Fischers Frau

Buchseite und Rezensionen zu 'Fischers Frau' von Karin Kalisa
3.35
3.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Fischers Frau"

Südliche Ostsee, 1928: Ein dreijähriges Fangverbot macht die Fischer arbeitslos – statt hinaus aufs Meer zu fahren, setzen sie sich an Webstühle und knüpfen Teppiche, die die Welt der See zeigen – oder der Welt die See, wie man es nimmt. Ein österreichischer Tapisserist lehrt sie die Knoten, auf die es ankommt: Senneh und Smyrna. Die "Perser von der Ostsee" entwickeln sich europaweit zum Verkaufsschlager. Fast einhundert Jahre später wird der zurückgezogen lebenden Kuratorin Mia Sund ein sehr seltsames Exemplar auf den Tisch gelegt: In seinem Flor irrlichtern Hunderte von Grüntönen, segeln Koggen unter mysteriösen Flaggen, tanzen kleine Wellen in den Augen der Fische und eine ornamentale Borte entpuppt sich als vieldeutige Chiffre. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren beantragt Mia eine Dienstreise und macht sich quer durch Europa auf die Suche nach der Knüpferin und ihrer Botschaft, die die alte Erzählung vom Fischer und seiner Frau auf den Kopf stellt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Droemer HC
EAN:9783426282090

Rezensionen zu "Fischers Frau"

  1. Echt, oder Fälschung?

    Mit dieser Frage muss sich die Kuratorin Mia Sund beschäftigen, als ihr ein Teppich von außergewöhnlicher Farbe und Symbolik auf den Tisch kommt. Sie ist Faserarchäologin und als solche erkennt sie die Alterung der Fäden und die Ungleichmäßigkeit der Handarbeit. Das Stück ist den Fischerteppichen der Ostsee zuzurechnen. Sie entstanden Ende der 1920er Jahre aus der Not eines dreijährigen Fischfangverbots heraus. Die Fischerfamilien konnten sich mit dem Knüpfen der Unikate über Wasser halten.
    Allerdings sind das Grün und Blau des Teppichs sehr ungewöhnlich und als Mia dann auch noch einen umlaufenden Schriftzug im Rand entdeckt, ist ihre Neugier größer als die Angst, aus ihrem selbstgewählten Mittelstandleben herauszutreten. Sie macht sich auf die Reise nach Zagreb, von wo dieser Teppich unaufgefordert gen Greifswald geschickt wurde. Dort trifft sie auf eine, in Auflösung befindliche, Teppichreparaturwerkstatt und auf Milan, der sie bei der Recherche unterstützt.

    Bald schon merkt Mia, dass sie nichts mehr an ihren alten Arbeitsplatz zurückzieht. Stattdessen schreibt sie die Geschichte des Teppichs und seiner Knüpferin nieder und beginnt ein neues Leben.

    Mit diesem Bruch im Roman, vom fach- und sprachspiellastigen Krimi einer Protagonistin mit belasteter Vergangenheit in Greifswald zum, mit umgedrehten Vorzeichen versehenen, Märchen des Fischers und seiner Frau (Meine Frau die Ilsebill, will nicht so, wie gern will...), verlässt die Autorin auch den Rahmen einer geradlinigen Erzählung. Vielmehr präsentiert sie uns ein Kaleidoskop der jüngsten europäischen Geschichte, mit all seinen Hoffnungen, Schrecken und Aufbrüchen und knüpft sie, bishin zur Neuen Seidenstraße, deren Endpunkte sich über ganz Europa verteilen, zu einem fiktiven Teppich, der mit seiner Außergewöhnlichkeit beeindruckt.

    Es ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz, der vielleicht irritiert, mich aber angenehm überrascht hat. Die Fadenenden des Geküpften sind es, die das Licht brechen und die schillernde Vielfalt der Vergangenheit in seiner ganzen Dimonsion zeigen. Karin Kalisa bezeichnet die Vergangenheit als Brausepulver und die Gegenwart als Glas Wasser, was sie mit diesem Roman eindrucksvoll bewiesen hat. Der Fischerteppich war genau der richtige Aufhänger dafür.

    Eine liebevoll gestaltete Europakarte im Vorsatz erleichtert das Hinterherreisen der Protagonisten mit dem Finger.

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  1. 2
    20. Jun 2022 

    Prätentiöses Flickwerk

    Fischerteppiche? Niemand, den ich kenne, hat je von ihnen gehört, und jeder, der von ihnen hört, googelt sie und ist sofort geflasht. Mir ging es nicht anders. Insofern hat Kalisa es mit ihrem neuen Roman goldrichtig gemacht. Und rund um das Thema der Teppichknüpferei funktioniert der Roman auch ganz wunderbar. Die Fakten sind bestens recherchiert, die Internationalität und Verwobenheit dieser Welt wird einem vor Augen gestellt. Und so schön, optisch wie haptisch, Kalisa den außergewöhnlichen Fischerteppich beschreibt, der auf dem Schreibtisch ihrer Protagonistin Mia Sund landet, würde man ihn sich am liebsten an die Wand hängen und im Vorbeigehen jedes Mal streicheln. Auch die Vorstellung zweier verflochtener Frauenleben gefiel mir gut. Die Fakten nutzen, um entlang dieses Gerippes ein vergangenes Leben zu rekonstruieren, meinetwegen auch erfinden, und mit einem gegenwärtigen zu verbinden, dadurch Resonanz erzeugen – tolle Sache.

    Nur tut Kalisa das nicht. Etwa in der Mitte schneidet sie den Roman in zwei Teile, die notdürftig mit dünnem Faden zusammengehalten werden. Ab diesem Punkt spielen Fakten und Recherche keine Rolle mehr. Kalisas Protagonistin will eigentlich einen Forschungsbericht verfassen; stattdessen beginnt sie völlig unmotiviert, die Geschichte der historischen Frauenfigur als sehr ausführliches Märchen zu fantasieren. Zum Buchtitel passt das, schießt aber über´s Ziel hinaus. Das Ende soll alles zusammenführen, was aber nicht gelingt: Ich habe noch NIE eine schlechtere letzte Seite gelesen.

    Kalisas Sprache will literarisch sein und bemüht geschraubte Schachtelsätze, die Mühe haben, den Inhalt rüberzubringen. Auch mit ihren Versuchen, Aphorismen zu schaffen, kam ich nicht zurecht, zum Beispiel: „Nur wenn man irgendwo auch mal stehen bleibt, kann es weitergehen. Sonst geht man einfach.“ Aha. Oder „Nicht Papier ist geduldig, dachte sie, die Zeit selbst ist es.“ Diese Art von Pseudotiefsinn finde ich schwer aushaltbar. Dazu immer wieder Wortspiele wie „…eine bestimmte Schönheit oder eine schöne Bestimmtheit…“ Sowas ist für mich nur Wortgeklingel; ich hatte den Eindruck, Kalisa könne keinem Wortspiel widerstehen, ob es Sinn macht oder nicht. Das Hauptthema des Romans scheint Echtheit und Fälschung zu sein. Die Autorin philosophiert über deren Wesen in langen Sätzen, aus denen ich keine Erkenntnis gewonnen habe.

    Auch die Figurenzeichnung gefiel mir nicht. Sämtlichen Romanfiguren mangelt es an physischer Präsenz und Tiefe. Eine Nebenfigur, die mir aufgrund ihrer Unkonventionalität anfangs gut gefallen hat, entpuppt sich als bloße Stichwortgeberin. Die Probleme der mit traumatischen Erlebnissen belasteten Hauptfigur Mia, die im ersten Drittel des Romans auf sehr verrätselte Weise viel Raum einnehmen, lösen sich im letzten Drittel quasi in Luft auf. Die Liebesromanze, die ab der Hälfte das Hauptthema des Romans und zur Erlösung der Hauptfigur wird, bleibt für mich körperlos, wird bis zur Blutlosigkeit idealisiert. Warum muss „die Liebe“ immer noch die ultimative Rettung weiblicher Figuren sein?

    Fazit: Ihren thematischen Glücksgriff hat Kalisa verspielt. Das Ergebnis ist ein prätentiöser, sprachlich ärgerlicher Roman, aus Versatzstücken zusammengeflickt, der für mich kein stimmiges Ganzes ergeben hat.

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  1. Spurensuche

    Auf Mia Sunds Schreibtisch landet eines Tages ein in auffälligen Grüntönen geknüpfter Teppich, der Ähnlichkeit mit Fischerteppichen von der Ostsee aufweist, sich bei genauere Betrachtung aber durch viele besondere Details von anderen bekannten Exemplaren abhebt. Als Kuratorin und Faserarchäologin soll Mia die Echtheit des Teppichs prüfen. „Nicht, dass es eine Fälschung ist“ (S. 9) - mit diesem Satz aus dem Mund ihres Vorgesetzten wird Mia schlagartig von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Verunsichert, aber auch mit großer Faszination und Hartnäckigkeit beginnt die zurückgezogen lebende Kuratorin mit Nachforschungen. 1928 wurde den Fischern in der südlichen Ostsee ein dreijähriges Fangverbot auferlegt. Ein Österreicher unterwies die arbeitslosen Fischer und ihre Frauen in die Kunst der Teppichherstellung. Bereits nach kurzer Zeit avancierten diese Fischerteppiche, die heute auch als „Perser der Ostsee“ bezeichnet werden, zu begehrten Kulturgütern und sicherten den Lebensunterhalt der Familien. Dies, die Motivik, die Färbe- und Knüpftechniken sind historisch belegt, alles weitere webt die Autorin auf unterschiedlichen Ebenen um diese Fakten herum. Wir begleiten Mia auf ihrer mühsamen Spurensuche bis nach Zagreb in eine alte Werkstatt für Teppichknüpferei und -reparatur. Ausgehend von neuen Fundstücken und Hinweisen rekonstruiert sie die Geschichte der „Kleinen Fischerin“, die eine Meisterin im Erzählen war und die Entstehungsgeschichte des Teppichs. Als Mia versucht, die Spuren zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, drängt sich ihr eine mögliche Geschichte auf. Dabei treten durchaus auch Parallelen im Leben von Mia und der „Kleinen Fischerin“ zutage.

    Karin Kalisas Roman ist zugleich Märchen und Sachbuch, eine Reise in die europäische Vergangenheit und Gegenwart, eine leise Liebesgeschichte, der Versuch einer Vergangenheitsbewältigung und eine Suche nach dem Glück. Jenseits von Labeln und Echtheitszertifikaten geht es immer wieder auch um die Frage, was ein Original, was eine Fälschung ausmacht. Manchmal findet sich das Wahre im Falschen und umgekehrt - das gilt nicht nur für Gegenstände, sondern auch für das Leben.
    Fischers Frau liest sich zuweilen sperrig; der Erzählstil ist nüchtern und distanziert. Es ist ein leiser Roman, der vor allem durch die gut recherchierten Fakten zur Materialkunde, der Motivik und den gesamten historischen Hintergrund punktet. Mir hat auch die Rolle gefallen, die das Erzählen von Geschichten, in diesem Roman einnimmt. „Es war und es war nicht“ (S. 250).
    Diese Formel, mit der spanische Märchenerzähler ihre Geschichten eröffnen, ist auch für Karin Kalisa in ihrem Roman „Fischers Frau“ essentiell, wenn sie historisch Belegtes mit Fiktivem vermischt. Als Leserin hatte ich ein distanziertes Verhältnis zur Handlung und den Protagonist:innen. Im Gegensatz dazu sehe ich den besonderen Fischerteppich aufgrund der sehr detaillierten Beschreibung vor meinem inneren Auge in leuchtenden Farben. Zu gerne würde ich ihn wie Mia aus den unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, mich in die Nuancen vertiefen und über die Wolle streichen.
    Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen - auch, weil ich selbst einige Jahre in einem Museum gearbeitet habe und weiß, wie schwierig, aber auch faszinierend es sein kann, die Geschichten hinter den Objekten herauszufinden.

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