Herz auf Eis

Buchseite und Rezensionen zu 'Herz auf Eis' von Isabelle Autissier
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Herz auf Eis"

Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn reißt ein Sturm ihre Jacht und damit jegliche Verbindung zur Außenwelt mit sich fort. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltagsleben moderner Großstädter gedacht war, mündet urplötzlich in einen existenziellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Nicht weniger aufreibend ist das psychologische Drama, das sich zwischen den Partnern entspinnt. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht? Herz auf Eis wagt sich an die Frage, was mit uns und unseren Beziehungen geschieht, wenn wir unsere Komfortzone verlassen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag: Mare Verlag
EAN:9783866482562

Rezensionen zu "Herz auf Eis"

  1. Überlebenskampf

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Nov 2020 

    Und wieder ein Highlight!!! Dieses buch habe ich derartig schnell gelesen. Wahnsinn! Isabelle Autissier kann es halt! "Herz auf Eis" ist schon das zweite Buch von dieser Ausnahmeautorin, welches mich dieses Jahr restlos begeisterte. Schon von "Klara vergessen" war ich verzaubert worden. In "Herz auf Eis" trifft die Zivilisation auf die Natur und zivilisiertes wird wieder animalisch. Verluste und Gewinne passieren den Protagonisten. Die Rückkehr zur Zivilisation gebiert schließlich Neues. Insgesamt betrachtet ist "Herz auf Eis" eine interessante Komposition. Ein Wahnsinnsbuch1 Dennoch fand ich "Klara vergessen" etwas besser, ausgereifter.

    In "Herz auf Eis" wundert man sich wirklich, wie der Mensch früher überlebte und doch hat er es geschafft, wenn man an die Patagonier, die Feuerländer, die Bewohner der amerikanischen Arktis und Subarktis oder die sibirischen Völker denkt. Den Protagonisten fällt dies nicht leicht, so leicht war es für die Indigenen sicher auch nicht, aber irgendwie fallen meine Sympathien dann doch den Indigenen zu. Die Protagonisten dieses Buches brennen sich beim Lesen förmlich ein, obwohl die Protagonisten wegen ihrer etwas unüberlegten Art keine Sympathien von mir erhalten, müssen sie ja aber auch nicht. Hier fasziniert eher das Grauen. Dieses wir machen das einfach und denken später darüber nach. Etwas zutiefst Menschliches, wie ich finde. Die Seiten des Buches fliegen förmlich an mir vorbei und obwohl ich viele gegenteilige Stimmen vernommen habe, mich hat das ganze Buch begeistert, der erste Teil auf der Insel, wie auch die zweite Geschichte. Ein tolles Buch!!! Kontrovers und man sollte es gelesen haben.

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  1. Rückkehr zur Natur - ein Kampf ums Überleben...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Mär 2017 

    Ein Sabbatjahr wollen sich Ludovic und Louise gönnen, eine Auszeit von ihrem ewiggleichen Pariser Leben, ein Abenteuer. Mit einer kleinen Jacht leben sie ihren Traum von Freiheit und begeben sich auf eine Tour durch den Atlantik. Von den Antillen bis nach Kap Hoorn verläuft die Reise reibungslos, doch dann beschließen sie, verbotenerweise eine kleine Insel anzulaufen, um den maroden Flair einer verfallenen ehemaligen Walfangstation zu genießen. Als während der Erkundung der einsamen Insel ein Unwetter einsetzt, drängt Louise darauf, zur Jacht zurückzukehren. Doch Ludovic will sich das einmalige Erlebnis nicht verderben lassen - denn sind es nicht genau solche Abenteuer, weshalb sie aus ihrem bisherigen Leben ausgebrochen sind?

    "Hätte er auf sie gehört, wären sie jetzt gar nicht hier, majestätisch, vollkommen allein am Ende der Welt. Sie hätten das Schiff nicht gekauft und diese grandiose Reise gar nicht angetreten. Tatsächlich, der Himmel verdüstert sich in der Ferne, aber schlimmstenfalls werden sie eben nass. Das gehört zum Abenteuer dazu, genau das ist doch ihre Absicht, aus der Erstarrung des Pariser Büroalltags auszubrechen, in dessen bequemer Trägheit sie draufzugehen und an ihrem Leben vorbeizuleben drohten. Irgendwann hätte der sechzigste Geburtstag vor der Tür gestanden, und sie hätten es bereut, nichts erlebt, nie gekämpft, sich selbst nie kennengelernt zu haben." (S. 8 f.)

    Als die Wetterlage noch schlimmer wird, beschließen die beiden jungen Leute, die Nacht auf der Insel zu verbringen und den Sturm abzuwarten. Als sie am nächsten Morgen aus der ehemaligen Unterkunft der Walfänger treten, erwartet sie jedoch nicht nur ein blauer Himmel. Ihre Jacht ist im nächtlichen Unwetter verschwunden - und mit ihr jede Hoffnung auf eine Rückkehr in die Zivilisation. Die prekäre Lage zwingt Louise und Ludovic, sich nicht allzu lang der Verzweiflung hinzugeben - sie müssen alles tun, um nicht zu verhungern.

    Das Paar beginnt, den neuen Alltag zu organisieren, der einzig und allein dem Versuch gilt, in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben. Selbst im Sommer beträgt die Höchsttemperatur auf der Insel im Südatlantik lediglich 15° Celsius - da muss das Feuer stets geschürt werden. Das größte Problem jedoch stellt die Beschaffung von Nahrung dar. Wo nichts wächst und Pinguine und Robben die einzigen ererichbaren Lebewesen sind, hat man keine Wahl, wenn es ums nackte Überleben geht. Das Jagen und Schlachten der Tiere gehört bald zu den täglichen Gewohnheiten.

    "Alles stinkt nach Rauch, nach ranzigem Fett und Feuchtigkeit. Sie bemerken es nicht einmal mehr. Der Geruch ist ihrer geworden, der Geruch ihres Lebens." (S. 69)

    Und doch wird der Hunger zu einem Dauergast. Ludovic und Louise werden immer dünner, obwohl sie stetig versuchen Nahrung zu beschaffen und gleichzeitig nach einem Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu suchen. Wie aus der Zivilisation gefallen fühlen sie sich, herauskatapultiert aus der menschlichen Gesellschaft, alleine einer feindlichen Umwelt gegenüber. Das überlieferte Wissen früherer Generationen ist ihnen nicht mehr gegeben - jeden Schritt müssen sich die beiden mühsam erarbeiten, jeden einzelnen Bissen hart erkämpfen. Die Rückkehr zur Natur entpuppt sich als gnadenloser Kampf ums Überleben. Und da, wo die Instinkte zunehmend überwiegen, droht das Menschliche zu versiegen.

    "Dieses jämmerliche Dasein hat nicht nur ihren Wohlstand zunichte gemacht. Die Angst hat das Allerwichtigste zerstört: ihre Gefühle, ihre Menschlichkeit. Völlig bloß steht sie da, besessen einzig von dem Drang zu überleben, nicht anders als irgendeins der Tiere, die sie täglich sieht." (S. 113)

    Isabelle Autissier, die selbst als erste Frau allein die Welt umsegelte, weiß, wovon sie da schreibt - von der Faszinaion der Natur, dem Zurückgeworfenwerden auf sich selbst, der großen Einsamkeit. Die Einsamkeit zu zweit ist eine ganz besondere, und minutiös beobachtet die Autorin das Geschehen zwischen dem Paar, die Veränderung ihres Verhaltens und ihrer Beziehung zueinander angesichts der existenziellen Bedrohung auf der einsamen Insel. Wächst man zusammen oder driftet man vielmehr auseinander? Hat das Mitmenschliche noch eine Chance, wenn die Instinkte beginnen zu regieren, der reine Überlebenswille?

    Gegliedert ist der Roman in zwei Hauptteile - und der zweite Teil spielt in der Zeit nach der Robinsonade. Mehr kann und möchte ich hier nicht verraten, weil ich sonst zu viel vorwegnehmen würde. Doch auch dieser zweite Teil ist atmosphärisch dicht und überzeugt durch genaue Beobachtungen in klarer, präziser Sprache - Leben und Gefühle unter dem Seziermesser, gnadenlos offengelegt. Nicht nur die bildhaften Schilderungen der kargen Einöde auf der Insel, die sich unter den Naturgewalten duckt, ließen mich beim Lesen frösteln - auch die existentiellen Fragestellungen lösten diesen Effekt aus. Und letztlich auch die Frage, wie ich selbst mich in bestimmten Situationen in dieser Extremsituation wohl verhalten hätte und ob das mit dem Bild übereinstimmen würde, das ich gewöhnlich von mir zeichne.

    Ein eindringlicher Roman, der nicht zuletzt auch die Frage stellt, was das Menschsein eigentlich ausmacht. Beeindruckend...

    © Parden

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