Goldkind: Roman

Rezensionen zu "Goldkind: Roman"

  1. Goldkind und Tarzan

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Aug 2020 

    Die Karibikinsel Trinidad irgendwann in den 1980ern. Clyde Deyalsingh lebt dort mit seiner Frau Joy und den 13-jährigen Zwillingssöhnen Peter und Paul in ärmlichen Verhältnissen. Seit die Familie Opfer eines Raubüberfalls wurde, ist es auch ein Leben in Angst. Dann ist eines Abends Paul verschwunden. Nach Tagen ohne Lebenszeichen, melden sich Entführer und verlangen Lösegeld für Paul. Clyde muss eine Entscheidung treffen über das Leben seiner Söhne.
    Goldkind ist der erste Roman von Claire Adam. Geboren und aufgewachsen auf Trinidad lebt und schreibt die Autorin heute in London. Für ihr Debüt wurde Claire Adam mit dem Desmond Elliot Prize 2019 ausgezeichnet.
    Es ist eine sehr traurige und verstörende Geschichte, die Claire Adam erzählt. Die Deyalsinghs ist eine Familie indischer Herkunft (die Nachfahren indischer Arbeiter machen etwa 40 % der Bevölkerung Trinidads aus). Peter und Paul sind Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein können. Peter ist schon von klein begnadet kluges Kind mit hervorragenden schulischen Leistungen. Paul der Zweitgeborene, hatte einen schwereren Start ins Leben. Aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt wird er als zurückgeblieben abgestempelt, er ist hochsensitiv, hat Lernschwierigkeiten, zeigt meiner Meinung nach Symptome von Asperger Autismus. Während Peter brav und angepasst ist, fällt Paul auf, als Kind mit Schreianfällen, später mit wilder Mähne und schäbigem Aussehen, weshalb er den Spitznamen Tarzan davonträgt.
    Der Vater – Clyde – versucht, seine Familie gut zu versorgen, ist aber immer und immer wieder auf Geldzuwendungen von Joys Onkel angewiesen. Geld und Familie, das ist ein brisanter Nährboden für allerhand Konflikte. Es ist ein täglicher zermürbender Kampf ums Überleben. Denn das Trinidad, das hier geschildert wird ist fern ab vom Bacardi-Feeling einer Karibikinsel. Geringe Löhne, schlechte Infrastruktur, Korruption, Drogen, Gewalt – es ist eine immerwährend drehende Spirale der sozialen Ungerechtigkeit.
    „Es gibt zwei Sorten Männer auf der Welt, denkt Clyde, zwei Sorten Väter. Die eine Sorte arbeitet hart und bringt das ganze Geld mit nach Hause und gibt es der Frau für den Haushalt und die Kinder. Die andere Sorte tut das nicht. Und niemand hat Einfluss darauf, welche Sorte Vater er erwischt. So einfach ist das.“
    Am Abend von Pauls Verschwinden macht sich Clyde auf die Suche nach seinem Sohn, in den Busch, den Paul oft als Rückzugsgebiet wählt. Noch glaubt er an simplen Ungehorsam seines „schwierigen“ Kindes.
    „Schlangen, Frösche, Agutis, die ganzen nachtaktiven Viecher oder Geister oder was auch immer. La Diablesse und Papa Bois und wie sie alle heißen. Nicht, dass er an diesen Quatsch glauben würde. Aber auch er findet, dass sich die Menschen in einem Gebiet aufhalten sollten und die Geister in einem anderen.“
    Es sind keine mystischen Geister, die in diesem Buschwerk zu Hause sind, es ist das ganz reale und banal menschliche Böse. Und es beschwört ein moralisches Dilemma herbei. Um Pauls Leben zu retten, muss er in Kauf nehmen Peters Leben zu zerstören. Dazu schlägt er jede Hilfe und Unterstützung aus, die sich ihm bietet.
    „Paul, möchte er sagen. Was ist mit Paul?“
    Goldkind oder Tarzan? Noch lange nach dem Lesen lässt sich über dies Frage nachdenken.

  1. Ein Tropenparadies ?!?!?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Aug 2020 

    Die Handlung dieses Buches spielt sich in den 80ern in Trinidad ab und beschreibt das Leben einer sozial niedrig gestellten indischen Familie aus Tiparo (Talparo?), einer Kleinstadt auf Trinidad. Was mich etwas verwundert hat. Ich wusste noch nichts von einer indischen Bevölkerung auf Trinidad, einer Insel, die vor Venezuelas Küste liegt. Ich wusste nur von einer indischen Bevölkerung in Suriname. Dann ist diese indische Familie noch recht bildungsfern. Das Leben dieser Familie und ihres Umfeldes/ihrer indischen Großfamilie zu schildern gelingt Claire Adam ganz gut, wenn auch anfänglich etwas langatmig, bevor der Leser immer mehr in ein Grauen hineingezogen wird, dem niemand mehr entkommen kann. Immer mehr verstört dieser Blick auf die Großfamilie, deren Zusammenhalt eh nicht besonders stark war, aber durch ein monströses Geschehen vollkommen auseinanderbricht. Wobei dies aber auch etwas verwundert. Denn diese indische Großfamilie wirkt nicht wie eine solche, es fehlt der Zusammenhalt und die Großfamilie wirkt nicht, als ob sie an einem Strang ziehen würde. Der Teil der Familie, der hier im Vordergrund steht, Clyde Deyalsingh, der Vater und Joy, seine Frau und deren Zwillingssöhne Peter und Paul, lebt ärmlich und bildungsfern, zumindest die Eltern, die Kinder gehen auf die Schule, wobei Peter eine Koryphäe zu sein scheint und ein teures Studium anstrebt. Sie bekommen etwas finanzielle Hilfe von Joys Onkel Vishnu Ramcharan, einem Arzt und etwas Hilfe im Haushalt von Joys Mutter Mousey Ramcharan. Vishnu verhilft Clyde auch zu einem besser bezahlten Job. Der restliche Teil der Familie kommt zwar immer wieder zu Besuch, besonders innig oder besonders indisch wirkt aber ihr Miteinander nicht. Da gibt es Joys großen Bruder Philip, ein Anwalt mit seiner englischen Frau Marylin und deren Tochter Anna. Und ebenso gibt es Joys Bruder Romesh, ein Transporteur mit dubiosen Kontakten ins Drogenmillieu und dessen Frau Rachel und deren Sohn Sayeed. Beide haben größere Häuser als die Deyalsinghs, erstere in der Hauptstadt Port of Spain, letztere ebenso in Tiparo. Obwohl beide Familien sozial bessergestellt sind, beäugen beide neidisch Vishnus Taten. Ein weiterer Punkt, der am Gefüge der Familie Deyalsingh nagt, ist der Umstand, dass es bei der Geburt der Zwillinge Probleme gegeben hat. Bei Peter, dem ersten Kind lief alles gut, aber bei Paul gab es Komplikationen, ein Sauerstoffmangel bei der Geburt. Etwas, was Paul in den Augen der Familie Deyalsingh und auch der Großfamilie zu einem Behinderten und Zurückgebliebenen macht. Doch ist Paul das wirklich? Dann passieren den Deyalsinghs mehrere Unglücke, an deren Ende ein Raubüberfall und daran anschließend eine Entführung und Lösegelderpressung stattfindet. Paul wurde entführt und Clyde trifft Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen. Das Geschehen stellt eine Frage nach der Schuld in den Vordergrund, die aber nicht beantwortet werden kann. Und auch dadurch wird dieses Buch zu einer anklagenden Gesellschaftskritik. Trinidad scheint kein erstrebenswerter Ort zu sein. Auch wenn die Kulisse malerisch anmuten möchte.

  1. Leben auf Trinidad

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Jan 2020 

    Clyde und Joy sind einfache Leute und sie sind in Trinidad ansässig. Von dem kleinen Ort, an dem sie leben wird nichts berichtet. Auch sonst wird nichts Spezifisches bekannt von dem uns doch so unbekannten fernen Land. Das ist wahnsinnig schade. Dennoch schafft es die Autorin mit relativ wenigen, allerdings sehr allgemein gehaltenen Mitteln, die Atmosphäre von Dschungel, Ärmlichkeit und Bedrohung darzustellen.

    Clyde ist englischstämmig, hat aber eine hiesige Hindu geheiratet. Deren riesige Verwandtschaft hält das Paar in Atem. Jedes Wochenende fallen diese bei ihnen ein wie ein Schwarm Fliegen. Die anderen Verwandten halten sich bedeckt, bei ihnen ist das Familientreffen selten. Clyde tut sein Bestes, aber irgendwie wächst ihm alles über den Kopf. Und dann ist da noch sein Sohn Paul, von dem Onkel Vishnu, der Arzt, gesagt hat, er sei durch Sauerstoffmangel bei der Geburt etwas zurückgeblieben. Das stimmt gar nicht, meint ein Lehrer, der sich mehr Mühe mit Paul gibt als die anderen, aber auch ihm ist Legasthenie unbekannt.

    Paul und Peter sind Zwillinge. Während Peter leicht durchs Leben gleitet, war Paul ein Schreikind und macht Probleme … Als Paul entführt wird und ein hohes Lösegeld für seine Freilassung gefordert wird, gerät Clyde in eine Zwickmühle. Was soll er tun. Er hat Geld gespart. Aber dieses Geld ist dafür bestimmt, dass Peter ins Ausland geht und seinen Weg macht. Während Paul … eigentlich unnütz ist. Oder?

    Die Autorin hat die Atmosphäre des Landes gekonnt in Szene gesetzt, immer heiß, schwül und viel Arbeit, zwischenmenschliche Mühlsal, die Zurückgezogenheit und Abgeschiedenheit der Expats oder der Begüterten, zu denen alle gehören, die eben mehr als nichts haben. Scharfe Hunde, Überwachungssysteme, trotzdem keine Sicherheit.

    Nach einem stimmungsvollen Auftakt, wobei man Land und Familie kennenlernt und Paul verschwindet, setzt die Autorin zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt eine langwierige Rückblende, so dass alle Spannung versackt. Dem inneren Konflikt des Vaters hätte meines Erachtens noch mehr Raum gebührt, aber sei es drum. Ich mag die Idee.

    Fazit: Alles in allem ist die Idee der Autorin gut bei mir angekommen.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Hoffmann und Kampe, 2020