Gassengeflüster: Schwarze historische Geschichten

Buchseite und Rezensionen zu 'Gassengeflüster: Schwarze historische Geschichten' von Albrecht Sommerfeldt
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Gassengeflüster: Schwarze historische Geschichten"

Format:Taschenbuch
Seiten:234
EAN:9798358575172

Rezensionen zu "Gassengeflüster: Schwarze historische Geschichten"

  1. Liebenswerte Leichenfledderer und schweigende Stiftsfrauen

    Dirnen, Vagabunden, Bettler. Wer die bisherigen drei Historischen Romane von Albrecht Sommerfeldt kennt, weiß, dass sich der Hamburger Autor gern auf die Seite der Schwachen und Hilfsbedürftigen schlägt. In seinen Geschichten regieren Schmutz und Armut, manchmal auch Gewalt und ein wenig Spuk. So auch im jüngst erschienenen Erzählband "Gassengeflüster", mit dem Sommerfeldt die Pause bis zu seinem neuen, für das nächste Jahr geplanten Roman "Sold und Sühne" gewohnt kreativ und spannend überbrückt.

    Vier mehr oder weniger lange Erzählungen zwischen 35 und 90 Seiten beinhaltet das "Gassengeflüster". Während der Auftakt "Wer anderen eine Grube gräbt" mit seinem vor allem atmosphärisch gelungenem Leichengefledder noch stark an Sommerfeldts Debüt "Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen" erinnert, folgt die größte Überraschung des Buches mit der zweiten Geschichte "Die Witte Tulp", die nicht nur wegen ihrer Länge wohl als Herzstück des Buches bezeichnet werden kann. In Tagebuchform lässt der Autor den Naturwissenschaftler Jacob Voigt von April bis Juli 1642 die Geschichte eines Schiffbrüchigen erzählen, der gemeinsam mit einer Handvoll niederländischer Matrosen auf einer unbewohnten Insel strandet und sich dort mit zunehmender Dauer einem unerbittlichen Überlebenskampf ausgesetzt sieht. Sommerfeldt experimentiert hier mit der Sprache und lässt diesen Voigt selbst die schauerlichsten Dinge extrem nüchtern und gewählt erzählen. Das wirkt bisweilen aberwitzig und brachte mich mehrfach trotz der Grausamkeit der Geschichte zum Lachen. Gerade weil sich Voigt als recht unzuverlässiger Erzähler präsentiert und Dinge, die ihn in ein schlechtes Licht rücken könnten, bewusst verheimlicht. Zwar weist "Die Witte Tulp" im Mittelteil die ein oder andere Länge auf, was jedoch zum zähen Ringen auf der Insel so gut passt, dass ich diese nach dem überraschenden Finale kaum noch als eine solche wahrnahm.

    Der zweite Höhepunkt des Buches folgt mit "Das Sichtbare vergeht..." auf dem Fuße. Der aus den "Glunterschratzen" bekannte Wanderprediger Thomas von Marburg soll in einer nicht näher bezeichneten norddeutschen Stadt aufklären, warum zwei Frauen aus dem benachbarten Stift des Nachts eine Leiche ausgraben und eine dieser Frauen dabei zu Tode kommt. Marburgs Gefängnis-Besuche bei der überlebenden Stiftsvorsteherin Dorothea von Erlmoor entpuppen sich als das eigentliche Spektakel der Erzählung. Die beiden von der Intelligenz ebenbürtigen Gegenspieler:innen mögen ein wenig an Clarice Starling und Dr. Hannibal Lecter erinnern. Nur ohne "Quid pro quo", denn Dorothea schweigt beharrlich. Das Ende der Geschichte verblüfft mit einem unerwarteten Kniff, der sicherlich lange in Erinnerung bleiben wird.

    Abgerundet wird das "Gassengeflüster" mit der diesmal einzigen Geschichte aus Hamburg namens "Bis dass dein Tod uns scheidet". In ihr sieht sich der junge Gaukler Lorenz einem moralischen Dilemma ausgesetzt, als er nach einem Einbruch ein "schrecklich nettes" Ehepaar trifft und entscheiden muss, wem er trauen kann. Eine Frage, die über Leben und Tod entscheidet...

    "Gassengeflüster" ist ein insgesamt überzeugender Erzählband, in dem jede Geschichte für sich punkten kann. Atmosphärisch, spannend und augenzwinkernd lädt Albrecht Sommerfeldt damit alte und neue Leser:innen ein, sich den düsteren Gestalten in den Gassen der frühen Neuzeit anzuschließen. Mich haben vor allem die beiden mittleren Erzählungen überzeugt, die mehr als nur ein Appetithappen auf den nächsten Roman sind. Wobei zu viel Appetit auch nicht gut ist, wie einige Figuren in diesem Buch eindrücklich zeigen. Denn bei der Lektüre bleibt einem auch schon mal das Lachen im Halse stecken...

    Teilen