Flüchtiges Glück

Buchseite und Rezensionen zu 'Flüchtiges Glück' von Kent Haruf
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Der englische Originaltitel von Flüchtiges Glück lautet "Plainsong" -- zu deutsch: Gregorianischer Gesang, oder auch Cantus planus -- und wird vom Autor Kent Haruf kurz und prägnant als "eine einfache und schlichte Melodie oder Weise" beschrieben. Das passt perfekt zu diesem wunderschönen, unbeschnittenen Buch, dessen Geschichte in Colorado am Rande der Prärie spielt. Tom Guthrie ist ein Highschool-Lehrer, dessen Frau das Bett nicht verlassen kann -- oder will; die McPhersons sind zwei in die Jahre gekommene, unverheiratete Brüder, die nur wenig von der Welt außerhalb der Grenzen ihrer Farm kennen; Victoria Roubideaux ist eine schwangere 17-Jährige, die nicht weiß, wohin sie gehen soll. Diese Menschen leben nebeneinander her, wie es in den Kleinstädten überall in Amerika üblich ist -- bis Maggie Jones, eine weitere Lehrerin, dafür sorgt, dass sich ihre Wege kreuzen. Während sie bemüht ist, Guthrie aus seiner dunklen Wolke herauszuziehen, sorgt sie dafür, dass Victoria bei den beiden McPherson-Brüdern unterkommt, die sich mit Rindern weitaus besser auskennen als mit Teenagern. Als sich Victoria eines Tages Sorgen macht, sie hätte ihrem ungeborenen Kind Schaden zugefügt, versuchen sie sie mit der besten Lüge, die ihnen einfällt, zu beruhigen: "Wir hatten irgendwann einmal eine junge, trächtige Kuh, in die irgendwie ein Stück Zaundraht geraten ist -- und es hat weder ihr noch ihrem Kalb geschadet."

Holt, Colorado, ist die Art Kleinstadt, in der jeder schon im Voraus weiß, was der andere so macht. Auf gewisse Weise trifft das auch auf dieses Buch zu. Viel Spannung in der Handlung gibt es nicht; man kann jede Wendung schon lange im Voraus erkennen. Es ist der bis ins kleinste Detail perfekte Dialog, umhüllt von einer Prosa, die zwar direkt, aber dennoch reich an Einzelheiten ist, der Flüchtiges Glück so besonders macht: der Blick aus dem Autofenster, der eine Frau zeigt, die ihren weißen Schoßhund an einem Stück Geschenkband spazieren führt, die an die Kreide der Dorfschule erinnernde Gesichtsblässe einer Mutter, der Geruch von Heu und von Mist, das wechselnde Licht der Prärie. Auch die größeren Fragen des Romans werden in mundgerechten Stücken serviert. Wird Guthrie endlich Liebe erfahren? Wird Victoria mit dem Vater ihres Kindes davonlaufen? Werden die McPhersons lernen, eine Unterhaltung zu führen? Aber in diesem Fall ist das Ganze weitaus größer als die Summe seiner Einzelteile.

Flüchtiges Glück gelingt es, nichts Geringeres als eine ganze Welt einzufangen, mit all den Einzelheiten, die dazu gehören. Kent Haruf besitzt eine hervorragende Beobachtungsgabe sowie die Fähigkeit, das Einfache komplex zu gestalten. --Mary Park

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:315
Verlag: Btb
EAN:9783442750566

Rezensionen zu "Flüchtiges Glück"

  1. Eine absolute Leseempfehlung!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Apr 2019 

    Angefixt durch das Buch Unsere Seelen bei Nacht wollte ich unbedingt ein weiteres Werk dieses Autors lesen. Es spielt, wie bei allen seinen Werken, in dem fiktiven Städtchen Holt in Colorado.

    Wir begegnen in der Geschichte einer Reihe von Bewohnern, die schlicht und ergreifend aus ihrem ganz normalen Alltag erzählen.

    Die engagierte Lehrerin, die sich einer schwangeren Schülerin annimmt und diese bei zwei eigenbrötlerischen Brüdern auf deren Bauernhof unterbringt. Nach einer anfänglichen Hemmnis, da sie den Umgang mit Frauen nicht gewohnt waren, wird es immer mehr zu einem richtig harmonischen Miteinander. Zuerst haben die Brüder ihre Schwierigkeiten, einen Gesprächsstoff mit dem jungen Mädchen zu finden. Dies führt zu äußerst humorvollen und ungewöhnlichen Fragen, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Später sind sie aufrichtig bemüht, das Kinderzimmer liebevoll einzurichten. Wir treffen auch auf den Lehrer mit zwei Söhnen, dessen Frau zuerst das Bett nicht verlässt und dann plötzlich die Familie im Stich läßt.

    Die Geschichte wird unaufgeregt und für mich authentisch erzählt, sie spiegelt das Leben auf dem einsamen Lande sehr gut wider. Es ist nicht nur trist und von Arbeit geprägt, sondern es darf auch ordentlich geschmunzelt werden.

    Mir hat auch dieses Buch in seiner Nüchternheit sehr gut gefallen und einige schöne Lesestunden bereitet!

  1. ...wie die Prärie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Apr 2019 

    Das Buch erzählt alltägliche Ereignisse aus dem Leben der Bewohner von Holt: Victoria, die schwangere, verlassene Schülerin, Guthrie, der von seiner Frau verlassen wird, Ike und Bobby, seine Söhne, die Wärme und nähe bei ihren Nachbarn suchen, die Brüder Mc Pheron, die versuchen, die Eintönigkeit ihres Lebens zu überwinden. Es geht um das Wagnis, sich auf Beziehungen zu anderen Menschen einzulassen, um das Wagnis, Verantwortung zu übernehmen. Maggie Jones, ebenfalls Lehrerin, übernimmt den Versuch, diese Menschen zu verbinden. Die Episoden fließen dahin wie die "rolling hills" der Prärie, ohne große Dramatik, aber dennoch nicht ohne Spannung. Die Sprache ist lakonisch, aber dicht; subtil transportiert Haruf die Gefühle, die die Figuren nicht offen aussprechen können. Ein ruhiges Buch, das mich positiv gestimmt entlässt; ein offenes Ende mit einer positiven Tendenz, aber ohne kitschig zu sein. Von Kent Haruf will ich mehr lesen.