Fremdes Licht: Roman

Rezensionen zu "Fremdes Licht: Roman"

  1. Allein, allein

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Dez 2020 

    Die Wissenschaftlerin Elaine erwacht in einer Eiswüste. Geschützt wird sie von den Trümmern des Raumschiffs, mit dem sie und viele andere Menschen vor langen Zeiten von der Erde gestartet sind, um den Folgen des Einschlags eines riesigen Meteroiten zu entkommen. Um die lange Reise zu überstehen, wurden sie in Kokons in einen Kälteschlaf gelegt. Und nun scheint Elaine die Einzige zu sein, die den Absturz und die Reise überlebt hat. Zwar hat sie einige technische Hilfsmittel und Nahrung, aber am meisten hilft ihr die Erinnerung an die Zeit mit ihrem Großvater, ein Inuit, mit dem sie auf Grönland gelebt hat.

    Wie ist es, wenn die Zukunft die Vergangenheit ist und die Vergangenheit die Zukunft? Elaine muss sich in einer unwirtlichen Welt zurechtfinden, die sie Winterthur nennt. Dass sie ihre Jugend auf Grönland mit ihrem Großvater verbracht hat, hilft ihr bei der Bewältigung der täglichen Aufgaben. Auch die wissenschaftliche Ausbildung ist hilfreich, aber die ihr Durchhaltevermögen und ihren Ideenreichtum zieht sie aus der Zeit mit ihrem Großvater. Doch wie lange kann sie alleine überleben? Und wie soll sie die Technik, die ihr noch zur Verfügung steht, einsetzen?

    Dieser dystopisch angehauchte Roman spielt in einer Zeit nach der großen Katastrophe. Doch schon vorher hatte sich die Welt verändert. Trotz herausragender technischer Entwicklungen ist das Leben nicht unbedingt besser geworden. Und die herannahende Katastrophe bietet nur wenigen eine Chance zu überleben. Der Autor macht daraus ein interessantes Gedankenspiel um Vergangenheit und Zukunft und die Fähigkeit zu bestehen. Welcher Hintergrund befähigt zu überleben. So stecken schließlich mehrere Geschichten in dem Buch, die jeweils einen neuen Blickwinkel eröffnen. Dadurch entstehen zwar auch Brüche, doch ebenso entstehen Ansätze, über das Gelesene nachzudenken. Darüberhinaus erfährt man einiges über das Leben der Inuit, die einen anderen Blick auf die Natur haben oder sich einfach etwas erhalten haben, was woanders zumindest zum Teil verloren gegangen ist. Dieser Roman ist eine Besonderheit, für die man etwas Zeit einplanen muss. Zeit, die sehr gut angelegt ist.

  1. Genremix: Frustration vorprogrammiert

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Okt 2020 

    Kurzmeinung: Genremix kostet 2 Sterne. Literarisch gut aufgestellt.

    Das Setting ist formidabel. Ein fremder Planet. Eisplanet. Atembare Luft. Eis. Mehr Eis und noch mehr Eis. Kalt. Mehr kalt. Und eine Bruchlandung.

    Die Erde ist tot. Ein Komet schlug ein, aber einige Hundert haben es in das Raumschiff geschafft, das für die Planetenbesiedlung in irgendeiner Zukunft gedacht war. Es ist das einzige, wo gibt und es ist nicht die dafür vorgesehene Besatzung, die es an Bord geschafft hat. Gleichwohl auch Elaine, Genomforscherin, und Darius, ihr Jugendfreund, der Kapitän.

    Die Erde ist tot und alle anderen sind auch tot. Nur Elaine hat die Bruchlandung überlebt. Sie ist nicht nur die einzige Überlebende dieses Schiffs, sie ist die einzige Überlebende der Menschheit.

    Der Autor versteht es, den Leser in die Langsamkeit von Elaines Gedankenwelt zu ziehen. Er versteht es, verständlich zu machen, dass Elaine, aufgrund ihrer Prädisposition bezüglich Psyche, Körper und Herkunft die einzige Person ever sein könnte, die es tatsächlich schaffen könnte, diesen enormen Schock zu verdauen, sich am Leben zu erhalten und eventuell sogar einen Ausweg zu finden. Oder sie bringt sich um. Die einzige zu sein, das hält doch keiner aus! Allerdings haben Elaines Vorfahren, die Inuit, Aufgeben nicht als Option im Hirn. Vor allem ihre Urgroßmutter nicht, die in Vorzeiten, eine ebenfalls aussichtslose Situation aushielt und überlebte.

    Obwohl das äußere und innere Setting so wirkt, als ob einem bei„Fremdes Licht“ ein spannender Thriller in das Netz gegangen wäre, ist dies nicht der Fall. „Fremdes Licht“ ist ein ernsthafter Roman. Jedenfalls im ersten Teil, der exakt bis zur Hälfte reicht.

    An was würde man selber denken, wenn man sich in einer hoffnungslosen Lage wiederfände? Verständlicherweise erinnert man sich. Denn die Erinnerungen sind das einzige Reale und Bekannte, was geblieben ist. So sind auch Elaines Gedanken ein Wirrwarr von Erinnerungen an ihre Jugend, an all das, was sie mit dem Großvater in den grönländischen Sommern und Wintern erlebt hat, eine Zeit, die sie exakt auf das vorbereitet zu haben scheint, was sie jetzt erleidet. Sie weiß zum Beispiel genau, dass sie sich in dieser extremen Kälte nicht zu viel auf einmal bewegen darf, weil ihr Herz sonst nicht mitmacht. Aber auch nicht zu wenig, weil sie sonst erfriert.

    Im ersten Teil erfährt der Leser zudem viel über die Inuit. Über ihre Götter und ihre Lebensweise. Er nimmt Anteil an Elaines Leben als Biologin. An ihrer Liebe zu ihren Familienmitgliedern und zu Darius, ihrem Jugendfreund.

    In der Kälte geht alles quälend langsam. Das ist einsehbar. Es passiert deshalb wenig, was nicht in Elaines Gedanken passiert. Obwohl Elaine so ganz allmählich einen Plan hat. Es stockt einem der Atem. Elaine muss ihre Unterkunft verlassen, denn sie hat etwas erschaffen, was ihr den endgültigen Garaus machen könnte und sie muss vor dem Selbsterschaffenen weglaufen. Es kommt nämlich nicht darauf an, weiß sie, dass sie selbst weiterlebt, sondern, dass irdisches Leben überhaupt existent bleibt. Wenn sie diesen Planeten mit Leben besiedelt, mit wiederstandsfähigem Leben, mit Leben, das sich weiterentwickeln kann, dann hat sie ihre Mission erfüllt. Dafür setzt sie das letzte ein, was sie hat: ihr eigenes Leben.

    Der zweite Teil ist ein Schlag ins Gesicht. Der Autor wechselt das Genre. Das war nicht vorhersehbar!

    Vom wirklich guten Science-Fiction-Roman geht es ab ins Chicago vergangener Zeiten, Mitte 19. Jahrhundert, als ein Frauenmörder die City heimsucht. Aus einem Science-Fiction-Roman hohen literarischen Niveaus wird ein Horror-Schauer-Kriminalroman mit gehörigem esoterischen Einschlag.

    Es ist Geschmacksache, ob man diesen zweiten Teil goutiert. Geschrieben ist er so gut wie der erste. Aber inhaltlich kann die geneigte Leserin nicht mitgehen. Weder Esoterik noch Schauerroman findet ihren Beifall.

    Man muss dem Autor zugutehalten, dass er alles, was folgt, die Geschichte der Urgroßmutter in Chicago, durchaus schon im ersten Teil vorbereitet hat. Aber wer hätte gedacht, dass es gleich so schlimm kommen würde!

    Ein Wort noch zum Schluss. Nach all der bedrohlichen, grauen Verzweiflung ist das Ende des Romans leider weder passend noch glaubwürdig. „Zwei Menschen gehen Hand in Hand in den eisigen Sonnenuntergang“. Ironie off.

    Fazit: Genremix: Kann man machen, wenn man Lust am Experimentieren hat, man verliert aber jede Menge Leser dabei. So schade. Es bleiben dennoch 3 gute Punkte übrig.

    Kategorie:Genremix. (SF plus Schauerroman)
    Luchterhand, Auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises 2020

  1. Ein intensives, mitreißendes Leseabenteuer

    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Mai 2020 

    „Du bist eine ganze Vergangenheit und eine ganze Zukunft, Elaine, lass es dir niemals nehmen, deine Geschichte zu erzählen, wie sie wirklich passiert ist.“ (Zitat Seite 8)

    Inhalt
    Im 24. Jahrhundert wird die Erde durch einen Kometeneinschlag vollkommen zerstört. Ein modernes Flugschiff, schneller als die Lichtgeschwindigkeit, ist mit Überlebenden unterwegs zu einem neuen Planeten, mit an Bord die Genforscherin Elaine Duval. Doch die Landung misslingt und Elaine erwacht als offenbar einzige Überlebende in einem Umfeld aus extremer Kälte, grauer Dunkelheit, Schnee und Eis. Doch sie liebt Schnee, Eis und eine Linie ihrer Vorfahren waren Inuit, die in Grönland lebten. Sie gibt dem unbekannten Planeten den Namen Winterthur, nach ihrem letzten Aufenthaltsort in der Schweiz und beginnt, ihn zu erkunden. Plötzlich sieht sie eines Tages Inuit-Zeichen im Schnee. Was ist Einbildung, was ist real?

    Thema und Genre
    Dieser Roman verbindet die Genre Abenteuer, Science Fiction, Generationengeschichte, Kriminalroman, Biografie und Historischer Roman zu einem stimmigen, fesselnden Ganzen. Themen sind die mögliche Zukunft, Genforschung, unsere Wurzeln durch Erinnerungen an die Vorfahren, Überleben im Eis, Grönlandforscher, Inuit, die Weisheit der Naturvölker, Tradition, die Weltausstellung in Chicago 1893.

    Charaktere
    Elaine Duval und ihre Vorfahrin Uki „Elaine“ haben vieles gemeinsam: sie haben gelernt, in Kälte und Eis zu leben und überleben und schöpfen aus ihrer Geschichte, den damit verbundenen Erinnerungen und ihren Vorfahren die Kraft, zu kämpfen und nicht aufzugeben. Die Genforscherin Elaine, geboren 2345, wird durch ihren Großvater geprägt, der sie mit dem Wissen und Traditionen der Inuit vertraut macht und dadurch auf ihr Überleben in der eisigen, unglaublichen Kälte und Einsamkeit des neuen Planeten vorbereitet. Uki „Elaine“ im 19. Jahrhundert wird durch die Älteren und die Schamanen ihres Stammes im Überleben unter extremen Bedingungen geschult und durch neues Wissen, als der norwegische Forscher Fridtjof Nansen „Vogelmann“ auf seiner Grönland-Expedition in ihrer Bucht landet.

    Handlung und Schreibstil
    Dieser Roman besteht aus zwei großen Teilen: Teil I Winterthur und das Ende der Welt, Teil II Grönland und die Weiße Stadt.
    In Teil I erzählt die Genforscherin Elaine von den ersten Tagen auf dem neuen Planeten, ist in der Erinnerung wieder mit ihrem Großvater unterwegs, denkt an ihre Kindheit und an ihre Zeit in Grönland, schöpft neue Kraft durch das Wissen und die Traditionen der Inuit. Die Erkundung des fremden Planeten wird zu einer Reise in die Vergangenheit, zur tiefen Verbindung mit ihren Vorfahren. Kälte erinnert an Kälte, Eis an Eis, und das Überleben folgt ähnlichen Kriterien.
    Teil II spielt im 19. Jahrhundert und besteht aus zwei Erzählsträngen, dem chronologisch geführten Tagebuch des Forschers Fridtjof Nansen und der Ich-Erzählung von Uki während der Weltausstellung in Chicago, ihre Gedanken und Erinnerungen.
    Ergänzt wird die Handlung durch sprachlich beeindruckend intensive Schilderungen, sehr lebendig lesen sich sind die Eindrücke von den Attraktionen der berühmten Weltausstellung aus Sicht einer Inuk.

    Fazit
    Als einzige Überlebende auf einem fernen, unbekannten Planeten bekommen Elaines Überlegungen zum Universum und zum Ende des Universums eine packende Eigendynamik, die auf den Leser übergeht. Eine großartiger Roman, der sich in seiner Vielschichtigkeit nur schwer beschreiben lässt - ein dichtes, sehr intensives und spannendes Leseerlebnis.