat sich Heiko so an seinen Onkel gehängt? Wie ist Kai in dieses Milieu hineingeraten - Zeitvertreib? Was ist aus Arnim geworden - Tigerfraß?
    Auch das Ende (das mir sehr gut gefallen hat) lässt Raum für Spekulationen, nur soviel - jetzt hat Heiko einen Gefährten, um den er sich kümmern muss, der ihn gewählt hat. Ein guter Anfang.

    Ein beeindruckender Roman, der neugierig auf diesen jungen Autor und seine weiteren Werke macht.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Sep 2016 

    Brüder!?

    In seinem Buch „Hool“ beschreibt Philipp Winkler das Leben des Hooligans Heiko Kolbe. Die Story beginnt mit einem arrangierten Match zwischen den Hannoveranern und einer Kölner Gruppe. Es war ausgemacht, dass Heiko Kolbe dieses Mal die Organisation übernimmt, doch wie immer reißt sein Onkel diese Aufgabe an sich. Heiko akzeptiert dies, ohne zu murren. Zur besseren Übersicht tragen die Hannoveraner rote T-Shirts, damit sie nicht aus Versehen auf ihre eigenen Leute einprügeln. Eine Regel ist dennoch klar, wer am Boden liegt, darf nicht weiter attackiert werden.

    Mir gefällt der Schreibstil des Autoren sehr gut, schon nach den ersten Zeilen befinde ich mich mitten in der Geschichte, Philipp Winkler kann mich fesseln und mitnehmen. Die Dialoge unter den Jugendlichen sind größtenteils im hannöverschen Slang gehalten, was die Authentizität der Story noch einmal anhebt. Überhaupt wirkt alles an dem Roman „echt“ und lässt dadurch uns Leser oftmals atemlos verharren. Der Autor schafft es, dass ich mit seinem Protagonisten Heiko Kolbe empfinde und aus seiner Situation sogar den Ausspruch „Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet.“ durchaus verstehe. Auf der einen Seite bietet uns Philipp Winkler knallharte Kämpfe von den Hooligans „Matches“ genannt und auf der anderen Seite erfahren wir Leser, in welcher Ausweglosigkeit, fast schon möchte ich es verwahrlostes Hausen nennen, sich Heiko Kolbe befindet. Trotzdem sind da die brüderliche Unterstützung der Hools untereinander und die strikten Regeln bei den Matches, die mich als Leserin ein wenig versöhnlich stimmen soweit dies überhaupt möglich ist.

    Keine Frage handelt es sich hier um ein meisterliches Erstlingswerk, das brillant ausgefeilt ist und in dem die Charaktere hervorragend durchdacht und besetzt sind. Meine Wertung, ganz klar fünf von fünf möglichen Sternen und eine absolute Leseempfehlung meinerseits.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Sep 2016 

    Kloppen fahren

    Sie sind ein eingeschworenes Team: Heiko, Kai, Jojo und Ulf. Mit einigen anderen zusammen gehören sie zu den Hooligans der Hannoveraner Fussballmannschaft. Am wichtigsten ist echt ihre Gemeinschaft, nicht einmal die Familie kann da mithalten. Als Typen sind sie schon sehr unterschiedlich. Heiko ist zweimal durchs Abi gerasselt, jobbt bei seinem Onkel in der Mucki-Bude. Kai studiert, Jojo hat endlich eine Beschäftigung als Jugendtrainer und Ulf hat eine Freundin. Und mal wieder geht es ab, ein Treffpunkt wird vereinbart und der Trupp fährt los, um sich mit einem ähnlichen Club zu treffen und dann wird gekloppt, es wird nicht nachgetreten und gewonnen hat die Gruppe, von denen am Ende noch die Meisten stehen.

    Das ist eine Szene, in der sich möglicherweise nicht viele auskennen. Wenn man jedoch selbst aus einem Landstrich in der Nähe stammt, wirkt die Sprache zwar sehr bodenständig, direkt und auch vertraut. Und mit dem Beginn der Lektüre schleicht sich häufiger der Gedanke ein, kenn ich, und so manches Schmunzeln hebt die Mundwinkel, weil die handelnden Personen ebenso gut Bekannte sein könnten. Je weiter allerdings die Handlung voranschreitet und je besser man Heikos Welt kennenlernt, desto größer wird das Gefühl der Befremdung. Heikos Ursprungsfamilie macht einen ziemlich kaputten Eindruck, die Mutter abgehauen, der Vater ein Säufer, die Schwester versucht die kläglichen Überbleibsel zusammen zu halten und scheitert doch. So wurden Heikos Kumpels zu einer Art Ersatzfamilie und die Fahrten zu den Schlägereien wirken fast wie Familienausflüge. Doch je mehr diese zweite Familie ebenfalls zu zerbrechen droht und die Prügeleien immer brutaler werden, desto weniger ist Heikos festklammern an diesen Dingen zu verstehen. Seine Freunde scheinen sich weiter zu entwickeln, Heiko bleibt zurück. Man möchte ihn schütteln, damit es ihm gelingt, sich endlich den viel beschworenen Ruck zu geben.

    Je länger man sich mit diesem Debüt von Philipp Winkler beschäftigt, desto mehr wird man hinein gerissen in Heikos Leben, das einem doch nicht gefallen will. Seine Vergangenheit ist Mitleid erregend, fast schon tragisch. Als nachvollziehbar empfindet man, dass er sich seiner Clique zuwendet und in die Hooligan-Szene eintaucht. Schwierig wird es allerdings, wenn man beginnt sich zu wünschen, er möge nicht in seiner Lethargie verharren und sich endlich entschließen, mit seinem Leben voran zu gehen. Die Angebote sind schließlich da. Mit wehem Herzen beschließt man das Buch, denn irgendwie steht Heiko letztlich alleine da und hat tatsächlich alles verloren. Unsicher, wohin sein Weg in führen wird.

    Ein aufwühlender Roman, der nicht nett ist, der sich möglicherweise durch erhebliche Authentizität auszeichnet und damit außerordentlich fesselt.

    4,5 Sterne