Häuser aus Sand: Roman

Rezensionen zu "Häuser aus Sand: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Vertriebene

    Bei diesem Buch handelt es sich um die Geschichte der palästinensischen Familie Yacoub, von 1948 bis 2015 spielend. In jedem der insgesamt 13 Kapitel immer wieder Sequenzen aus diesen Jahren erzählend, immer in zeitlichen Abständen, was teilweise etwas bruchstückhaft wirkt, immer wieder tritt eine andere Person der Familie auf und es wird deren Geschichte erzählt. Trotzdem entsteht ein irgendwie ganzheitliches Bild der vielen verschiedenen Mitglieder dieser Familie, der vielen verschiedenen Meinungen in dieser Familie, aber auch der Kraft der familiären Bindungen. Die erste Generation des Buches wird aus Jaffa vertrieben, verliert ihre Heimat, steht vor dem Nichts, muss sich neu organisieren. Da es sich um keine arme Familie handelt, fällt ihnen das nicht so schwer, wie den ärmeren Vertretern ihres Volkes, aber dennoch wirft das Wunden auf, Wunden, die nie richtig verheilen werden. Auch den weiteren Generationen werden die immer wieder aufflammenden Konflikte im Nahen Osten zum Verhängnis. Vertreibung und Heimatverlust werden ein begleitendes Thema in dieser Familie. Es werden die politischen Ereignisse im Nahen Osten grob umrissen, aber die Auswirkungen auf die Menschen verdeutlicht, auch wird dem Leser klargemacht, warum Fundamentalisten immer wieder ihre Zuhörer finden, gleichzeitig aber auch, dass es auch in der arabischen Welt den Gegenpol zum Fundamentalismus gibt. Und es geht auch um die Veränderung der arabischen Welt, deren Öffnung zum westlichen Lebensstil, aber gleichzeitig auch ums Bewahren althergebrachter Werte, und damit auch um die geistige Vielfalt der Menschen, es geht auch um Unterschiede innerhalb der arabischen Welt, eine dem Westen etwas näherstehende westliche arabische Welt (Syrien, Libanon, Palästina, Jordanien) und eine etwas mehr die arabische Kultur präsentierende östliche (hier in diesem Buch nur durch Kuwait repräsentiert). Und es geht auch um Vorurteile gegenüber dem Fremden, und das in beide Richtungen, was ich als sehr gelungen empfand. Und es geht auch um sehr viele stark wirkende Frauen in dieser arabischen Welt, was mir sehr gefallen hat.

    Was für ein wundervoller Roman, was für eine schöne Sprache, es sind schöne Bilder, die da im Kopf entstehen, was für eine Kraft, die da in den Worten liegt. Es sind so menschlich und wunderbar gezeichnete Charaktere in diesem Buch, die einen berühren und irgendwie umhauen. Der Roman ist sehr spannend geschrieben, hat einen sehr starken Sog. Und ich fühle mich wieder mit einem etwas wehmütigen Gefühl zurückgelassen, nach dem Beenden des Romans.

    "Die Häuser schweben an ihm vorbei wie Dschinn, wie verflossene Lieben. Das Schrägdach auf der Hütte seiner Mutter, Salmas marmorierte Küchenfliesen, das Häuschen, das er in Nablus mit Alia bewohnte. Das Haus in Kuwait. Die Wohnungen in Beirut. Dieses Haus hier, in Amman. Für Alia zumindest ein altes, verschwundenes in Jaffa. Glänzend weiß wie Häuser aus Salz sieht er sie vor sich, bis eine Flutwelle kommt und sie mit sich nimmt."

    "Was ist ein Leben ? Eine Abfolge von Jas und Neins, Fotos, die in einer Schublade landen, Liebschaften, die man für die Rettung hält, die sie nie sind. Weitermachen, aushalten, auch dann nicht aufhören, wenn es wehtut. Mehr ist es nicht, das Leben, würde er ihr am liebsten sagen. Es geht einfach weiter."

    Ein wunderbares Buch ! Unbedingt Lesen !

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Jul 2018 

    Die Heimatlosigkeit der Familie Yacoub

    Vor knapp 15 Jahren musste die Familie Yacoub die geliebte Villa in ihrer Heimat Jaffa verlassen. In Nablus haben die Palästinenserin Salma, ihr Mann Hussam, ihre Töchter Wadid und Alia sowie Sohn Mustafa zwar einen neuen Platz gefunden. Das Haus bleibt der Mutter allerdings stets fremd. Anders ergeht es Alia, die sich mit dem neuen Zuhause verbunden fühlt. Doch der Kaffeesatz sagt ihr ebenfalls ein unruhiges, schwieriges Leben voraus. Und so kommt es tatsächlich: Auch die zweite Generation der Familie wird in alle Winde verstreut. Alia hasst ihr neues, beengtes Leben und durchlebt wie ihre Mutter die Sehnsucht nach der Heimat. Auch ihre Kinder, die dritte Generation, müssen erst noch ihren Platz im Leben finden.

    „Häuser aus Sand“ von Hala Alyan ist ein beeindruckender Roman über eine entwurzelte Familie, über Generationenkonflikte und einiges mehr.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus 13 Kapiteln, die abwechselnd aus der Sicht von Salma, Mustafa, Alia, Riham, Atef, Souad, Linah und Manar im Präsens erzählt werden. Darüber hinaus gibt es einen Epilog. Zwischen den Kapiteln liegen immer wieder größere Zeitsprünge, innerhalb der Abschnitte sind einige Rückblenden im Präteritum eingefügt. Insgesamt deckt der Roman den Zeitraum von 1963 bis 2014 ab. Auch die Schauplätze variieren. Sie reichen von Jaffa und Nablus über Kuwait bis Boston, Paris und Beirut. Dieser Aufbau gefällt mir sehr gut. Er erfordert beim Lesen einiges an Aufmerksamkeit, was mich allerdings nicht gestört hat.

    Der Schreibstil ist angenehm, anschaulich und einfühlsam. Viele Details und lebhafte Beschreibungen sowie die eindringliche Sprache mit starken Bildern konnten mich begeistern.

    Im Fokus der Geschichte steht Alia. Durch die Perspektivwechsel lernt der Leser jedoch auch die anderen Personen gut kennen, so dass es mir gelang, mich in die unterschiedlichen Sichtweisen hineinversetzen zu können. Die Charaktere wirken vielschichtig und authentisch.

    Inhaltlich hat der Roman nicht nur eine komplexe Familiengeschichte vor größtenteils orientalischer Kulisse zu bieten, die ich interessant und unterhaltsam fand. Eine Stärke des Buches liegt auch in der Vielfältigkeit der Thematik. Ich fand es spannend, mehr über Konflikte im Nahen Osten und deren Folgen zu erfahren. Politische und religiöse Hintergründe werden verwoben mit den persönlichen Erlebnissen und Schicksalen der Familienmitglieder. Auch die Aspekte Heimatlosigkeit, Sehnsucht, Trauer, Liebe, Krieg, Flucht und Vermissen bereichern die Geschichte und regen zum Nachdenken an.

    Positiv zu erwähnen ist es, dass die Zusammenhänge der Familie Yacoub in einem Stammbaum dargestellt, was den Überblick erleichtert. Hilfreich für die Lektüre ist außerdem das Glossar.

    Die Aufmachung des Hardcovers finde ich toll. Die Optik gefällt mir durch ihre Sinnbildlichkeit sehr. Auch die Metapher des Titels ist sehr treffend und ansprechend, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum man vom amerikanischen Original („Salt Houses“) abgewichen ist.

    Mein Fazit:
    „Häuser aus Sand“ von Hala Alyan ist ein in mehrfacher Hinsicht gelungener Roman, der mich überzeugen konnte. Ich empfehle die Lektüre vor allem denjenigen wärmstens, die einmal eine etwas andere Familiengeschichte lesen möchten.