HERKUNFT

Buchseite und Rezensionen zu 'HERKUNFT' von Saša Stanišić
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.

HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.

HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.

In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.

Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić.



Format:Kindle Ausgabe
Seiten:361
EAN:

Rezensionen zu "HERKUNFT"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2019 

    Der große Zufall, der sich Herkunft nennt

    Sasa Stanisic hat für sein autobiografisches Buch „Herkunft“ in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis erhalten und mich aufgrund des so hochaktuellen Themas auch für dessen Lektüre eingenommen. Ich habe es nicht bereut.
    Sasa kommt nach einer Jugend in einem ländlichen Teil Jugoslawiens im Jugendalter nach Deutschland, nachdem zu Hause ein Staat zusammengebrochen ist und sich ehemals Zusammengehörige grausam bekriegen. Seine Jugend verlebt er mit vielen Stigmata beschwert (zB Sprache, merkwürdige Häkchen im Namen, fehlender Wohlstand) in Heidelberg, wo eine Tankstelle zu seinem Lebensmittelpunkt wird. Stark damit beschäftigt, den Integrations- und Anpassungsprozess zu stemmen, verliert die Heimat für ihn immer mehr an Kontur und Bedeutung.

    „Meine Rebellion war die Anpassung. Nicht an eine Erwartung, wie man in Deutschland als Migrant zu sein hat, aber auch nicht bewusst dagegen. Mein Widerstreben richtete sich gegen die Fetischisierung von Herkunft und gegen das Phantasma nationaler Identität. Ich war für das Dazugehören.“

    Er schafft mit viel Engagement dann nicht nur diese Integration, sondern wird – das wissen wir als seine Leser heute – zum herausragenden Literaten in einer ihm nicht von Geburt an eingegebenen Sprache. Dieser gewagte und gelungene Sprung in der Biografie des Autoren schwang bei der Lektüre für mich permanent mit und hat mir eine Menge Respekt abgerungen.

    „Bevor ich den Friedhof von Oskorusa sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht. Meine Großeltern waren einfach da.“

    Doch irgendwann packt ihn dieses Thema irgendwann doch. Er reist zu seiner immer älter werdenden, in Bosnien zurückgebliebenen Familie und versucht nun, weitestgehend zu spät, die Familienbanden zu ergründen. Da ist vor allem die dement werdende Großmutter, die ihm wegen ihrer Krankheit nur noch unzureichend bei der Ergründung der Vergangenheit behilflich sein kann.
    Und so wird aus dem Buch kein authentischer Bericht über eine Reise in die eigene Vergangenheit, sondern es bleibt immer und an jeder Stelle Fiktion,

    „Fiktion, wie ich sie mir denke, …, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt –„

    auch wenn es dem Autoren hier deutlich schwer fällt, die persönliche Distanz immer einzuhalten. Aber was ihm nicht schwer fällt, ist grundlegendes Empfinden zum Thema Herkunft aus der Sicht eines aus der Heimat Vertriebenen und für eine neue Heimat Kämpfenden zu schildern. Die Heimat von Sasa Stanisic liegt irgendwo zwischen dem Friedhof von Oskorusa, einer dunklen Tankstelle in einem unschönen Heidelberger Vorort und der Sprache, in der er seine Gefühle und Stimmungen auszudrücken vermag.

    „Dass ich diese Geschichte überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben.“

    Mit seiner Geschichte und wie er sie aufschreibt entlarvt Stanisic Herkunft als etwas, was eben nicht von Blut und Boden durchdrungen ist. Es ist viel mehr das Ergebnis einerseits eines reinen Zufalls und andererseits einer aktiven Lebensgestaltung.

    Mein Fazit:
    Ein ungemein wichtiges und dabei gleichzeitig sowohl wortgewaltiges als auch empfindsames Buch über ein Thema, das heute bedauerlicherweise eine neue große Aktualität gewonnen hat.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Okt 2019 

    Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019

    „Herkunft“ klingt nach Heimat, klingt vertraut und einfach, und ist dennoch ein unglaublich komplexes Konzept. „Herkunft“ ist ein Begriff, der dicht verwoben ist mit persönlichen Erfahrungen, Erwartungen, Wünschen und Ängsten, mit dem ureigensten Selbstbild, mit familiärer Historie und dem eigenen geographischen Ursprung, mit Heimat oder deren Verlust. „Herkunft“ ist ein zutiefst subjektives Bedeutungsgeflecht – und dennoch ein Begriff mit politischen Dimensionen, der auch missbraucht wird.

    Saša Stanišićs Erinnerungen spiegeln diese Vielfalt perfekt wider.

    Ihm gelingt immer aufs Neue die Gratwanderung zwischen der einen und der anderen Facette der Wahrheit. Trauer, Sehnsucht, Wut und Schmerz haben ihren Platz neben Freude und augenzwinkerndem Witz. Mal unheimlich lustig, mal unsäglich tragisch, manchmal beides auf einmal. Er erzählt mit leichtfüßiger Fantasie und viel Humor, ohne die Tragik seiner eigenen Geschichte, untrennbar verbunden mit der Geschichte seines Geburtsorts Višegrad, im geringsten zu schmälern.

    Dort kam es im Jahr 1992 zu „ethischen Säuberungen“, in deren Verlauf die beiden Moscheen der Stadt zerstört und etwa 3.000 Menschen der bosnischen Zivilbevölkerung ermordet wurden. Seine bosnisch-muslimische Mutter musste mit dem 14-jährigen Saša über viele Grenzen zu seinem in Deutschland lebendem Onkel fliehen, der serbische Vater kam später nach.

    „Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“

    Zu Krieg und Vertreibung gesellten sich in Deutschland neue Herausforderungen: Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, die Tankstelle als einziger Jugendtreffpunkt, Schule ohne echte Integration. Auch das erzählt Stanišić nicht ohne Humor, aber ungeschönt.

    Dass ihm der Deutsche Buchpreis nur wenige Tage zuteil wird, nachdem Peter Handke den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt wie eine schrille Dissonanz.

    Die Trennung von Autor und Werk ist einerseits unverzichtbar für die Autonomie der Literatur – andererseits besteht die berechtigte Frage, bis zu welchem Grad das umsetzbar ist. Ob man wirklich Peter Handke, der jahrelang genau die Kriegsverbrechen beschönigt und kleingeredet hat, die in Višegrad begangen wurden, mit diesem Preis adeln muss.

    Dass Saša Stanišić seine Erschütterung in seiner Dankesrede nicht verschweigen konnte und wollte, ist so verständlich wie der unüberhörbare Kloß in seiner Kehle.

    Aber zurück zu „Herkunft“ – zurück zu einem Buch, das zurecht gefeiert wird.

    Die Sprache ist wunderbar: mal kindlich naiv, mal geradezu weise, mal voller Zärtlichkeit, wenn er zum Beispiel von der Großmutter erzählt, die Stück für Stück an die Demenz verloren geht und mit der das Buch beginnt und endet. Immer treffen seine Worte genau den Nerv der beschriebenen Szene; nie wird es pathetisch, denn wo er Gefühl ausdrückt, wirkt es auch echt.

    Die Geschichte hat zunächst scheinbar kein übergreifendes Konzept, setzt sich zusammen aus unzähligen Fragmenten und Momentaufnahmen, aus Lebenswichtigem und scheinbar Banalem – Autobiographie und Heldenreise, Gesellschaftskritik und Migration und ’neulich beim Rollenspiel‘. Daraus entsteht erstaunlicherweise das homogene Gesamtbild einer Familie, für die Herkunft und Heimat keine Einheit mehr sind.

    Das ist so authentisch, dass man an so etwas wie ein Konzept oder einen Handlungsbogen gar nicht mehr denkt.
    Dass nicht alles wahr ist, dass hier auch Fiktives eingebunden wurde, das es sogar ein Kapitel gibt, in dem der Leser spielerisch zwischen verschiedenen fantastischen Handlungssträngen entscheiden soll, tut dem keinen Abbruch.

    Besonders prägnant sind Stanišićs Gedanken über die Kraft der Sprache: über die Türen, die sie öffnet, über die Möglichkeiten, die sie bietet. Besonders für den, der in der Fremde leben muss.

    Das Hörbuch, vom Autor selber gesprochen, ist übrigens eine wunderbare Ergänzung zur Lektüre, wenn auch meines Erachtens kein Ersatz, da das Hörbuch leicht gekürzt ist! Aber man kann das Buch wunderbar erst lesen, dann hören – oder umgekehrt.

    Fazit:

    „Herkunft“ ist weder hunderprozentig Autobiographie noch hunderprozentig Roman. Der Held heißt Saša Stanišic, die Handlung beruht zweifelsohne auf der Familiengeschichte des Autors, doch er erlaubt sich gewisse Freiheiten – wobei man nie so genau weiß, was nicht doch wahr ist.

    Auf jeden Fall habe ich selten so oft gelacht wie beim Lesen dieses Buches, obwohl es hier um Krieg und Vertreibung, Verlust der Heimat, Unverständnis und Fremdenhass geht. Der Humor lässt die ernsten Elemente der Erzählung nur umso deutlicher hervortreten.

    Dass einem Autor aus Višegrad dieser Preis nur wenige Tage überreicht wird, nachdem ein anderer Autor, der die Massaker in Višegrad lange beschönigte, den Literaturnobelpreis erhielt, wirkt da fast wie ein absurder Epilog.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Sep 2019 

    Lieblingsoma

    Als der Autor das Mal davor seine Großmutter in Višegrad besucht hat, war sie noch gesund. Energiegeladen ist sie mit ihm in das Heimatdorf des Großvaters gefahren, auf den Berg, wo etliche Stanišićs lebten und etliche auf dem Friedhof liegen. Doch den Lebenslauf zu seinem Einbürgerungsantrag beginnt er nach vielen Versuchen mit einer Schlittenfahrt. Und eine Erinnerung führt zur nächsten, eine Geschichte zur anderen. Geburt, Flucht, ein Leben als Flüchtling in den 1990ern als aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien viele kleine Staaten wurden.

    Irgendwie wiederholen sich die Einwanderungs- und Flüchtlingswellen und leider auch die Reaktionen der Alteingesessenen. Die Fremden sind eben fremd und nicht unbedingt willkommen. Ein Fünkchen Hoffnung könnte der Gedanke geben, dass es doch viele immer wieder geschafft haben. Und jeder eingedenk der wiederholten Wellen, sollte sich jeder erinnern, so wie es der Autor beschreibt, wo seine Herkunft liegt. Nun, so bildhaft und eindringlich wie der Autor wird es einem vielleicht nicht gelingen, aber der Gedanke zählt. Und häufig wird man in der eigenen Vergangenheit oder der der Vorfahren eine Wanderungsbewegung finden. Der Migrationshintergrund ist manchmal alles andere als weit weg. Es könnte ein Anreiz sein, es den Neuankömmlingen etwas leichter zu machen.

    Die Schilderungen von Saša Stanišević berühren. Sie pendeln zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. Sie beinhalten eine Familiengeschichte wie sie war oder wie sie ungefähr war. Leicht hat es der Junge nicht gehabt, aber er hat sich durchgekämpft, er hat es geschafft. Und irgendwann war die Herkunft irgendwie zweigeteilt. Die Wurzeln der Geburt werden nicht vergessen und doch wird neu verwurzelt. Beim Lesen fühlt man mit. Die Eltern opfern viel für ihren Sohn, er soll es einmal besser haben. Die Oma erdet ihn, sie bleibt die Verbindung in die Geburtsheimat.

    Man wird zum Nachdenken angeregt, über die eigene Herkunft. Das Schicksal der eigenen Eltern und Großeltern. Der Schluss liegt mehr als nahe, dass Krieg und Vertreibung nun wahrlich nicht erstrebenswert sind. Doch gibt die Lektüre viel Positives an Kraft und Hoffnung. Und ein Gedenken an die eigene Lieblingsoma.

    4,5 Sterne