Goldene Jahre

Rezensionen zu "Goldene Jahre"

  1. Rückblicke

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Jan 2021 

    Ein wirklich kurzweiliges Lesevergnügen ist "Goldene Jahre". Doch verstehe ich die Nominierung für den Deutschen Buchpreis hier nicht. In diesem Buch blicken die schweizerischen Kioskbetreiberinnen Margrit und Rosa-Maria auf ihre 50, nein 51 (:-)) Jahre Kioskbetrieb mit Zapfsäule in einem kleinen Ort und schildern ihre Erlebnisse mit den Kunden, wie auch ihre Sichten auf Land, Leute, Daten, Geschehnisse, Politik, Soziales und das Klima. Alles in allem ist dieses Buch sehr erfrischend, humorvoll und geistreich. Denn die beiden Damen und ihre Sichten sind zauberhaft. Aber ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis ?!?! Dieses Buch ist in meinen Augen kluges Geplänkel. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Ich vermisse hier aber eine flüssige und ausgefeilte Geschichte mit einer Aussage. Wobei es ja Aussagen gibt. Aber mir gefällt einfach die Gesamtgestaltung des Buches in Verbindung zur Nominierung nicht. Dieses Buch ist "nur" die Unterhaltung zweier älterer Damen über ihre letzten Jahre, die wirklich ganz nett ist, durchaus. Aber geht so etwas als Roman durch, der dazu noch für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde? Das entzieht sich leider meinem Verständnis. Bitte nicht falsch verstehen. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Und auch für gut befunden. 4 Sterne sind ja auch eine sehr gute Bewertung von mir. Ich verstehe nur die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises nicht. Denn ich denke hier hätte es deutlich bessere Kandidaten gegeben. "Metropol" zum Beispiel, um nur einen zu nennen. Schade!

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  1. Kiosk mit Zapfsäule

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Nov 2020 

    Kurzmeinung: Ist eigentlich süß - aber ein bisschen anstrengen muss man sich schon beim Lesen.

    Dieses sehr schmale Romänchen, gerade mal 100 Seiten lang, besteht aus einem einzigen langen Dialog, den die Damen Rosa-Maria und Margrit anläßlich des 51 Jahrestages des Bestehens ihres Kioskes, miteinander führen.

    Von den Damen selbst erfahren wir nicht viel, Rosa Maria ruckelt an ihrer Brille mit Goldrand und Margrit richtet ihre Frisur, wahrscheinlich mit Dreiwettertaft gehalten, jedoch weht ein starker Frühlingswind.

    Die Damen haben mit ihrem kleinen Geschäft, irgendwo in der Schweiz gelegen, oberhalb des Rheintals, zwischen Chur und Ilanz, allen Unbilden der Zeit getrotzt und ihr Lädchen mit Zapfsäule am Leben erhalten können. Sie haben modernisiert, wenn es notwendig war und am Alten festgehalten, wenn es möglich war. Allmählich setzt zwar der Niedergang ein, weil eine Umgehungsstraße sie der Laufkundschaft beraubt, aber sie lassen sich nicht unterkriegen und werden gleich ihren Zitronenkuchen mampfen.

    Die Damen lassen mit unverwüstlichem Optimismus Revue passieren, was sie erlebt haben. Großartige Sportereignisse fanden statt und Sportler und Fans haben bei ihnen eingekauft. Prominenz war da. Aber auch die Leute aus dem Ort. Über 50 Jahre hin, nein 51 berichtigen sie sich gegenseitig immer wieder, haben sie die Leuts beobachten und studieren können. Dem Pfarrer haben sie Sexheftle in die Tageszeitung eingehüllt gereicht und Liebespaar sich finden und wieder auseinandergehen sehen, na, und halt alles, was es so gibt an Leben und Leid ging an ihrem Kiosk vorbei. Sie haben sich nicht vom Fleck bewegt und dennoch alles erlebt, was es zu erleben gibt, von den kleinen bis zu den großen, weltbewegenden schönen und bösen Erlebnisssen.

    Als Leser geht man vergnüglich mit auf die Reise durch die Erinnerungen der alten Damen. Nur schade halt, dass man von ihnen selber kaum was erfährt, so ein paar Andeutungen machen nämlich ganz schön neugierig, sie müssen heiße Feger gewesen sein. Aber obwohl die Damen alles über die Anwohner der hiesigen Ortschaften wissen und einige Geheimnisse der Prominenz von ihnen erzählt bekommen oder erraten haben, lassen sie sich selber nicht in die Karten schauen.

    Fazit: Recht vergnügliches kleines Büchlein, das zeigt, dass man mit recht Wenigem, gezielt eingesetzt, Großes erreichen kann, was sowohl für den Roman wie auch für das Leben gilt.

    Kateogorie: Belletristik
    Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020
    Verlag: Engeler, 2020

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  1. Solange die Reklame leuchtet

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Okt 2020 

    Seit 51 Jahren führen Margrit und Rosa-Maria einen Kiosk mit Tankstelle in einer kleinen Graubündner Ortschaft. Sie kennen den Ort, seine Bewohner und seine Gäste. Haben zu allen ihre Erlebnisse, Erinnerungen und Meinungen. Heute ist nicht mehr viel los in ihrem kleinen Betrieb. Seit es eine Umfahrungsstraße gibt, ist kein Geschäft mehr zu machen.
    Arno Camenisch schreibt in „Goldene Jahre“ von einer Welt im Wandel. Was ist diese kleine Buch, ein Roman, eine Reminiszenz an früher Zeiten, ein immerwährender Dialog zweier ältlicher Damen. Mit diesem Buch hat sich der Schweizer Schriftsteller auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschrieben.
    „Auf zum Mond, sagt die Margrit und dreht den Schalter, die gelbe Leuchtreklame auf dem Dach vom Kiosk geht an.“
    Wo ist die Zeit so schnell dahin, 51 Jahre, fast wie gestern scheint es, als Margrit und Rosa-Maria das erste Mal die Reklame einschalteten.
    Große und kleine Dinge des Lebens. Dinge, die die Welt bewegten wie die Mondlandung 1969, die Tour de Suisse, Tschernobyl. Die Prominenten wie Eddie Merckx oder Roger Moore, die an dem Kiosk halt machten. Alles vermerkt in kleinen Notizbüchern. Der Schnee, der früher mehr war, die Heftchen, die der Pfarrer kauft, wer mit wem, von Gewinnern und Verlieren, von verpassten Gelegenheiten. Auch wenn der Kiosk und die Zapfsäule langsam verstauben, Margrit und Rosa-Maria sind noch lange nicht von gestern.
    Ein strahlender Mittelpunkt des Ortes war der Kiosk immer, ein Bijou von einer Leuchtreklame. So ist auch dieser Text ein Bijou der Lesefreude. Humorvoll, liebevoll bissig kommentieren die beiden Damen das Weltgeschehen und die regionalen Ereignisse. Das Leben im Ort hat sich verändert in diesen 51 Jahren, die Routine der beiden blieb über die Jahre konstant.
    Doch eines fällt auf, während Margrit und Rosa-Marie plaudern. Kein einziger Kunde lässt sich blicken. Sie haben alle Zeit der Welt. Solange die Reklame leuchtet.

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