Glasflügel: Ein Kopenhagen-Thriller

Buchseite und Rezensionen zu 'Glasflügel: Ein Kopenhagen-Thriller' von Katrine Engberg
4.3
4.3 von 5 (7 Bewertungen)

Jeppe Kørner ermittelt in einem spektakulären Mordfall, der ganz Kopenhagen beschäftigt: Im ältesten Brunnen der Stadt, inmitten der Fußgängerzone, wurde eine Leiche gefunden. Auf die Hilfe seiner Kollegin Anette Werner kann er diesmal nicht zählen, denn die muss sich statt um den Mordfall um ihr Baby kümmern. Bald schon stößt Kørner auf eine düstere Einrichtung für hilfsbedürftige Jugendliche und auf Leute, die ihre eigene Vorstellung von Fürsorge haben.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:448
EAN:9783257071238

Rezensionen zu "Glasflügel: Ein Kopenhagen-Thriller"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mär 2020 

    Meisterin ihres Fachs

    Eine Frau liegt tot im Kopenhagener Caritasbrunnen. Von Nächstenliebe und Barmherzigkeit keine Spur. Denn die Tote wurde bei vollem Bewusstsein ausgeblutet und dann von ihrem Mörder abgeladen. Jeppe Kørner muss hier in diesem Fall auf sich allein gestellt ermitteln. Denn seine langjährige Partnerin Anette Werner ist in Mutterschaftsurlaub. Es ist ein spektakulärer Fall, und der Täter hat mit nur einem Opfer nicht genug.
    Katrine Engberg hat mit Glasflügel nun schon den dritten Teil aus der Kopenahgenreihe vorgelegt. Das altbewährte Team gibt es so nicht mehr. „Kørner jetzt ohne Werner. Werner jetzt ohne Arbeit“. Die dänische Autorin schafft es mit Leichtigkeit einen kompakten spannenden und absolut logisch konstruierten Kriminalfall aufzurollen und dabei nicht an gesellschaftspolitischer Kritik zu sparen. Es geht gegen das Gesundheitssystem, gegen profitorientierte Institutionen, gegen ein System, das zu Lasten der Patienten und des medizinischen Personals geht. Katrine Engberg spinnt viele Fäden, fordert den Leser nahezu heraus, den Fall vor den Ermittlern zu lösen, um dann doch wieder ganz neue Wege einzuschlagen. Wer die ersten beiden Bände aus dieser Reihe kennt, trifft alle bekannten Gesichter wieder. Mit dieser Bindung zu den vertrauten Protagonisten verzeiht man auch einige zufällige Gegebenheiten.
    Glasflügler, Schmetterlinge mit absolut unscheinbaren Flügeln und gefährlich wirkenden Körpern, sind Meister des Mimikrys, der Anpassung und Täuschung. Katrine Engberg wiederum ist Meisterin ihres Fachs.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Mär 2020 

    Purzelbaumfabrik...

    Jeppe Kørner ermittelt in einem spektakulären Mordfall, der ganz Kopenhagen beschäftigt: Im ältesten Brunnen der Stadt, inmitten der Fußgängerzone, wurde eine Leiche gefunden. Auf die Hilfe seiner Kollegin Anette Werner kann er diesmal nicht zählen, denn die muss sich statt um den Mordfall um ihr Baby kümmern. Bald schon stößt Kørner auf eine düstere Einrichtung für hilfsbedürftige Jugendliche und auf Leute, die ihre eigene Vorstellung von Fürsorge haben.

    Sommerfuglen - Schmetterling. Das klingt leicht und beschwingt, doch stellt sich das in diesem Krimi als eine privat geführte psychiatrische Wohnstätte für Kinder und Jugendliche heraus. Seit zwei Jahren ist diese Wohnstätte nun geschlossen, und doch wirft Sommerfuglen einen großen Schatten auf das heutige Kopenhagen.

    Denn ehemalige Angestellte des Wohnheims werden nach und nach tot in Springbrunnen und Seen der Stadt aufgefunden, ausgeblutet und nackt. Verdächtige gibt es mehr als genug, und Polizeiassistent Jeppe Kørner kommt den zahlreichen Spuren kaum hinterher. Doch wirklich voran kommt er nicht, und der Druck der Öffentlichkeit und in den eigenen Reihen wächst: ein Ermittlungserfolg muss her!

    "...der zarte Glasflügler. Zerbrechlich, beinahe durchsichtig. Aber nur scheinbar. So lagern etwa die Larven des Glasflüglers das Gift des Nachtjasmins in ihren Körpern ein, so dass sie auch nach dem Schlüpfen für ihre Feinde tödlich sind. Der unscheinbare Schmetterling ist der gefährlichste." (S. 105)

    Band drei der Reihe um Jeppe Kørner ist ein düsterer, leiser Thriller. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven - nicht nur Jeppe Kørner ermittelt hier, der privat in einer unklaren Übergangssituation feststeckt, sondern auch seine ehemalige Kollegin Anette Werner, die sich mit ihrer drei Monate alten Tochter gerade in Elternzeit befindet. Anette hat Probleme mit ihrer Mutterrolle und lenkt sich mit den Ermittlungen nebenher ab von der ewigen Schlaflosigkeit und dem Gefühl, keinen Erwartungen gerecht zu werden. Die Perspektive des Täters taucht hier episodenhaft auf, genau wie die der alternden Krimiautorin Esther de Laurenti, die ich bereits aus Band eins kenne. Und Personen aus dem Umkreis des geschlossenen Wohnheims Sommerfuglen geraten hier ebenso immer wieder in den Fokus des Geschehens.

    "Ich würde einen Knall bekommen." Jeppe sah ihn überrascht an. "Einen Knall? Wovon?" - "Wenn ich da arbeiten müsste. In so einer Purzelbaumfabrik." Der kindliche Ausdruck ließ Jeppe laut auflachen. "Purzelbaumfabrik! Das ist ein ultramodernes Krankenhaus mit allen erdenklichen Therapieangeboten." - "Na ja, das meine ich doch. Die ganze Zeit hat man es mit Leuten zu tun, die in einer anderen Welt leben. Nach einer Weile weiß man doch gar nicht mehr, wo oben und unten ist." (S. 280 f.)

    Im Fokus der verzweigten Erzählung steht ein düsterer Aspekt des dänischen Gesundheitssystems. Neben Überforderungserscheinungen des medizinischen Personals bei chronischer Unterbesetzung durch radikale Sparmaßnahmen wird hier sehr deutlich, in welchem Abseits sich psychisch kranke Menschen befinden. Weggesperrt und meist mit reichlich Medikamenten und sonstigen Behandlungsmethoden eingedeckt, sind sie weit entfernt von einem normalen Leben und der Teilhabe an der Gesellschaft. Gerade für betroffene Jugendliche und junge Erwachsene eine schwer zu verkraftende Situation.

    Sommerfuglen als psychiatrische Wohnstätte sollte gerade solche Jugendliche auffangen. Doch Jeppe Kørner entdeckt hier ganz eigene Machenschaften, die ein noch dunkleres Licht werfen auf den Umgang mit psychisch kranken Menschen.

    "War es tatsächlich denkbar, dass es in Dänemark junge Menschen gab, die keinerlei Zukunft hatten? Ein Gedanke, den Jeppe schlimm fand. Mit siebzehn müsste die Welt ein Gabentisch der Möglichkeiten sein, das Dasein eine einzige große lebendige Zukunft. Nicht eine endlose Wiederholung von wohlmeinender, aber unzureichender Fürsorge und einsamen Tagen." (S. 362)

    Doch neben diesen düsteren Themen ist dies in erster Linie ein Thriller. Jeppe Kørner zeichnet sich nicht gerade durch fulminante Ermittlungsarbeit aus, manches wirkt gar nur wenig professionell. Dennoch bleibt er am Ball und erlebt mit seinem neuen Kollegen am Ende einen gehörigen Showdown, der es in sich hat.

    Ein leiser Thriller mit einem lauten Thema - und mit Figuren, die zunehmend vertraut werden und denen ich in einem weiteren Band gerne wiederbegegnen würde.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Mär 2020 

    Tickende Zeitbomben

    Der dritte Fall für das Ermittlerduo Jeppe Kørner und Anette Werner beginnt
    mit einem Leichenfund im ältesten Brunnen Kopenhagens, mitten in der Fußgängerzone. Dem Opfer wurde mit einem mittelalterlichen Gerät die Hauptschlagadern aufgeschnitten. Schon am nächsten Tag findet sich eine zweite Leiche, wieder ausgeblutet in einem Brunnen.
    Jeppe Kørner und sein Team finden zwar bald heraus, dass die Opfer alle im Gesundheitssystem beschäftigt waren, doch die Ermittlungen kommen nicht voran. Außerdem muss Kørner auf seine Kollegin Anette Werner verzichten, da sie sich in Elternzeit zuhause befindet. Allerdings kommt Werner mit ihrer Rolle als Mutter nur schlecht zurecht. Aus Langeweile und Frust schaltet sie sich doch in den Fall ein und stellt private Ermittlungen an.
    Als sich Spuren zu der Einrichtung ,,Sommerfuglen", einer Wohnstätte für psychisch labile Jugendliche ergeben, verdichten sich die Verdachtsmomente. Allerdings stößt auch der Leser auf immer neue Verdächtige, da sich einige Figuren merkwürdig verhalten. Teilweise weiß man nicht mehr, wer ,,normal" ist: die Patienten, ihre Angehörigen, die Pfleger oder die Ärzte und Psychiater? Alle wirken wie tickende Zeitbomben. Engberg führt den Leser immer wieder an der Nase herum, so wie auch Jeppe Kørner und seine Kollegen immer wieder die falsche Person in Verdacht haben. Kørner selbst hat neben seiner Arbeit auch genug mit seinem Privatleben zu kämpfen. Nach seiner Trennung lebt er im Moment bei seiner überfürsorglichen Mutter, seine neue Freundin hält er noch geheim, da sie eine Kollegin ist. So schlägt er sich die Nächte um die Ohren und hat mit ständiger Übermüdung zu kämpfen. Diese Unkonzentriertheit führt wohl auch dazu, dass er mit seinem behäbigen und faul wirkenden Kollegen Falck in große Gefahr gerät.
    Zum Ende hin nehmen Action, Tempo und Spannung deutlich zu. Wer Krimis mag, in denen auch das Privatleben der Ermittler und zwischenmenschliche Begebenheiten eine Rolle spielen, wird hier mit Katrine Engbergs Wortwitz und anschaulichem Erzählstil aufs Beste unterhalten.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mär 2020 

    Sommerfuglen

    Der Morgen beginnt nicht schön für den Kopenhagener Schüler, der sich mit Zeitungsaustragen sein Taschengeld aufbessert. In einem Stadtbrunnen findet er einen Toten. Es bleibt nicht bei diesem Leichenfund. Jeppe Kørner wird auch an den Folgetagen damit konfrontiert. Alle Toten haben eines gemeinsam: sie waren in einer privaten Jugendpsychiatrie – dem Haus Sommerfuglen (Schmetterling) – tätig. Das Heim wurde nach dem Suizid einer jungen Bewohnerin geschlossen, ihr Vater gab der Heimleitung die Schuld. Damit steht er ganz oben auf der Verdächtigenliste.

    Aber es ist nicht so einfach, wie es scheint. Jeppe, der schmerzlich seine Kollegin Anette Werner vermisst, stochert im Nebel, Verdächtige haben ein Alibi, ehemalige Bewohner sind zum Teil in anderen Kliniken oder im Ausland.

    Eines wird dem Leser aber schnell klar, die Missstände in Sommerfuglen gingen tief und sie stehen sicher auch den Morden in Verbindung. Außerdem zeigt die Autorin in ihrem spannenden Krimi auch die Systemfehler in einem Gesundheitssystem auf, in dem Patienten sich der Wirtschaftlichkeit unterordnen müssen. Die Überforderung der Schwestern und Pfleger ist greifbar.

    So beginnt nämlich auch das Buch. Im vorangestellten Prolog werden wir Zeugen, wie eine an ihre Grenzen gekommene, labile Schwester einen hochbetagten und schwierigen Patienten per Injektion „erlöst“. Damit begleitet mich natürlich den ganzen Krimi über die Frage, ob hier schon ein Fingerzeig auf den Täter gegeben wurde.

    Anette Werner fühlt sich in der Elternzeit unglaublich müde, es gibt keine ruhigen Nächte mehr, aber auch gelangweilt. Ihr fehlt die Arbeit, vielleicht auch die intellektuelle Herausforderung. Was in manchen Krimis der Part der Privatermittler ist, die der Polizei ins Handwerk pfuschen, das übernimmt nun Anette. Allerdings mit guten Ergebnissen, die Jeppe immer mal wieder auf die Sprünge helfen. Denn wer als Ersatz einen netten Kollegen bekam, der intern der „Hosenträger-Onkel“ genannt wird, kann auch jede Hilfe gebrauchen.

    In einem kleinen Nebenstrang darf man sich auch auf die Schriftstellerin Esther freuen, die man schon aus den vorhergegangen Büchern kennt. Auch hier schafft es die Autorin, mich lange im Unklaren zu lassen, ob Esters Erlebnis eine Verbindung zu Sommerfuglen zeigt.

    Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Spannung kontinuierlich hoch und wird immer wieder mal durch leisen Humor oder eine witzige Bemerkung gebrochen. Deutlich zu spüren ist auch das Anliegen, das die Autorin transportieren möchten: die Zustände in einem immer stärker belasteten Gesundheitssystem, das für Personal und Patienten gleichermaßen grenzwertig ist.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Mär 2020 

    Brunnenleiche

    Endlich ist das Baby da, Anette Werner ist in Elternzeit. Und obwohl sie ihre kleine Tochter umhegt, hat sich das große Mutterglück noch nicht eingestellt. Anette vermisst ihre Arbeit. Und Jeppe Kørner vermisst Anette. In einem Brunnen in der Stadtmitte wurde eine Leiche gefunden und Jeppe leitet die Ermittlungen. Bei dem Opfer handelt es um eine Mitarbeiterin eines Krankenhauses, eine auf den ersten Blick unbescholtene Frau. Die Polizeibeamten finden zunächst keine eindeutigen Hinweise. Jeppes alte Bekannte Esther de Laurentis braucht neuen Schwung in ihrem Leben. Vielleicht bietet des Einzug eines neuen Nachbarn hier eine Chance.

    In seinem dritten Fall ist Jeppe Kørner zum ersten Mal auf sich alleine gestellt. Der Umbruch in seinem Leben ist fast geschafft, die Trennung überwunden, das Haus verkauft. Dass er übergangsweise wieder bei seiner Mutter wohnt, ist nicht ideal, aber es ist eben so. Umso glücklicher ist er über die neue Frau in seinem Leben. Dagegen tut Anette Werner sich noch etwas schwer mit dem Familienleben und so ganz kann sie es nicht lassen, Nachforschungen anzustellen. Der Fall führt ins Gesundheitssystem Dänemarks. Auch wenn in Dänemark der Glücksquotient hoch ist und das Leben hyggelig, so sind die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und Praxen doch gestresst und überarbeitet, so wie eigentlich überall.

    Wie so häufig bei Ermittlungen dauert es ein Weilchen, bis sich aus einigen Spuren ein Bild ergibt. Mit leichter Hand und einigem Humor versteht es die Autorin, ein interessantes Thema aufzuarbeiten. Sie beschreibt die Überforderung in der Gesundheitsbranche und auch die Tragik, die sich daraus ergeben kann. Aber auch die Abgebrühtheit und Gier, die entstehen können, wenn in ein System viel Geld fließt. Eine Thematik, die einen schon mitnimmt. Dann freut man sich auf die Ausflüge zu Esther und Gregers, wobei man besonders Ester manchmal einen größeren Anteil am Geschehen wünscht. Sie wäre sicher für so manche Idee gut. Insgesamt ist dieser fesselnde Kriminalroman bestens geeignet, um einen Einblick in die nicht ganz so heile Welt der Medizin zu erhalten. Dabei wird nichts beschönigt, aber dennoch so elegant beschrieben, dass die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Hinzu kommt, dass man sich bei einem dritten Fall schon auf das Wiederlesen guter alter Bekannter freut.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2020 

    Probleme im kranken dänischen Gesundheitssystem

    "Manchmal kann ein kleiner, unschuldiger Fehltritt katastrophale Konsequenzen haben. So ist das Leben nun mal." (Buchauszug)
    Jeppe Kørner und sein Team hat es mit außergewöhnlichen Morden zu tun. Ein Serientäter geht in Kopenhagen um, der seine Opfer ausbluten lässt und anschließend in den Brunnen Kopenhagen ablegt. Leider muss Jeppe diesmal ohne Anette Werner ermitteln, den diese weilt gerade in Elternzeit und muss sich um ihr Baby kümmern. Doch schnell führen die Verbindungen der Opfer nach Sommerfuglen einem ehemaligen psychiatrischen Behandlungsinstitut von Kindern und Jugendliche. Was ist damals dort geschehen? Rächt sich jemand an den ehemaligen Mitarbeitern? Kørner und Werner, (die im Hintergrund ohne seine Erlaubnis ermittelt) stechen in ein krankes Gesundheitssystem. Ein System das Betroffene und Angehörige zu tickenden Zeitbomben werden lassen und dabei kommen sie selbst in große Gefahr.

    Meine Meinung:
    Das rote Cover mit dem glänzenden Schmetterling ist für mich etwas Besonderes, da man selten so etwas vom Diogenes Verlag kennt. Dies ist der dritte Band der Kørner /Werner Reihe, für mich allerdings der erste da ich die Autorin bisher nicht kannte. Ich habe ja immer so meine Probleme mit skandinavischen Krimis und auch hier hatte ich zu Anfang Mühe in das Buch zu kommen. Den die Autorin stellt zu Beginn ihre ganzen Charaktere vor, die sie in die Geschichte einfließen lässt. Da ist natürlich jemand, der diese Reihe schon kennt sicher im Vorteil, weil er einige Personen schon kennt. Im dann Plot packt die Autorin ein wirklich heißes Eisen an, den es geht um das dänische Gesundheitswesen, insbesondere um eine psychische Behandlungseinrichtung. Bei dieser kam es damals zu einem mysteriösen Selbstmord einer Jugendlichen und einem Unfall eines Mitarbeiters, ehe sie dann geschlossen wurde. Jahre später werden nun ehemalige Mitarbeiter brutal ermordet aufgefunden. Erschreckt hat mich besonders, wie man mit den betroffenen Jugendlichen umgegangen und heute noch umgeht. Wer weiß, wie es bei uns in manchen psychischen Einrichtungen zugeht? Wenn man die ersten 90 Seiten dieses Buches überwunden und sich auf den Schreibstil mit mehreren Handlungssträngen eingelassen hat, dann wird diese Geschichte immer interessanter. Natürlich schildert die Autorin auch einiges aus dem Privatleben der Ermittler, was mich jedoch nicht gestört hat. Gegen Ende steigert sich dann das Ganze zu einem Showdown und einer Auflösung, die mich wirklich überrascht hat. Jeppe Kørner ist mir sofort sympathisch, seine ehrgeizige, kompetente Art hat mir gefallen, auch wenn sein Privatleben momentan eher etwas kompliziert ist. Die junge Mutter Anette Werner kann sich über ihr Babyglück noch nicht recht freuen, ihr fehlt vor allem ihre Arbeit. Deshalb ermittelt sie trotzdem mit im Fall, was Jeppe und ihrem Mann weniger gefällt. Dann gibt es weitere Charaktere, voll Ernsthaftigkeit und Harmonie, doch auch der Humor kommt bei der Autorin nicht zu kurz, was den ganzen Krimi belebt. Insbesondere die detaillierten Recherchen, die hier betrieben wurden, konnte ich sehr gut in dieser Geschichte spüren. Sätze wie diesen:
    "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite des Erdballs einen Orkan auf der anderen auslösen.", haben mich zum Nachdenken gebracht. Dieser Band hat mich definitiv neugierig auf die andern beiden Bücher gemacht. Den ich bin mir sicher, dass ich dann manche Personen noch besser nachvollziehen könnte. Ich jedenfalls kann dieses Buch weiterempfehlen und gebe 5 von 5 Sterne.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Mär 2020 

    Wichtiges Thema aufgegriffen.

    Kurzmeinung: Ermittelt wird im psychiatrischen Umfeld. Der Roman lebt von seiner gesellschaftspolitischen Relevanz.

    In „Glasflügel“ lässt die dänische Autorin ihr Team in der Psychiatrie ermitteln. Genauer gesagt, geht es um junge Menschen, deren Verhaltensauffälligkeit so groß ist, dass sie sich nicht in die „normale“ Gesellschaft eingliedern können. Das ist ein wichtiges Thema. Wie geht man mit diesen Menschen um? Wie kann man ihnen helfen? Wie begegnet man ihnen? Wie sieht es in ihnen aus? Die Autorin hat insoweit mit Einfühlungsvermögen geschrieben und hier und da Innensicht gewährt. Das ist das überaus große Plus dieses Romans. Wenn die Autorin überhaupt Figuren mit Charakter geschaffen hat, ist dies am ehesten bei den betreffenden Jugendlichen gelungen.

    Die Ermittler geraten nach der dritten Leiche unter Druck. Anette Werner, die Partnerin von Jeppe, ist in Mutterschutz. Und Jeppe arbeitet mit dem dicken Falk zusammen. Bald ergründen sie, was „damals“ in der privat geführten psychiatrischen Betreuungsanstalt „Sommerfuglen“ passiert ist. Denn dorthin deuten alles Spuren.

    Die Kritik:

    Katrine Engbergs Roman lebt nicht direkt von dezdiert ausgearbeiteten Charakteren. Das kann man leider nicht sagen. Die meisten Figuren sind nur schematisch dargestellt, skizzenhaft. Eine Ausnahme mögen die Jugendlichen bilden, doch Verdächtige und Ermittler sind nur grob modelliert.

    Der Roman lebt ganz vom Milieu, in dem der Fall spielt, ein Fall, der sehr nett aufgebaut und einigermassen logisch ausgearbeitet ist, den informationsgebenden Dialogen und von einer Schreibe, die versucht, das nächste sprachliche Level zu erklimmen. So versucht Engberg sich an Beschreibungen und gelegentlich poetischen Betrachtungen über Kopenhagen oder die Liebe oder das Leben. Oder die Landschaft. Doch hat man das Gefühl, sie setze jedesmal neu an, wenn ein nächster Absatz kommt, jedesmal eine Art Neuanfang des Romans.

    Den stark hauptsatzlastigen Stil Engbergs verwendet man durchaus um Atemlosigkeit und Spannung zu erzeugen, aber um das sprachliche Niveau entscheidend zu heben, hätte es in den beschaulicheren Teilen durchaus auch längere Sätze gebraucht und Konjunktionen, die alles als Schmiermittel verbinden und einen flüssigen Lesesatz entstehen lassen. Ein richtiger Leseflow aber entsteht bei „Glasflügel“ nicht, es wirkt alles ein wenig bemüht. Am Sprachgebrauch gibt es noch einiges zu verbessern, allein wie oft man „gierig“ an Zigaretten gezogen hat oder die Luft einsaugte, läßt schmunzeln. Von den Luftschnappern noch gar nicht zu reden. Doch gehobene Sprache verträgt keine Phrasen. Gar keine.

    Fazit: Durchschnittliches Lesevergnügen mit durchschnittlich nettem Krimi, der sich löblicherweise immer wieder in gehobener Sprache versucht, jedoch auch oft in Phrasen und Floskeln absinkt, was durchaus schade ist. Der Fall spielt in einem gesellschaftspolitisch relevanten Umfeld, was das Leseinteresse wachhält und auch belohnt, bietet aber dennoch nur „Krimi nach Schema F“ an oder „Krimi von der Stange.“

    Kategorie: Kriminalroman,
    Verlag, Diogenes, 2020