Guten Morgen, Genosse Elefant: Roman

Rezensionen zu "Guten Morgen, Genosse Elefant: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Okt 2018 

    Die letzten Tage des Generalissimus

    Es gibt sehr verschiedene Arten von Humor. Man sagt gemeinhin, dass die Deutschen eine bestimmte Art von Humor haben, ganz sicher behauptet man das von den Briten und einer hat die „Psychologie des Humors“ sogar studiert. Christopher Wilson, der dann in der Goldsmith Universität in London lehrte. Er unterrichtet kreatives Schreiben, zum Beispiel in Gefängnissen. Die Ergebnisse der Insassen würde der bloggende Bücherjunge gern einmal in Augenschein nehmen.

    Manchmal gibt es Bücher, wo einem gelegentlich der Humor, das Lachen im Halse stecken bleibt, doch fangen wir von vorn an. Es sind die letzten Wochen im Leben des Josef Petrowitsch, genannt der stählerne Mann. Manchmal auch „Wodsch“, was im Russischen für „Führer“ steht. Doch halt: вождь ist der Begriff dafür und damit wird klar, Wilson verändert zumindest die Namen, denn es handelt um einen gewissen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt STALIN. Die Angst vor einer Ärzteverschwörung lässt einen Tierarzt zur Untersuchung seiner Leiden kommen, der Professor aus dem Moskauer Zoo hat einen Sohn, das ist der zwölfjährige Juri, der muss mit auf die Datscha.

    Juri, schwer mitgenommen durch einen Milchwagen und die Straßenbahn, wirkt entweder wie ein Trottel oder wie der liebenswerteste Zwölfjährige, den man sich denken kann. Jeder hat sofort Vertrauen zu ihm und erzählt ihm Persönlichstes. So geht es auch dem Stählernem, der Juri zu seinem Vorkoster macht, wegen der Ärzteverschwörung.

    Mit verfremdeten Namen lernen wir Cruschtschow, Berija, Malenkow und andere kennen. Manch einer versucht, den Jungen für sich einzunehmen, doch der Bengel ist schlau und bewegt sich zwischen den Mächtigen und den Doppelgängern souverän. Am Ende hat er einen Brief des „Wodsch“ noch irgendwo. Das Testament?

    Das mich das Buch zu ständigem Lachen gebracht hätte, kann ich nicht behaupten. Aber der Humor kommt durch die Hauptfigur durchaus hervor, wenn der Junge in scheinbarer Naivität spricht, seine erwachsenen Gegenüber an der Nase herumführt oder die Zustände in der Sowjetunion reflektiert.

    Die Diktatur, das Unmenschliche dieses „Führers der sozialistischen Welt“ tritt da am stärksten auf, wo sich der „Wodsch“ und sein Vorkoster zum Beispiel über Blumen unterhalten. Es geht um Rosen:

    „Das Geheimnis der Rosen besteht darin, sie jedes Jahr zurückzuschneiden. Ihre Schönheit entspringt allein einer strikten, gnadenlosen Disziplin.... Man muss alles Ungesunde, Befallene wegschneiden, und welke Blüten, die ihre Kraft, ihre Schönheit verloren haben, muss man gleich köpfen. Weißt du, wie man nennt, was am Stängel wächst?... Man nennt es den Trieb, manchmal auch den Führer. Und wenn man die Führer nicht mindestens um die Hälfte stutzt, schießen die Pflanzen zu schnell in die Höhe, wachsen ohne Kraft und Disziplin und die Blüten verkümmern.“ (Seite 135/136)

    Darin steckt die Art, wie Stalin seine Macht errang und erhielt. Wenn man die Geschichte der Sowjetunion halbwegs kennt und weiß, dass in den Jahren 1936 / 1937 ähnlich wie bei den Rosen die halbe Militärführung abgesetzt, in Lager geschickt, nach Schauprozessen ermordet wurde, dann haben wir hier eine literarische Darstellung, die dies wieder spiegelt.

    Ein weiteres Beispiel sei hier noch erwähnt. Der alte "Wodsch" spricht über Menschen und Geschichte und das der Junge weder die Menschen noch die Welt lieben sollte, weil die Menschen unvollkommen, die Welt schlecht ist und beide verbessert werden müssen.

    „Man muss die Menschen lieben, wie sie sein könnten, nicht wie sie sind. Besser in einer besseren Welt....
    Aber du musst Folgendes über die Geschichte wissen... Geschichte, das sind die Lügen der Sieger, denn nur Sieger erzählen die Geschichte. Und der Sieger kann sie niederschreiben, wie es ihm passt, folglich kann er die Vergangenheit auch so formen, wie er sie haben will – nicht wie sie war sondern wie sie hätte sein sollen...
    Zu siegen ist also die erste Aufgabe eines Politikers, denn nur, wenn er siegt, kann er alles in Ordnung bringen, die Vergangenheit und die Gegenwart, aber auch die Zukunft.“ (Seite 144/145)

    Sodann spricht er über die Menschen. Da gibt es die, die leben müssen. Sie wären sehr nützlich, die Staatsführer, Künstler und Wissenschaftler.... Menschen, die weder Gutes tun, noch Schaden anrichten sind bedeutungslos und entbehrlich. Feinde dagegen müssen ausgelöscht werden. Manch einer kann einfach umgebracht, andere müssen „gleichsam ungeschehen“ gemacht werden. Das wäre bei Tausenden notwendig. Ebenso müssten dann auch Religion, Familien und die Liebe ungeschehen gemacht werden, weil sie keinem politischen Zweck dienen und sich nicht „um den Klassenkonflikt“ scheren. (Vgl. Seite145 – 148)

    An solchen Stellen erkennt der Leser, was der Autor letztlich mitteilen will, der nur den Jungen als echt liebenswerten Menschen darstellt, vom Papa mal abgesehen. An diesen Stellen trat für mich dann der Sinn des Buches hervor, denn der Junge straft diese Aussagen Lügen. Er tut dies mit einem kindlichen, sehr geradlinigem Humor, jedoch erkennt man die Literaturfigur, wenn er die erlittene Folter des Marschalls Bruhah auf seltsam emotionslose Weise schildert.

    "Es ist kein Wohlfühlbuch", schreibt Ulrike Meier vom Verlag Kiepenheuer & Witsch in ihrem Brief, der dem Rezensionsexemplar beilag. Einen "kindlich-klugen Blick ins Zentrum der Macht" nennt sie das Buch, dies ist es wohl. Jedoch ist die Frage: Was hätte ich getan? Was wäre mit mir gewesen? - also die Frage, wie wir uns, gerufen wegen irgendwas ins Zentrum der Macht, verhalten würden hier weniger interessant. Die literarische Kunstfigur des Juri hat wahrscheinlich weniger die Funktion des Spiegelvorhalters, er informiert über die Auswüchse von absoluter Macht und warnt damit zugleich.

    Im Wechsel von Humor und Ernst, von Fiktion und Wahrheit lesen wir von einem Führer, von den Menschen mit denen er sich umgab und der Gesellschaft, die er formte. Die Wirkung ist immer noch da, nach dem unter einer schrecklichen Menge von Todesopfer gewonnenen großen Krieg, Verehrer gibt es in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine ganze Menge. Daran allerdings wird dieses Buch eher nichts ändern können. Da es andererseits von Linken, die den Stalinismus verharmlosen, kaum gelesen werden wird, wird es Bestätigung für die Leser sein, die sich mit der Geschichte und dem Leben des Generalissimus, einem der Großen Drei, bereits beschäftigt haben. Ein Geschichtsbuch ist es nicht und außerdem schreiben ja die Sieger die Geschichte, was letztlich auch nicht verleugnet werden kann.

    Vielen Dank für das Exemplar dem Verlag Kiepenheuer und Witsch.

    https://litterae-artesque.blogspot.com/2018/10/wilson-christopher-guten-...

    © Bücherjunge

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2018 

    Völlig anders als erwartet...

    Bereits das auffällige Cover mit dem roten Stern und der kernige Titel des Buches haben meine Neugier wecken können. Gerechnet habe ich mit humoriger Literatur, bekommen habe ich so viel mehr.

    In der Geschichte geht es um den 12- Jährigen Juri Romanowitsch Zipit, allgemein bekannt als Sohn des Tierarztes vom Hauptstädtischen Zoo und im Kopf leicht meschugge. Seit einem Unfall ist Juri in manchen Dingen etwas eingeschränkt, hat aber dadurch die Gabe, dass andere Menschen ihm gern Geheimnisse anvertrauen, weil er so einfältig drein schaut. Durch eine mysteriöse Begebenheit wird er zum ersten Vorkoster Stalins und bald dessen engster Vertrauter. Wie kommt er mit der neuen Rolle zurecht? Und was bedeutet diese Vertrautheit für den Rest seines Lebens?

    Durch die Handlung führt uns Juri als Ich- Erzähler, so dass wir als Leser ganz nah dran sind an seiner Gefühls- und Gedankenwelt, was es so ungemein schwer macht dieses Buch zu lesen, da man von den Schilderungen tief berührt wird und teilweise sprachlos ist.

    Juri als Figur ist einfach herzallerliebst. Trotz allem was er bisher durchmachen musste wie den Unfall mit einer Straßenbahn, getroffen vom Blitz und diversen Hänseleien von seinen Mitschülern, schaut er stets nach vorne und hat ein unglaublich sonniges Gemüt. Ich fühlte mich ihm als Protagonisten tief verbunden und mit seiner liebenswürdigen Art hat er ganz klar mein Herz erreicht.

    Besonders interessant war hier vor allem die letzten Tage von Stalin zu erleben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Geschilderte wie Lebensmittel im Überfluss, amerikanische Western und ähnliches der damaligen Realität sehr nahe kommen.

    Da ich ein eher lustiges Buch erwartet hatte, war ich doch sehr bestürzt über die Geschehnisse um Juri. Nie im Leben hätte ich erwartet, dass man einem Kind so etwas antun würde.

    Etwas schwergängig haben sich für mich die diversen Namen lesen lassen, die meist aus drei oder vier Einzelnamen bestanden und oft musste ich online nachforschen wer der ein oder andere ist, da ich in der Ostblockprominenz nicht sonderlich bewandert bin.

    Fazit: Der Roman war völlig anders als erwartet, hat mich aber tief berührt und teilweise sprachlos zurückgelassen. Wer sich von Misshandlungen an Kindern nicht abschrecken lässt, der wird mit einer emotionalen und gefühlvollen Geschichte belohnt, die einen nicht kalt lässt und die noch lange nachwirkt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Aug 2018 

    Spitz die Ohren

    Juris Vater ist der erste Veterinär des Zoos, besonders mit den Gehirnen der Tiere kennt er sich gut aus. Seine Erfahrung nutzt ihm auch im Umgang mit seinem 12jährigen Sohn. Leider muss man sagen, denn der Junge hat mit sechs einen schweren Unfall überlebt, nachdem sein Gehirn nicht mehr so ganz wie erwartet funktioniert. Das vertrauenserweckende Lächeln Juris macht dessen Leben nicht eben einfacher. Wildfremde Menschen vertrauen ihm manchmal ihre Geheimnisse an. Und so geht es auch dem Stählernen, zu dem der Vater gerufen wird, weil alle bekannten Menschenärzte irgendwie unpässlich sind. Und so wird Juri zum Vorkoster erster Klasse.

    Einiges erfährt Juri während seiner Zeit in Stalins Residenz, Gutes und weniger Gutes. Jeder will den lächelnden Jungen für sich einspannen. Doch Juri ist unsicher in seiner Loyalität, die Meisten scheinen dem Stählernen Übles zu wollen. Und dieser kann bestens fluchen und sich über seine Vasallen aufregen und sie zu einem Aufenthalt im Gulag verurteilen. Allerdings ist der Stählerne nicht bei bester Gesundheit. Und muss er mal wieder an mehreren Orten gleichzeitig sein, sind ausgebildete Doppelgänger zur Stelle. Juris Vater, der den Regenten untersuchte, ist inzwischen verschwunden. Ebenso verschwunden wie die Mutter, die die Familie verlassen hat so wie der Vater berichtet.

    Mit kindlichen Worten berichtet Juri von ernsten Ereignissen. Die letzten Wochen vor Stalins Tod. Dieser ist misstrauisch gegenüber seinen eigentlichen Vertrauten. Juris Naivität muss ihm wie ein Labsal erscheinen. Doch selbst in dieser Situation versucht der Alte den Jungen für seine Zwecke zu benutzen, da ist er keinen Deut besser als seine Minister. Mit Juris Augen blickt man in eine seltsame Welt eines alternden Politikers, dessen Gesundheit versagt. Was ist Täuschung, was Selbsttäuschung. Kann Juri, der durch den Unfall ein geschädigtes Gehirn hat, überhaupt alles erfassen, was er hört und sieht. Und doch gewinnt Juri mit seinem Lächeln, das für den Leser unsichtbar bleibt, eben jenen. Manche seiner Erlebnisse lassen einen erschauern, manche lassen einen hoffen. Mit dem Diktator bekommt man Mitleid, das Ende seiner Tage war beschwerlich und schmerzhaft. Neugierig fragt man sich, wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt und natürlich findet man im großen weiten Netz Informationen, die vermuten lassen, dass nicht alles erfunden ist, außer Juri vielleicht.