Flugfedern: Novelle

Buchseite und Rezensionen zu 'Flugfedern: Novelle' von Simone Regina Adams
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Thibaut, Anfang zwanzig, lebt auf einem Bauernhof mit seiner aus Frankreich stammenden Großmutter. Als er eines Abends von einem Sommerfest kommt, wird er Zeuge einer Vergewaltigung. Er rettet die junge Frau, Sophie, aus dieser Situation und nimmt sie mit zu sich nach Hause.Als sie ein paar Wochen später verschwindet, sucht er sie überall, findet sie nach Monaten schließlich - und erfährt, dass sie in der Zwischenzeit von einem anderen Mann schwanger geworden ist. Dennoch hofft er auf einen Neuanfang, er will Sophie halten, schützen, begreifen.Doch in dem Nest, das er für sie erschafft, lässt sie sich nicht halten. Es ist eine ihrer Affären, die Thibaut schließlich veranlasst, sich endgültig von ihr zu trennen.Jahre später, Thibaut ist inzwischen verheiratet und selbst Vater geworden, will Sophie ihn wiedersehen. Die bevorstehende Begegnung wirbelt nicht nur längst Vergangenes in ihm auf, sie stellt auch sein bisheriges Leben in Frage.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783863514723

Rezensionen zu "Flugfedern: Novelle"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Feb 2019 

    Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist eine Entscheidung

    Thibaut ist noch ein sehr junger Mann, als er Sophie vor einer Vergewaltigung rettet. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause. wo er mit seiner Großmutter lebt. Nach wenigen Wochen verschwindet Sophie. Als die beiden wieder aufeinander treffen, ist sie von einem anderen Mann schwanger. Dennoch hofft Thibaut auf einen Neubeginn mit ihr und dem Kind.

    Die Novelle beginnt, als Thibaut und Sophie noch sehr jung sind. Bruchstückhaft erinnert sich Thibaut an seine Kindheit. Von der Mutter verlassen, wächst er bei der Großmutter auf. Seine Erinnerungen sind sehr stark sexuell konnotiert. Es ist sein immenser Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, dass er Sophie bei sich halten will. Doch für Sophie ist diese Nähe zu viel zu einengend. Jahre später, als Thibaut mit Helene verheiratet ist und selbst eine Tochter hat, erhält er von Sophie einen Brief.

    Zwischen dem zweiten und dritten Kapitel der Novelle ist ein Bruch von einigen Jahren. Aber auch im folgenden Text, lebt die Geschichte zunächst von den Erinnerungen Thibauts, an ein Leben mit Sophie und ein Leben nach Sophie. Jetzt als Ehemann, Vater, Psychologe, beginnt er über den Verlauf seines Lebens nachzudenken.

    „Er stellte sich vor, dass man letztlich daran irre wird, wenn man sich zu weit von seinem eigenen Lebensfaden entfernt. Man wird irre daran, dachte er, weil es dann keine Identität mehr gibt, keine Vergangenheit, keine Orientierung und keinen Halt.“ Er fühlt sich abseits seiner Lebenslinie, diese Linie, die man erst spürt, wenn man sie verlassen hat. Er glaubt sich aus der Bahn geworfen, hadert, ober Sophie wiedersehen will oder nicht.

    Simone Regina Adams schreibt im Prolog, über den Nashornvogel, der für sein Weibchen in einer Baumhöhle sein Nest baut, in das sie gerade so hineinpasst Sie reißt sich die Flugfedern aus du polstert damit, das Nest, das Männchen versorgt sie durch eine kleine Öffnung mit Futter und Wasser. In dieser Enge braucht das Weibchen ihre Flugfedern nicht. In der menschlichen Wirklichkeit funktioniert so etwas aber nicht. Sehr behutsam setzt die Autorin ihre Worte, erzählt von den Sehnsüchten und Ängsten, von Lebensplänen, die mit der Liebe kollidieren.

    „Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist eine Entscheidung.“ Letztlich entscheidet sich Thibaut.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Feb 2019 

    eine literarische Wohltat!

    Die Novelle "Flugfedern" von Simone Regina Adams wird in meinem Buchregal einen besonderen Platz erhalten. Denn dieses Buch ist ein echter Leseschatz. Mit gerade mal 160 Seiten und einem sehr reduzierten Cover kam es in aller Bescheidenheit daher. Doch schon nach den ersten Sätzen fiel mir die Kinnlade herunter, ob soviel gefühlvoller Ausdruckskraft. Bevor ich hier weiter schwelge:

    Thibault, ein junger Mann, französischer Abstammung, wird Zeuge einer Vergewaltigung. Er nimmt das verstörte Opfer Sophie zunächst mit zu sich nach Hause. Er lebt mit seiner Großmutter Mémé allein auf einem Hof in einem kleinen Ort in Süddeutschland. Sophie wird einige Zeit hier leben. Thibault wird sich in Sophie verlieben. Scheinbar erwidert sie seine Gefühle. Doch nach einiger Zeit wird sie fürs Erste aus seinem Leben verschwinden. Es wird nicht bei diesem einen Mal bleiben. Denn Thibault spürt sie auf und sie kehrt zunächst wieder zu ihm zurück.

    Insgesamt werden die beiden über mehrere Jahre zusammen und wieder getrennt sein. Später in seinem Leben - Thibault ist mittlerweile mit Helene verheiratet, beide haben ein Kind - wird Thibault ein Schreiben von Sophie erhalten, in dem sie ihn wieder um ein Treffen bittet.

    "Warum? Warum jetzt, nach all den Jahren?"

    Die Geschichte ist unspektakulär - abgesehen von den ersten Seiten. Was dieses Buch jedoch so faszinierend macht, sind Aufbau und Sprachstil.

    Der Anfang behandelt die Zeit nach der Vergewaltigungsszene. Drei Menschen leben auf einem Hof: Großmutter Mémé, Thibault und Sophie. Anhand der Erinnerungen von Mémé und Thibault, die die ersten Kapitel dieser Novelle bestimmen, kann man sich ein gestochen scharfes Bild der Lebenswege von Großmutter und Enkel machen. Einzig Sophie bleibt profillos. Sie ist die große Unbekannte in dieser Dreier-Konstellation. Selbst Thibault schafft es nicht, die Persönlichkeit von Sophie zu fassen, was umso erstaunlicher ist, da er bis über beide Ohren in sie verliebt ist. Was liebt er also an ihr?
    Die Antwort auf diese Frage schafft ganz viel Interpretationsansätze. Daher lässt sich zurecht behaupten, dass dieses kleine Büchlein den Leser intensiv beschäftigen wird.

    "Ein Wesen, dachte Thibault, das gesehen und gleichzeitig nicht gesehen werden will. Und nun wurde auch das zu einem der vielen Bilder von Sophie. ... So, wie der Engel, der sein Gesicht in den Handflächen verbarg - und dabei zwischen den Fingern herausschaute. Der sich versteckte und sich dennoch so offensichtlich danach sehnte, dass man ihn sah. In all seiner Hoffnung und in all seiner Angst, erkannt zu werden."

    Anhand großer Zeitsprünge betrachtet man die Entwicklung des Protagonisten Thibault. War er zunächst noch der junge schüchterne Mann, den der Zufall mit einer großen Liebe beschert hat, ist er im nächsten Moment Ehemann und Vater, der nicht mehr viel gemein hat, mit seinem früheren Leben. Er ist beruflich vorwärtsgekommen. Er ist reifer und selbstbewusster. Thibault ist ein völlig anderer Mensch. Und doch kommt er von seiner Vergangenheit mit Sophie nicht los.

    Die Novelle wird in sehr leisen Tönen erzählt. Die Symbolik vieler Sätze, die einem immer und immer wieder begegnet, stimmt nachdenklich. Der Sprachstil von Simone Regina Adams strahlt dabei sehr viel Zärtlichkeit aus, so dass nahezu jeder Satz tief unter die Haut geht.

    Fazit:
    Ein Leseschatz! Gefühlvoll, zärtlich, faszinierend und tief berührend.
    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Feb 2019 

    Poetisch formulierte und nachhallende Novelle

    „Er stellte sich vor, dass dies alles Lebenslinien waren, jeder Mensch hatte in dem Muster seine eigene, kürzere oder längere, gerade oder gewundene Lebenslinie, und sie begegneten sich auf unterschiedlichste Weise. […] Die Zeit lag als unsichtbare Linie auf dem Boden, und jeder Mensch hatte eine solche Linie, einen Faden, dem er folgte, ohne es zu wissen.“ (E-Book, S. 30)

    Im Rahmen einer spontanen Leserunde habe ich die Novelle „Flugfedern“ der Autorin Simone Regina Adams entdeckt. Und – was soll ich sagen? Es könnte zu einem der Jahreshighlights werden, auch wenn das Jahr erst einen Monat alt ist und noch viele Bücher entdeckt werden wollen :-)

    Selten habe ich auf 160 gedruckten bzw. 92 E-Book-Seiten eine atmosphärisch dichtere Geschichte gelesen. Auf den ersten Blick ist es eine (tragische) Liebesgeschichte. Auf den zweiten (tieferen) Blick ist es jedoch eine tragische Lebensgeschichte und das Psychogramm des Protagonisten Thibaut.

    Der schlägt einen Vergewaltiger in die Flucht, verliebt sich in die Frau (Sophie), nimmt sie bei sich auf – hier beginnt ein Kreislauf von erfüllter und unerfüllter Liebe. Wie die ganze Sache endet, sei hier natürlich nicht verraten, aber spannender ist eh das, was die Autorin der Leserschaft über Thibaut erzählt und nicht erzählt. Vieles bleibt unter dem Mantel der poetisch-lyrischen Sprache verdeckt, manches trifft offen zu Tage und am Ende – ja, was hat man am Ende? Eine über weite Strecken sprachlich brillante Novelle.

    Ein Buch, was förmlich danach schreit, öfter gelesen zu werden – was auf Grund der Kürze nicht wirklich schwierig ist bzw. sein sollte.

    Also, von mir gibt es eine ganz klare Leseempfehlung!