Gestapelte Frauen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Gestapelte Frauen: Roman' von Patrícia Melo
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Gestapelte Frauen: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783293005686

Rezensionen zu "Gestapelte Frauen: Roman"

  1. Femizide in Brasilien

    „Und Carla war tot. Rita war tot. Meine Mutter war tot. Um mich herum stapelten sich die toten Frauen.“ (S. 207)
    Der Roman „gestapelte Frauen“ verarbeitet auf literarische Weise eine bittere Realität: Femizide - Morde an Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Brasilien gehört zu den Ländern mit einer weltweit besonders hohen Anzahl an Frauenmorden. Die Täter und Opfer kommen aus allen sozialen Schichten. Frauen wurden u.a. getötet, weil sie die Musik nicht leiser stellten, sich weigerten für Zuckerrohrschnaps aufzukommen oder sich trennen wollten.

    Der Roman ist dreigeteilt; die einzelnen Erzählstränge ziehen sich mehr oder weniger abwechselnd durch das Buch und sind durch die Art der Kapitelkennzeichnung leicht voneinander zu unterscheiden. Jeweils kurze Abschnitte sind einem Opfer gewidmet: Im Protokollstil wird angegeben, wer welche Frau getötet hat - manchmal erfahren wir auch den Grund der Tötung. Wir lesen: „getötet vom Ehemann“, „getötet vom Schwager“, „getötet vom Ex-Freund“, „getötet vom Vater“ usw.

    In den Kapiteln A-X begleiten wir eine junge Anwältin (Ich-Erzählerin), die sich in einen intelligenten, charmanten Kollegen verliebt hat. Auf einer Party bezeichnet er sie als Schlampe und gibt ihr eine Ohrfeige. Seitdem verfolgt sie der Gedanke, dass eine Ohrfeige häufig nur ein erster gewalttätiger Schritt ist dem weitere und unter Umständen sogar Mord folgen. Jedenfalls hat sie solche Entwicklungen während ihrer Anwaltstätigkeit schon öfter erlebt. Um Abstand zu gewinnen, nimmt sie bereitwillig den Auftrag ihrer Kanzlei an, in den brasilianischen Bundesstaat Acre ins Amazonasgebiet zu reisen. Dort im entlegenen Cruzeiro do Sul soll sie für ein Projekt zur juristischen Auswertung von Femiziden die entsprechenden Gerichtsverhandlungen beobachten und dokumentieren. Gerade erst wurde dort ein 14jähriges Mädchen aus der indigenen Bevölkerung bestialisch ermordet. Die Aufklärung des Falles offenbart Mängel der Polizeiarbeit, die Käuflichkeit der Justiz und zeigt die rassistische Ausgrenzung der indigenen Bevölkerung. Diejenigen, die sich für eine lückenlose Aufklärung und ein gerechtes Urteil einsetzten, laufen selbst Gefahr, ausgeschaltet zu werden.

    In den Kapiteln Alpha bis Eta sucht die Ich-Erzählerin indigene Dörfer im Amazonasgebiet auf, nimmt dort an spirituellen Riten teil und trinkt Ayahuasca, einen Trank mit bewusstseinserweiterten Wirkung. Sie durchlebt Visionen, in denen sie und andere Frauen als Amazonen die Mordopfer rächen. In diesen Abschnitten verarbeitet die Ich-Erzählerin das Leid der getöteten Frauen, die sich in ihrem Notizbuch stapeln, und auch ihre eigene verdrängte Vergangenheit bricht vehement hervor: Auch ihre Mutter ist ein Mordopfer - getötet von ihrem Ehemann, dem Vater der Protagonistin. Die in der Realität erlittene Machtlosigkeit der Opfer verwandelt sich in diesen Visionen zu Stärke, Rache- und Gewaltphantasien, in denen die Mörder zur Rechenschaft gezogen und getötet werden.

    Auf nur 247 Seiten spricht der Roman sehr viele unterschiedliche gesellschaftliche Missstände an. Neben den Femiziden geht es auch um Machismus, Drogenschmuggel, Korruption, die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, deren Armut, rassistische Ausgrenzung und die Zerstörung des Regenwaldes. Historische Ursachen für die Missstände werden angerissen, aber nicht weiter ausgeführt. Hinzu kommt die mythologische Ebene der brasilianischen Amazonen-Kriegerinnen, die während der Visionen eine Rolle spielt. Der Roman ist eine Mischung aus Tatsachenbericht, Krimi und Drogentrip. Vor allem die Erlebnisse der Ich-Erzählerin und die Gewaltexzesse während ihres Drogenrausches waren mir zu viel. An anderer Stelle hätte ich mir mehr Informationen über die nur angerissenen Themen gewünscht. Die Autorin schreibt über ein Tabuthema und zeigt, dass Gewalt gegen und Tötung von Frauen vor allem im privaten und häuslichen Umfeld vorkommen. Sie räumt mit der Vorstellung auf, es seien nur bestimmte, nämlich sozial schwache Bevölkerungsgruppen betroffen. Femizide in Brasilien betreffen alle gesellschaftlichen Schichten.

    Patrícia Melo hat ein wichtiges, erschütterndes Buch geschrieben, das sich sprachlich flüssig und wie ein sozialkritischer Kriminalroman lesen lässt. Die vielen Themen, die nur angerissen wurden, hätten für mich gerne noch weiter ausgeführt werden können. Eine Leseempfehlung für alle, die sich für häusliche Gewalt und das Thema Femizide interessieren.

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  1. 4
    28. Dez 2021 

    Wie Frauenhass und die Kolonisation des Landes zusammenhängen!

    Dieses Buch ist erschreckend, dunkel düster und dieses Buch ist real und damit auch so eindringlich. Frauenmorde, Gewalt gegen Frauen, Diskriminierung von Frauen. Dies ist nichts Unwirkliches. Das gibt es und ich verstehe nicht, wie es so etwas geben kann, wieso so etwas geschieht. Frauenhass. Was für ein eigenartiges Wort! Was soll mir das sagen? Ich verstehe es nicht! Jeder hat Frauen in der Familie, es gibt also persönliche Bezüge. Jeder wird mit Achtung vor anderem Leben großgezogen. Aber ist dies wirklich so? oder ist dies nur in meiner persönlichen Blase so? Oder ist dies etwa nur meine Wunschvorstellung?

    Schon in unseren westlichen Welten gibt es diese Ungleichbehandlung. Es ist vieles im Wandel, ja, vieles ändert sich, wird besser. Diese Männerwelt wird weiblicher, diverser. Das geht langsam, aber es passiert. Zumindest in unserer westlichen Welt. Doch wie sieht es im Rest der Welt aus? In den anderen Männerwelten? Dunkel!

    Dieses Buch hier erzählt uns eine Geschichte aus Brasilien, genauer gesagt aus dem Bundesstaat Acre. Denn Unterschiede gibt es auch in Brasilien. Im moderneren Osten des Landes scheint es für Frauen besser zu sein. Aber nicht ungefährlich, wie die Protagonistin des Buches am eigenen Leib erfährt. Aber im rückschrittlicheren Westen des Landes scheint es noch schlechter für die Frauen bestellt zu sein.

    Und die Autorin Patrícia Melo beleuchtet hier auch die Ursachen, die in der Kolonisation des Landes begründet liegen. Männliche Kolonisatoren nahmen sich einheimische Frauen aus den indigenen Gemeinschaften zur Frau. Die Indigenen, die schon immer als Menschen unterster Stufe betrachtet wurden, wenn sie denn das Glück hatten, überhaupt als Menschen wahrgenommen zu werden, gaben den Kolonisatoren ihre Frauen nicht freiwillig, hier erfolgte eine gnadenlose Ausrottungspolitik, von der die überlebenden Indigenen heute noch berichten. Die geraubten Frauen gebaren den Brasilianern Kinder, die wieder negativ auf die Indigenen blickten und blicken, weil sie sich zu den Kolonisatoren zählen, obwohl sie längst indigene Wurzeln haben. Was für ein Irrsinn!

    Und damit wird neben dem Machismo in den lateinamerikanischen Ländern und dem dazugehörigen Frauenhass und der allgegenwärtigen Korruption auch die Stellung der Indigenen im Land in diesem Buch thematisiert. Was der Autorin ganz wunderbar gelingt! Dieses Buch beschäftigt sich mit der Misogynie und den Femiziden, aber auch mit den Ureinwohnern des Landes. Die Autorin hat wunderbar recherchiert, was das Nachwort bestätigt.

    In den Kapiteln, wo die Protagonistin in die Welten der Indigenen eintaucht, wird eine Liebe und eine Verbundenheit zu deren Kulturen verdeutlicht. Das ist interessant gemacht. Denn dieses Buch zeugt von neueren Ansichten zu den Indigenen des Landes. Das gefällt mir sehr, brennt doch mein Herz schon seit Jahren für die indigenen Einwohner der Amerikas.

    Ich bin neugierig, wie dieses Buch wohl in Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas wahrgenommen wird, wie der lateinamerikanische Macho dieses Buch wahrnimmt, sofern er denn lesen kann!

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