Gott wohnt im Wedding: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Gott wohnt im Wedding: Roman' von Regina Scheer
3.5
3.5 von 5 (4 Bewertungen)

Alle sind sie untereinander und schicksalhaft mit dem ehemals roten Wedding verbunden, diesem ärmlichen Stadtteil in Berlin. Mit dem heruntergekommenen Haus dort in der Utrechter Straße. Leo, der nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrt, obwohl er das eigentlich nie wollte. Seine Enkelin Nira, die Amir liebt, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila, die gar nicht weiß, dass ihre Sinti-Familie hier einst gewohnt hat. Und schließlich die alte Gertrud, die Leo und seinen Freund Manfred 1944 in ihrem Versteck auf dem Dachboden entdeckt, aber nicht verraten hat. Regina Scheer, die großartige Erzählerin deutscher Geschichte, hat die Leben ihrer Protagonisten zu einem literarischen Epos verwoben voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
EAN:9783328600169

Rezensionen zu "Gott wohnt im Wedding: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Jun 2019 

    Vom Menschsein...

    Ein Haus. Ein Jahrhundert. So viele Lebensgeschichten.

    Alle sind sie untereinander und schicksalhaft mit dem ehemals roten Wedding verbunden, diesem ärmlichen Stadtteil in Berlin. Mit dem heruntergekommenen Haus dort in der Utrechter Straße. Leo, der nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrt, obwohl er das eigentlich nie wollte. Seine Enkelin Nira, die Amir liebt, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila, die gar nicht weiß, dass ihre Sinti-Familie hier einst gewohnt hat. Und schließlich die alte Gertrud, die Leo und seinen Freund Manfred 1944 in ihrem Versteck auf dem Dachboden entdeckt, aber nicht verraten hat. Regina Scheer, die großartige Erzählerin deutscher Geschichte, hat die Leben ihrer Protagonisten zu einem literarischen Epos verwoben voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

    Die Erzählungen des Hauses selbst sind das verbindende Glied zwischen den verschiedenen Strängen in diesem Roman. Ein Mietshaus, das seit 1890 an seinem Platz in der Utrechter Straße im Arbeiterviertel Wedding in Berlin steht. Viel gesehen und gehört hat das Haus in all dieser Zeit, viel erlebt und erlitten, viel gestaunt und gewundert hat es sich. Das Haus kennt die Schicksale all der Menschen, die in den über hundert Jahren seines Daseins in diesem Haus gelebt haben, und vieles wiederholt sich, wie es nicht müde wird zu betonen. Durch die Erzählperspektive des Hauses werden die anderen Erzählstränge verknüpft und Wissenswertes ergänzt, was ansonsten wohl ungesagt geblieben wäre.

    Neben dem Haus gibt es noch drei weitere Erzähl-Perspektiven, nämlich die von Leo, von Laila und von Gertrud.

    Leo Lehmann ist Jude und streifte während des Nationalsozialismus mit seinem Freund Manfred als sog. U-Boot durch Wedding. Während die Familien der beiden schon deportiert waren, hielten sich die Jungen durch Schwarzmarkthandel über Wasser. In dem Haus in der Utrechter Straße konnten sie sich immer wieder einmal verstecken. Nach dem Krieg wanderte Leo nach Israel aus, engagierte sich dort in einem Kibbuz und gründete eine Famile. Mit seiner Enkelin Nira ist er nun wieder in Berlin, da es gilt, rechtliche und finanzielle Angelegenheiten zu regeln. Leo sucht alte Schauplätze auf und erinnert sich, begegnet aber auch interessanten Menschen von heute.

    Laila Fidler entstammt einer Sinti-Familie, ist als 16-Jährige mit ihrer Mutter nach Berlin gekommen und dort geblieben. Sie hat das Abitur gemacht und Sozialarbeit studiert, lebt von ihrem Noch-Mann getrennt und arbeitet derzeit in einem Blumenladen. Laila bewohnt eine der Wohnungen in dem Mietshaus in der Utrechter Straße, wo plötzlich noch zahlreiche andere Sinti-Familien einquartiert werden. Obwohl Laila sich lange bemüht hat, ihre Sinti-Wurzeln zu verbergen, steht sie nun den Familien bei ihrem Gang zu den Ämtern, bei den Anträgen, bei Rechtsstreitigkeiten zur Seite, wohl wissend, dass diese sonst niemanden haben, der sie unterstützt.

    Gertrud Romberg schließlich wohnt schon ihr ganzes Leben lang in dem Haus im Wedding, wo sie schon geboren wurde. Sie kannte Leo Lehmann und seinen Freund Manfred in ihrer Jugend gut und bot ihnen während des Nationalsozialismus immer wieder heimlich Unterschlupf. Als damals in ihrer Wohnung Manfred verhaftet wurde, lag der Verdacht nahe, dass Gertrud ihn verraten hätte. Leo hat seither jeden Kontakt zu ihr gemieden - doch hatte Gertrud ihr ganz eigenes Schicksal in dieser Zeit. Hochbetagt fügt sie sich nun den Veränderungen, die sich durch den Zuzug der Sinti im Haus vollziehen. Wider Erwarten kommt sie mit einigen von ihnen in einen regen Kontakt - und Erinnerungen kommen hoch...

    Diese doch recht ausführliche Vorstellung der Hauptcharaktere mag genügen um zu verdeutlichen, dass hier drei Schicksale geschildert werden, die wohl auch jedes für sich einen Roman gefüllt hätten. Doch Regina Scheer ist ihrem Konzept treu geblieben, das sie auch in ihrem ersten Roman schon angewandt hat (Machandel). Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven, wobei der Roman sehr vielschichtig angelegt ist und laufend eine Fülle an Informationen, Emotionen, Nachdenkenswertem eingewoben wird. Doch was mich bei Machandel noch begeistern konnte, empfand ich in diesem aktuellen Roman an vielen Stellen als zu viel.

    Zu viele Personen: In jedem Abschnitt tauchen neue Namen auf, oft nur als Randnotiz, teilweise auch als wiederkehrende Nebenfiguren, die immer wieder mal eine Rolle spielen. Gerade bei den Abschnitten über die Sinti rauchte mir oft der Kopf angesichts der zahllosen Namen, deren Schicksale wie an einer Perlenkette des Leidens aneinandergereiht werden ohne dem Leser die Zeit zu geben, wirklich daran teilzuhaben. Vielleicht war das von der Autorin so gewollt, aber durch diese Vielzahl blieb ich zu allen Figuren auf Distanz, selbst zu den Hauptcharakteren. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich einzig einzelne Passagen aus Sicht des Hauses überhaupt berührend fand.

    Zu viele Themen: Judenverfolgung, Hitlerjugend, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, die Geschichte des Hauses, die Geschichte des Viertels, der Zuzug der Sinti und deren Geschichte(n) über die Jahrhunderte, die Haltung Deutschlands (und anderer Länder) zu Juden und zu Sinti, Klischees, die Sinti betreffend, unüberwindbarer Bürokratismus, Vergangenheitsbewältigung, undurchdringliche Politik, Immobilienspekulanten, die Geschichte und Entwicklung Israels, kulturelle Besonderheiten der Sinti, Schuld und Vergebung - u.v.m. Ich habe jetzt ins Blaue hineingeschrieben und ungeordnet, bei längerem Nachdenken würde sich sicher noch mehr finden.

    Zu viele Informationen: Zusammenhängend mit der geschilderten Themenvielfalt prasselt ein Hagel aus Informationsbrocken auf den Leser ein. Jedes Detail für sich genommen: überaus interessant. In der Summe: eine Überforderung. Zu merken ist auf jeder einzelnen Seite, wie akribisch und ausführlich Regina Scheer hier zu den verschiedenen Themen recherchiert hat. Da ihr offensichtlich jeder Wissensfund von Bedeutung schien, hat sie ihn dementsprechend auch einfließen lassen. Ich fühlte mich da phasenweise erschlagen.

    Und dennoch - bei aller Kritik an dem Zuviel: die Konzeption des Romans in seiner Vielschichtigkeit ist auch bewundernswert. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit nehmen müssen, immer höchstens einen Abschnitt lesen - auch Machandel erforderte schon ein bedächtiges Lesen in kleinen Portionen. Was mir ebenfalls gefiel, ist die Tatsache, dass Regina Scheer in die Schilderungen von kulturellen Eigenheiten / Unterschieden oder auch von Missständen keine Wertung einfließen lässt, wodurch beim Leser zumindest eine kleine Annäherung an das 'Fremde' möglich wird, wo ansonsten womöglich Abwehr gestanden hätte.

    Es ist kein warmherziger Roman, sondern eher distanziert geschrieben, sachlich fast, so dass selbst Unfassbarkeiten kaum mit Emotionen verbunden werden und auch bei mir als Leser selten einmal Gefühle hervorriefen. Die Melancholie allerdings, die bereits Machandel schon zueigen war, zog sich konsequent auch durch diesen Roman, was das Lesen manchmal schwer machte.

    Und doch hat mir der Schreibstil Regina Scheers wieder gut gefallen - was da manchmal so aufblitzte: davon hätte ich gerne mehr gehabt. Wie z.B. das Gedicht:

    Wenn ich sterbe, was geschieht dann
    mit der Asche, die ich werde?
    Hebt der Wind sie zu den Wolken
    oder bleibt sie und wird Erde?
    Ist ein kleines Stück von mir in
    einem Aschekorn verfangen?
    Kann es, wenn der Wind es fortträgt,
    zu den Lebenden gelangen?

    Die Bewertung eines solchen Romans fällt mir schwer. Ich ahne wohl nur, wie viel Recherchearbeit hinter den Zeilen liegt, wie sorgfältig hier die Verflechtung der Handlungsstränge vollzogen wurde, wie sehr an den Charakteren gefeilt wurde und wie wichtig die vielfältigen Themen der Autorin selbst sind. Aber habe ich nicht auch ein Leseerlebnis zu bewerten? Ich vergebe hier nun 3,5 Sterne, die ich gerne zu 4 Sternen aufrunde, weil ich die o.g. Aspekte mit berücksichtigen will. Aber so überzeugen wie mit ihrem Debüt konnte mich Regina Scheer mit diesem Roman leider nicht.

    © Parden

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Jun 2019 

    Gelebte Geschichte

    Ein Mietshaus in Berlin Wedding, seit 120 Jahren steht es in der Utrechter Straße. Es hat viele Geschichten über seine Bewohner, über all die Zeiten zu erzählen. „Ich bin das älteste Haus in der Straße“, so beginne Regina Scheers Roman Gott wohnt im Wedding, und es ist tatsächlich das Haus, das eine Erzählerrolle übernimmt.
    So erzählt das Haus von Gertrud, der über 90-jährigen Bewohnerin, die ihr ganzes Leben in dem Haus verbracht hat. Vom entscheidenden Tod eines Hitlerjungen in den 1930ern. Von Manfred und Leo, den jungen Juden, die Getrud versteckt hielt, von denen einer nicht überlebte und der andere als sehr alter Mann aus Israel nach Berlin mit seiner Enkelin zurückkehrt. Aber auch von Leila, der Sintiza und den vielen Frauen und Familien, Roma und Sinti, die in den letzten Jahren in dem immer baufälligeren Haus logieren.
    Regina Scheer hat sich für diesen Roman viel vorgenommen. Der Nationalsozialismus in all seinen wahnsinnigen Auswüchsen, Antisemitismus und die heutige Israelfrage, Randgruppern, Ausgrenzung, prekäre Arbeitsverhältnisse und Wohnsituationen, Gentrifizierung und das Mit- und Gegeneinander in multikulturellen Gesellschaften. Das Buch spiegelt gelebte Geschichte, leider verliert sich die Autorin aus meiner Sicht manchmal zu sehr im Detail. Das Haus und Gertrud sind die Konstanten an den sich das Buch orientiert. Die einzelnen Fäden lassen sich immer wieder neu verbinden und auflösen. Manches an der Erzählung war mir zu dokumentarisch, zu wenig emotional und las sich eher wie ein Zeitzeugenbericht. Für die Fülle an Personen gibt es glücklicherweise ein Glossar zum Ende des Buches

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jun 2019 

    Ein altes Haus resümiert

    Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer

    In diesem Roman erfahren wir, wie es einigen Menschen über Jahrzehnte in einem Haus an der Utrechter Straße des Berliner Stadtteils Wedding ergangen ist.
    Leo Lehmann suchte zur Zeit des Krieges häufiger Unterschlupf dort. Er und sein Freund Manfred Neumann sind jüdischer Herkunft, sie mussten sich häufig verstecken. Gertrud Romberg, die mit beiden eng befreundet war, wohnte damals bereits in dem Haus und half den beiden oft, vor allem da sie für Manfred mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegte.
    Manfred hat es nicht geschafft damals, aber Leo konnte viele schöne Jahre in einem Kibbuz verbringen, wo er seine Frau Edith kennenlernte. Nun ist er wegen eines Rechtsstreits wieder in Berlin, gemeinsam mit seiner Enkelin will er die alten Orte besuchen, und dazu gehört auch das mittlerweile alte Haus. Wer weiß, vielleicht führt sein Weg ihn ja auch zu Gertrud?
    Laila, entstammt einer Sintifamilie, sie hat eine kleine Wohnung im Haus. Ihr ist klar, dass sie bald ausziehen muss, wie alle anderen auch. Das Haus soll verkauft werden, keiner weiß mehr woran er ist, die Wohnungsgesellschaft scheint aus unseriösen Leuten zu bestehen. Viele Sinti und Roma wohnen hier, haben kaum eine Perspektive, können sich so eben die geringe Miete in dem baufälligen Haus leisten. Laila hat studiert, eine Seltenheit mit ihrem familiären Hintergrund, sie versucht vielen Familien dort zu helfen, sie weiß, dass es nicht leicht ist, wenn man mit Vorurteilen zu kämpfen hat und wenig Geld hat.
    Gertrud ist nun schon ihr Leben lang in dem Haus und merkt, dass ihr Ende bald da ist. Sie trauert immer noch ihrer Jugendliebe Manfred hinterher. Im Haus wird sie oft von den Sintifrauen besucht, auch Laila ist ein häufiger Gast in ihrer Wohnung, alle versuchen der alten Frau zu helfen. Gertrud selbst hilft, indem sie zuhört und einfach da ist.

    Die Idee anhand der Geschichte eines Hauses die Schicksale mehrerer Menschen über fast 1 Jahrhundert lang zu erzählen, hat mir gut gefallen. Die Probleme und auch die Sorgen und Ängste werden deutlich. Doch nach kurzer Zeit wurde es mir stellenweise etwas zu viel. Ich hätte mir eher gewünscht, dass die Autorin sich auf wenige Schicksale konzentriert und diese dann detailliert erzählt. Hier spielten bei den Hauptcharaktere noch viele weitere Personen hinein, die ihre eigenen Probleme mitbrachten. Weniger wäre da in meinen Augen mehr gewesen.
    Alles in allem hat mir der Roman durchaus gefallen. Die Idee, das Haus seine Eindrücke erzählen zu lassen, hat mir gut gefallen. Die Thematik hinter allem und die Botschaft,die mir der Roman vermittelt hat, macht es lesenswert.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jun 2019 

    Ein altes Haus resümiert

    Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer

    In diesem Roman erfahren wir, wie es einigen Menschen über Jahrzehnte in einem Haus an der Utrechter Straße des Berliner Stadtteils Wedding ergangen ist.
    Leo Lehmann suchte zur Zeit des Krieges häufiger Unterschlupf dort. Er und sein Freund Manfred Neumann sind jüdischer Herkunft, sie mussten sich häufig verstecken. Gertrud Romberg, die mit beiden eng befreundet war, wohnte damals bereits in dem Haus und half den beiden oft, vor allem da sie für Manfred mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegte.
    Manfred hat es nicht geschafft damals, aber Leo konnte viele schöne Jahre in einem Kibbuz verbringen, wo er seine Frau Edith kennenlernte. Nun ist er wegen eines Rechtsstreits wieder in Berlin, gemeinsam mit seiner Enkelin will er die alten Orte besuchen, und dazu gehört auch das mittlerweile alte Haus. Wer weiß, vielleicht führt sein Weg ihn ja auch zu Gertrud?
    Laila, entstammt einer Sintifamilie, sie hat eine kleine Wohnung im Haus. Ihr ist klar, dass sie bald ausziehen muss, wie alle anderen auch. Das Haus soll verkauft werden, keiner weiß mehr woran er ist, die Wohnungsgesellschaft scheint aus unseriösen Leuten zu bestehen. Viele Sinti und Roma wohnen hier, haben kaum eine Perspektive, können sich so eben die geringe Miete in dem baufälligen Haus leisten. Laila hat studiert, eine Seltenheit mit ihrem familiären Hintergrund, sie versucht vielen Familien dort zu helfen, sie weiß, dass es nicht leicht ist, wenn man mit Vorurteilen zu kämpfen hat und wenig Geld hat.
    Gertrud ist nun schon ihr Leben lang in dem Haus und merkt, dass ihr Ende bald da ist. Sie trauert immer noch ihrer Jugendliebe Manfred hinterher. Im Haus wird sie oft von den Sintifrauen besucht, auch Laila ist ein häufiger Gast in ihrer Wohnung, alle versuchen der alten Frau zu helfen. Gertrud selbst hilft, indem sie zuhört und einfach da ist.

    Die Idee anhand der Geschichte eines Hauses die Schicksale mehrerer Menschen über fast 1 Jahrhundert lang zu erzählen, hat mir gut gefallen. Die Probleme und auch die Sorgen und Ängste werden deutlich. Doch nach kurzer Zeit wurde es mir stellenweise etwas zu viel. Ich hätte mir eher gewünscht, dass die Autorin sich auf wenige Schicksale konzentriert und diese dann detailliert erzählt. Hier spielten bei den Hauptcharaktere noch viele weitere Personen hinein, die ihre eigenen Probleme mitbrachten. Weniger wäre da in meinen Augen mehr gewesen.
    Alles in allem hat mir der Roman durchaus gefallen. Die Idee, das Haus seine Eindrücke erzählen zu lassen, hat mir gut gefallen. Die Thematik hinter allem und die Botschaft,die mir der Roman vermittelt hat, macht es lesenswert.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Mai 2019 

    Vertriebene, Gestrandete und ein sprechendes Haus

    Dreh- und Angelpunkt des Romans ist ein Mehrfamilienhaus in der Utrechter Straße im Berliner Stadtteil Wedding. Von jeher ist dies ein armer Stadtteil, wohin sich die Gestrauchelten, die Perspektivlosen hinziehen. Das Haus, das auch regelmäßig selbst zu Wort kommt, um über sich und seine Bewohner zu berichten, ist deutlich über hundert Jahre alt und hat entsprechend schon vieles kommen und gehen sehen:
    „Die Hoffnungslosigkeit ist wie ein Geruch, den meine Bewohner auch tagsüber nicht loswerden, der in alle Poren meines alten Mauerwerks dringt, wo er sich schon seit über hundert Jahren hält, trotz der immer wieder frischen Anstriche und so vieler Schichten bunter Tapeten.“ (S. 187)

    Mittlerweile ist das Haus Spielball von Spekulanten geworden und soll in Kürze entmietet und abgerissen werden.

    Leo Lehmann ist als Jude in Berlin aufgewachsen. Er lebt seit Jahrzehnten in einem Kibbuz in Israel, nach Berlin ist er nur gekommen, um Erbschaftsangelegenheiten anwaltlich klären zu lassen. Dabei wird er begleitet von seiner Enkeltochter Nira. Leo ist selbst überrascht, wie die Erinnerungen über ihn herfallen im Angesicht der ehemals vertrauten Orte.
    „Er ist fremd in dieser Kulisse, und nicht nur, weil die Straße so anders aussieht. Er ist nach Berlin gekommen, weil er etwas zu erledigen hat, nicht um seiner Vergangenheit nachzuspüren. Mit seiner Vergangenheit ist er fertig. Mit Berlin ist er fertig. Mit diesen Häusern und den Erinnerungen. 1948 hat er Berlin verlassen“ (S. 12)

    Während der NS-Zeit hat er Furchtbares durchstehen müssen. Er verlor seine Familie, konnte selbst den Lagern entgehen, lebte aber seit 1942 als sogenanntes U-Boot im Untergrund, musste sich dauerhaft verstecken und war auf andere Menschen angewiesen. Dieses Schicksal teilte er mit seinem besten Freund Manfred.

    Gertrud Romberg lebt seit ihrer Geburt über neunzigjährig im Haus in der Utrechter Straße. Sie hatte mit dem Leben schon weitgehend abgeschlossen. Neuerdings hat sie aber wieder eine Aufgabe: Der Flüchtlingsstrom hat Roma-Familien unter anderem aus Rumänien und Bulgarien in den Wedding gespült. Sie leben in diesem alten Domizil unter einfachsten Bedingungen und freunden sich mit der alten Dame an. Betreut werden die Roma von der Sozialarbeiterin Laila, die ebenfalls einem großen Sinti-Clan entstammt, jedoch das Privileg hatte, lernen und studieren zu dürfen. Auch Lailas Familie, über die wir auch viel erfahren, hat einmal in besagtem Haus gelebt.

    Ziemlich schnell wird die Verbindung zwischen Leo Lehmann und Gertrud Romberg deutlich. Leos ebenfalls jüdischer Freund Manfred war nämlich Gertruds große Liebe. Gertrud stellte den beiden regelmäßig einen Verschlag in ihrer Wohnung zur Verfügung und versorgte sie. Tragisch war letzten Endes, dass Manfred 1943 in dieser Wohnung festgenommen wurde. Eine Tatsache, die Leo Gertrud nicht verzeihen kann, geht er doch fest davon aus, dass sie die Freunde damals an die Nazis verraten hat. Manfred haben sie nie wieder gesehen.

    Der Roman handelt von Verfolgten und Gestrandeten. Er beleuchtet das Schicksal vieler Menschen vor und während des Krieges anhand der Protagonisten Leo und Gertrud. Spannend sind deren Erinnerungen zu lesen, zumal auch historische Personen darin vorkommen. So wurde vor dem Haus in der Utrechtstraße der Hitlerjunge Walter Wagnitz erstochen – ein Mordfall, der Anlass zu großen Spekulationen gab. Die Rückblicke der beiden Protagonisten ergänzen sich. Der Leser merkt bald, dass ein bedeutendes Missverständnis zwischen ihnen existiert, so dass man gespannt darauf wartet, dass sich die beiden alten Menschen aussprechen.

    Ebenso viel Raum wird den Sinti- und Roma-Familien gewährt, die teilweise von Existenzängsten getrieben im Haus untergekommen sind oder als Schausteller in Wohnwagen leben. Auch hier gibt es umfangreiche Rückblicke, die über die Verfolgung vor, während und nach der NS-Zeit bis in die Gegenwart hinein berichten. Auch dieser Handlungsstrang ist der Autorin sehr wichtig. Die Sinti- und Roma-Familien sind seit Jahrzehnten Verfolgte, niemand will sie aufnehmen, nirgends sind sie willkommen.
    Auch in Berlin haben sie zu kämpfen. Allerdings tauchen bei den ausführlichen Schilderungen dermaßen viele Figuren auf, dass ich als Leserin zunehmend den Überblick verlor und die Schicksale nicht mehr sauber trennen konnte. Weniger wäre aus meiner Sicht an dieser Stelle mehr gewesen.

    Die Autorin muss eine unglaublich akribische Recherche betrieben haben, deren Ergebnisse sie dem Leser auch präsentieren möchte. Dadurch führt sie eine Fülle an geschichtlichen Fakten, Schauplätzen, Namen usw. ein, dass stellenweise der eigentliche Handlungsfaden in den Hintergrund gedrängt wird. Dadurch hatte ich manchmal das Gefühl, in einem Sachbuch gelandet zu sein.

    Auch ohne je dort gewesen zu sein, konnte ich mir den Wedding als Schauplatz sehr gut vorstellen. Die Lebensgeschichten von Leo und Gertrud, die geschickt mit der Gegenwart verknüpft werden, haben mich sehr berührt. Bis zum Ende habe ich auf ein erneutes Zusammentreffen der beiden gefiebert. Wunderbare Sätze sind in diesem Roman zu finden, es schwingt immer eine gewisse Melancholie mit, die manchmal auch sehr poetisch ausgedrückt wird.

    Weiterhin hat mir gut gefallen, dass sämtliche Personengruppen sehr differenziert dargestellt werden. So gibt es zum Beispiel nicht nur die guten Roma, sondern tatsächlich auch welche, die in der Not stehlen oder sogar ein Kind „verschenken“ – etwas, das uns nahezu unglaublich erscheint. Das Leben im Wedding wirkt durch die vielschichtigen Charaktere sehr realitätsnah.

    Insgesamt ist "Gott wohnt im Wedding" ein recht komplexer Roman, der mit seiner Detailtreue fast ein Zeitdokument sein könnte.