Geschichte eines Kindes: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Geschichte eines Kindes: Roman' von Anna Kim
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Geschichte eines Kindes: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:220
EAN:9783518430569

Rezensionen zu "Geschichte eines Kindes: Roman"

  1. Wohlmeinender Rassismus

    TW: Im Roman wird die Sprache der Zeit verwendet, inklusive heute als rassistisch erkannter Begriffe wie Mulatte oder Neger. Diese werden daher auch in meiner Rezension vorkommen. Ich möchte versichern, dass dahinter keine verletzende Absicht steckt, sondern nur der Wunsch, den Rassismus der 50er Jahre und die Verletzungen betroffener Menschen nicht zu verharmlosen oder zu verschweigen.

    Handlung:

    Im Jahr 1953 wird ein Neugeborenes zur Adoption freigegeben. Als Zweifel aufkommen, ob es vielleicht ein Mischlingskind ist, beginnt die Sozialarbeiterin Marlene eine obsessive Suche nach dem Vater, um den ‘rassischen Hintergrund’ des kleinen Daniel bestimmen zu können.

    In der Gegenwart setzt Ich-Erzählerin Franziska, eine österreichische Autorin mit südkoreanischer Mutter, die Puzzleteile von Daniels Geschichte zusammen, mit Hilfe seiner Ehefrau Joan. Er liegt nach einem schweren Schlaganfall im Krankenhaus und kann sie selber nicht mehr erzählen

    Meine Meinung:

    Hier wird ein Kind begutachtet, als gebe es nichts Wichtigeres als die Frage, ob sich in der Form seiner Lippen und seiner Nase nun europide, negride oder indianide Merkmale zeigen. So oder so, betont Schwester Aurelia, seien sie nicht ‘normal’.

    Es ist eine bestürzende Juxtaposition von Aussagen und Begebenheiten, die verdeutlichen: Die Schwestern, die Ärzte, die Mitarbeiterinnen des Sozialdienst wollen das Beste für das ‘Mulattenkind’, gleichzeitig sprechen sie über den kleinen Daniel mit einer erschreckenden Mischung aus längst widerlegtem Irrglauben und Ansichten, die ihn seiner Menschlichkeit berauben. Da ist von ‘Auskreuzungen’ die Rede, von der bedauerlichen Tatsache, dass ‘Negerkinder’ nun mal weniger intelligent seien als weiße Kinder.

    Dabei wurde Daniel nach seiner Geburt untersucht und als hochintelligent eingestuft. Nur war seine Haut da noch heller und die Fragen nach seiner Herkunft noch nicht aufgekommen. Und welch Überraschung: Später wird er erneut getestet und prompt als deutlich weniger intelligent bewertet. Ein Bestätigungsfehler par excellence. Was nicht sein darf, kann auch nicht so sein.

    Auch ehrlich erscheinendes Wohlwollen entpuppt sich immer wieder als pervertiert. Da werden adoptionswillige Paare abgewiesen oder hingehalten, weil die Verantwortlichen es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, ein Kind unbestimmter Herkunft an ein gutes weißes Ehepaar zu vermitteln. Da fällt auch schon mal das Wort ‘Wirtsvolk’, und als leises Echo über die Jahrzehnte hinweg wispert es ‘Umvolkung’. Mein Gott. Als sprächen wir von Tieren, sogar von Schädlingen.

    Als Resultat verbringt Daniel, ein kleines Kind in einer prägenden Zeit seines Lebens, viele Monate in einer Einrichtung, der Liebe einer Familie unnötig beraubt. Und das durch Menschen, die ihm nicht einmal etwas Böses wollen. Deutlicher hätte die Autorin gar nicht zeigen können, dass auch wohlmeinende Ignoranz schädlich ist.

    Der nicht so wohlwollende Rassismus kommt jedoch kaum zur Sprache; durch die allgegenwärtige weiße Perspektive (Marlene, Joan, die Ärzte etc) wirkt er auf mich wie mit einem Weichfilter versehen.

    Das Echo der Annahme, die rassische Identität müsse auch die persönliche Identität bestimmen, erklingt auch in den Erlebnissen von Ich-Erzählerin Franziska, wo das Thema untrennbar verwoben ist mit der Mutter-Tochter-Beziehung. Mit ihr eröffnet sich eine nicht weniger wichtige Ebene der Geschichte, die neue Perspektiven ermöglicht und neue Aspekte in bereits angesprochene Themenkomplexe einbringt, wie zum Beispiel die direkten und indirekten Auswirkungen von Rassismus auf das Mutter-Kind-Verhältnis.

    Das ein oder andere Mal hatte ich den Eindruck, es gebe hier im Grunde genug Stoff für zwei oder drei Bücher. Verschiedene Themen rauben sich gegenseitig etwas die Luft, weil sie jeweils sehr viel Raum einnehmen. Das steigert sich noch gegen Ende, wenn Marlenes Lebensgeschichte völlig unerwartete dunkle Blüten treibt. Mal werden sie nur angerissen, mal so ausführlich beschrieben, dass Danny als Person fürs Erste in den Hintergrund rückt.

    Überhaupt: Er selber bleibt stumm, die in seinem Leben so prävalente Fremdbestimmung setzt sich fort. Es wird über ihn gesprochen, nicht mit ihm. Obwohl ich verstehen kann, warum es Sinn macht, dass Daniel selber nicht zu Wort kommt, fehlt mir seine Perspektive doch sehr.

    Anna Kim erzählt diese Geschichte mal in Franziskas leise poetischem Schreibstil, mal in nüchternen Aktennotizen – und es ist gerade deren perfide Sachlichkeit, die mich fertigmacht. Die Akten sind für moderne Leser:innen ein Absurdum. In den knappen Notizen wird quälend offensichtlich, wie normal zu der Zeit eine Sprache war, die wir heute als entwürdigend betrachten, als rassistische Entmenschlichung. Obwohl die Schwestern und auch die Ärzte eigentlich nur das Beste für Danny wollen, sind sie tief verwurzelt im Irrglauben ihrer Zeit, in der Idee einer anthropologischen Bestimmung des Menschen. Hier wird eher ein leiser, gewaltloser Rassismus beschrieben, ein geradezu freundlicher Rassismus. Aber eben doch Rassismus.

    So gut geschrieben, wie ich das Buch auch größtenteils finde, habe ich doch einen leisen Kritikpunkt: Da die Geschichte über weite Strecken in Gesprächsprotollen erzählt wird und daher in indirekter Rede, kommt es oft zu einer Häufung von “er/sie/es habe [Verb]”-Formulierungen, durch die der Sprachfluss ganz empfindlich ins Stocken gerät.

    Fazit

    Das Buch hat mich auf jeden Fall abgeholt, ich war voll und ganz gefesselt von der Geschichte. Diese bietet einen neuen Blickwinkel auf das Thema Rassismus – mal intensiv und unmittelbar geschildert, mal aus der kalten Distanz der Bürokratie gesehen. Über verschiedene Protagonistinnen kommt auch eine weibliche Sicht ins Spiel, die unter anderem das Thema ‘Mutterschaft in einem rassistischen Kontext’ in den Fokus stellt.

    Trotz meiner oben erwähnten Kritikpunkte ist “Geschichte eines Kindes” ganz ohne Zweifel ein fesselndes, ein wichtiges Buch, das die Nominierung für den Deutschen Buchpreis mehr als verdient hat.

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  1. 4
    11. Sep 2022 

    Segregation - gestern und heute

    Auch dieses Buch ist keine einfache Lektüre. Aber das erwarte ich auch nicht bei Büchern, die in der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden sind.
    Eine Journalistin stößt auf eine Lebensgeschichte und macht daraus ein Buch. Im Juli 1953 bringt die zwanzigjährige Carol Truttman in einer Kleinstadt in Wisconsin ein Kind zur Welt und noch in derselben Nacht gibt sie das Kind zur Adoption frei. Daniel Truttman, so heißt der Kleine, kommt in die Obhut des Sozialdienstes. Die den Jungen betreuenden Kinderschwestern äußern den Verdacht, dass der Junge nicht vollkommen weiß sei, dies erschwert die Vermittlung des Jungen in der damaligen Zeit. Eine Sozialarbeiterin soll die wahre Herkunft des Jungen recherchieren und übertritt bei dieser "Recherche" definitiv Grenzen, wird später zur Schuldigen erklärt. Aber ist sie das wirklich allein? In dieser Geschichte verhalten sich viele aus unserer heutigen Zeit schauend eigenartig und übergriffig. Und hier spielt nur mein Blick als Leserin eine Rolle. Denn auch in unserer heutigen Zeit gibt es Individuen, die ähnlich schauen. Dies ist also nicht nur ein Problem der damaligen Zeit. Und genau diesen Gedanken greift die Autorin mit einem eigenen Blick in die eigene Vergangenheit auf. Denn diese Segregation, diese Ausgrenzung gab es zu der damaligen Zeit und auch in der heutigen Zeit gibt es diese aussondernden Gedanken und Taten. Welche verwerflich sind! Denn auch wenn wir anders aussehen, wir sind alle Menschen und nicht unser Aussehen, unsere Rasse, unsere Kultur, unser Glauben, unsere Sexualität macht uns besser und schlechter. Allein unser Charakter macht dies, und zwar allein dieser! Zumindest in meinen Augen. Ein europäischer Egoist und ein asiatischer Egoist sind beides Egoisten, unabhängig von anderen Dingen. Nur muss man bei dieser ganzen Thematik aufpassen, dass sie nicht in ein Zuviel abkippt. Denn diese Frage, woher man kommt, muss man nicht automatisch als negativ bewerten. Denn solch eine Frage bekommen auch Menschen mit eindeutig weißem Aussehen gestellt, zum Beispiel wenn sie einen eigenartigen Dialekt sprechen. Hat auch etwas mit einer uns allen eigenen Neugier zu tun. Klar nervt diese Frage, wenn sie ständig kommt und die Betreffenden sind geneigt diese Frage negativ zu bewerten und dies verstehe ich auch. Aber nicht alles gehört in dieses aussondernde und bewertende Spektrum. Aber dieses Buch macht nachdenklich und fordert auf eigenes Tun und Denken neu zu bewerten und vorsichtiger im Umgang miteinander zu sein. Denn man will ja nicht einfach so verletzen, ich kann dies von mir behaupten. Denn wenn ich das will, jemanden verletzen will, gibt es einen Grund und dieser Grund hat nichts mit Rasse, Kultur, Glauben und Sexualität zu tun, sondern bezieht sich auf charakterliche Schwierigkeiten mit der betreffenden Person.
    Diese Geschichte hat Anna Kim gut geschrieben, die Thematik ist ansteckend und anzündend, wie ihr an meiner Rezension merkt. Nur der kühle und rationale Ton hat mich etwas gestört und kostet diesem wichtigen Buch den fünften Stern, obwohl die Thematik eigentlich den fünften Stern bräuchte.

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