Haarmann: Kriminalroman

Rezensionen zu "Haarmann: Kriminalroman"

  1. Kannibale, Totmacher, Werwolf

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Apr 2020 

    “Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.”
    (“Haarmann-Lied”)

    Ich kann mich gut daran erinnern, dass meine Mutter manchmal dieses Lied sang, als ich noch klein war. Das machte mir keine Angst, denn für mich war Haarmann eine ähnliche Gestalt wie der böse Wolf – nur ein Märchen, kein Teil meiner Wirklichkeit. Erst Jahre später begriff ich, dass es diesen Mann tatsächlich gegeben hatte, und dass auch die grausigen Details nicht rein der Fantasie eines Liedermachers entsprungen waren.

    Als ich in der Verlagsvorschau diesen Roman entdeckte, klang die Melodie des Liedes wieder in meinen Ohren und ich wollte das Buch lesen – nicht unbedingt als Krimi, sondern eher als Tatsachenroman, als Bild der Zeit.

    Als reiner Krimi gesehen, ist das Buch tatsächlich eher schwach.

    Man weiß ja von Anfang an, wer der Mörder war – und den, der das ganze Haarmann-Lied kennt (ich habe hier absichtlich nur die erste Strophe abgedruckt), kann auch eine unerwartete Wendung im Fall nicht mehr überraschen.

    Damit fällt ein Großteil dessen weg, was einen Krimi normalerweise antreibt: 1) die Suche nach der Identität des Täters, 2) eine oft darauf folgende Jagd und 3) für manchen Hardcore-Leser vielleicht auch die schockierend beschriebenen, bluttriefenden Details der Morde, auf die Dirk Kurbjuweit (dankenswerter Weise) verzichtet.

    Aber der Autor webt ein atmosphärisch dichtes, vielschichtiges Bild der Zwischenkriegszeit.
    Und darin liegt die große Stärke des Romans.

    Er beschreibt in bestechender Klarheit das alltägliche Leben der ‘kleinen’ Menschen, insbesondere der Unterschicht: Ihre Armut im geschichtlichen Wandel, am Rande der Goldenen Zwanziger. Ihr Misstrauen gegenüber der ersten deutschen Demokratie. Das nachhallende Trauma des Ersten Weltkriegs. Die Korruption in den Reihen der Polizei.

    Und die Schattenexistenz der “Puppenjungs” – blutjunge Stricher in einer Zeit, in der “beischlafähnliche Handlungen” unter Männern nach Paragraph 175 immer noch strikt verboten sind und mit Gefängnis geahndet werden können.

    Auch jenseits der Prostitution entwickelt sich erstmals eine Art Schwulenszene, doch Homosexuelle werden verächtlich “175er” genannt –von Akzeptanz ist das noch weit entfernt. Dass die Opfer Haarmanns vor allem in dieser Szene vermutet werden (zumindest in diesem Roman), empört die Eltern, die eine möglicher Homosexualität des eigenen Kindes weit von sich weisen.

    Aus all dem ergibt sich eine ganz andere Art von beklemmender Spannung:

    Fritz Haarmann ist trotz der im Verlaufe der Handlung rasant steigenden Anzahl von Opfern eher Symbolfigur all dessen, was in dieser Zeit im Argen lag, als “nur” Täter und Bösewicht eines Krimis.

    Mal wirkt Haarmann einfältig oder gar massiv intellektuell beeinträchtigt, dann fragt man sich als Leser wiederum beklommen, ob er das nicht einfach nur geschickt vortäuscht: der (Wer)wolf im Schafspelz. Und die Menschen rund um Haarmann – warum haben die nichts bemerkt, als er die Opfer in seiner schäbigen und sicher dünnwandigen Wohnung totbiss, sie zerlegte und ihre Schädel zertrümmerte?

    Hier wurde das Wegschauen und Weghören offensichtlich perfektioniert. Man erahnt darin schon die fatalsten Jahre der deutschen Geschichte…

    Auch den anderen Charakteren kommt bei aller Realitätstreue Symbolcharakter zu. Die meisten gab es wirklich – der Protagonist Robert Lahnstein ist jedoch halb Erfindung, halb Konglomerat der Kriminalbeamten Hermann Lange und Heinrich Rätz.

    Er wird in seiner Ermittlung behindert und verspottet von Kollegen mit zwielichtigen Eigeninteressen, geschmäht von Presse und Öffentlichkeit, inbrünstig beschworen von teils weinenden, teils zornigen Eltern, während er noch mit seinem eigenen Kriegstrauma kämpft…. Und er hinterfragt im Stillen seine eigene Sexualität, während er gleichzeitig um Frau und Sohn trauert.

    Für viele wird er zum Inbegriff der Unfähigkeit der Weimarer Republik, ihre Bürger zu schützen. Als er Fleischwaren darauf untersuchen lässt, ob sie Menschenfleisch enthalten, wird er als “Kommissar Wurst” abfällig verlacht.

    Als Charakter ist Lahnstein manchmal zu gut für diese Welt. Er glaubt an die Grundwerte der Demokratie und daran, dass auch die Polizei gewisse Grenzen nicht überschreiten darf – zum Beispiel durch die Folterung Verdächtiger. Im Laufe des Buches wird er mehr und mehr an die Limits dieser Überzeugung gebracht, denn jeder Tag, der verstreicht, kann das nächste Opfer bringen.

    Seine Menschlichkeit und seine ehrliche Toleranz machen ihn zum Sympathieträger, aber ich fragte mich beim Lesen dennoch, wie wahrscheinlich und glaubhaft eine Einstellung wie seine vor dem Hintergrund dieser Zeit ist.

    Ein geschickter Schachzug: Dirk Kurbjuweit lässt seinen Helden auf den Philosophen Theodor Lessing treffen. Der beschwört Lahnstein eindringlich, die Grenzen der Demokratie nicht aus Verzweiflung zu überschreiten, weil Haarmann einfach kein Geständnis ablegen will. Im echten Leben veröffentlichte Lessing 1925 das Buch “Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs”, in dem er auch die dubiosen Machenschaften der hannoverschen Polizei anprangerte.

    Im Großen und Ganzen verwebt der Autor Realität und Fiktionales gekonnt.

    Nur manchmal überstrapaziert das Buch den Zufall etwas – inwiefern, das kann ich hier nicht schreiben, ohne zu viel zu verraten – oder spricht mehr sozialphilosophische und gesellschaftskritische Themen an, als der Fall Haarmann als Gerüst gut tragen kann.

    Dennoch, es liest sich flüssig und… Was? Ich scheue davor zurück, einen Tatsachenroman, in dem es um Serienmord geht, ‘unterhaltsam’ zu nennen, aber er wird nie langweilig und vermittelt ein rundes Bild der Zeit.

    Der Stil ist meist auf den Punkt gebracht und prägnant formuliert. Interessant ist auch, wie Tätersicht, Opfersicht und Ermittlersicht aufeinander zulaufen, um ein Gesamtbild zu vermitteln.

    Fazit

    Verkehrte Welt: hier steht ein wahrer Kriminalfall im Mittelpunkt, das eigentlich Interessante ist meines Erachtens jedoch der Kontext, in dem er geschehen konnte.

    In den Zwanzigerjahren tötete der Serienmörder Fritz Haarmann 24 Jungen und junge Männer. Er handelte zu der Zeit mit Kleidung und Fleischkonserven – ein Teil der Kleidung ließ sich später zu seinen Opfern zurückverfolgen, während der Verdacht, auch bei den verkauften Konserven habe es sich mitunter um deren Fleisch gehandelt, nicht bewiesen werden konnte.

    Der Autor zeichnet ein sehr lebendiges Bild der Zwischenkriegszeit in Hannover und nimmt den Fall zum Anlass, die ein oder andere gesellschaftliche Entwicklung zu beschreiben und kritisch zu durchleuchten – “Haarmann” ist in meinen Augen eher der Aufhänger als das eigentliche Sujet.

  1. ein überzeugendes Gesellschaftsporträt der 20er

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Apr 2020 

    Fritz Haarmann war ein Serienmörder, der Anfang der 20er Jahre in Hannover sein Unwesen trieb. In einem Zeitraum von 6 Jahren wurden 24 Jungen und junge Männer auf bestialische Weise von Haarmann umgebracht. Dabei bewies der irre Mörder ein hohes Maß an Kreativität in der Beseitigung seiner Opfer, inklusive Resteverwertung. Die Bevölkerung atmete auf, als Haarmann schließlich gefasst und in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt wurde.

    In dem Kriminalroman "Haarmann" von Dirk Kurbjuweit geht es um die Ermittlungen und die Suche nach dem prominenten Serienmörder, der Deutschland in Atem hielt.
    Wir erleben ein Hannover der 20er Jahre, also einer Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Bevölkerung Hannovers hat immer noch unter den Nachwehen des 1. Krieges zu leiden - sowohl seelisch als auch wirtschaftlich. Die meisten kommen irgendwie über die Runden. Man will nicht auffallen. Weder will man den anderen stören, noch will man gestört werden. Aber dennoch hat man alles im Blick. Sitte, Anstand und Moral sind wichtig. Ansonsten gibt es ja auch nicht viel, für das es sich einzutreten lohnt. Um wieviel misstrauischer werden daher Menschen beäugt, die mit ihrer sexuellen Gesinnung gegen den landläufigen Begriff von Sitte, Anstand und Moral verstoßen. In dieser Zeit ist Homosexualität ein Verbrechen. Im deutschen Strafgesetzbuch gab es bis in die 90er Jahre den Paragrafen 175, der die sexuelle Handlung zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Im Volksmund wurden daher Homosexuelle gern als "175er" bezeichnet.
    Und in das Milieu dieser 175er führen die Ermittlungen über die Morde an den Jungen und Männern. Der Ermittler ist Lahnstein, ein Kommissar der von Düsseldorf nach Hannover versetzt worden ist und seinen neuen Kollegen, die bisher in den Ermittlungen nicht vorwärts gekommen sind, vor die Nase gesetzt wird. Lahnstein reibt sich mit den Ermittlungen auf, woran nicht nur die mangelnde Kooperationsbereitschaft seiner Kollegen Schuld ist. Jedes neue Mordopfer empfindet er als persönliches Versagen. Im Rahmen seiner Ermittlungen wird er auch Fritz Haarmann über den Weg laufen. Und sein kriminalistisches Gespür sagt ihm, dass Haarmann der Mörder ist.

    Lahnstein steht im Mittelpunkt dieses Kriminalromans. Der Leser erlebt die damaligen Ermittlungsarbeiten aus seiner Sicht. Dabei erweist sich Lahnstein als ein Protagonist, der mit sich und der Welt nicht im Reinen ist. Er leidet nicht nur unter den jüngsten Erinnerungen an den Krieg, in dem er als Pilot in Kriegsgefangenschaft geraten ist. Vielmehr lassen ihn die schmerzlichen Erinnerungen an seine verstorbene Frau und das gemeinsame Kind nicht mehr los. Im Privaten hat er nichts, was einen Ausgleich zu dem beruflichen Druck, dem er ausgesetzt ist, darstellen könnte. Er steht unter permanenter Kritik durch seine Vorgesetzten, seine Kollegen und der Öffentlichkeit. Dies verunsichert ihn, so dass ihm bei seinen Ermittlungen die Souveränität fehlt.

    In diesem Roman findet ein häufiger Wechsel zwischen der Perspektive Lahnsteins sowie derjenigen Haarmanns statt. Die Sichtweise Haarmann macht deutlich, um welchen kranken Geist es sich bei dem Serienmörder gehandelt hat. Zusätzlich zu den Perspektiven von Lahnstein und Haarmann finden sich auch wenige Einschübe zu Haarmanns Opfern. Die Opfer gewinnen dadurch an Profil, indem sie einen kurzen Einblick in ihr Leben gewähren und somit aus der Anonymität der Opfermenge herausragen.

    Der Roman "Haarmann" zeichnet ein eindrucksvolles Gesellschaftsbild der damaligen Zeit. Und das macht für mich die Stärke dieses Romans aus. Man bekommt eine sehr genaue Vorstellung darüber, was in der Gesellschaft wichtig war. Die Menschen litten unter den Nachwehen des ersten Weltkrieges. Die Wirtschaft in Deutschland war am Boden. Politisch gesehen erleben wir die Anfänge eines Adolf Hitlers und seiner Anhänger, die sich nicht nur auf verbale Auseinandersetzungen mit den immer noch vorhandenen Monarchisten eingelassen haben. Jeder versuchte seine Überzeugungen durchzusetzen. Die Menschen waren auf der Suche nach Normalität und nach einem Alltag, der ihnen ein gewisses Maß an Wohlstand und Sicherheit versprach. Haarmann ist diesem Wunschdenken in die Quere gekommen. Deshalb wurde Haarmann auch zu einem Politikum. Solange der Mörder nicht gefasst und zur Rechenschaft gezogen wurde, konnte von Sicherheit keine Rede sein.

    Fazit:
    Ein beeindruckender Roman, der mich eher als historischer denn als Kriminalroman begeistert hat. Der Autor gibt einen sehr überzeugenden Zeitgeist der 20er Jahre wieder, in dem der die Ermittlungen um den Serienmörder Haarmann als Aufhänger nimmt.
    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Weit mehr als ein Kriminalroman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Apr 2020 

    „Warte, warte nur ein Weilchen,
    bald kommt Haarmann auch zu dir,
    mit dem kleinen Hackebeilchen,
    macht er Schabefleisch aus dir.“

    Fritz Haarmann, der Werwolf von Hannover, Deutschlands vielleicht berüchtigtster Serienmörder ist keine erfundene Figur. Zwischen 1918 und 1924 ermordete er mindestens 24 junge Burschen und Männer, Haarmanns „Puppenjungs“. Lockte sie mit der Aussicht auf eine Mahlzeit oder eine warme Unterkunft nach Hause, verging sich an ihnen und töte sie, indem er sie zu Tode biss.
    Viele künstlerische Rezeptionen gibt es zu diesem bizarren Fall: Lieder wie das eingangs erwähnte „Warte , warte nur ein Weilchen“, Filme um Fritz Langs „M- Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahre 1932 zu erwähnen, Rainer Werner Fassbinders „Zärtlichkeit der Wölfe“ oder „Der Totmacher“ mit einem eindrucksvollen Götz George als Haarmann. Dazu die Prozessbeobachtungen des deutschen Philosophen Theodor Lessing „Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs“
    Und nun auch der aktuell vorliegende Kriminalroman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit. Der deutsche Autor bedient sich hier einer ganz besonderen Erzählweise. Für einen Kriminalroman untypisch stellt er nicht den Mörder, das Monster, den Totmacher in den Vordergrund, sondern Robert Lahnstein, einen fiktiven Charakter, den erfunden leitenden Ermittler im Fall Haarmann. Lahnstein ist ein Getriebener, Zerrissener. Der ausgestandene Erste Weltkrieg hat seine Schrecken für Lahnstein noch nicht verloren. Er hat in Kriegsgefangenschaft überlebt, vermisst seine Frau und seinen Sohn aufs Schmerzlichste. Das Schicksal von Lahnsteins Familie ist lang nicht bekannt, doch ahnt man schon von Anfang der Geschichte nichts Gutes. Lahnstein reibt sich auf an den Ermittlungen, die ins Homosexuellenmilieu, zu den gesellschaftlich geächteten 175ern*), führen. Er traut den eigenen Kollegen, deren Homophobie evident ist, nicht mehr. Dabei ist Lahnstein sich seiner eigenen sexuellen Orientierung nicht wirklich sicher und fühlt sich aufgrund seines monatelanges Scheitern beim Fahndungserfolg mitverantwortlich für den Tod der jungen Männer.
    Aus wechselnder Perspektive bewegt Dirk Kurbjuweit den Ermittler, eines der letzten Opfer Haarmanns und den Mörder selbst aufeinander zu. Die Ermittlungen verlaufen linear - durchbrochen werden sie von Lahnsteins Kriegserinnerungen – bis zum Prozess und Urteil.
    Lahnstein gibt der Zeit nach dem Krieg, der Gesellschaft von damals Gesicht und Sprache. Es sind schwierige Zeiten und besonders schwierige Umstände: Es waren keine „goldenen“ 20er Jahre in Deutschland: Kriegsversehrte, wirtschaftliche Not, die Etablierung der jungen Republik, politische Skandale und Machtkämpfe zwischen Monarchisten, Sozialisten, Kommunisten und das wachsenden Geschwür Nationalsozialismus prägen den Alltag.
    In wahren Kriminalgeschichten geht es selten um die Auflösung. Hier ist der Ermittler Protagonist und die Zeitgeschichte, nicht der Mörder! Letztlich ist dem Autor mit „Haarmann“ ein eindringliches historisches Sittenbild gelungen. Mit dem Auftritt des real existierenden Journalisten und Philosophen Theodor Lessings wird das Werk auch zum Plädoyer für die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das ist weit mehr, als ich von einem einfachen Kriminalroman erwarte!

    *) Der § 175 des deutschen StGB stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Erst am 11. Juni 1994 trat Paragraf 175 außer Kraft - und wurde durch eine allgemeine Jugendschutzvorschrift ersetzt.

  1. Der Totmacher

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Apr 2020 

    Der Totmacher

    Dirk Kurbjuweit hat sich in seinem Kriminalroman mit dem Serienmörder Fritz Haarmann eingelassen, der in Hannover um 1920, einige Jungen auf dem Gewissen hat. Der Autor hält sich an reale Fakten, doch die Figur des Ermittlers Robert Lahnstein, ist frei erfunden.
    Robert Lahnstein soll in Hannover Licht ins Dunkel bringen. Viele Jungen sind spurlos verschwunden, meist sind es Ausreißer, doch auch ihr verschwinden fällt irgendwann auf. Lahnstein ist Witwer, und man merkt, dass er mit dem Verlust schwer zurecht kommt. Seine Zeit im Krieg hat ihn ebenso geprägt wie fast jeden damals zur Zeit der Weimarer Republik.
    Sein Kollege Müller ist nicht mit ihm auf einer Wellenlänge. Lahnstein hat oft das Gefühl, dass man sich über ihn lustig macht im Dezernat. Dabei sind seine Ansätze und Ziele gut, ihm scheint wirklich etwas am Verbleib der Jungen zu liegen. Nach kurzer Zeit bemerkt Lahnstein das Fehlen der Akte Haarmann und pocht darauf sie zu bekommen. Lahnstein verzweifelt fast an der Aufklärung des Falles, es gibt keine konkreten verwertbaren Hinweise, er setzt sich selbst stark unter Druck.
    Viele Andeutungen von außen lassen in ihm den Verdacht aufkommen, dass Haarmann etwas mit den Morden zutun haben könne. Als er die Akte dann bekommt, geht er der Sache nach. Er ist sich bald sicher, dass Haarmann der Täter ist, doch wie soll er dies beweisen. Folter? Er lehnt dies strikt ab, doch ab wann rechtfertigt der Tod vieler junger Menschen solche Maßnahmen?

    Im Roman wird einiges über Haarmann und seine Vergangenheit erzählt. Es war interessant und erschreckend zu erfahren, dass er die Taten sehr offensichtlich begann und niemand etwas dagegen unternahm. Zum anderen spiegelt es auch einen Mann wider, der in der Lage war, nach außen etwas anderes vorzugaukeln, als er wirklich war. Dies alles und die derbe Beschreibung der Morde macht diesen Roman zu einem Werk, dass nicht mal eben so nebenher gelesen werden kann. Die Tatsache, dass es so stattgefunden hat, brachte mich häufiger an einen Punkt, an dem ich das Buch kurz weglegen musste.
    Ein dunkles Thema, gut in Szene gesetzt. Ich möchte hiermit eine Leseempfehlung aussprechen!

  1. Mehr Abbild der 1920er Jahre als Krimi

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Apr 2020 

    Friedrich „Fritz“ Haarmann – die meisten von uns werden schon einmal etwas von diesem Serienmörder gehört haben. Ich bringe damit oft den von mir geliebten Film „Der Totmacher“ mit dem großartigen Götz George in Zusammenhang.
    Nun zählt der Kriminalroman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit zu meinen zukünftigen (guten) Erinnerungen dazu.

    Der Autor hat dabei jedoch alles andere als ein literarisches Denkmal für Fritz Haarmann geschaffen; wer mit diesen Erwartungen an das Buch herangeht, wird vermutlich enttäuscht werden. Es gibt (wenn überhaupt) nur rudimentär neue Erkenntnisse für die Leserinnen und Leser. Allerdings bin ich der Meinung, dass man mehr über Haarmann gar nicht wissen muss.

    Vielmehr geht es Kurbjuweit in seinem Buch darum, die Stimmung in der jungen Weimarer Republik wiederzugeben. Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Politik (egal ob demokratisch oder links, (leider) weniger von rechts) und - speziell im Raum Hannover, wo Haarmann sein Unwesen trieb - gegenüber der Polizeiarbeit wächst.

    Und hier kommt der fiktive Kommissar Robert Lahnstein ins Spiel, der die Misserfolge der Hannoveraner Polizei bei der Suche nach verschwundenen Jungen in einen Erfolg „umwandeln“ soll. Lahnstein ist ein in sich gekehrter und an sich selbst zweifelnder Charakter, dem das Leben schwer zugesetzt hat. Er wacht immer wieder aus Alb- oder Tagträumen auf, in denen seine Frau Lissy und sein Sohn August eine Rolle spielen. Was mit Frau und Sohn passiert ist, wird allerdings erst sehr spät deutlich.
    Zunächst ist auch Lahnstein´s Arbeit nicht von Erfolg gekrönt, da immer mehr Jungen verschwinden, seine Kollegen intrigieren und er in Folge dessen immer mehr Druck von außen und von innen ertragen muss. Ein Flug mit einer Albatros-Maschine bringt schließlich die entscheidende Wende…

    Mehr sei an dieser Stelle gar nicht verraten, zumal das Ende (Haarmann wird gefasst, verurteilt und hingerichtet) bekannt ist.

    Der etwas ungewöhnliche, eher nüchtern-trockene Schreibstil sowie keinerlei „wörtliche Rede“ ist zunächst ungewohnt, sollte jedoch kein Grund sein, diesem Roman keine Chance zu geben. Auch die am Ende eines jeden Kapitels kursiv dargestellte Sichtweise von Haarmann sowie die ebenfalls kursiv dargestellten Texte aus der Sicht der Opfer werden sachlich und ohne jedwede „Wertung“ von Kurbjuweit wiedergegeben.

    Alles in Allem liegt mit „Haarmann“ ein großartiger Kriminalroman vor, der von mir die verdienten 5* sowie eine Leseempfehlung bekommt!

    ©kingofmusic

  1. Mordserie in der Zeit zwischen den Weltkriegen...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Apr 2020 

    Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann.

    Warte, warte nur ein Weilchen,
    bald kommt Haarmann auch zu dir,
    mit dem kleinen Hackebeilchen,
    macht er Schabefleisch aus dir.
    Aus den Augen macht er Sülze,
    aus dem Hintern macht er Speck,
    aus den Därmen macht er Würste
    und den Rest, den schmeißt er weg.

    Ich bin sicher nicht die einzige, die dieses makabre Liedchen kennt. Bisher wusste ich jedoch wenig über den Fall an sich - wobei ich den Film / das Kammerspiel 'Der Totmacher' mit Götz George vor etlichen Jahren angeekelt-fasziniert geschaut habe.

    Der Titel des Buches impliziert, dass es hier vorrangig um den Serienmörder geht, und so war ich doch zunächst erstaunt, dass im Fokus des Geschehens der (erdachte) Ermittler Robert Lahnstein steht. Aus Bochum nach Hannover versetzt, soll er Licht bringen in die zahlreichen Fälle vermisster Jungen, von denen kein einziger wieder aufgetaucht ist.

    Lahnstein selbst in ein Zerrissener, der wie die meisten anderen Deutschen auch im Verlauf des 1. Weltkriegs traumatische Erfahrungen machen musste und sich nun neu zu orientieren versucht. Seine neuen Kollegen zeigen sich alles andere als kooperativ - der alte Geist der Kaiserzeit zieht noch durch die Polizeiflure, und v.a. Lahnsteins Kollege Müller legt ihm Steine in den Weg, wo er nur kann.

    Zugegeben: ich mochte Lahnstein als Charakter nicht sonderlich. Der Kampf mit seinen eigenen Dämonen nahm für meinen Geschmack phasenweise zu viel Raum ein, die Ermittlungen plätscherten zudem lange Zeit einfach vor sich hin, ohne dass auch nur ein Hauch an Dynamik hinzukam. Ein Junge nach dem anderen verschwand, ohne dass Lahnstein etwas ausrichten konnte.

    Erst spät gab es eine Kehrtwende, und bis dahin tauchte der Leser ein in eine düstere Zeit der Nachkriegswirren, in die politisch-gesellschaftliche Unsicherheit, in den nur zögerlichen Wandel von Recht und Moral, in die wackeligen Gehversuche der Weimarer Republik. Dirk Kurbjuweit setzt nicht Haarmann in den Mittelpunkt der Erzählung, sondern die dunkle Seite dieser Epoche mit der Erkenntnis von menschlichen Abgründen allüberall.

    Ein interessanter Ansatz, der zudem erklärt, wie es so lange dauern konnte, bis Haarmann überhaupt gefasst wurde. Kurbjuweit hangelt sich in seinem Roman eng an den tatsächlichen Fakten des Falles entlang: Protokolle, Schriftstücke, Dokumente - viele der genannten Unvorstellbarkeiten lassen sich im Internet recherchieren und bestätigen auch die teilweise absurd-skurrilen Ereignisse, die hier geschildert werden.

    Der Schreibstil ist sperrig, die Schilderungen düster, die wörtliche Rede ist nicht markiert. Auch dies war für mich gewöhnungsbedürftig. Im Verlauf verschob sich meine anfängliche Bewertung von knappen drei jedoch zu überzeugten vier Sternen, da ich finde, dass der Zeitgeist der damaligen Epoche hier hervorragend wiedergegeben und der Fall Haarmann passend in diesen Kontext eingebettet wurde.

    Sicher nicht der Kriminalroman, den ich erwartet habe. Aber ein überzeugendes Zeitdokument, das den Fall Haarmann abseits der grausamen Fakten auch aus einer anderen Perspektive beleuchtet und dabei auch die gesellschaftlich-politischen Umstände kritisch hinterfragt.

    Überraschend anders...

    © Parden

  1. Fritz Haarmann, der Schlächter von Hannover

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Mär 2020 

    "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." (Hawe Schneider)
    In Hannover verschwinden in den 20er Jahren mehrere Jungs im Alter zwischen 10 und 22 Jahren. Die Polizei steckt in einer Krise, da sie sich nicht sicher sind, ob hinter dem Verschwinden ein Serienmörder steckt. Kommissar Robert Lahnstein wird deshalb nach Hannover berufen, um seine Kollegen zu unterstützen. Als weitere junge Männer verschwinden wird aus den Gerüchten immer mehr die Gewissheit, dass sie es mit einem gefährlichen Psychopathen und Serienmörder zu tun haben. Doch auch Lahnsteins Ermittlungen stecken fest, weil er keinen Verdächtigen findet, besonders da seine Kollegen und die Gesellschaft wegschauen. Als er jedoch von Fritz Haarmann erfährt, ist er sich ziemlich schnell sicher, dass er der Täter sein könnte. Nur wie soll er ihm die Taten nachweisen? Ein Katz und Maus Spiel zwischen Täter und Lahnstein beginnt.

    Meine Meinung:
    Das düstere Cover mit dem Mann, der jemanden verfolgt, passt, sehr gut zu der Geschichte. Der Schreibstil ist für mich etwas gewöhnungsbedürftig, schon alleine dadurch das die wörtliche Rede im gesamten Buch nicht mit Satzzeichen markiert wurden. Zudem fehlte es für mich total an Spannung und vom eigentlichen Täter erfuhr ich viel zu wenig. Stattdessen ließ der Autor sehr viel Belangloses aus dem Privatleben Lahnsteins, in dem Fall hineinfließen. Gerade die vielen Rückblenden in Lahnsteins Vergangenheit, die ich als nichtig empfand, störten dann zusehends meinen Lesefluss. So stand ich mehr als einmal kurz davor dieses Buch abzubrechen. Der Vampir, der Schlächter, der Kannibale oder der Werwolf von Hannover wie der Massenmörder Fritz Haarmann ebenfalls genannt wird, kannte ich schon zuvor. Von daher war dieser Fall nichts Neues für mich. Doch trotz der realen und fiktiven Umsetzung konnte mich die Darstellung des Autors nicht in allen Belangen überzeugen. Zwar erfahre ich von vereinzelten Jungs was ihr Verschwinden von zu Hause anbelangt, doch selbst dies fand ich zu wenig. Ich hätte mir hier weitaus mehr gewünscht. Genauso wie über Haarmanns Motivation, die mir hier selbst am Ende noch nicht ganz klar dargestellt wurde. Ebenso wäre eine Namensaufstellung der toten Jungs am Ende oder Anfang des Buchs von Vorteil gewesen, sodass ich dafür nicht immer im Nachschlagen musste. Im Grunde erfuhr ich über Haarmann selbst nicht mehr als das, was ich schon wusste. Was mich von daher enttäuscht hat, besonders da der Autor ein renommierter Reporter ist. Dass Haarmann die Jungs beobachtet hatte, sie mit zu sich nahm, kennenlernte, missbrauchte und dann totbiss, kann einen schon erschüttern. Doch das so viele Menschen rücksichtslos weggesehen haben oder die Polizei ihm seinen Taten lange nicht nachweisen konnte, ist schon erschreckend. Dass dies, genauso wie seine sexuelle Neigung, Korruption, sowie die unerlaubten Vernehmungsmethoden im Buch angesprochen wurden, hat mir dagegen gut gefallen. Ungeachtet dessen kann ich diesem Buch nur 2 1/2 von 5 Sterne geben, da es für mich im Grunde nichts weiter Relevantes zutage brachte, wie das was ich sowieso schon über den Haarmann wusste.

  1. Der Werwolf von Hannover

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    In den unruhigen 20iger Jahren trieb Haarmann in Hannover sein Unwesen. Er ermordete über 20 junge Männer und zerstückelte ihre Leichen. Die Spitze der Perversität war der Verkauf des Fleisches an die notleidende Bevölkerung. Wie Jack the Ripper ist auch Fritz Haarmann längst in die Kriminalgeschichte eingegangen. Seine Taten haben Filme und Bücher inspiriert.

    Auch der Autor Dirk Kurbjuweit hat diesen Stoff aufgenommen. Sein Buch ist ein Roman, hält sich bei der Beschreibung Haarmanns eng an die vorhandenen Dokumente. Als Gegenspieler führt er die fiktiven Kriminalisten Lahnstein und Müller ein. Lahnstein ist erst kürzlich aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und noch nicht richtig im zivilen Leben angekommen. Er trägt schwer am Verlust seiner Frau und seines Sohnes, über deren Schicksal der Autor den Leser fast bis zum Schluss im Unklaren lässt.
    Die Suche nach dem Mörder der Jungen zeigt die wirren Zeiten der Zwischenkriegsjahre. Die Bevölkerung leidet Not, die politische Situation ist mehr als unsicher und die noch junge Demokratie überhaupt nicht gefestigt. Extreme politische Anschauungen finden nicht nur bei der Bevölkerung Anklang, auch im Kommissariat sind mit dem Sozialdemokraten Lahnstein und dem reaktionären Müller zwei gegensätzliche Standpunkte vertreten. Müller nutzt auch die Stimmung um gegen den angeschlagen wirkenden Lahnstein zu intrigieren.

    Damit illustriert der Autor auch die historisch nachgewiesenen Fehleinschätzungen der damaligen Polizei und der zum Teil dilettantisch anmutenden Ermittlungen, die dem „Werwolf von Hannover“ jahrelang weiteres Morden ermöglichten. Kann man die Persönlichkeit des wohl krankhaft veranlagten Haarmanns überhaupt erklären? Hier hatte ich nicht das Gefühl, da blieb für mich vieles im Dunkeln.

    Der Kriminalroman ist auch ein Zeitbild der Zwanziger Jahre, die für weite Teile der jungen Republik und ihrer Menschen lange nicht so Golden war, wie es Filme oder Bücher suggerieren. Ein wenig habe ich die Spannung vermisst, vielleicht auch durch die Gewichtung auf die Figur des Kommissars Lahnstein. Auf alle Fälle aber ein interessanter Roman mit kriminalgeschichtlichem Hintergrund.

    3,5 Sterne

  1. An der Leine

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Mär 2020 

    In den 1920er Jahren verschwinden in Hannover junge Männer. Kommissar Robert Lahnstein kommt aus Bochum nach Hannover, um die Ermittlungen zu übernehmen. Sein Kollege Müller ist nicht sehr erfreut. Er steht politisch auf einem anderen Standpunkt als der Demokrat Lahnstein. Die Untersuchung gestaltet sich schwierig. Immer wieder werden junge Männer von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Kommissar Lahnstein ist von seinen Erlebnissen im ersten Weltkrieg gezeichnet. Als Flieger hat er seiner Meinung nach nicht genug Abschüsse erzielt, was ihn dazu verleitet hat, in Erzählungen zu übertreiben. Außerdem werden seine Nächte von den Gedanken an seine Familie beherrscht.

    Im groben bekannt dürfte die Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann einem größeren Publikum seit dem Film „Der Totmacher“ sein. Dennoch ist das vorliegende Buch eine interessante Art, sich die Geschichte dieses sehr gestörten Täters in Erinnerung zu rufen. Lahnstein und sein Kollege Müller, der fast wie ein Gegenspieler wirkt, die politische Grundstimmung in den 1920ern, die auch einen Einfluss auf die Ermittlungen hat, das Milieu, in dem die Verbrechen angesiedelt sind. Etliche Spuren, selbst Informationen über die Vermissten scheinen nirgendwo hin zu führen. Und der Leiter der Ermittlungen hat mitunter genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Dennoch berührt ihn das Schicksal der verschwundenen Jungen und er gibt sein Bestes, um den Täter zu finden.

    Mit einer gelungenen Mischung aus Fiktion und Fakten vermag der Autor ein authentisches Bild über Leben und Stimmung in den 1920ern zu zeichnen. Logischerweise nutzt er dabei Quellen, die sich aus den originalen Aufzeichnungen speisen. Dennoch schafft es Dirk Kurbjuweit dem Thema einen eigenen Ton zu geben. Sein in Teilen unsicherer Ermittler, der jedoch mit aller Hartnäckigkeit ermittelt. Das politische Gefüge, das ahnen lässt, wie schwer die Welt nach dem ersten Weltkrieg mitgenommen ist. Und auch Lahnsteins Stellung in seiner eigenen Behörde. Man meint eine düstere Bühne zu betreten, in der es kaum eine Lösung des Falles geben kann. Allzu lange gibt es kaum belastbare Hinweise. Mit seiner ganz eigenen Stimmung eröffnet der Roman einen neuen Blickwinkel auf einen bekannten Fall, auf einen Täter, der in seiner Grausamkeit wohl nie verstanden werden kann.

  1. Zeitkolorit pur

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mär 2020 

    „Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir…“ Ein makabrer Gassenhauer aus den 20er Jahren über einen spektakulären Kriminalfall, der die Stadt Hannover in Atem hielt.
    Darum geht es hier. Es verschwinden auffallend viele Jungs 1923 in Hannover. Robert Lahnstein wird aus Bochum angefordert, um bei den Ermittlungen zu helfen. Zeugen berichten von merkwürdigen Vorkommnissen in Zusammenhang mit einem Fritz Haarmann. Warum wird das nicht untersucht? Lahnstein durchforstet die Homosexuellenszene Hannovers, kommt aber nicht so recht weiter.

    Dirk Kurbjuweit erzählt uns, wie es gewesen sein könnte. In einer sehr eigenen aber auch sehr plastischen Sprache beschwört er die 20er Jahre herauf. Es ist schwül, finster, unheimlich, dekadent, manchmal auch grausam. Der Erste Weltkrieg ist noch längst nicht überwunden. Lahnstein hat oft an finsteren Erinnerungen zu knacken. Ein hingeworfenes „Versailles“ ist eine gängige Erklärung für Missstände oder auch ein makabrer Witz.
    Wir blicken in die unterschiedlichsten Köpfe, sehen die Welt mit Lahnsteins Augen, aber auch mal aus Haarmanns Sicht oder aus Sicht des Jungen, der ausgerissen ist und in Hannover umsteigen will. Ist er das nächste Opfer?

    Dieses Buch ist Zeitkolorit pur, dichte Atmosphäre, ein authentisches Stück Geschichte und ein Mordfall, der ekelhafter nicht sein kann. Ein Pageturner ist es allerdings nicht, hier wird mehr ein historisches Ereignis innerhalb des Zeitgeschehens beleuchtet, als dass mit Spannungselementen gespielt würde. Ich fand das hoch interessant, kann aber verstehen, dass Krimifans vielleicht enttäuscht sind, ein typischer Krimi ist das nicht.
    Ein bisschen zu kurz kam mir die Motivation des Ganzen. Haarmann bleibt der sadistische Irre aus dem Lied, warum er der wurde, der er war wird hier nicht gemutmaßt, obwohl man mit dem Auftreten seiner Schwester durchaus näher auf seine Kindheit hätte eingehen können. Aber vielleicht wollte der Autor auch einfach keine Entschuldigungen für einen bestialischen Serienmörder anbieten.

    Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und möchte es geschichtsinteressierten Lesern dringend empfehlen. Es ist ein eindrucksvoller Ausflug in ein finsteres Kapitel der Stadtgeschichte Hannovers und auch ein stimmiges Zeitportrait der 20er Jahre in Deutschland.