Giovannis Zimmer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Giovannis Zimmer: Roman' von James Baldwin
4.6
4.6 von 5 (13 Bewertungen)

Keine Liebe ist jemals unschuldig Im Paris der Fünfzigerjahre lernt David, amerikanischer Expat,in einer Bar den reizend überheblichen, löwenhaften Giovanni kennen. Die beiden beginnen eine Affäre – und Verlangen und auch Scham brechen in David los wie ein Sturm. Dann kehrt plötzlich seine Verlobte zurück. David bringt nicht den Mut auf, sich zu outen. Im Glauben, sich selbst retten zu können, stürzt er Giovanni in ein Unglück, das tödlich endet. Baldwin brach mit ›Giovannis Zimmer‹ 1956 gleich zwei Tabus: Als schwarzer Schriftsteller schrieb er über die Liebe zwischen zwei weißen Männern. Sein amerikanischer Verlag trennte sich daraufhin von ihm, seine Agentin riet ihm, er solle das Manuskript verbrennen. Heute gilt ›Giovannis Zimmer‹ als Baldwins berühmtester Roman.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783423282178

Rezensionen zu "Giovannis Zimmer: Roman"

  1. Homosexualität in den 50ern

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    Der US-Amerikaner James Baldwin galt in seinem Land als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Durch die sozialkritischen Themen, die er in seinen Büchern anpackte, wurde er zur Ikone der Gleichberechtigung stilisiert - so liest es sich zumindest in dem Klappentext zu seinem wohl berühmtesten Werk "Giovannis Zimmer", das bei seinem Erscheinen 1956 für Aufruhr und Empörung bei den Kritikern sorgte.
    Zwei Aspekte ließen die Gemüter hochkochen: Zum Einen geht es in Giovannis Zimmer um das Thema "Homosexualität" (homosexuelle Handlungen waren in vielen Staaten der USA bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts illegal); zum Anderen "erdreistete" sich ein Farbiger, über das Gefühls- und Sexualleben von Weißen zu schreiben - denn Baldwins Protagonisten in "Giovannis Zimmer" sind weiß. Dies setzte dem umstrittenen Thema "Homosexualität" natürlich noch einen drauf.

    Die Handlung dieses Romans findet im Paris der 50er Jahre statt. Hier begegnen wir dem Amerikaner David, Sohn und ewiger Student, der seinen Vater davon überzeugen konnte, seinem Filius ein Auslandsjahr in Frankreich zu finanzieren. Vermutlich wurden aus einem Jahr mehrere, denn David ist mittlerweile Anfang 30 und sein Vater finanziert ihn immer noch. David genießt das Leben und das ganz besondere Flair der Stadt der Liebe. Insbesondere das Nachtleben hat es ihm angetan. Über einen schwulen Freund, lernt er Giovanni kennen, der in einer Bar arbeitet, die beliebter Treffpunkt der Pariser Schwulenszene ist. Zunächst fühlt sich David nicht zu der Szene dazugehörig, bestenfalls amüsiert ihn die schillernde Gesellschaft. Doch nachdem er Giovanni kennenlernt, wird alles anders. Schnell unterliegt David dem charismatischen Charme Giovannis. Die beiden lassen sich auf eine zerstörerische Liebesbeziehung ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Denn das die Geschichte der Beiden nicht gut ausgehen wird, wissen wir schon mit den ersten Seiten, in denen der Ich-Erzähler David in der Retroperspektive auf seine Zeit in Paris zurückblickt.

    David ist ein Kind seiner Zeit, der die Moralvorstellungen, mit denen er in den USA aufgewachsen ist, nicht ablegen kann. Die Beziehung zu Giovanni stürzt ihn in ein moralisches Dilemma. Es fällt ihm schwer, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, die er bestenfalls als sexuelle Experimentierfreude abtut. Das Leugnen seiner Sexualität belastet die Beziehung der beiden Männer. David ist Giovanni gegenüber zwar nicht aufrichtig, was seine innere Zerrissenheit angeht. Dennoch ahnt Giovanni, dass David ihm entgleiten wird.

    David will sich beweisen, dass seine Beziehung zu Giovanni nur ein sexuelles Abenteuer war und er eigentlich "normal" ist. Daher versucht er beim weiblichen Geschlecht seinen Mann zu stehen. "Giovannis Zimmer" ist ein Männer-Roman. Bis auf zwei Ausnahmen sind die Protagonisten männlichen Geschlechts, womit wir bei einem Aspekt dieses Romans angekommen sind, den ich als sehr fragwürdig empfunden habe. Es ist nicht die geringe Anzahl der weiblichen Protagonisten, die mich gestört hat, sondern die Art und Weise, wie Baldwin die Frauen in seinem Buch gestaltet hat. "Seine" Frauen haben einzig und allein die Bestimmung, dem Mann zu gefallen, ihm Kinder zu gebären und für sein Wohlbefinden zu sorgen. Und keine der Frauen in Giovannis Zimmer stellt diese Bestimmung in Frage. Ganz im Gegenteil, sie erachten diese Rolle als erstrebenswert und alleiniges Ziel in ihrem Leben. Dieses Frauenbild, das Baldwin hier vermittelt, hat mich sehr geärgert. Es mag den Zeitgeist der 50er Jahre widerspiegeln. Doch gerade von einem intellektuellen Schriftsteller, der als Farbiger selbst mit Diskriminierung konfrontiert worden ist und für sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung bekannt war, hätte ich ein differenzierteres Frauenbild erwartet.

    Trotz meines Ärgers muss ich Baldwin eines bescheinigen: er hatte eine unglaubliche Fähigkeit, mit Worten umzugehen. Ich habe bereits einige seiner Bücher gelesen. Und mittlerweile glaube ich, dass der Mann ein Besessener war, der sich von der Gefühlswelt seiner Protagonisten komplett vereinnahmen ließ. Baldwin scheint die Handlung von "Giovannis Zimmer" selbst zu leben. Dies vermittelt zumindest sein Sprachstil. Die innere Zerrissenheit von David ist körperlich spürbar. Die Gefühle, die David beschäftigen, werden von Baldwin in Worte gekleidet, die der Handlung eine unglaubliche Sogwirkung verleiht, aus der man als Leser bis zum Ende des Buches nicht herauskommt.

    Fazit:
    Allein der Sprachstil macht einen Roman von Baldwin immer zu etwas Besonderem - Frauenbild hin oder her.
    Leseempfehlung!

  1. Unbequeme Lektüre

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mai 2020 

    Über den Autor:

    Er demonstrierte mit Martin Luther King und unterstützte ihn in seiner Forderung nach dem Ende der Rassendiskriminierung, er debattierte mit Malcolm X über die Schwarze Revolution und kritisierte bei aller Bewunderung seinen Separatismus. Er lebte als Aktivist und schwarzer Schriftsteller stets am Puls der Zeit und gab in seinen semi-autobiographischen Büchern marginalisierten Gruppen eine längst überfällige Stimme – Schwarzen, Menschen aus sozial schwachen Milieus, Homosexuellen.

    Auch heute lesen sich seine Werke nicht überholt und kein bisschen weniger wichtig.

    Das Echo der Zeit, in der sie geschrieben wurden, hallt wieder in unser Gesellschaft und erinnert uns daran, dass die marginalisierten Gruppen, über die Baldwin schrieb, vielerorts immer noch um Anerkennung und Gleichberechtigung kämpfen müssen. Nicht nur Barack Obama nennt Baldwin als eine seiner Inspirationsquellen.

    Die meisten seiner Bücher bewegen sich in der schwarzen Community und haben schwarze Protagonisten. Doch mit “Giovannis Zimmer”, als eines seiner ersten Werke 1956 erschienen, lehnte Baldwin sich weit aus dem Fenster, in dem er nicht nur als schwarzer Autor über zwei weiße Männer schrieb. sondern vor allem über eine homosexuelle Liebesbeziehung. Seine damalige Agentin riet ihm, das Manuskript zu verbrennen…

    Handlung:

    Im Paris der Fünfzigerjahre lernt David in einer Bar den attraktiven Giovanni kennen – und das entfacht in ihm einen Sturm des Verlangens, der seinen heteronormativen Lebensentwurf zerschmettert wie ein Kartenhaus. Er kann seine Gefühle nicht mehr unterdrücken, doch er kann sich auch nicht outen – und als seine Verlobte nach längerer Abwesenheit zurückkehrt, nimmt das Ganze eine fatale Wendung.

    Meine Meinung:

    Die schwule Community, wie Baldin sie hier beschreibt, wirkt wie eine Versammlung grotesker Gestalten und widerwärtiger alter Männer, die jungen Schönlingen nachlechzen. Aber es wird auch überdeutlich, wo die Ursachen liegen: aus gesellschaftlichen Konflikt und offener Schwulenfeindlichkeit entsteht eine toxische Umgebung.

    Das Verbot, die eigene Sexualität frei auszuleben. Die eingetrichterte Scham. Die Angst vor Verfolgung.

    All das erschafft emotional verkrüppelte Individuen, die in blinder Hilflosigkeit um sich schlagen und die selbst erlittenen Wunden weitergeben. Selbstverachtung wird zu Verachtung wird zu Gewalt; Glück oder auch nur Zufriedenheit sind keine Option. Die Charaktere in Baldwins Roman spiegeln diese grundlegende Problematik perfekt wieder und wirken daher wie beunruhigende oder bemitleidenswerte Zerrbilder ihrer selbst.

    Es gibt deutliche Parallelen zwischen Baldwins Leben und seinem Roman. Wie sein Protagonist zog auch Baldwin als junger Mann nach Paris und ging dort eine intensive homosexuelle Liebesbeziehung ein. Dennoch sollte man meines Erachtens Autor und Werk voneinander trennen – Charakterstimme muss nicht immer Autorenstimme sein.

    So spricht Giovanni ganz selbstverständlich und ohne Schuldempfinden darüber, wie er selbst Frauen misshandelt, aber es wird meines Erachtens nie suggeriert, dass dies einen Spiegel von Baldwins persönlichen Ansichten darstellt. Eher zeigt Baldwin dem Leser auf, was für eine destruktive Kettenreaktion aus Vorurteilen und Unterdrückung entstehen kann.

    Besonders Protagonist David ist für den Leser eine Herausforderung. Er entstammt einer lieblosen Familie und trägt diese emotionale Kälte weiter in jede Beziehung.

    Ob das jetzt seine Verlobte ist, mit der er sich selber rücksichtslos beweisen will, noch ein echter Mann zu sein, oder eben Giovanni, der in David Gefühle weckt, die er nicht annehmen kann, und letztendlich den größtmöglichen Preis dafür zahlt. Man erfährt schon auf den ersten Seiten, dass Giovanni in der Todeszelle sitzt.

    Man kann nicht mitfühlen mit David, weil er seine eigenen Gefühle pervertiert. Er betrachtet Schwule mit Verachtung, schmäht sie als ‘alte Tunten’ – und befürchtet doch insgeheim, in ihnen seine eigene Zukunft zu sehen. Was er sich wünscht, ist ein heterosexuelles Bilderbuchleben mit Frau, Kind und Reihenhaus, aber seine eigenen Gefühle und Gelüste stehen dem im Wege. Weil er sich selbst nicht annehmen kann, reißt er andere Menschen mit ins Verderben.

    Dazu kommen die Unbilden der Zeit: Emanzipation stand bestenfalls in den Startlöchern, Chauvinismus und Bigotterie reichten sich die Hand. Baldin enttarnt die heile Welt des durchschnittlichen “white american” als Trugbild.

    David quält sich selber und andere, weil er die Vorstellungen, was eine normale Sexualität ist, einfach übernimmt. Seine Verlobte verweigert sich ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, weil sie das Frauenbild einfach übernimmt.

    Ein wiederkehrendes Thema: der Mensch wird zu seinem eigenen ärgsten Feind, weil er sich nicht lösen kann von dem, was die Gesellschaft ihm (oder ihr) vorschreibt.

    Und das ist meisterhaft geschrieben. Nicht nur inhaltlich baut Baldwin schnell und durchgehend eine enorme Sogkraft auf, auch sprachlich hat das Buch einiges zu bieten. Was für eine Sprachgewalt James Baldwin in diesem Buch entfaltet, was für eine mühelose brachiale Eleganz!

    Fazit:

    In den Fünzigerjahren: Davids Verlobte hat sich eine Auszeit genommen und ist nach Spanien gereist, um sich ihrer Gefühle klar zu werden. In ihrer Abwesenheit lernt David den Barkeeper Giovanni kennen – und kann seine homosexuellen Neigungen nicht mehr unterdrücken.

    Liebe oder nur Lust? So oder so entwickeln die beiden Männer eine ungesunde Co-Abhängigkeit, weil David seine Sexualität nicht annimmt und Giovanni von einem Leben am Rande der Gesellschaft tief verwundet ist. Die Geschichte nimmt eine tragische Wendung, als Davids Verlobte zurückkehrt.

    Dieser semi-autobiographische Roman, der bereits 1956 veröffentlicht wurde, ist keine leichte Kost für nebenher, aber die Lektüre lohnt sich. Er liest sich ungemein authentisch, und Baldwin zeigt eine schriftstellerische Meisterschaft, die alleine schon durch die Macht der Worte überzeugt.

  1. Des ist die Geschichte...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mai 2020 

    „Dies ist die Geschichte von David und Giovanni..“
    Paris, Anfang der 1950er Jahre. Der junge Amerikaner David genießt in der Hauptstadt Frankreichs das „savoir vivre“, lebt von den Zuwendungen seines Vaters. Er hat eine Verlobte, Hella. Doch als diese eine Reise durch Spanien unternimmt, begegnet David Giovanni und beginnt mit diesem eine leidenschaftliche und nicht minder verhängnisvolle Affäre.
    Die Geschichte von David und Giovanni ist vor allem eine Geschichte über Begierde, Begehrlichkeiten, Scham und Schuld. Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin bricht 1956 mit seinem Roman „Giovannis Zimmer“ gleich zweimal ein Tabu. Er schrieb über die homoerotische Beziehung zweier Männer zueinander. Und diese beiden Männer sind weiß. Man muss diesen Roman wohl mit dem Auge der damaligen Zeit lesen. Denn aus heutiger Sicht sollten gleichgeschlechtliche Beziehungen keine besondere Aufregung mehr hervorrufen. Die eigentliche Verworfenheit aber, nämlich Davids Art und Weise einem Begehren zu folgen, diesen zu verleugnen, sich, wenn es darauf ankommt nicht zu deklarieren, einen Menschen in Abhängigkeit zu sich selbst zu bringen und diesen dann im Stich zu lassen, diese Verworfenheit ist zeitlos.
    David ist so ganz der „All American Boy“, aus gut situierter Familie, sauber, bieder, brav. Er ist einer der ausgezogen ist um… Ja was? Sich zu finden, zu lernen zu lieben? David wuchs ohne Erinnerung an seine Mutter auf, sie starb als er noch als er klein war. Zu lieben hat er wohl nie gelernt. Vom Vater hat er ein Bild des „richtigen Mannes“ vermittelt bekommen, einer der mit Frauen zugange ist, der gerne trinkt, der das sagen hat. Auch gegenüber seiner Schwester Ellen, die nach dem Tod von Davids Mutter, mit an der Erziehung Davids beteiligt war.
    „Ein Mann, sagte Ellen knapp, ist nicht dasselbe wie ein Stier. Gute Nacht!“
    David geht also nach Frankreich, wo Amerikaner finanziell im Nachkriegseuropa ein leichtes Leben führen können. Er geht „…vielleicht…mich selbst zu finden…. Das ist eine interessante Wendung, die es meiner Meinung in keiner anderen Sprache gibt und die ganz gewiss nicht das heißt, was sie behauptet, sondern den bohrenden Verdacht nahelegt, dass etwas verlegt wurde.“
    Als David Giovanni eines Nachts in einer Bar kennen lernt, ist alles nur Trieb und Begierde. Zumindest von seiner Seite. Denn Giovanni liebt David, aber David bekennt sich nicht. Sie ziehen sogar zusammen, in Giovannis Zimmer. Das Zimmer wird Sinnbild dieser Beziehung, klein, schmutzig, dekadent. Es ist eine Beziehung, die tragisch endet. Und David findet sich, ja wo „in times of troubles“, allein, verlassen. Es sind sehr ambivalente Gefühle, die James Baldwin zu David herbeischreibt. Baldwins ausdrucksstarke Sprache – wenn man dem Nachwort zu diesem Roman von Sasha Marianna Salzmann folgt, weiß der Autor auch ganz genau, wovon er spricht - trifft mit ganzer Wucht.

  1. Lebenslügen und Flucht vor der eigenen Identität...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Mai 2020 

    Im Paris der Fünfzigerjahre lernt David, amerikanischer Expat,in einer Bar den reizend überheblichen, löwenhaften Giovanni kennen. Die beiden beginnen eine Affäre – und Verlangen und auch Scham brechen in David los wie ein Sturm. Dann kehrt plötzlich seine Verlobte zurück. David bringt nicht den Mut auf, sich zu outen. Im Glauben, sich selbst retten zu können, stürzt er Giovanni in ein Unglück, das tödlich endet.

    Für mich ungewohnt, habe ich mir mit dieser Rezension Zeit gelassen. Denn die Lektüre, der Schreibstil, die Bilder, die Düsternis - alles an dem Roman war für mich beeindruckend. Und das Gefühl, dem Roman mit einer Rezension kaum gerecht werden zu können, hat mich zögern lassen.

    In diesem Roman geht es um einen jungen Mann, David, den es aus den USA nach Paris gezogen hat. Dort geht er mitnichten einer Tätigkeit nach, sondern lebt von seinem Ersparten bzw. von dem, was sein Vater gewillt ist, ihm zukommen zu lassen. David lässt sich durch die Tage treiben, vor allem aber durch die Nächte. Seine Verlobte reist für einige Wochen durch Spanien, ein Abstand, der beiden zeigen soll, wie sie zueinander stehen.

    Ein Problem. Denn David weiß noch nicht einmal, wie er zu sich selbst steht. Er hütet ein Geheimnis, das er niemandem offenbaren mag, nicht einmal sich selbst. Er fühlt sich von Männern angezogen, hegt homoerotische Gedanken, versucht diese aber im selben Moment zu verdrängen, gar vor sich selbst zu leugnen. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf - David möchte den Traum aller Männer verwirklichen: ein Haus, eine attraktive und versorgende Ehefrau, Kinder...

    "Doch leider können sich die Menschen ihren Ankerplatz, ihre Liebhaber und ihre Freunde ebenso wenig aussuchen wie ihre Eltern. Das Leben gibt sie und nimmt sie und die Schwierigkeit liegt darin, zum Leben Ja zu sagen." (S. 11)

    In einer Bar stößt David schließlich auf Giovanni, und sofort flammt eine Leidenschaft auf, die ihn gleichzeitig mitreißt und entsetzt. Er folgt dem jungen Mann in sein Zimmer, bleibt, Stunden, Tage, Wochen. Bemerkt, wie Giovanni ihn zu seinem Stern erhebt, um den er fortwährend kreist. Weiß aber selbst nicht, was er denken, fühlen, tun soll, verhaftet im Leugnen. Und in Giovanni keimt eine leise Verzweiflung auf, denn David bleibt auf seine Weise unnahbar, verloren, noch bevor er sich hat finden lassen.

    Paris in den 50er Jahren - dort war die Homosexualität zu der Zeit nicht mehr verpönt. Sehr wohl aber in den USA, wo gleichgeschlechtliche Liebe mit zahllosen Repressalien einherging. Es gab ein klares Bild von 'richtig' und 'falsch' - und vor diesem Hintergrund muss Baldwins Roman gelesen werden. Aus heutiger Sicht sorgt eine Einstellung wie die von David fast schon eher für Kopfschütteln - er kann niemanden lieben, weil er sich selbst nicht annimmt. Aber wenn man die Umstände der damaligen Zeit betrachtet, wächst ein Verständnis für Davids innere Zerrissenheit, für seine große Lebenslüge, die ihn selbst am meisten trifft, für seine Flucht vor seiner eigenen Identität.

    David entscheidet sich letztlich für seine Verlobte, versucht sein Idealbild von sich selbst aufrechtzuerhalten - und verliert schließlich alles. Ein Lebensdrama, das andere Dramen nach sich zieht...

    Baldwin schildert die Geschehnisse einzig aus den Gedanken und Erinnerungen Davids heraus, womit die Sicht begrenzt und sehr individuell erscheint. Er eröffnet den Roman mit einem Paukenschalg, der den Leser sofort neugierig werden lässt. David erscheint als ein sehr zerrissener und komplexer Charakter. Dabei spielt Baldwin geschickt mit Nähe und Distanz - in einzelnen Szenen schwang ich emotional durchaus mit David mit, und an anderen Stellen distanzierte ich mich wieder von ihm, einfach weil unsympathische oder nicht nachvollziehbare Züge Davids zutage traten.

    Ein trister grauer Charme liegt über dem Geschehen, der Gedanke an einen 'film noir' kam immer wieder auf. Düstere Verzweiflung - alles steuert zwangsläufig auf einen Abgrund zu. Baldwin zieht den Leser geschickt mit in den Strudel, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

    Mich konnte dieses Lebensdrama, dieser Roman, für den Baldwin Mühe hatte, einen Verlag zu finden, wirklich beeindrucken - bis hin zum Nachwort von Sasha Marianna Salzmann, die den Roman in einen gesellschaftlich-politischen Kontext der damaligen Zeit stellt und bei mir für einige Aha-Momente gesorgt hat.

    Einzig das Frauenbild, das Baldwin in diesem Roman durch seine Figuren vermittelt, hat mir missfallen. Frauen fungieren hier als bloße Randfiguren - Opfer, Protituierte, alte Jungfern oder moderne Frauen, deren höchstes Ziel es ist, um jeden Preis zu heiraten und eine Familie zu gründen. Keine einzige weibliche Figur bricht hier aus diesem Rahmen aus, was mir - selbst vor dem Hintergrund einer anderen Zeitrechnung und der Annahme, dass dies womöglich nicht Baldwins persönliche Meinung war - unangenehm aufstieß.

    So schmal wie dieser Roman auch sein mag, so brillant ist seine erzählerische Wucht. Mit Sicherheit nicht mein letztes Buch des Autors!

    © Parden

  1. Giovannis Zimmer

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mai 2020 

    David steht am Fenster eines prächtigen Hauses in Südfrankreich. Fast alles ist fertig gepackt und steht bereit für seine Heimreise in die USA. Noch kann David aber nicht loslassen. Denn er weiß, dass sein ehemaliger Liebhaber Giovanni an diesem Morgen unter Guillotine den Tod finden wird. David reflektiert sein bisheriges Leben in den USA, seinen Studienaufenthalt in Paris und seine Affäre mit Giovanni. Trifft ihn eine Mitschuld?

    James Baldwin zeichnet David als typisch weißen Amerikaner. David wächst in gesicherten finanziellen Verhältnissen auf. Allerdings hat er seine Mutter früh verloren und wird daher von seinem dem Alkohol verfallenen Vater und seiner gefühlskalt wirkenden Tante erzogen. David spürt früh, dass er sich (auch) zu Jungen bzw. Männern hingezogen fühlt. Er wehrt sich jedoch mit aller Kraft, sich dies einzugestehen. Seine erste homosexuelle Erfahrung mit einem Freund versucht er zu negieren, indem er jeden Kontakt abbricht und so tut, als sei alles nicht geschehen. Als David als junger Mann nach Paris geht, um zu studieren oder was auch immer, sucht er die Nähe der homosexuellen Szene. Doch auch hier gesteht er weder sich selbst noch gegenüber anderen seine Neigung ein. Im Gegenteil, er verlobt sich mit Hella, die er als seine Braut und Mutter seiner künftigen Kinder nach Hause führen will. Auf seine homosexuellen Freunde schaut er in einer Mischung aus Faszination und Widerwillen herab und hat offiziell kaum mehr als Verachtung für sie übrig.

    Als David Giovanni trifft, wird er von seinem hohen Sockel herabgerissen. Die beiden jungen Männer fühlen sich animalisch angezogen. Hella ist gerade auf einer Rundreise in Spanien. David nutzt diese Gelegenheit und zieht kurzerhand in Giovannis Zimmer ein. Das Zimmer, das in diesem Roman für so vieles steht: Ein Wohnraum, ein Versteck vor der Welt, eine Metapher für die Beziehung zwischen David und Giovanni. Für David ist beides – das Zimmer und die Beziehung – am Ende zu eng und zu schmutzig. Als Hella aus ihrem Urlaub zurückkommt, flüchtet er zurück in die vermeintliche Normalität. Giovanni bleibt, tief verletzt zurück. Nach einer weiteren Erniedrigung begeht er eine Verzweiflungstat.

    Der Roman ist trotz oder gerade wegen seiner Kürze ein sprachliches Meisterwerk. Baldwin braucht nicht viele Worte, um Szenen authentisch vor dem inneren Auge aufsteigen zu lassen und Gefühle spürbar zu machen. Die innere Zerrissenheit Davids ist fast körperlich nachfühlbar. Sympathie und Mitgefühl, die ich anfangs für David hatte, nahmen allerdings stetig ab. Denn David erweist sich als „kalter“ Charakter, der selbst wenige Empathie für seine Mitmenschen, einschließlich Giovanni, hat.

    Der Roman ist erstmals 1956 erschienen und löste einen heftigen Diskurs aus. Ein schwarzer Schriftsteller, der über homosexuelle weiße Männer schreibt, war für viele Kritiker nicht akzeptabel. Außerdem ist der Roman gespickt mit einer Vielzahl französischer Redewendungen und Dialogfetzen und gibt sich damit einen bildungssprachlichen Anstrich, den viele nicht-französisch-sprechende Kritiker zusätzlich verärgert haben dürfte. Ich finde, der Roman ist ein Meisterwerk und auch heute noch hochaktuell. Daher gibt es fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

  1. Baldwin zeigt hier sein Können

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2020 

    Baldwin zeigt hier sein Können

    Giovannis Zimmer von James Baldwin

    Dieser Roman ist sehr vielschichtig und benimmt sich wie ein Chamäleon. Während des gesamten Romans lag mein Fokus auf dem Thema Homosexualität im Paris der Fünfziger Jahre. Als ich am Ende des Romans angelangt war, und das Nachwort von Sasha Marianna Salzmann gelesen habe, erkannte ich, dass der Autor noch eine ganze Menge mehr zu sagen hat. Insgesamt ist der komplette Inhalt bewundernswert mutig, vor allem wenn man die Zeit des Erscheinens mitberücksichtigt.

    David verliert seine Mutter früh, und wächst mit seinem Vater und seiner Tante auf. Der Vater trinkt viel und hat Affären, kein guter Umgang für ein Kind, wie Davids Tante dem Vater ins Gewissen reden will.
    Als David älter wird, wird seine sexuelle Neigung zu Männern thematisiert. Er hegt tiefe Wünsche, aber er traut sich nicht sich dem zu stellen.
    Nach einem Unfall Davids, als er ein junger Erwachsener ist, zieht es ihn nach Paris. Eine Bindung hat er zu seinem Vater nicht, verkauft ihm die Reise aber als dessen Idee, um ihn nicht zu kränken, da er nach dem Unfall versucht hat auf David einzugehen, ihm nun ein guter Vater zu sein. Doch David ist froh allem zu entkommen und stürzt sich ins Pariser Nachtleben, trotz seiner Verlobung mit Hella, die zu der Zeit Spanien bereist, um über die Beziehung nachzudenken.
    Schnell lernt David Giovanni kennen, der in einer Bar arbeitet. Die zwei gehen eine Liebesbeziehung, das heißt bei Giovanni ist dies so, er betet David förmlich an. David scheint immer noch hin und hergerissen, sich seiner Homosexualität nicht sicher. Des weiteren wirkt David gar nicht fähig zu echter, bedingungsloser Liebe. Dies ist gemeinsam mit der Homosexualität ein tragendes Thema des Romans wie ich finde.

    Hinter dem Hintergrund, das man weiß, dass Giovanni hingerichtet werden wird, entwickelte ich zum Ende des Romans ein sehr schlechtes Bild von David. Wobei ich zu Beginn sogar Mitleid hatte, da es schwer sein muss, seine Sexualität nicht ausleben zu können, als Kind nicht aufgeklärt zu werden. Schlimmer noch, die Neigung als schlecht abgestempelt wird. Da er aber im späteren Verlauf auf die Gefühle der anderen keinerlei Rücksicht nimmt, weder auf Giovannis noch auf Hellas, änderte sich mein Sicht auf David total. Als er Giovanni dann zu guter letzt verlässt, nimmt das Schicksal seinen Lauf, und David muss sich mit Schuldgefühlen auseinanderzusetzen. Wobei sich auch da die Frage aufdrängt, ob es Schuldgefühle sind, oder ob er dem hinterher trauert, was er nicht mehr haben kann.

    Der Roman ist vielschichtig und gespickt mit tollen Formulierungen, die allein das Buch schon lesenswert machen. Die Thematik regt zum nachdenken an, da vieles in der heutigen Zeit viel lockerer ist. Baldwin gibt dem Leser die Möglichkeit sich in diese Zeit zurückzuversetzen.
    Baldwin war wohl ein Rebell zu seiner Zeit, der durch seine Romane aufmerksam machen wollte. Dies ist ihm durchaus gelungen!

  1. Eine "Es darf nicht sein"-Liebe in Paris

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Apr 2020 

    …und wieder eine Neuentdeckung für mich. Ich habe zwar schon das ein oder andere Mal den Namen James Baldwin durch die (un-)endlichen Weiten diverser Communities laut rufend und flüsternd gehört, gelesen hatte ich bislang aber nichts von ihm.

    Das hat sich nun geändert und ich heiße James Baldwin in der langen Reihe meiner (neuen) Lieblingsschriftsteller willkommen.
    Ich durfte im Rahmen einer Leserunde seinen erstmals 1956 veröffentlichten Roman „Giovannis Zimmer“ lesen, mit dem er lt. Beschreibung ein Tabubruch beging: als schwarzer Autor schrieb er die Geschichte einer Liebe zwischen zwei weißen Männern.

    Aus heutiger Sicht lässt sich natürlich nur der Kopf schütteln ob der Anfeindungen, die sich Baldwin nach der Veröffentlichung gefallen lassen musste, da es heutzutage - nicht wesentlich aber trotzdem - einfacher ist, als Schwuler oder als Lesbe zu leben und (öffentlich) zu seiner Liebe zu stehen.

    Die Protagonisten David und Giovanni können eigentlich nicht unterschiedlicher sein – und sind sich doch in gewisser Weise sehr ähnlich. Denn beide sind nicht wirklich in der Lage, lieben zu können – auf die ein oder andere Art.

    David ist ein Lebemann, der sich lieber aushalten lässt und seinen Papa im fernen Amerika um Geld bittet statt zu arbeiten. Giovanni verdient sein Geld in einer Schwulenbar in Paris. Da lernen sich unsere beiden Helden auch kennen.

    Von vornherein wissen die Leser*innen, dass diese (Liebes-)Geschichte tragisch endet; heißt es doch schon im ersten Satz „Ich stehe am Fenster dieses prächtigen Hauses in Südfrankreich, als die Nacht anbricht, die Nacht, die mich zum schrecklichsten Morgen meines Lebens führen wird.“ (S. 9)

    Im Lauf der Lektüre lernen wir die ambivalente Haltung Davids zu seiner eigenen sexuellen Orientierung kennen; auf der einen Seite seine klar homosexuelle Neigung, die er zwar schon als Jugendlicher entdeckt, sich dessen aber schämt und letztlich vergisst bzw. verdrängt. Bis – ja, bis er im Paris der 1950er Jahre auf Giovanni trifft, obwohl er zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur auf seine Freundin Hella wartet, die sich ob seines Heiratsantrags eine Bedenkzeit in Spanien erboten hat.

    Schließlich kommt es zum furios-tragischen Showdown, als David Giovanni für Hella verlässt – und am Ende ganz allein dasteht…

    Die Sprache Baldwins ist meisterhaft; sie entfacht bereits auf der ersten Seite einen Sog, dem sich die geneigte Leserschaft bis zum Schluss nicht mehr entziehen kann. Baldwin ist ein Poet, ein kluger Beobachter seiner Zeit; die oft philosophisch formulierten Gedanken gehen den Leser*innen in Mark und Bein über und man ist (fast) geneigt, nach dem äußerst hilfreichen und lesenswerten Nachwort von Sasha Marianna Salzmann den Roman gleich noch einmal zu lesen. Und auch jetzt – einige Tage nach der Lektüre - würde ich am liebsten noch einmal in das Paris der 1950er Jahre reisen, David schütteln und sich zu seiner Liebe zu Giovanni bekennen lassen. Dann hätte das Ende verhindert werden können *g*…

    So oder so: „Giovannis Zimmer“ ist ein sprachliches Meisterwerk und verdient nichts Anderes als 5* und eine glasklare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Ein moderner Klassiker neu übersetzt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Apr 2020 

    "Ich stehe am Fenster dieses prächtigen Hauses in Südfrankreich, als die Nacht anbricht, die Nacht, die mich zum schrecklichesten Morgen meines Lebens führen wird."
    So beginnt der Roman "Giovannis Zimmer" von James Baldwin. Nur wenige Seiten später erfahren wir Leser außerdem, dass in dieser Nacht in Paris das Todesurteil an einem gewissen Giovanni vollstreckt werden wird.
    Der Ich-Erzähler, David kann in dieser Nacht nicht schlafen. Er reflektiert sein bisheriges Leben und besonders seine unglückliche Liebesbeziehung zu Giovanni. Obwohl oder vielleicht weil wir Leser schon von Anfang an wissen, dass Alles tragisch enden wird, entsteht gleich zu Beginn des Romans, ein Sog, der uns in die Geschichte hinzieht.

    Der Roman "Giovannis Zimmer" erschien zuerst 1956 in den USA. Ein großes Risiko, denn über eine homosexuelle Liebe zu schreiben, war zu der Zeit mehr als ungewöhnlich. Auf Deutsch wurde Giovannis Zimmer 1963 zum ersten Mal veröffentlich. Nun hat der dtv-Verlag eine Neuübersetzung von Miriam Mandelkow herausgegeben.

    Die Geschichte spielt in den 60er Jahren in Paris. David, ein junger Amerikaner, Mitte 20 lebt dort ein ungeregeltes Leben, ohne Arbeit. Wir Leser wissen, dass er in den USA als Teenager ein homoerotisches Erlebnis hatte, das ihn sehr verstört hatte und das er seitdem vor sich zu verbergen sucht. In Paris hat er eine Frau kennengelernt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Aber die junge Frau bittet sich Bedenkzeit aus.
    David verbringt seine Nächte in der Zwischenzeit meinst in Bars in der Pariser Schwulenszene. Dort lernt er nun den Barkeeper Giovanni kennnen, zu dem er sich sofort hingezogen fühlt.

    James Baldwin führt seine Leser immer tief in die Seelen seiner Romanfiguren. So auch hier. Baldwin beschreibt eindrücklich die Anziehung zwischen den Liebenden und besonders die innere Zerrissenheit Davids, der seine homosexuelle Neigung als "entsetzlichen Makel" sieht. Er ist hin und hergerissen, zwischen der Liebe zu Giovanni und der Hoffnung, mithilfe seiner Freundin doch noch "rechtmäßige Hingabe" leben zu können.
    Wie viele Frauen wurden schon von homosexuellen Männern belogen und betrogen, um den äußeren Schein zu wahren. Auch darüber erzählt der Roman und macht deutlich, dass Homosexuelle nicht nur Opfer sind, sondern dass sie sich selbst auch schuldig machen können, wenn sie nicht zu ihrer Neigung stehen. Die gesellschaftlichen Norman haben eine fatale Wirkung, denn diese wurden oft auch von nicht Heterosexuellen verinnerlicht. Deshalb leidet David unter Ekelgefühlen und Selbsthass und ist nicht unschuldig am tragischen Ende seines Freundes.
    James Baldwin zeichnet keines seiner Figuren eindimentional. Er zeigt sie in ihrer Widersprüchlichkeit, in ihrer Zerrissenheit. Er zeigt sie als Opfer aber auch als Menschen, die ihre Unschuld verloren haben. Das macht seine Romane so faszinierend und aufrichtig.

    Eine Romanfigur, ein älterer einsamer Homosexueller, der nur noch nach körperlicher Liebe sucht, zeigt David einen Weg aus seinem Dilemma. Er rät ihm: " Wenn die dir schmutzig vorkommen (gemeint sind die Stunden mit Giovanni) dann sind sie schmutzig - dann sind sie schmutzig weil du nichts gibst, weil du dein Fleisch verachtest und seins. Aber du kannst dafür sorgen, dass eure gemeinsame Zeit alles andere als schmutzig ist: Ihr könnt einander etwas geben, das euch beide besser macht - für immer - wenn ihr euch nicht schämt, wenn ihr bloß nicht auf Nummer sicher geht."
    Unser Held befoglt diesen Rat nicht - mit tragischen Folgen nicht nur für Giovanni.

    Insgesamt ist dieser Roman ein Meisterwerk. Die einfachen aber tiefgehenden Sätze, die bildhaften Methapern und der raffinierte Aufbau des Romans mit vielen Rückblenden schaffen eine dichte emotionale Atmosphäre. Themen des Romans sind nicht nur Homosexualität sondern auch Schuld, Lebenslügen und die Fähigkeit zu Lieben.
    Absolut empfehlenswert.

  1. Eine Perle! Ein Meisterwerk!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Apr 2020 

    Der nur 208 Seiten lange zweite Roman Baldwins, einem begnadeten Schriftsteller und Kämpfer für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, erschien erstmals 1956 und spielt überwiegend im Paris der 1950er Jahre.

    Baldwin beschreibt darin die damaligen Zustände bzw. Missstände und das damals vorherrschende Gesellschaftsbild ohne es zu bewerten, was eine Meisterleistung an Zurückhaltung ist, wenn man bedenkt, dass Baldwin selbst massiv unter Diskriminierung, Anfeindungen und Ausgrenzung gelitten hat.

    Es geht explizit bzw. implizit um Liebesfähigkeit, sexuelle Orientierung, Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung, Geschlechterrollen, gesellschaftliche Normen, Vorurteile und Überzeugungen, befürchtete Ächtung, drohenden Absturz, Macht und Unterwerfung, Selbsthass und Frauenhass, zu Hause und Heimat.

    „Vielleicht ist zu Hause gar kein Ort, sondern ein unwiderruflicher Zustand.“ Solche und ähnliche existentielle Überlegungen regen zum Reflektieren an.

    In der ersten Szene treffen wir auf David.
    Er steht mit einem Glas Wein am Fenster eines prächtigen Ferienhauses in einem kleinen Badeort in Südfrankreich, betrachtet sein Spiegelbild, blickt hinaus in die Abenddämmerung und lässt seinen Erinnerungen, Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen freien Lauf.

    David denkt an eine eindrückliche, einschneidende, aufwühlende, sein Leben und Erleben verändernde und erschreckende Nacht mit seinem Freund Joey als sie beide im Teenageralter waren.

    Wir erfahren, dass David in San Francisco geboren wurde und in Seattle und New York bei seinem Vater und dessen Schwester Ellen aufgewachsen ist, nachdem seine Mutter in seinem sechsten Lebensjahr verstorben war.

    Wir können unschwer und bald erkennen, dass es ein wenig harmonisches, wortkarges und unterkühltes Aufwachsen bei seiner Tante Ellen, einer frustrierten Frau mit einer Vorliebe für Bücher, Kino und Stricken, und seinem emotional abgestumpften Vater, einem für Alkohol und „Weibergeschichten“ anfälligen Mann, war.

    Der Verlust seiner Mutter, der er in Albträumen begegnete und die die drei aus einem Foto auf dem Kaminsims heraus „beobachtete“, wurde tabuisiert und mit seinem Gefühlsleben musste er selbst irgendwie zurechtkommen: Eine Überforderung des Kindes und Heranwachsenden, die zu emotionaler Erstarrung, innerer Ambivalenz, Verwirrung und Vereinsamung führte.

    Ein schlimmer Unfall führt zur endgültigen und völligen Entfremdung zwischen Vater und Sohn, zum Umzug nach Paris und zu Geldnot.

    Im weiteren Verlauf lernen wir den in sich zerrissenen David besser kennen und darüber hinaus auch den amerikanischen Geschäftsmann Jaques, die gleichzeitig offene, reisefreudige und konservative Hella und den italienischen Barmann Giovanni.

    David, der wohl ein Verbrechen begangen hat, unter Schuldgefühlen leidet und auf Vergebung hofft.

    Jaques, den homosexuellen Bekannten, der David immer wieder Geld leiht und ihn durchschaut.

    Hella, Davids Verlobte, die gerade in Spanien ist und

    Giovanni, der letztlich umgebracht wurde.

    Baldwin überzeugte mich mit seiner wunderschönen, bildhaften und poetischen Sprache und mit seinen beeindruckenden Metaphern und Vergleichen.

    Manche Sätze und Formulierungen, einfach, aber mit Tiefgang, ließen mich innehalten und mussten mehrmals gelesen werden.
    Ein WortSCHATZ im wahrsten Sinne!

    Mit einer Kostprobe für eine wunderschöne Formulierung, mit der er eine rein sexuelle Affäre beschreibt, möchte ich die Lust auf dieses Buch anheizen: „Sie sind schändlich, weil keine Zuneigung in ihnen steckt und keine Freude. Als würde man einen Stecker in eine tote Dose stecken. Berührung, aber kein Kontakt. Bloße Berührung, aber kein Kontakt und kein Licht.“ (Seite 67)
    Toll, oder?

    Baldwin ist ein Meister im messerscharfen Beobachten und detaillierten Beschreiben von äußeren und inneren Welten. Er seziert innere Prozesse und beschreibt psychologische Vorgänge feinfühlig, treffend, gekonnt und nachvollziehbar.

    Er beschreibt den Vater-Sohn Konflikt und die Bedeutsamkeit vom Einhalten der Rollen und Grenzen zwischen Vater und Sohn unfassbar gut.
    Ebenso bewundernswert treffend und klar bringt er psychologische Zusammenhänge zu Papier.

    Ich bin tief beeindruckt von seiner Fähigkeit, psychodynamische Zusammenhänge mit einfachen und klaren Worten zu beschreiben und mit Metaphern zu verdeutlichen. Schon auf Seite 28 begeistern mich seine Überlegungen zu Entscheidungen, Willensstärke und Selbsttäuschung.

    Seine Figuren zeichnet Baldwin in all ihrer Komplexität. Sie sind alles andere als eindimensional, hölzern oder farblos.

    Baldwin vermittelt eindrücklich die Atmosphäre jeder Situation. Es besteht z. B. kein Zweifel daran, dass man in Paris ist. Man sieht das Treiben in den Gassen und die Geschehnisse in den Bars vor sich, man riecht die Gerüche in der Markthalle und ist angewidert von den fauligen und stinkenden Abfällen auf der Straße.

    Die zahlreichen aber aus dem Kontext heraus verständlichen französischen Einsprengsel gefielen mir und tun ihr Übriges, um den Eindruck, mitten in der französischen Hauptstadt zu sein, zu verstärken. Sie sorgen zusätzlich zu den sehr bildhaften und detailgenauen Beobachtungen und Beschreibungen für eine sehr authentische Atmosphäre.

    Mein wohl nicht überraschendes Fazit:
    LESEN! Es lohnt sich.

    P. S.: Es lohnt sich auch, das äußerst interessante, aufschlussreiche und erhellende Nachwort von Sasha Marianna Salzmann zu lesen.

  1. Wiederentdeckter Klassiker

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2020 

    James Baldwin gilt als einer der großen amerikanischen Schriftsteller, trotzdem ist er eine Zeitlang in Vergessenheit geraten. Doch seit Baracken Obama ihn als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnete und seit der Fernsehdokumentation von 2016 über sein Leben und Wirken „I Am Not Your Negro“ ( der Film ist übrigens sehr zu empfehlen ), ist James Baldwin wieder in aller Munde. Auch in Deutschland wird sein Werk mit Neuübersetzungen neu entdeckt.
    Baldwins erster Roman „ Go Tell It On The Mountain“ ( deutscher Titel „ Von dieser Welt“ ) erzählt die stark autobiographisch geprägte Geschichte eines Jungen, der sich aus den religiösen Zwängen seiner Familie befreit.
    Baldwin’s zweiter Roman „Giovannis Room“ , 1954 erschienen, war eine Provokation in doppelter Hinsicht. Zum einen beschreibt er hier die Liebe zwischen zwei Männern, zum anderen wählt Baldwin als Schwarzer einen weißen Protagonisten.
    Zum Inhalt:
    „Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, dass das Ich , das ich finden würde, sich als dasselbe Ich entpuppen würde, vor dem ich so lange weggelaufen war, ich glaube, ich wäre zu Hause geblieben.“ ( S. 29 )
    David, ein junger weißer Amerikaner, ist zum Studium nach Paris gekommen. Zurückgelassen hat er seinen Vater - die Mutter ist schon lange tot - mit dem ihn nicht viel verbindet. Aber regelrecht geflüchtet ist er vor einem homoerotischen Erlebnis, das ihn zutiefst verunsichert hat.
    Hier in Paris der 1950er Jahre herrscht ein freieres Klima als in den prüden USA. David lernt Hella kennen, eine junge Frau aus Minneapolis, die in Paris Malerei studiert und er glaubt , oder hofft, sie zu lieben. Hella aber unternimmt eine Reise alleine nach Spanien, um sich über ihre Gefühle klar zu werden.
    David treibt sich in den Kneipen und Schwulenbars herum, hin und hergerissen zwischen Anziehung und Ekel. Dabei trifft er Giovanni, einen jungen Italiener, der nachts als Kellner arbeitet. Die beiden fühlen sich vom ersten Augenblick an zueinander hingezogen und es entwickelt sich eine heftige Liebesbeziehung, die sie in Giovannis Zimmer ausleben. David aber ist in einem Zwiespalt. Er gesteht sich zwar seine verdrängten erotischen Wünsche ein, kann sie aber nicht akzeptieren.
    Als sich Hellas Rückkehr ankündigt, verlässt David ohne jegliche Erklärung seinen Liebhaber. Er will mit Hella ein normales Leben führen und macht ihr einen Heiratsantrag. Doch als diese hinter sein Doppelleben kommt, verlässt sie ihn. Giovanni währenddessen ist tief verletzt von Davids Verhalten und als er dann noch seinen Job verliert, ist er am Boden zerstört.
    Der Leser weiß von Anfang an, dass diese Liebesgeschichte tragisch endet. Denn es ist die Nacht vor Giovannis Hinrichtung, in der sich der Ich- Erzähler David an die Geschehnisse der letzten Monate erinnert. Diese Geschichte kennt nur Verlierer. Giovanni wird am Ende tot sein, Hella reist gekränkt und desillusioniert in die USA zurück und David bleibt mit seiner Schuld allein. Eine Schuld, die ihn ein Leben lang begleiten wird. In der letzten Szene zerreißt David den Brief mit dem Datum von Giovannis Hinrichtung „ ...in viele Schnipsel und sehe zu, wie sie im Wind tanzen, sehe, wie der Wind sie davonträgt. Doch als ich mich umdrehe ...bläst der Wind einige auf mich zurück.“ ( S. 192 )
    Erzählweise und Sprache:
    Baldwin erzählt nicht chronologisch, sondern wechselt raffiniert zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dabei dringt er tief in die Gefühlswelt seiner Figuren ein. Schon zu Beginn schildert er eindringlich, in welchen emotionalen Abgrund David stürzt nach seiner ersten Liebesnacht mit einem Jungen. Die Beziehung zwischen David und Giovanni scheitert auch nicht ( bzw. nicht in erster Linie ) an den Vorurteilen der Umwelt, sondern am Selbsthass und der Liebesunfähigkeit von David. Dies begründet sich zwar in gesellschaftlichen Normen, die die Figur verinnerlicht hat, aber Baldwin führt dies nicht flach und augenscheinlich vor. Seine Protagonisten sind komplexe, widersprüchliche Personen. Auch geht es dem Autor nicht nur um Homosexualität , sondern um Lustfeindlichkeit und verdrängte Sexualität überhaupt.
    Die Sprache ist intensiv, bilderreich und atmosphärisch dicht. So lässt Baldwin z.B. das nächtliche Paris mit seinen Kneipen und Bars, den zwielichtigen Figuren, den Markthallen usw. anschaulich lebendig werden.
    Das aufschlussreiche Nachwort von Sasha Marianna Salzmann trägt zusätzlich zum Verständnis von Buch und Autor bei.
    Wertung:
    Ein literarisch überzeugender Roman, dessen Figuren mir trotzdem seltsam fremd blieben. Deshalb und auch wegen einem negativen Frauenbild, das den damaligen Zeiten geschuldet ist, gibt es von mir nur vier Punkte.

  1. Lust und Last einer nicht alltäglichen Liebe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Apr 2020 

    Mit “Giovannis Zimmer” hat der dtv-Verlag einen Roman James Baldwins wiederaufgelegt, der schon 1956 erstmals erschienen ist.
    Zu dieser Zeit hat der Roman sicher sensationeller gewirkt als er das heute tut, schildert er doch eine homoerotische Beziehung, hinter der man nur unschwer auch autobiographische Verbindungen zum damals schon bekannten und dekorierten, noch dazu schwarzen Autoren vermuten kann.
    David, der Protagonist dieses kurzen, intensiven Romans ist Sohn aus gutem amerikanischem Hause. Er wächst in einer guten Ostküstenfamilie auf. In seiner Jugend macht er eine für ihn höchst verstörende homosexuelle Erfahrung, die er weder einordnen kann noch für sich akzeptieren möchte und so mag diese die „gute Entschuldigung“ dafür sein, dass er sich eine Auszeit in seinem Leben nimmt, sich nach Europa flüchtet und dort ziel- und planlos in Paris lebt. Hier ist er als der Roman beginnt. Davids Freundin Hella ist gerade nach Spanien gereist, um dort was auch immer zu tun. David füllt seine nun noch leereren Tage damit, sich mit Freunden zu treffen, deren Leben irgendwie um eine Bar kreisen, die ein Treffpunkt homosexueller Männer ist. David ist einer von ihnen und ohne, dass dies offen im Roman ausgesprochen wird, unterhält er wohl auch unverbindliche sexuelle Kontakte mit einigen von ihnen. Dann lernt er in eben dieser Bar Giovanni kennen, einen Italiener, der dort als Kellner bzw. Barmann arbeitet. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Beziehung, die abweicht von den üblichen rein sexuellen Kontakten, wie sie in diesen Kreisen die Regel zu sein scheinen. Es geht hier nicht um homosexuelle Kontakte, sondern es entwickelt sich eine homoerotische Liebe, die besondere Intensität erlangt in der räumlichen Enge, in der sie sich danach entwickelt: David und Giovanni wohnen gemeinsam in Giovannis kleinem, unaufgeräumtem Zimmer in einem unschönen Viertel von Paris.
    Das alles schildert der Autor in einer intensiven, packenden und atmosphärisch ungemein dichten Sprache. Wenn David zum Beispiel spät nachts bzw. früh morgens mit seinen „Freunden“ durch das Pariser Nachtleben rund um Les Halles zieht, dann wird das dem Leser/der Leserin in einer Art und Weise vermittelt, dass ich vermeinte Paris tatsächlich fühlen, sehen, riechen und hören zu können. Durch diese brillante Schreibweise erzielt der Roman eine wirkliche Sogwirkung und kann phasenweise voll überzeugen. Dies gelingt auch durch die von Beginn an aufgebaute Spannung: Von Beginn an weiß der Leser um das kommende unglückliche Ende des Romans, denn im Hintergrund erfahren wir, dass David mit dem Wissen lebt, dass Giovanni schon sehr bald sterben wird. Wie? Warum? Woran? Das alles sind Fragen, die bis kurz vor Schluss unbeantwortet bleiben, und die eben deshalb die Sogwirkung des Romans permanent unterstützen.
    Bei aller Verliebtheit, so merkt man lesend, kann sich bei David doch kein Glücksgefühl in der Beziehung mit Giovanni einstellen. Er ist sich bewusst darum, dass diese Liebe keine Perspektive haben kann und auch wohl keines von Davids Lebenszielen erreichbar erscheinen lässt. Und so erscheint für ihn dann auch die Frage, wie es mit ihnen beiden weitergehen wird, sobald Hella wieder aus Spanien zurückkehrt, von vornherein klar und deutlich beantwortet: Die Waagschale wird sich zu Gunsten von Hella senken. Sie hat etwas zu bieten, was bei aller Liebe, Leidenschaft und Gleichklang zu Giovanni in der homoerotischen Beziehung nicht erreichbar ist: Hella repräsentiert ein Zukunftsbild, dass passt: Familie, Kinder, eine klare, nicht extra auszuhandelnde Rollenverteilung. Und so flieht David vor Giovanni sobald Hella wieder auftaucht, genauso wie er es schon vor seinen erwachenden homosexuellen Neigungen bei Antritt seiner Europareise gemacht hat.
    Giovanni kann sich von diesem Schlag nur schwer erholen, verliert seinen Halt und damit auch seinen Job, was schließlich zu einem tätlichen Angriff auf den Barbesitzer führt, für den er ins Gefängnis kommt und verurteilt wird. Im Gefängnis wartet er auf die Vollstreckung der Strafe: die Todesstrafe. So also löst sich das Geheimnis um Giovannis bevorstehenden Tod auf. David flieht aus der Stadt und lebt für einige Zeit mit Hella in Südfrankreich und es ist ihm dort schon anzumerken, dass seine Entscheidung für Hella/gegen Giovanni nicht ganz so folgenlos bleiben konnte. Die Liebe zu Giovanni ist eine Erfahrung, die David nie mehr loslassen wird und vor der zu fliehen ihm unmöglich sein wird.
    Mein Fazit:
    Es ist schwer, diesen damals in den 1950ern wohl bahnbrechenden homoerotischen Roman heute noch so zu beurteilen, wie er zu seiner Zeit aufgenommen wurde. Bei allen Problemen, die homosexuelle Männer oder auch Frauen auch heute noch gesellschaftlich haben, sind die Bedingungen heute doch wesentlich liberaler als damals. Es ist aber ein ungemein starker Zug des Romans, dass die inneren Konflikte, die sich an die Erkenntnis und das Erkennen der eigenen Homosexualität anschließen, so wie von Baldwin geschildert und gestaltet, auch heute noch ihre Richtigkeit bewahrt zu haben scheinen. Deshalb ist es wohl alles andere als ein Anachronismus des dtv-Verlags, diesen Roman von Baldwin wieder aufzulegen: Er passt auch heute noch in die Zeit und hat seine Aktualität behalten. Das verbunden mit dem wirklich brillianten Sprachvermögen Baldwins haben für mich dieses Buch zu einer echten Perle gemacht. Ich vergebe 5 Sterne!

  1. Reise zum wahren Ich

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Apr 2020 

    „Ich stehe am Fenster dieses prächtigen Hauses in Südfrankreich, als die Nacht anbricht, die Nacht, die mich zum schrecklichsten Morgen meines Lebens führen wird.“ (S. 9) Mit diesen bedeutungsschweren Worten beginnt James Baldwin seinen Roman. Kurze Zeit später erfahren wir, dass seine Verlobte Hella auf dem Weg nach Hause in die USA ist und Giovanni unter der Guillotine den Tod finden wird. Wer ist Giovanni? Was ist passiert? Wie ist es zu diesem hoffnunglosen Szenario gekommen?

    Der Ich- Erzähler David erzählt nach und nach verschiedene Episoden aus seinem Leben. Die Mutter ist früh verstorben, der Vater trinkt, kann dem Sohn die Fürsorge nicht geben, die er braucht. Außerdem haftet ihm ein Männlichkeitsideal an, das den Heranwachsenden schon früh verstört, weil er sich nicht damit identifizieren kann. Als Jugendlicher hat David eine erste homoerotische Erfahrung mit seinem Schulfreund Joey. David schämt sich und sperrt sich vehement gegen seine Gefühle, er lässt den Freund fallen und wird sogar gemein. Eine Zeitlang eifert er anschließend dem Vater nach, er trinkt viel, hat nichtssagende Beziehungen mit bedürftigen Frauen, eine schlecht bezahlte Arbeit.

    Auf einer Reise nach Frankreich möchte er sich selbst finden, einen Aufbruch wagen, doch: „Hätte ich nur die leiseste Ahnung gehabt, dass das Ich, das ich finden würde, sich als dasselbe Ich entpuppen würde, vor dem ich so lange weggelaufen war, ich glaube, ich wäre zu Hause geblieben.“ (S. 29)

    In Paris fühlt sich David von den Bars des schwulen Milieus angezogen. Sehr plastisch wird dieses Ambiente aus einer Mischung von Männern, Tunten und Transvestiten beschrieben, das ihn gleichermaßen fasziniert wie abstößt. David lässt sich von Geschäftsmann Jacques finanzieren, in einem der Etablissements lernt er dann Barmann Giovanni kennen. Sofort scheint es zwischen den beiden für alle ersichtlich zu knistern, was auch Neid nach sich zieht. David ist hin und her gerissen: Er kokettiert einerseits, betont aber auf der anderen Seite heterosexuell zu sein und schaut auf die Schwulenszene herab. Es ist diese ambivalente Haltung, die das ganze Buch durchzieht und sich zwischen Liebe, Sex, Anziehung, Widerwillen und Selbsthass bewegt.

    Giovanni und David beginnen eine Beziehung. Für Giovanni scheint es Liebe zu sein, er lebt auf, bekennt sich zu David, der alles viel schwerer nimmt. David genießt zwar das Zusammensein, die Sexualität mit dem Freund, fühlt sich aber auch wieder abgestoßen und „von Giovanni in tiefe, gefährliche Gewässer geführt“. In Giovannis kleinem Mägdezimmer verleben die beiden ihre gemeinsamen Wochen. Die Spirale dreht sich weiter. Das Zimmer bekommt symbolischen Charakter, ist es doch von der Außenwelt völlig abgeschlossen. Davids gedanklicher Rückhalt ist stets seine Verlobte Hella, die auf einer Reise durch Spanien ihre eigenen Gefühle erkunden will. Sie soll die ultimative Antwort auf die Frage seines Lebens sein, sie soll sein Ankerplatz und Mutter seiner Kinder werden. Als Hella zurückkehrt, steht die Entscheidung an.

    Der Großteil des Romans handelt eben von diesen zwiespältigen Gefühlen, von einem Mann, der sich selbst sucht, der sich innerlich zerrissen fühlt, weil er die bürgerliche Idylle der meisten anderen nicht leben kann, der sich und seine sexuelle Orientierung verleugnen muss. Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, daran lässt Baldwin von Beginn an keinen Zweifel. Stattdessen zeigt er seine schriftstellerische Qualität, um das komplette Gefühlschaos in Worte, in Sprache, in Metaphern zu kleiden, die ihresgleichen suchen. Es ist ein Ringen, ein Auf und Ab, es gibt keine Gewinner und keine Helden. Jede Figur hat ihre Schattenseiten. Das macht den Roman so vielschichtig. Auch die Frauen kommen nicht gut weg. Sie sind unselbstständig und bedürftig, lassen sich benutzen – vielleicht ist das dem herrschenden Gesellschaftsbild der Zeit mitgeschuldet, ich möchte nicht glauben, dass Baldwin selbst dieses Frauenbild vertritt.

    Das Buch zu lesen ist ein Genuss, auch wenn es eine rauhe Lektüre ist, eine betont männliche, die viel Testosteron versprüht.
    Die Figuren selbst blieben mir trotzdem seltsam fremd und unnahbar. Der Roman hat keine Sympathieträger, er schildert eine Geschichte mit biografischem Hintergrund, dessen Details sich aus dem erhellenden Nachwort Sasha Marianna Salzmanns ergeben.

    Ein sprachgewaltiger Roman, der als einer der ersten „schwulen“ Bücher gewiss einen Meilenstein in der amerikanischen Literatur darstellt und unbedingt gelesen gehört. Das Grundthema ist völlig zeitlos. Ich bin dem DTV-Verlag dankbar, dass er das Werk James Baldwins durch die Neuauflagen vor dem Vergessen bewahrt hat.

  1. Von Leidenschaft und Lebenslügen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Apr 2020 

    David lungert in Paris herum. Er lebt von Daddys Geld und tut keinen Handschlag. Dabei ist er schon dreissig und, wenn er schon sonst nichts tut, sollte er doch wenigstens bald eine Familie gründen. Da ist Hella, seine Verlobte. Auf was wartet er?

    Auf Fügungen. David wartet auf Fügungen, denn er ist nicht das, was man entscheidungsfreudig nennt. Sondern im höchsten Grade verunsichert. Er verspürt eine starke homosexuelle Neigung, doch will er den Traum vom „normalen“ American way of life nicht leichtfertig an den Nagel hängen, zwei Kinder sollen im Garten spielen, eine hingebungsvolle, ihn betuttelnde, dennoch aufregende Ehefrau um ihn her sein und ihm Glanz verleihen, die Anerkennung der weißen Nachbarschaft ist ihm wichtig und vielleicht ein gut dotierter Job, bei dem man sich nicht allzu sehr verausgabt, wer weiß. Das muss doch hinzukriegen sein.

    Aber dann trifft er Giovanni, der sich nicht damit abgibt, seine Homosexualität zu verschleiern oder zu verleugnen. Und gerät in einen Sog. Einen sexuellen Strudel. Und in Konflikte. Denn Giovanni wirft ihm vor, nicht zu seiner sexuellen Prägung zu stehen und mehr oder weniger mit ihr und ihm zu spielen. Zitat: …“und sagte noch ein paar fürchterliche Sachen über dich, und du wärst schließlich nur ein kleiner Amerikaner, der in Frankreich treibt, was er sich zu Hause nicht trauen würde …“.

    Baldwins zweiter Roman ist sprachgewaltig, er hat fabelhafte, wunderbare Bilder für Paris. Die Sprache James Baldwins nimmt den Leser sofort für die Lektüre ein. Der Autor schildert die Schwulenszene in Paris, die Bohemiens auch, die Zerrissenheit des weißen Amerikaners, der sich nicht erlaubt, zu sein, was er ist und sich für die Lebenslüge entscheidet, an der er dann doch scheitert. Ein Roman des Scheiterns. Ein Roman auch der Befindlichkeiten. Die männnlichen Figuren Baldwins fühlen sich ausgiebig und intensiv den Puls. Das ist abstoßend. Dann wieder rührend. Ein Elend. Obwohl nichts passiert, eigentlich, nimmt der Roman gewaltig Fahrt auf und wirkt bedrohlich.

    Die weiblichen Figuren kommen nicht gut weg. Man spürt den Hass auf Frauen. Ist es Davids Hass, ist es Giovannis Hass oder ist es Baldwins Hass? Es ist nicht ersichtlich. Fest steht, dass die weiblichen Figuren keine Größe haben. Sie werden benutzt und weggeworfen, sie haben für sich genommen keine Bedeutung, definieren ihren Lebenssinn allein durch den Mann. Hella ist nicht nur bereit, ihr Äußeres den gängigen weiblichen Konventionen anzupassen, was schon schlimm genug wäre, sondern sogar dazu, ihr intellektuelles Leben aufzugeben, Hauptsache, sie hat einen Mann. Baldwin lässt sie sagen: „David, lass mich eine Frau sein, bitte. Mir egal, was du mit mir machst. Mir egal, was es kostet. Ich lasse mir die Haare wachsen, ich höre auf zu rauchen. Ich werfe meine Bücher weg.“ *kotz*. Während David einige Seiten vorher lässig meint: „Ich liebte sie so sehr wie immer und wusste noch immer nicht, wieviel das war.“

    Fazit: „Giovannis Zimmer“ ist ein vielschichtiger Roman, so schmal das Büchlein ist. Die Sprache ist richtig, richtig gut. Auf den Punkt. Die Atmosphäre des Paris der 1950er ist perfekt eingefangen. Die männliche Sexualität steht im Mittelpunkt. Sie ist gewalttätig, sanft und zerrissen. Doch die Art Baldwins über Frauen zu schreiben, nehme ich übel. Selbst dann, wenn man das Frauenbild zugrunde legt, das in den 50ern dominant war. Der Roman erschien 1956.

    Kategorie: Anspuchsvolle Literatur.
    Verlag: dtv, 2020