Glücksritter: Recherche über meinen Vater

Buchseite und Rezensionen zu 'Glücksritter: Recherche über meinen Vater' von Michael Kleeberg
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Glücksritter: Recherche über meinen Vater"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:9783869711409

Rezensionen zu "Glücksritter: Recherche über meinen Vater"

  1. Annäherung an den Vater

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Dez 2020 

    Michael Kleeberg „ Glücksritter Recherche über meinen Vater“
    Der bekannte Schriftsteller Michael Kleeberg spürt in seinem Buch „ Glücksritter“ dem Leben und dem Wesen seines Vaters nach. Auslöser ist ein ungewöhnliches Ereignis. Der Autor muss feststellen, dass sein 80jähriger Vater einem üblen Trickbetrüger aufgesessen ist. Er hat sich sogar noch 8000 Euro geliehen, um damit an die versprochene Million zu kommen. Der Sohn schämt sich für seinen Vater, fragt sich, wie man so dumm sein kann, auf einen so offensichtlichen Betrug hereinzufallen. Vielleicht weil er dachte, es stünde ihm zu. Endlich sei er mal an der Reihe, Glück zu haben. Dem Glück und damit dem Geld ist der Vater zeitlebens nachgelaufen, oftmals mit mäßigem Erfolg.
    Kurz danach wird beim Vater Krebs diagnostiziert und nach dessen Tod im Jahr 2014 beginnt der Sohn mit seiner Recherche.
    Werner Kleeberg, 1931 in Frankfurt geboren, wächst in prekären Verhältnissen auf. Sein Vater, ein gewalttätiger Säufer und Nazi, verlässt kurz vor Kriegsbeginn die Familie. Seine Ehefrau muss nun völlig allein die drei Kinder durchbringen. Mit zwölf Jahren kommt Werner mit der Kinderlandverschickung in den Westerwald. Als das Lager aufgelöst wird, muss sich der der vierzehnjährige Junge allein nach Hause durchschlagen, ohne zu wissen, ob seine Mutter und die Geschwister noch leben. Diese Jahre des Verlassenseins haben den Vater maßgeblich geprägt. Er bleibt immer ein Einzelgänger, ohne Freundeskreis, ohne tiefe Bindungen. Was zählt ist die Familie.
    Er heiratet, bekommt einen Sohn, beruflich schafft er trotz mäßiger Schulausbildung den Aufstieg. Er verdient zeitweise sogar richtig gut. Doch immer wieder gibt es Tiefschläge. Ein Versuch, sich selbständig zu machen, scheitert; zurück bleiben Schulden. Bei einer Beförderung wird er übergangen, ein Akademiker wird ihm bevorzugt. Deshalb möchte er aus seinem Sohn einen „ Doktor“ machen. Aber der wird stattdessen Schriftsteller. Erst dessen finanzieller Erfolg überzeugt den Vater.
    Kleeberg geht der Frage nach, wie sein Vater zu dem Menschen wurde, der er war. Dabei ist sein Ton nicht anklagend, sondern behutsam. Schonungslos zwar, aber auch vor allem gegen sich selbst. Er entdeckt einige Parallelen zwischen sich und seinem Vater, gesteht, dass er oft die gleichen Verhaltensmuster an den Tag legt. „ ...weil ich meines Vaters Sohn war und bei allen Versuchen, mich diametral von ihm zu unterscheiden, ganz genauso vorging wie er: allein, autonom, mit dem Kopf durch die Wand, über die Köpfe der anderen hinweg,...“ ( S. 147 )
    Doch ebenso das Erzählen, das Erfinden von Geschichten hat er bei seinem Vater gelernt.
    Dazwischen gibt es auch komische Szenen. So z.B. wie sich sein Vater auf einem Kolloquium zum Werk Michael Kleebergs mit einem angesehenen Germanisten über die Arbeit seines Schriftstellersohnes unterhält. „ Ich hab ihm den Rat gegeben,...: Dann schreib doch eine Italienische Reise. Wie Goethe. Ein heiteres Buch. Das wollen die Menschen lesen,....“ ( S. 181 )
    Allerdings ist „ Glücksritter“ nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern die Geschichte einer ganzen Generation. Nicht umsonst hat Kleeberg als zweites Motto ( neben den Schlusssätzen des Grimmschen Märchens vom „ Hans im Glück“ ) einen Satz aus der bekannten Reichenberger Rede gewählt, die Adolf Hitler 1938 vor Hitlerjungen gehalten hat. „ Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben - und sie sind glücklich dabei.“
    Werner Kleeberg war zwar kein Nazi, jedoch hat er immer mal wieder Ansichten vertreten, die ihm damals eingeimpft wurden. Die Nazi- Propaganda, der er als Kind permanent ausgesetzt war, hat seine Spuren hinterlassen.
    „ Glücksritter“ ist eine beeindruckende Annäherung an den Vater - offen und liebevoll. Und wenn Michael Kleeberg nicht alle Fragen beantworten kann, so ist dies nur schlüssig. Das Rätsel Mensch bleibt bestehen.
    Auf der letzten Seite ist ein Photo des jungen Werner Kleeberg abgedruckt, das nochmals einen anderen Blick auf die Figur ermöglicht.