Guten Morgen, Genosse Elefant: Roman

Rezensionen zu "Guten Morgen, Genosse Elefant: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2018 

    Völlig anders als erwartet...

    Bereits das auffällige Cover mit dem roten Stern und der kernige Titel des Buches haben meine Neugier wecken können. Gerechnet habe ich mit humoriger Literatur, bekommen habe ich so viel mehr.

    In der Geschichte geht es um den 12- Jährigen Juri Romanowitsch Zipit, allgemein bekannt als Sohn des Tierarztes vom Hauptstädtischen Zoo und im Kopf leicht meschugge. Seit einem Unfall ist Juri in manchen Dingen etwas eingeschränkt, hat aber dadurch die Gabe, dass andere Menschen ihm gern Geheimnisse anvertrauen, weil er so einfältig drein schaut. Durch eine mysteriöse Begebenheit wird er zum ersten Vorkoster Stalins und bald dessen engster Vertrauter. Wie kommt er mit der neuen Rolle zurecht? Und was bedeutet diese Vertrautheit für den Rest seines Lebens?

    Durch die Handlung führt uns Juri als Ich- Erzähler, so dass wir als Leser ganz nah dran sind an seiner Gefühls- und Gedankenwelt, was es so ungemein schwer macht dieses Buch zu lesen, da man von den Schilderungen tief berührt wird und teilweise sprachlos ist.

    Juri als Figur ist einfach herzallerliebst. Trotz allem was er bisher durchmachen musste wie den Unfall mit einer Straßenbahn, getroffen vom Blitz und diversen Hänseleien von seinen Mitschülern, schaut er stets nach vorne und hat ein unglaublich sonniges Gemüt. Ich fühlte mich ihm als Protagonisten tief verbunden und mit seiner liebenswürdigen Art hat er ganz klar mein Herz erreicht.

    Besonders interessant war hier vor allem die letzten Tage von Stalin zu erleben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Geschilderte wie Lebensmittel im Überfluss, amerikanische Western und ähnliches der damaligen Realität sehr nahe kommen.

    Da ich ein eher lustiges Buch erwartet hatte, war ich doch sehr bestürzt über die Geschehnisse um Juri. Nie im Leben hätte ich erwartet, dass man einem Kind so etwas antun würde.

    Etwas schwergängig haben sich für mich die diversen Namen lesen lassen, die meist aus drei oder vier Einzelnamen bestanden und oft musste ich online nachforschen wer der ein oder andere ist, da ich in der Ostblockprominenz nicht sonderlich bewandert bin.

    Fazit: Der Roman war völlig anders als erwartet, hat mich aber tief berührt und teilweise sprachlos zurückgelassen. Wer sich von Misshandlungen an Kindern nicht abschrecken lässt, der wird mit einer emotionalen und gefühlvollen Geschichte belohnt, die einen nicht kalt lässt und die noch lange nachwirkt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Aug 2018 

    Spitz die Ohren

    Juris Vater ist der erste Veterinär des Zoos, besonders mit den Gehirnen der Tiere kennt er sich gut aus. Seine Erfahrung nutzt ihm auch im Umgang mit seinem 12jährigen Sohn. Leider muss man sagen, denn der Junge hat mit sechs einen schweren Unfall überlebt, nachdem sein Gehirn nicht mehr so ganz wie erwartet funktioniert. Das vertrauenserweckende Lächeln Juris macht dessen Leben nicht eben einfacher. Wildfremde Menschen vertrauen ihm manchmal ihre Geheimnisse an. Und so geht es auch dem Stählernen, zu dem der Vater gerufen wird, weil alle bekannten Menschenärzte irgendwie unpässlich sind. Und so wird Juri zum Vorkoster erster Klasse.

    Einiges erfährt Juri während seiner Zeit in Stalins Residenz, Gutes und weniger Gutes. Jeder will den lächelnden Jungen für sich einspannen. Doch Juri ist unsicher in seiner Loyalität, die Meisten scheinen dem Stählernen Übles zu wollen. Und dieser kann bestens fluchen und sich über seine Vasallen aufregen und sie zu einem Aufenthalt im Gulag verurteilen. Allerdings ist der Stählerne nicht bei bester Gesundheit. Und muss er mal wieder an mehreren Orten gleichzeitig sein, sind ausgebildete Doppelgänger zur Stelle. Juris Vater, der den Regenten untersuchte, ist inzwischen verschwunden. Ebenso verschwunden wie die Mutter, die die Familie verlassen hat so wie der Vater berichtet.

    Mit kindlichen Worten berichtet Juri von ernsten Ereignissen. Die letzten Wochen vor Stalins Tod. Dieser ist misstrauisch gegenüber seinen eigentlichen Vertrauten. Juris Naivität muss ihm wie ein Labsal erscheinen. Doch selbst in dieser Situation versucht der Alte den Jungen für seine Zwecke zu benutzen, da ist er keinen Deut besser als seine Minister. Mit Juris Augen blickt man in eine seltsame Welt eines alternden Politikers, dessen Gesundheit versagt. Was ist Täuschung, was Selbsttäuschung. Kann Juri, der durch den Unfall ein geschädigtes Gehirn hat, überhaupt alles erfassen, was er hört und sieht. Und doch gewinnt Juri mit seinem Lächeln, das für den Leser unsichtbar bleibt, eben jenen. Manche seiner Erlebnisse lassen einen erschauern, manche lassen einen hoffen. Mit dem Diktator bekommt man Mitleid, das Ende seiner Tage war beschwerlich und schmerzhaft. Neugierig fragt man sich, wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt und natürlich findet man im großen weiten Netz Informationen, die vermuten lassen, dass nicht alles erfunden ist, außer Juri vielleicht.