Finstere Havel: Kriminalroman

Buchseite und Rezensionen zu 'Finstere Havel: Kriminalroman' von  Tim Pieper
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Finstere Havel: Kriminalroman"

Ein Auto wird aus der Havel geborgen, am Steuer eine tote Frau. Beging sie Selbstmord, war es ein Unfall oder wurde sie umgebracht? Die Ermittlungen führen Hauptkommissar Toni Sanftleben in den Naturpark Westhavelland, wo die Biologin an einem großen Flussprojekt mitarbeitete und in ihrer Freizeit den Nachthimmel erforschte. Doch am dunkelsten Ort Deutschlands ist es so finster, dass man die Gefahr nicht kommen sieht.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:310
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Rezensionen zu "Finstere Havel: Kriminalroman"

  1. Unfall, Selbstmord oder Mord?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Apr 2021 

    Ein Auto wird aus der Havel geborgen, am Steuer eine tote Frau. Beging sie Selbstmord, war es ein Unfall oder wurde sie umgebracht? Die Ermittlungen führen Hauptkommissar Toni Sanftleben in den Naturpark Westhavelland, wo die Biologin an einem großen Flussprojekt mitarbeitete und in ihrer Freizeit den Nachthimmel erforschte. Doch am dunkelsten Ort Deutschlands ist es so finster, dass man die Gefahr nicht kommen sieht.

    Erster Satz (S. 7): “Lautlos kam das Auto aus der Dunkelheit, rollte den Fähranleger hinunter und klatschte in die Havel.”

    Mit ‘Finstere Havel’ legt der Autor Tim Pieper bereits den fünften Band seiner Regionalkrimi-Reihe um Hauptkommissar Toni Sanftleben vor. Zwar lassen sich die Krimis unabhängig voneinander lesen, da sie in sich abgeschlossen sind, jedoch würde ich allein schon der Entwicklung der Charaktere wegen empfehlen, die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen.

    Der fünfte Band der Havelkrimis hat es wahrlich in sich. Melanie Berndt heißt die junge Frau, die tot aus der Havel geborgen wird, angeschnallt in ihrem Auto. Bis zum Schluss bleibt dabei unklar, ob es sich bei ihrem Tod um einen Unfall handelt, um einen Selbstmord oder um einen Mord. Die Ermittlungen laufen daher in alle Richtungen, und da tun sich schon bald mehr Abgründe auf als anfangs zu vermuten war.

    Die junge Biologin war hypersensibel, versuchte ihren Stress durch zu viele Sinneswahrnehmungen mit Alkohol zu betäuben und verließ schließlich Mann und Kind. Durch die Anonymen Alkoholiker schaffte Melanie es dann aber, vom Alkohol loszukommen, und tat auch sonst alles, um bei der nächsten Gerichtsverhandlung die Chance zu wahren, ein unbeschränktes Umgangsrecht für ihre kleine Tochter zu erhalten.

    Auch wenn Melanie Berndt Menschen meist mied und sich im Umgang mit ihnen oftmals unsicher und unbeholfen benahm, zeugten viele ihrer Verhaltensweisen dennoch von einem großen Einfühlungsvermögen. Wenn etwas gegen ihre Prinzipien verstieß, reagierte sie allerdings sehr spontan und kompromisslos, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken. Dies brachte ihr nicht nur Freunde ein. Beruflich war sie aber trotz ihrer Mankos erfolgreich, was sie v.a. ihrem Chef Professor Wendschneider verdankte, der ihre Fähigkeiten zu schätzen wusste und der sie stets unterstützte.

    Je intensiver Toni Sanftleben und seine Kollegen ermitteln, desto mehr wird deutlich, dass die hypersensible und sozial unbeholfene Melanie einigen Männern in ihrem Umfeld eine große Angriffsfläche bot. Sei es ihr Mann, der die Trennung nicht akzeptieren wollte und der das Umgangsrecht mit dem Kind als Druckmittel nutzte, sei es der Professor, dessen großzügige Unterstützung womöglich so uneigennützig nicht war, oder sei es ein boshafter Nachbar oder auch dessen Cousin, die Melanie in der Vergangenheit bereits einige Male verärgert hatte. Jeder von ihnen könnte der Täter sein – wenn es denn ein Mord war…

    Durch einen stetigen Perspektivwechsel zwischen den Ermittlungen bzw. dem Geschehen um die Ermittler in der Gegenwart und mit ‚Vor einiger Zeit‘ überschriebenen Kapiteln aus der Vergangenheit sorgt Tim Pieper immer wieder für kleine Cliffhanger im Geschehen, die die Spannung aufrecht erhalten. Die Abschnitte aus der Vergangenheit bieten zudem für den/die Leser/in einen kleinen Wissensvorsprung vor Toni und seinem Team, ohne dass sie dabei zu viel verraten.

    Der Schreibstil ist gewohnt flüssig, so dass sich die Seiten trotz des sehr dicht gedrängten und kleinen Schriftbildes zügig lesen lassen. Gerade die Naturbeschreibungen erscheinen sehr bildhaft und lassen Landschaften vor dem inneren Auge entstehen – teilweise gibt es da richtiggehend poetische Sätze, was ich für einen Krimi schon außergewöhnlich finde:

    „Irgendwo zersprang der Morgen, und das erste Sonnenlicht splitterte durch das Geäst." (S. 103)

    Gefallen hat mir auch, dass Tim die Charaktere unbeeinflusst von jeglicher Pandemie agieren lässt und damit auf einen Bezug zur aktuellen Lage verzichtet. So hat es mich richtig gefreut, als Tonis Kollegin einem Feuerwehrmann die Hand schüttelte – so herrlich normal, jenseits aller Rühr-mich-nicht-an-Regeln… Das mag verrückt klingen, aber mich hat das richtig erleichtert. Was mich allerdings ab und an irritierte, das ist so eine punktuelle superkorrekte Ausdrucksweise, was sich nicht nur auf die Ermittlungen bezieht und dann sozusagen unter sperrigem ‚Beamtendeutsch‘ läuft, sondern auch an anderen Stellen auftaucht, was das Ganze etwas hölzern wirken lässt. Wörter wie ‚Wirkungstreffer‘ oder ‚Blutanhaftungen‘ sind für mich einfach kein Alltags-Vokabular sondern eher Fachtermini (hier aus dem Boxsport bzw. aus einem Polizeibericht), die mich zumindest kurz stutzen lassen.

    Toni Sanftleben ist dem/der Reihenleser/in in seinem fünften Fall bereits bestens vertraut, und auch die Entwicklung des Charakters konnte bis dahin verfolgt werden. Auch wenn der Hauptkommissar immer schon eigenwillig und keinesfalls unkompliziert war, wirkt er hier trotz seiner unbestreitbaren Fähigkeiten als Ermittler nun zunehmend unausgeglichen. Er begeht Anfängerfehler (lässt in einer undurchsichtigen Situation sein Handy im Auto, trägt ungeeignetes Schuhwerk bei einer Verfolgungsjagd) und hat seine Emotionen zeitweise kaum noch unter Kontrolle. So beschimpft er nicht nur Zeugen, sondern kann von seinen Kollegen teilweise gerade noch daran gehindert werden, auf brutalste Art handgreiflich zu werden. Dies fand ich schon irritierend bis bedenklich, und tatsächlich scheint eine längere Auszeit für Toni nicht die schlechteste Idee zu sein…

    Alles in allem ist dieser fünfte Band aber auch wieder ein überzeugender Krimi voller Fragezeichen, die erst am Ende aufgelöst werden, und bis dahin wird der/die Leser/in wie ein Hase über das Feld der Verdächtigen gejagt, kreuz und quer durch alle möglichen Theorien, die gleich darauf doch wieder verworfen werden müssen. Tim Pieper versteht es eben, den/die Leser/in an der Nase herumzuführen.

    Glücklicherweise verriet der Autor bereits, dass es mindestens noch einen weiteren Fall für Toni Sanftleben geben wird, das wird alle Fans freuen. Mich auch.

    © Parden

  1. Unterm Sternenhimmel an der Havel lauert der Tod

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Mär 2021 

    Wo fange ich an? Bei Tim Pieper? Oder bei Otto Sanftleben? Vielleicht bei Toni Sanftleben? Das ist im Laufe der Jahre nicht so einfach. Bleiben wir besser bei den Havel-Krimis, deren fünfter nun bereits vor uns liegt.
    Die Havel, so sagt es uns Wikipedia ist der „längste rechtsseitige Fluss der Elbe“. Sie hat eine Länge von 394 Kilometer wobei es zwischen Quelle und Mündung nur einen Abstand von 94 Kilometer Luftlinie gibt. Sie entspringt bei Ankershagen in Mecklenburg-Vorpommern, was ich hier schon einmal erwähnte, und mündet in de Nähe der Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt in die Elbe. Es gibt die Obere, die Mittlere, die Untere Havel. Außerdem gibt es noch die Schnelle Havel.

    Dabei tut der Flusslauf der gesamten Havel eigentlich nichts zu Sache, denn Tim Pieper betrachtet in seinen Havelkrimis „nur“ kleine Gebiete in der Nähe von Potsdam oder Werder oder Babelsberg, diesmal bewegt sich Toni Sanftleben, Kriminalhauptkommissar, etwas weiter nach Westen, bis hoch in die Nähe des Naturparks Westhavelland und den dortigen Sternenpark.

    Nur der Autor kann in etwa nachvollziehen, warum Tim Pieper von nacheinander von der Dunklen, der Kalten, der Tiefen, der Stillen und nun von der Finsteren Havel schreibt. Das hat er selbst zugegeben...
    Schauen wir, was vor uns liegt.

    Die Geschichte. Finster ist es ganz sicherlich in dem Auto am Fährhafen bei Schmergow, welches da auf dem Grund der Havel liegt. In dem Auto befindet sich die Leiche einer jungen Frau, Melanie. Geschieden, Mutter einer Tochter, Biologin, wohnhaft in Rathenow, wo es den schönen Optikpark gibt. Den Ereignisort, ob es ein Tatort ist, wissen wir noch nicht, ob der Krimi, wie es sich gehört, mit einem Mord ausgeht, wissen wir auch nicht, könnt ihr auf dem folgenden Bild sehen.

    Einige Ermittlungszeit später findet sich am Nadelwehr Grütz, 98,8 km(!) vom Fähranleger bei Schmergow entfernt eine weitere Leiche namens Martin Schwarz, die schon eine Weile im Wasser treibt.

    Ob diese Ereignisorte, Tatorte sind, wissen wir noch nicht, ob der Krimi, wie es sich gehört, mit einem Mord ausgeht, wissen wir auch nicht. auf dem obigen Bild könnt ich sie sehen.

    Kriminalistisch stellen sich folgende Fragen:

    Wie sind Melanie Berndt und Martin Schwarz ums Leben gekommen? Gewaltsam durch Tötung oder durch Unfall? Wieso findet sich bei Schmergow ein Kuscheltier, das dem kleinen Sohn des Schwarz gehört? Was hat es mit dem völlig unbewohnten Mädchenzimmer im Haus von Melanie Berndt auf sich? Was hat die für seltsame Nachbarn?

    Das ist der Fall, den Toni Sanftleben mit seinen Kollegen Gesa und Phong zu lösen hat. Wie immer bei Tim Pieper sind die persönlichen Befindlichkeiten des Teams mit dabei, Gesa verliebt sich und Phong will plötzlich vom Computer auf die Straße. Wie das wohl zusammenhängt? Da Sanftlebens eigene Biografie immer der zweite Strang der Romanhandlungen war, ist dies auch hier so. Die Beziehung, die er zu Staatsanwältin Caren aufgebaut hat, ist noch relativ neu und die Bedrohung der attraktiven Juristin durch einen Stalker ist nicht vorbei.

    Das Buch. Tim Pieper streift mal wieder durch eine sehr schöne Landschaft, die er auch anschaulich beschreibt. Sternenhimmel wie am Mittelmeer? Gibts. Dieser Sternenpark im Naturpark Westhavelland liefert diese Bilder. Einfach deswegen, dass der Himmel durch wenige Lichtquellen ringsum nicht „lichtverschmutzt“ wird.
    Oder das Nadelwehr Grütz. Eine seltene interessante Anlage, davon hatte ich auch noch nie etwas vernommen und Wikipedia kann man bekanntlich nicht durchlesen.

    Regelmäßig sind die 64 Kapitel mit „Vor einiger Zeit“ überschrieben. In diesen Kapiteln können die Leserinnen und Leser die vorherigen Ermittlungsergebnisse „nachvollziehen“, denn in diesen erfahren wir, was dieser Melanie stückweise widerfuhr. Mit der Zeit wurde es nämlich ziemlich verworren, damit brachte der Autor mich Leser oft auf die Linie zurück.

    Zum Schluss bleibt, dass ich mir ein anderes Ende gewünscht hätte. Dies hier zu erläutern würde einen Spoiler zu großen Ausmaßes bedeuten. Hinzu kommt, dass diese Melanie, psychisch selbst nicht stabil, in der Masse mit teilweise verabscheuungswürdigen Männern zu tun hatte, über die "Mann" nur den Kopf schütteln kann. Der weinerliche Ex, der Chef, der seine Hände nicht bei sich lassen kann, ein Nachbar, der Tiere quält und Hassbriefe schreibt und dessen unmöglicher Cousin. Auch den Liebhaber kann ich nicht als Lichtblick betrachten. Es ist halt ein Krimi, an dieser Stelle aber nur traurig. Die jeweils genaue Rolle müssen Leserinnen und Leser schon selber herausfinden.

    Es war wieder eine spannende Geschichte, die ich gern gelesen habe. Es ist auch ein Lichtblick, dass das Hausboot, in dem Toni wohnt nun mal ablegt und die Havel in Begleitung entlang schippert. (Wann hat der Eigner das in Schuss gebracht?) Schippert er zu seinem nächsten Fall? Oder kommt doch erst mal ein „Otto“? (Das nennt man wohl einen kleinen Seitenhieb.)

    Auf jeden Fall bedanke ich mich für das Rezensionsexemplar beim Verlag und bei Tim, der der Leserunden-Community treu bleibt, die immer wieder alte Leserfreunde und -freundinnen zusammen führt.

    Übrigens bezeichnet sich der Verlag auf seiner Webseite als weltweit regional. Da gibt´s noch andere "Orte, die man gesehen haben muss". In Mecklenburg, wo die Havelquelle liegt und auch in Brandenburg.

    (Wer das Ganze bebildert sehen möchte, suche im Blog)