Glänzende Aussicht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Glänzende Aussicht: Roman' von Fang Fang
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Inhaltsangabe zu "Glänzende Aussicht: Roman"

Dieser heute in China unterdrückte Roman machte Fang Fang bei seinem Erscheinen 1987 schlagartig berühmt: Glänzende Aussicht erzählt das Leben einer einfachen Arbeiterfamilie aus Wuhan aus Sicht des verstorbenen jüngsten Sohnes. Es ist ein drastisches Porträt: Zu elft haust die Familie in einer dreizehn Quadratmeter kleinen Hütte. Schon die Jüngsten lernen stehlen, um ihren Beitrag zum Familienleben zu leisten, Schlägereien sind an der Tagesordnung und zärtlichere Töne rar. Im Schatten eines Vaters, der vor allem mit der Faust erzieht, versuchen die neun Brüder und Schwestern auf je eigene Weise, den Fesseln ihrer Herkunft und den Nachwehen der Kulturrevolution zu entkommen und eine bessere Zukunft zu finden.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
EAN:9783455016789

Rezensionen zu "Glänzende Aussicht: Roman"

  1. Eindrucksvolle chinesische Familiengeschichte

    Nein, inniges, harmonisches Familienleben stellen wir uns alle miteinander anders vor als in ‚Glänzende Aussicht‘ geschildert! Auch der Vergleich ‚wie ein Rudel Wölfe‘ hinkt, weil man nämlich damit den Wölfen unrecht tut! (Sie gehen liebevoll miteinander um, haben z.B. richtig zärtliche Begrüßungs-Zeremonien.) Einzig die Hierarchie ist eine Gemeinsamkeit!

    Erzählt wird uns diese chinesische Familiengeschichte von Bruder acht, der 1961 am 16. Tag seines kurzen Lebens starb, seitdem das Leben seiner Familie aus seinem Grab unter dem Fenster der Baracke beobachtet und kommentiert (und von ihr beneidet wird).

    Seine sieben Brüder, zwei Schwestern und die Eltern leben in einem Ortsteil von Wuhan in einer der Henan-Baracken auf 13 qm und die Züge Peking-Kanton, die durchschnittlich alle sieben Minuten vorbeifahren, ‚scheinen an der Dachtraufe entlangzuschleifen‘. Streit, Schnaps, Demütigungen und Prügeleien sind an der Tagesordnung! Schon als 5-Jähriger muss auch der Jüngste seinen Beitrag zum Überleben der Familie leisten. Dazu – eingangs als Kontrast – die gewonnenen Lebensweisheiten von Bruder sieben!

    Wir dürfen die Lebensläufe der Kinder verfolgen und werden auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung Chinas im ausgehenden 20. Jahrhunderts konfrontiert, wie z.B. die blutigen Kämpfe der Dockgangs und die Landverschickung. Sehr hilf- und aufschlussreich waren dazu das Nachwort und die Fußnoten.

    ‚Glänzende Aussicht‘ (übersetzt von Michael Kahn-Ackermann) war das 1. Buch von Fang-Fang und erschien 1987 in China (wurde da als bedeutendes Werk des ‚neuen Realismus‘ gefeiert), bei uns leider erst Anfang Februar 2024. Damit habe ich alle vier von ihr, bei uns, erschienenen Werke gelesen und wieder viel Neues über China erfahren. Ja, es sind teilweise heftige und schockierende Szenen (und deshalb rate ich empfindsamen Gemütern von dieser Lektüre ab). All jenen, die Interesse an anderen, fremden Kulturen haben, empfehle ich es wärmstens. Fünf Sterne gebe ich dafür!

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  1. „Das Leben war ein Ameisendasein, der Tod wie ein Staubkorn“

    Zur Autorin (Quelle: Verlag)::

    Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den letzten 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielten die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. 2016 veröffentlichte sie den von der Kritik gefeierten Roman Weiches Begräbnis, für den sie mit dem renommierten Lu-Yao-Preis ausgezeichnet wurde.

    Mein Lese-Eindruck:

    „Das Leben war ein Ameisendasein, der Tod wie ein Staubkorn“

    Der Roman beginnt sehr eindringlich mit drei identischen Satzanfängen: „Bruder Sieben sagt“. Und schon weiß der Leser: hier gibt nicht traditionell der älteste Bruder den Ton an, sondern ein nachgeborener Sohn. Wie es zu dieser Verschiebung kommt, erzählt der Roman.

    Wie in ihrem beeindruckenden Roman „Weiches Begräbnis“ nimmt uns die Autorin mit in ihre Heimatstadt Wuhan und entfaltet das Geschehen, indem sie die Geschichte einer Familie erzählt. Eine proletarische Familie, die mit 11 Personen in einem einzigen Raum, einem Bretterverschlag von 13 qm in dem Barackenviertel von Wuhan lebt. Hier lebt die Familie dicht an dicht mit anderen ehemaligen verarmten Kleinbauern, die in die neuen Städte zogen, um Arbeit zu finden. Alle behalten sie ihre gewohnten patriarchalischen Strukturen bei: Kinderreichtum ist erwünscht, die Familie ist der Bezugspunkt, der Vater hat das Sagen, Töchter zählen nichts, und die Durchnummerierung der Söhne zeigt die hierarchische Struktur der Familie.

    Gewalt ist an der Tagesordnung: Gewalt auf der Straße, am Arbeitsplatz, in organisierten Banden und vor allem in der Familie. Besonders Bruder Sieben ist der täglichen Gewalt des Vaters schutzlos ausgesetzt. Bruder Acht stirbt mit 2 Wochen und wird von seinen Brüdern beneidet um dieses glückliche Los; er ist es, der die Geschichte seiner Familie erzählt.

    Der Leser begleitet die Familie und erlebt mit ihnen die wesentlichen Etappen des chinesischen Wegs nach dem II. Weltkrieg, wobei der Fokus auf der Entwicklung des Bruders Sieben liegt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als „dass Vater auch ihm eine Kiste zimmern würde, in der er schlafen konnte“. Landreform, Kollektivierung. der sog. Große Sprung mit der furchtbaren Hungersnot, die Kulturrevolution ab den 60er Jahren und die Landverschickung der städtischen Jugend – all das spiegelt sich in der Geschichte der Familie.

    Auch die damit einhergehende Änderung der Gesellschaft zeigt sich: Bruder Sieben gelingt es, in den Parteikadern Fuß zu fassen und nun „gehört er nicht mehr der Familie, sondern der Regierung“, er hat glänzende Aussichten, so wie einige seiner Brüder auch. Und wie auch der kleine Ich-Erzähler. Die Baracken werden abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt – glänzende Aussichten für alle Bewohner – und er wird auf einem ordentlichen Friedhof neben einem seiner Brüder begraben, „dann können sie sich Gesellschaft leisten“.
    Auch das ist eine glänzende Aussicht...

    Es ist die Art und Weise, wie Fang Fang diese Geschichte erzählt, die den Roman so eindringlich macht. In ihrem Wuhan Diary schreibt sie: „Ich habe mich bemüht, mein Hirn Stück um Stück vom ganzen Müll und Gift zu säubern, die man in der Vergangenheit in mein Hirn gequetscht hat“. Statt vorgefertigte und erwünschte ideologische Überhöhungen zu übernehmen, will sie die Ereignisse festhalten und dem Vergessen entreißen.

    Sie vermeidet dabei jede politische Note. Sie verfällt weder in den erwünschten Lobgesang noch in eine Kritik. Es gibt kein Gut und Böse, kein Falsch und Richtig, es ist keine Rede von Klassenkampf und Klassenfeinden, sie klagt nicht an und nennt keinen Schuldigen, sondern sie hält sich an das, was sie gesehen und erkannt hat. Es ist möglich, dass sie aus Angst vor der Zensur keine Urteile abgibt, immerhin hat Fang Fang hinreichend Erfahrung mit der repressiven Kulturpolitik Chinas. Aber gerade dieser Rückzug auf Fakten und ihre ambivalente Literarisierung machen den Roman packend.

    Der Roman wurde übersetzt von Michael Kahn-Ackermann, dem ehemaligen Direktor des Pekinger Goethe-Instituts, der ein sehr hilfreiches Nachwort angefügt hat.

    Fazit: Ein ungemein packender Ausflug in 20 Jahre chinesische Geschichte.

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