Heimkehren: Roman

Rezensionen zu "Heimkehren: Roman"

  1. Ein phantastisches Romandebüt.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mär 2021 

    Das ist ein unglaublich hohes Niveau für einen Debütroman!

    „Heimkehren“ ist ein Episodenroman. Der Episodenroman ist eigentlich ein Kurzgeschichtenband, der sich in jedem Kapitel mit einer anderen Personen beschäftigt. Die Romankapitel hängen thematisch in der einen oder der anderen Weise lose zusammen.

    Das verbindende Element von „Heimkehren“ ist die Herkunft der Figuren aus der blutigen Kolonialgeschichte Ghanas. Dabei begann die Kolonialisierung zuerst einmal als Handelsbeziehung zwischen Großbritannien und Ghana. Aber sobald einige Stämme der Goldküste damit beginnen als Handelsware Menschen anderer Stammeszugehörigkeit an die Engländer einzusetzen und zu verschachern, wird es eine sehr unschöne Angelegenheit. Milde ausgedrückt.

    Ich habe „Heimkehren“ teilweise als Hörbuch und teilweise als Ebook gelesen, die Hörbuchfassung ist von mehreren Schauspielern wirklich wunderbar und eindrücklich vorgetragen. Diese Kombination war das Richtige für mich.

    Man ist sofort mitten im Geschehen als Effia, von ihrer Mutter misshandelt, blutjung an einen Engländer verkauft wird, der sie auf seine Weise heiratet. Ihre Halbschwester Esi, von der sie nichts weiß, hat weniger „Glück“ und überlebt im Verlies unten in der Sklavenburg und an ihrem Bestimmungsort gerade noch lange genug, um den Stein ihrer Mutter an ihre Nachkommen vererben zu können.

    „Heimkehren“ ist die Geschichte des Sklavenhandels, eine die ohne jede Rührseligkeit, ohne Anklage und ohne Larmoyanz auskommt, sofort ans Herz geht, ein Roman, der genau an der Schmerzgrenze der Leserschaft haltmacht, aber nicht vorher und dann zur nächsten Person springt, immer eine Generation höher, bis wir in der Jetztzeit, in den Staaten angekommen sind.

    In den letzten Geschichten wird der Ton der Autorin leiser, melancholischer, das Trauma der Versklavung klingt milder, verstummt aber generationenlang nicht. Und wird es nie.

    Yaa Gyasi schreibt auf einem literisch unglaublich hohen Niveau, wunderschöne Bilder, Vergleiche, vollendetes Sprachvermögen - und trotzdem haarsträubend blutig, sie erspart dir nichts, bis du schreien möchtest und erst dann blendet sie um. Das ist Können. Das ist Kunst. Dieser Roman hätte einen Preis verdient gehabt.

    Man würde natürlich gerne mehr von den Menschen lesen, von denen Yaa Gyasi in den vergangenen Kapiteln geschrieben hat, aber es ist eben wie im Leben, alles erfährt man nicht. Und das ist auch gut so. Heimkehren bleibt ein Episodenroman, obwohl es einem gar nicht so vorkommt.

    Fazit: Man kann nicht alles lesen, aber „Heimkehren“ sollte man lesen.

    Kategorie: Debüt. Belletristik.
    Verlag: Dumont, 2017 (jetzt auch als TB).

  1. Effia, Esi, Quey, Ness, James, Kojo, Abena, H, Akua, Willie, Yaw

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Feb 2021 

    Effia, Esi, Quey, Ness, James, Kojo, Abena, H, Akua, Willie, Yaw, Sonny, Marjorie und Marcus

    Endlich habe ich mich an dieses Buch gewagt und ich bin restlos begeistert. In dem Teilen in zwei Erzählstränge, die über mehr als 250 Jahre das Geschehen in Ghana und in den USA beschreiben, bietet dieses Buch einen hervorragenden geschichtlichen Überblick. Und durch das Können von Yaa Gyasi liest man dieses Geschehen sehr gern.

    Mich hat das Teilen in diese vielen Kapitel und die vielen Hauptpersonen in diesen und ihr überaus kurzes Auftreten überhaupt nicht gestört, weil es mir nicht wie das Auseinanderreißen der Familiengeschichte vorkam, wie einige User bemängelten. Eher beschreibt es die Familiengeschichte noch ausführlicher und diese riesige Empathie zu den verschiedenen Personen haut den Leser schier um. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken wohlgemerkt. Natürlich wachsen einem beim Lesen einige der Charaktere richtig ans Herz und es wäre schön gewesen mehr von Ihnen zu erfahren, ja! Aber dann wäre es nicht ein Buch geworden, sondern ein Mehrteiler. Was schön gewesen wäre. Vielleicht ja! Vielleicht würde dies dann aber auch irgendwie erschlagen! Denn die Grundbotschaft passt ja auch in dieses Buch. Sehr gut sogar. Und Yaa Gyasi zeigt hier wunderbar, was für eine grandiose Erzählerin sie ist. Ich habe wieder eine Autorin mehr, die ich beobachten werde, was mich wirklich sehr freut.

    Ebenso finde ich die Beschreibungen der Lebensverhältnisse in Amerika und in Afrika wunderbar erhellend. Geschichtlich ist "Heimkehren" ein richtig tolles und wunderbar bereicherndes Buch. Die Informationen zum Thema Sklavenhandel sind interessant und die Beteiligung mancher afrikanischer Reiche daran ist erschreckend und eines der dunkelsten Kapitel in der afrikanischen Geschichte. Dennoch beschreibt dies halt auch den Menschen, bzw. das Monster in uns.

    Ebenso wie ich die Charaktere einfach berauschend gut fand! Berauschend fasst das richtig gut zusammen. Und auch irgendwie betörend. Einige dieser Charaktere berühren absolut tief. Und das in dieser kurzen Art, wie man sie kennenlernt. Eine absolute Meisterleistung! Dieses Buch bekommt einen Ehrenplatz in meinen heiligen Bücher-Hallen! :) Eine wirklich reife Leistung! Und das in einem Debüt wohlgemerkt!

    2020 hat die Autorin ihr zweites Buch in den USA herausgebracht. "Transcendent kingdom". Man darf gespannt sein, richtig gespannt!

  1. Monumentale Familiengeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Sep 2017 

    Was für ein bemerkenswertes Buch! "Heimkehren" kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern geht tief unter die Haut. Yaa Gyasi erzählt die Geschichte zweier Schwestern aus Ghana und ihrer Nachfahren. Sie lernen sich nie kennen und ihre Leben könnten unterschiedlicher nicht sein: Effia heiratet einen britischen Kolonialherren; ihre Familie wird durch den Sklavenhandel reich. Esi wird als Sklavin nach Amerika verschleppt. Jedes Kapitel erzählt die Geschichte einer Person der nächsten Generation. Die beiden Handlungsstränge spielen sich also auf zwei unterschiedlichen Kontinenten zwischen Schuld, Kriegen, Sklaverei, Befreiung, Diskriminierung und vielem mehr ab.

    Yaa Gyasi hat eine beeindruckende Familiengeschichte zu Papier gebracht. Ich liebe ihren Schreibstil: Er ist poetisch und schockierend direkt zugleich. Sie schafft es, dem Leser jeden Charakter näher zu bringen, obwohl jeder nur ein einziges Kapitel lang im Mittelpunkt steht. Die Geschichte entwickelt sich über Jahrhunderte hinweg in einer beeindruckenden Geschwindigkeit, ohne dass die Autorin den Faden verliert. Alles baut aufeinander auf, wodurch ein komplexes Netz dieser ungewöhnlichen Familie entsteht.

  1. Ein würdiger Nachfolger von Roots

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Aug 2017 

    Alex Haley beschrieb in seinem Welterfolg 'Roots' auf mehr als 700 Seiten das Leben von Kunta Kinte und seinen Nachkommen - Yaa Gyasi benötigt für die Geschichte der Halbschwestern Effia und Esi und ihren Nachfahren nur 400 Seiten, ohne dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, nur unvollständige Ausschnitte mitgeteilt zu bekommen.
    14 Kapitel hat das Buch, jedes ist einem Abkömmling einer Generation gewidmet, beginnend mit Effia und Esi, die sich nie kennenlernten. Während Effia, die die uneheliche Tochter des Hausmädchens Maame ist, das direkt nach ihrer Geburt floh, gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit einem britischen Festungsgouverneur verheiratet wird, wird Esi, Maames eheliche Tochter, ca. zur gleichen Zeit vom Stamme Effias gefangengenommen und als Sklavin verkauft. Sie und ihre Nachkommen werden in den USA leben und aufwachsen unter den erbärmlichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Selbst das Verbot der Sklaverei ändert kaum etwas an den gnadenlosen Zuständen, in denen sie sich befinden.
    Effias Nachfahren hingegen bleiben in Ghana, profitieren weiterhin vom Sklavenhandel oder entziehen sich ihm auf radikale Weise mit der Hoffnung, so ihr Glück zu finden.
    Obwohl von jeder Person stets nur 20 bis 30 Seiten lang erzählt wird, reichen diese vollständig aus, um sich eine Vorstellung von ihrem Lebensweg und dem seiner bzw. ihrer Eltern zu machen. Geschickt werden Erinnerungen und Rückblicke in die laufende Geschichte eingeflochten, sodass ich kontinuierlich der Fortentwicklung dieser Familie folgen konnte, die bis in die heutige Zeit von der Sklaverei gekennzeichnet ist.
    Dieses Buch ist beeindruckend und grandios, aber auch entsetzlich grausam, wobei ich keine Grausamkeit im blutrünstigen Sinne meine. Denn was Yaa Gyasi hier erzählt, mag eine fiktive Geschichte sein, aber das wovon sie berichtet, beruht auf realen Geschehnissen.