Glück und Glas: Roman

Rezensionen zu "Glück und Glas: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2018 

    Richtig gutes Buch, das für Überraschungen sorgt

    Die Autorin hat mich mit ihrem Buch erfreut. Wie war das noch mal mit dem trivialen Titel?, siehe Buchvorstellung aus dem letzten Posting meines Blogs. Mir gefällt der Titel zwar noch immer nicht, aber aus dem Kontext erschließt sich, weshalb die Autorin diese Bezeichnung gewählt hat. Sicherlich hätte man dasselbe mit einem anderen Titel ausdrücken können, denn gleich zu Beginn der Lektüre wusste ich auch ohne den Kontext, was Lilly Beck damit sagen wollte. Aber ich beuge mich dem Willen der Autorin dadurch, weil alles andere richtig stimmig war. Allerdings waren recht viele Schreibfehler zu finden. Auf einer Buchseite waren es gleich drei, auf anderen Seiten 1 bis 2 Schreibfehler. Diese sind aber dem professionellen Lektorat des Verlages anzulasten und man sich die Frage als Leserin stellt, ob die Manuskripte eher quer gelesen werden?

    Wer von dem Inhalt nur wenig erfahren möchte, diejenigen können diese Passagen Worum geht es in diesem Buch? überspringen.

    Zum Schreibkonzept
    Ich fand die Struktur, die die Autorin gewählt hat, genial. Das Buch beinhaltet 58 Kapitel. Auf den ersten Seiten ist ein kleiner Vorspann abgedruckt, in dem man historisch in das Jahr 1969 versetzt wird. Die beiden Protagonistinnen Moon und Lore waren zu dieser Zeit erwachsene junge Frauen.

    Das erste Kapitel führt uns in die Gegenwart, 7. Mai 2015, zum 70. Geburtstag der beiden Frauen. Moon bereitet den Geburtstag vor, den sie zusammen mit Lore feiern wird.

    Im zweiten Kapitel wird man wieder in die Geschichte geführt, 7. Mai 1945. Beide Mädchen werden geboren, als der Krieg in Deutschland am 8. Mai mit der Kapitulation zu Ende geht.

    Drei Jahre später, 1948, drittes Kapitel.

    Im vierten Kapitel befindet man sich erneut in der Gegenwart, Fortsetzung der Erzählung aus dem zweiten Kapitel ...

    Und so setzt sich der Erzählstoff bis zum Ende fort und am Schluss wird das Ganze richtig rund. Der Roman endet, wo er mit dem ersten Kapitel angefangen hat. Diese Erzählstruktur fand ich wunderschön.

    Der Inhalt / Worum geht es in diesem Buch?
    Die Handlung spielt in München. Der Roman behandelt nicht nur die Nachkriegszeit, sondern alle historischen Epochen bis in die Zeit der Gegenwart.
    Das Wirtschaftswunder bis Ende der 1970er Jahre
    1961 Bau der Berliner Mauer
    1968 Jugendrevolte der 68er-Bewegung
    1970er Jahre Terroristische Anschläge
    1980er Jahre aus dem Wirtschaftswunder wird ein Wirtschaftsabfall, dadurch hohe Arbeitslosigkeit
    1989 Fall der Berliner Mauer
    1990erJahre Beginn des digitalen Zeitalters
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Menschen obdachlos, da deren Häuser verschüttet lagen. Die Regierung konnte sich nicht um alle Menschen kümmern, und so waren viele auf sich allein gestellt. Elsa Neubauer ist hochschwanger und sie wusste nicht wohin, als sie sich selbst in eine Klinik in München einweist und dort ihr Mädchen Marion zur Welt bringt.

    In der Klinik lernt sie schicksalshaft Hilde Lemberg kennen, die am selben Tag auch ein Mädchen geboren hat, die den Namen Hannelore erhält. Elsa ist mit dem Kind alleine, da der Mann sich im Krieg befindet. Sie schildert Hilde ihr Unglück, als Hilde darauf mehr als empathisch reagiert. Sie bietet Elsa an, mit dem Säugling bei ihr einzuziehen, da sie ein Haus besitzt und genügend Räume zur Verfügung stehen hat. Hilde lebt in einer Villa zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern. Damit sich Elsa nicht wegen ihrer Not genieren muss, durfte sie als Gegenleistung für die Familie kochen, nähen und Hausarbeiten verrichten ...

    Und so wachsen die beiden Mädchen, Kurznamen Moon und Lore, zusammen auf.

    Moon ist rothaarig, Lore schwarzhaarig. Warum ich dies erwähne, weil die Haarfarbe von Moon eine große Rolle in ihrem weiteren Leben spielen wird. Wegen der roten Haare wird sie vom Vater abgelehnt, in der Schule von den MitschülerInnen und den LehrerInnen diskriminiert, und im Beruf später eher präferiert … In der Modelbranche und in der Tanzbar wirken rote Haare sexuell anziehend …

    Außer dem gemeinsamen Geburtsdatum haben die beiden Mädchen erst mal nichts gemeinsam. Sie trennen die wirtschaftliche, die soziale und die gesellschaftliche Herkunft. Während die Neubauer mittellos sind, sind die Lembergs vermögen. Vater Lemberg betreibt erfolgreich eine Schuhfabrik. Während Lore in Liebe und in Geborgenheit aufwächst, wächst Moon eher in einer kalten Familie auf, wobei Moons Mutter ihr positiv zugewandt ist. Auch in der Schule machen sich die Unterschiede breit. Lore wird von den LehrerInnen ganz anders gefördert, während Moon sich in der Schule als ein Arbeiterkind durchbeißen muss. Lore schafft es ins Gymnasium, Moon geht auf die Volksschule, die sie später mit einem schlechten Abschluss verlassen wird, auch, weil Moons Vater eine Klassenwiederholung ablehnt. Er bezeichnet seine Tochter als faul und ist nicht willig, das ungerechte System in der Schule zu durchschauen …

    Moons Vater kommt erst nach Jahren aus dem Krieg. Er befand sich bei den Russen in Gefangenschaft, in der er heftig malträtiert bzw. gefoltert wurde. Viele Soldaten, die den Krieg überlebt haben, kehren völlig traumatisiert zurück. Auch Moons Vater, der dadurch unausstehlich wird. Er lässt seine Launen an seine Tochter aus. Er verteilte Schläge, wenn sie nicht funktionierte, wie er sie haben wollte. Auch störte er sich an ihren roten Haaren und sie unmöglich seine Tochter sein könne, da niemand aus seiner Familie diese Haarfarbe besitzen würde und wirft der Mutter vor, in seiner Abwesenheit rumgehurt zu haben und beschimpft sie zusätzlich als eine Schlampe ...

    Der Vater mochte auch die Lembergs nicht, obwohl sie viel Gutes für seine Frau und seine Tochter getan haben. Ihnen haben sie ihr Leben zu verdanken … Und so zog er mit der Familie wieder aus. Sie fanden eine Unterkunft in einem Einzimmerapartment … Elsa ging gegen den Willen ihres Mannes weiterhin zu den Lembergs, um ihre Arbeit fortzusetzen … Der Vater litt unter der Arbeitslosigkeit und fühlt sich dadurch nutzlos, bis er schließlich Arbeit als Gleisbauer findet und sich die Familie nun eine größere Wohnung leisten kann …

    Die gravierenden Nöte in Deutschland waren bis zum Ende der 50er Jahren noch lange nicht überwunden … Überteuerte Lebensmittel, es gab noch immer nicht genug Wohnraum, und auch die Heizmittel waren knapp. Moon litt gewaltig unter diesen Nöten, sodass sie den Wunsch äußerte, wenn sie erwachsen sei, wolle sie schnellstmöglich reich werden, um nie wieder einen Mangel dieser Art erleiden zu müssen …

    Zwischen Moon und Lore hat sich eine geschwisterähnliche Freundschaft entwickelt, die auch dann noch Bestand hatte, als ihre Wege sich trennten. Moon träumte von Paris und wollte unbedingt Näherin und damit verbunden Modedesignerin werden. Lore entwickelte so etwas wie Gerichtigkeitsempfinden und wollte nach der Schule unbedingt Jura studieren.

    Doch die Wege der beiden Mädchen entpuppen sich anders als gedacht. Moon geht in die Friseurlehre, da sie im Zeugnis im Handarbeitsfach eine Sechs bekommt, und so wurde ihre angehende Karriere als Näherin im Keim zum Ersticken gebracht. Moon hatte ihren eigenen Kopf, weshalb sie so schlecht benotet wurde.

    Mit ihrem schlechten Zeugnis kann Moon nur als Hilfsarbeiterin eine Anstellung erwerben. Sie lehnt diese Art von Jobangeboten vehement ab, da sie nicht werden wollte wie die Mutter, die den Haushalt anderer Leute führt und so ist sie gezwungen, in eine Friseurlehre zu gehen, da der Friseurmeister nichts auf Schulnoten gab. Doch auch hier konnte sich Moon keine Zukunft aufbauen, da sie von dem Meister und dessen Frau nur benutzt wurde …

    Mit dem Friseurmeister geht das Friseurteam auf das Münchner Oktoberfest ... Dort wird Moon von ihrem Chef sexuell missbraucht … Moon traut sich nicht nach Hause, da der Vater ihr die Vergewaltigung nicht abnehmen würde. Ein Bekannter hilft dem Mädchen und sorgt für ausgleichende Gerechtigkeit ... Es ist Charlie, der Barbesitzer, der Moon hilft, sich gegen ihren Chef zu wehren … Charlie wird von Moon als der Aushilfsvater tituliert, der wie ein Vater das Mädchen hilft, wenn es sich in Not befindet. Charlie nimmt Moon zu sich in die Bar und kann hier Tänzerin werden, oder auch nur Bardame, Charlie überlässt ihr die Wahl. Diese Arbeit in der Bar ist Moons Eltern zuwider. Moon zieht aus und somit wird der Kontakt zu den Eltern gebrochen. Charlie gibt ihr ein Zimmer über der Bar, wo die vielen anderen Tänzerinnen einquartiert sind … Auch Lore ist gegen diese Tätigkeit in der Bar und versucht ihrer Freundin das auszureden.

    In der Bar lernt Moon einen Fotografen kennen, der sie unbedingt in die Fotowelt unterbringen möchte. Nach langer Überlegung verlässt Moon die Bar und beginnt eine Karriere als Model … Ihr Mädchentraum, schnellstmöglich reich zu werden, versucht sie mit dieser Arbeit zu verwirklichen.

    Auf einer politischen Veranstaltung lernt Lore 1968 einen Mann kennen, der im höheren Semester Jura studiert. Dieser Mann, Robert, aus gutem Hause, beeinflusst bewusst oder unbewusst nicht nur Lores Leben. Er tritt auch in Moons Leben ein. Robert, ein Macho, der es gewohnt ist, zu bekommen, was er möchte. Zudem mag er keine karrierebewussten Frauen …

    Wie sich diese Wege der beiden jungen Mädchen weiter entwickeln werden, ob sie ihre Ziele erreicht haben, und wie sie beide in die Jahre kommen, diese Details sind dem Buch zu entnehmen. Es wird auf jeden Fall sehr spannend. Längst habe ich nicht alle Themen hier in meiner Besprechung aufgeführt.

    Meine abschließende Meinung
    Mich haben der Klappentext und das Buchcover angesprochen, sodass ich mich von dem Buchtitel nicht so sehr habe beeinflussen lassen.
    Ein wunderschöner Roman über eine tiefe Freundschaft und über den Zusammenhalt in einer schweren Zeit. Aber nicht alles geht glatt auf. Man bekommt es noch mit vielen Ungereimtheiten zu tun, wie es nun mal auch im wahren Leben so ist.

    Es gab keine einzige Buchseite, die mich gelangweilt hätte. Die Befürchtung, es könnte ein schnulziger Roman werden, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Ich fand den Stoff anspruchsvoll.

    Und erst am Schluss zeichnen sich zwischen diesen beiden Frauen Gemeinsamkeiten ab. Anfangs hatte man den Eindruck, dass Lore es aufgrund ihrer Herkunft einfacher im Leben hat. Aber auch Lore musste stark für ihr Leben einstehen, und vieles als Frau hinnehmen, um die Erwartungen des Lebenspartners gerecht zu werden. Beide zahlten mit ihrem Leben, für das sie sich entschieden haben, ihren Preis. Am Ende findet zwischen den beiden Frauen eine Aussprache statt, die auch ich als Leserin sehr genossen habe.

    Zum Buchcover
    Schade, dass auf dem Cover die Unterschiede der beiden Mädchen nicht sichtbar gemacht worden sind. Rote Haare und schwarze Haare passen wohl nicht in die Vorstellung des künstlerischen Betrachters. Denn dort wirken sie eher als hätten beide Mädchen mittelblonde Haare.

    Mein Fazit?
    Supergut recherchiert, sehr gut und authentisch geschrieben. Ein Buch, das von Seite zu Seite immer neugieriger stimmt. Dadurch, dass die Autorin teilweise Autobiografisches hat mit einfließen lassen, spürt man deutlich, dass sie manche Episoden aus ihrer eigenen Erfahrung kennt.

    Ein Buch, in dem so viel Weisheit steckt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2015 

    Tolles Buch

    Klappentext
    Am 7. Mai 1945 werden Marion und Hannelore in der Frauenklinik in der Münchner Maistraße geboren. Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen stammen, wachsen sie wie Schwestern auf und sind unzertrennlich. Doch als Marion sich an ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag verliebt, zerbricht ihre Freundschaft. Während der Kalte Krieg immer mehr eskaliert, die Studenten auf die Straße gehen und die ersten Kommunen entstehen, trennen sich ihre Wege endgültig. Die widerspenstige Marion wird Fotomodel, hat großen Erfolg im Beruf, aber kein Glück in der Liebe. Hannelore studiert Jura, um Anwältin zu werden, doch das Leben hat andere Pläne mit ihr. Jahrzehnte später, am 7. Mai 2015, wollen sie ihren siebzigsten Geburtstag zusammen feiern – doch kann die Zeit alle Wunden heilen?

    Über die Autorin
    Lilli Beck wurde 1950 in Weiden/Oberpfalz geboren und lebt seit vielen Jahren in München. Nach der Schulzeit begann sie eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau. 1968 zog sie nach München, wo sie von einer Modelagentin in der damaligen In-Disko Blow up entdeckt wurde. Das war der Beginn eines Lebens wie aus einem Hollywood-Film. Sie arbeitete zehn Jahre lang für Zeitschriften wie Brigitte, Burda-Moden und TWEN. Sie war Pirelli-Kühlerfigur und Covergirl auf der LP Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz von Marius Müller-Westernhagen. Glück und Glas ist sowohl eine romanhafte Autobiografie als auch der Roman einer ganzen Generation.

    Meine Meinung

    Story
    Glück und Glas ist die Geschichte einer Freundschaft von zwei Frauen, die beide unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit großer Entbehrungen geboren werden. In den folgenden 70 Jahren erleben die beiden alle Facetten menschlichen Lebens, von großem Leid und großen Erfolg. Von der ersten Liebe, aber auch großem Verlust und großen Tragödien und Enttäuschungen. Was als große Freundschaft beginnt endet in einem Jahrzehnte dauernden Streit. Können Hannelore und Marion am Ende doch noch ihre Freundschaft kitten? Nebenbei ist das Buch aber auch eine Zeitreise durch 70 Jahre Deutschland, und wie sich die Menschen in ihrem Tun und Denken entwickelt haben.

    Schreibstil
    Das Buch ist leicht zu lesen und immer im Wechsel von heutiger Zeit und Vergangenheit. Die Geschichte wird meist aus der Sicht von Marion erzählt.

    Charaktere
    Marion und Hannelore sind die sehr sympathischen Hauptcharaktere, die mir sehr gut gefallen haben. Man kann sehr gut mit beiden mitfühlen und an ihrem Leben teilhaben.

    Mein Fazit

    In dem Buch geht es zunächst um die Freundschaft der beiden Frauen Marion und Hannelore. So unterschiedlich sie im Denken sind, die eine weltoffen und mit der Zeit gehend, die andere eher konservativ, so unterschiedlich entwickelt sich auch ihr Leben, mal zum Schlechten, mal zum Guten.
    Das Buch ist aber auch eine Zeitreise. Die Autorin Lilli Beck lässt viele Ereignisse der letzten 70 Jahre Revue passieren. Dabei verweilt die Geschichte nie lange an einer Stelle. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, und ich spreche eine Leseempfehlung aus und vergebe fünf von fünf Sternen.