Hier sind Löwen: Roman

Rezensionen zu "Hier sind Löwen: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Nov 2019 

    Hic sunt leones – wo die Welt zu Ende ist.

    Hic sunt leones – wo die Welt zu Ende ist.

    Romane über Menschen, die in irgendeiner Form Teil des Literaturbetriebs sind, gibt es viele.

    In der Unterhaltungsliteratur sind es meist Autorinnen oder Buchhändlerinnen, die zu Wort kommen, und oft werden sie verstrickt in charmante Liebesgeschichten, die sich ebenso leicht ansiedeln ließen in Cafés, Strickläden oder Familienhotels, gerne in den Highlands, am Ufer der Themse oder irgendwo am Inselweg. Dagegen lässt sich nichts einwenden, aber „Hier sind Löwen“ ist keines dieser Bücher.

    Helen Mazavian ist Buchrestauratorin der alten Schule.

    Sie geht mit heiligem Ernst an die Aufgabe, Bücher vor Schimmel, Mottenfraß und Verfall zu retten. Ihr Beruf ist in diesem Roman kein bloßer Aufhänger, kein Platzhalter, sondern Herzblut und Leidenschaft. Und so ist es auch nicht ihr armenisches Erbe, das sie in die armenische Hauptstadt Jerewan bringt, sondern der Wunsch, im Rahmen eines Kulturaustauschs die armenische Buchbindekunst zu erlernen.

    Sie kann die Bücher nicht lesen, die ihr anvertraut werden, und doch fühlt sie, die in Deutschland aufwuchs und in Istanbul ihren Beruf erlernte, als Halbarmenierin zum ersten Mal einen Hauch wahrer Zugehörigkeit.

    „Dikranian. Abovyan. Petrosian. Mazavian. Mein Nachname war plötzlich in phonetischer Gesellschaft.“

    Es gab nie zuvor eine Zeit in ihrem Leben, in der sie alleine durch diesen Familiennamen einem Ort angehörte, wo ihre familiäre Herkunft eine mehr als nebensächliche Rolle spielt. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass es bisher eine Leerstelle in ihrem Leben gab. Dennoch schleichen sich schnell Misstöne in das vorsichtige Heimatgefühl: zuhause in Deutschland ist Helen zu sehr armenisch, hier zu wenig.

    Dieses zerrissene Land mit seiner konfliktreichen Vergangenheit ist Teil ihres Erbes, hier floss Blut von ihrem Blut.

    Aber wie viel will und kann sie annehmen von den Krisen, die sie selber nicht miterlebt hat, wo sie doch fern dieses Bannkreises in Deutschland aufwuchs – von Aufstieg und Fall der muslimischen und russischen Herrschaft, von Arbeitsbataillonen, Todesmärschen und systematischem Genozid? Helen ist davon nur zwei Generationen entfernt und doch in einer ganz anderen Welt aufgewachsen.

    »Hrant will nicht aufwachen. Mach, dass er aufwacht.«

    Diese Sätze, die in die Familienbibel geschrieben wurden, die Helen restauriert, sind die Quintessenz eines Dramas, einer wahren Tragödie. Die Frage, was aus der Person geworden ist, die sie geschrieben hat, lässt Helen nicht mehr los.

    Und das ist der zweite Handlungsstrang des Buches, der einen Bogen in die Vergangenheit schlägt: die Geschichte von Anahid und ihrem kleinen Bruder Hrant, die die Massaker im Jahr 1915 überleben – im Gegensatz zu ihren Eltern. Sie verkörpern genau das, wovon Helen nur ein leises Missbehagen geerbt hat, hier werden die Gräuel und die grausamen Verletzungen jeglicher Menschenrechte konkret und real.

    Die Kinder ziehen los, mit dem einzigen Ziel: Überleben. Egal wie. Anahid wächst über sich hinaus und versucht, der Flucht für Hrant etwas Märchenhaftes zu geben, die beiden Geschwister zu Helden ihres eigenen Schicksals zu machen.

    Das ist herzzerreißend, aber nicht reißerisch. Auf traurige Weise unwiderstehlich.

    Man atmet auf, wenn das Buch zwischendurch zurückkehrt zu Helen, die dieses Stück Vergangenheit in den Händen hält, das fragliche Kapitel der Geschichte jedoch im wahrsten Sinne des Wortes zuklappen kann.Wenigstens für eine gewisse Zeit, denn weder der Leser noch Helen können sich davon lösen.

    Allerdings verblassen Helens Teile der Handlung meines Erachtens im Vergleich etwas.

    Sie bleibt in der späten Erkundung des Landes ihrer Ahnen eher halbherzig, fast widerwillig. Obwohl ihre Mutter ihr aufgetragen hat, Nachforschungen über ein altes Familienfoto anzustellen und die abgebildeten Verwandten zu suchen, löst erst dieses kleine „Hrant will nicht aufwachen“ Helen aus ihre Passivität.

    Es gibt auch eine Art Liebesgeschichte, die ebenso unscharf gezeichnet ist, aber erfreulicherweise nie in Kitsch verfällt: Helen hat einen Lebensgefährten zuhause und einen Geliebten in Jerewan, für den die Konflikte beileibe kein Teil der Vergangenheit sind und der sie damit auch für den Leser in die Gegenwart trägt.

    Wenn einem vor Lektüre des Buches die Komplexität der armenischen Geschichte und der aktuellen Situation nicht bewusst war, hat man danach immerhin eine recht deutliche Vorstellung davon, wie viel es darüber zu lernen gibt.

    Der Genozid an den Armeniern ist das Alpha und das Omega dieser Geschichte.

    Die Sprache ist klar, verzichtet auf Pathos, Rührseligkeit oder forciertes Drama – das hat die Geschichte nicht nötig, denn die Realität, auf der sie beruht, spricht ohnehin laut und deutlich aus den Worten.

    Fazit

    Für mich als Hobby-Buchbinderin war diese Geschichte einer Buchrestauratorin, die in Jerewan mit der armenischen Geschichte konfrontiert wird, quasi Pflichtprogramm. Doch aus den Seiten spricht mehr als profunde Kenntnis über Bindetechniken und Reparaturmethoden:

    Ein Handlungsstrang beschäftigt sich mit Helen, die sich als Halbarmenierin der Geschichte ihrer Familie bisher eher verweigert hat. In einer Familienbibel, die sie restauriert, findet sie den handschriftlichen Satz „Hrant will nicht aufwachen“ – und damit beginnt der zweite Handlungsstrang, in dem es um die junge Anahid und ihren kleinen Bruder Hrant geht, die die Massaker von 1915 um Haaresbreite überleben und die Familienbibel auf ihre Flucht mitnehmen.

    Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, meist trotz der zahlreichen Konflikte in ruhiger, gelassener Sprache. Dass auch die Autorin armenische Wurzeln hat, spielt sicher eine Rolle dabei, wie wahrhaftig sich das liest.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Okt 2019 

    Wer bin ich und woher komme ich?

    Ein wirklich interessantes Buch. Es werden mehrere Geschichten in diesem Buch erzählt. Einigen Lesern waren es zu viele Geschichten, dem kann ich aber nicht zustimmen, ich fand diese Mischung äußerst interessant und ich denke auch gerade dadurch bekommt das Buch auch seine besondere Aura/seinen so besonderen Charme. Um welche Geschichten geht es: Die Restauratorin Helen möchte sich in Jerewan den Geheimnissen armenischer Buchbindekunst widmen, gleichzeitig spürt sie aber auch den eigenen Wurzeln in Armenien und den ehemaligen armenischen Gebieten der Türkei nach und sucht nach Informationen für den Völkermord an den Armeniern und ebenso ist sie auch auf einer Suche nach sich selbst. Weiterhin wird noch eine Geschichte zweier Kinder in der Zeit des Völkermords erzählt, die über die Familienbibel wieder ihre Verbindung ins Jetzt hat. Insgesamt hat mich dieses Buch sehr neugierig gemacht, neugierig auf Armenien, neugierig auf den gesamten Kaukasus. Er ist schließlich auch eine der Wiegen der europäischen Kultur, Standort einer sehr interessanten und eigenen Kultur. Die alten Griechen reisten schließlich schon in den Kaukasus, nur waren sie nicht auf der Suche nach Löwen, sondern eher nach Schafen, bzw. deren veränderte Reste.
    "Hier sind Löwen." Was für ein Titel! Hic sunt leones schrieb man in vergangenen Zeiten auf unbekannte Gebiete der Welt. Und in diese unbekannten Gebiete reist die Protagonistin des Buches, einerseits landschaftlich, in die armenischen Gebiete, um ihren eigenen familiären Wurzeln nachzuspüren, eine fremde Welt zu erkunden, eine schöne/interessante/melancholische Welt, von der ich sehr gern noch mehr erfahren hätte und andererseits reist sie auch in sich selbst, denkt über familiäre Geschehnisse nach und ebenso kreisen ihre Gedanken um sie selbst, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Hat mir sehr gefallen diese Reise.
    "Hier sind Löwen" ist das vierte Buch aus der Feder von Katerina Poladjan und ich bin sehr auf das gespannt, was die Autorin noch so kann.
    Lesenswerte Geschichte und das vierte Buch von der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises für mich. Unbedingt lesen!