Feßmann

Buchseite und Rezensionen zu 'Feßmann' von Maik, Gerecke
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Feßmann"

Sommer 1998. Der 17-jährige Ich-Erzähler zieht mit seinen Eltern in eine verschlafene Gemeinde irgendwo in Deutschland. Als Ingenieur hält sein Vater die Familie mit Ortswechseln auf Trab. „Der Neue“ zu sein, ist ihm daher nur zu vertraut. Im Handumdrehen findet er Freunde, verbringt Nachmittage am Badesee und dann verliebt sich auch noch Debbie in ihn, das begehrteste Mädchen der Schule. Besser könnte es nicht laufen, wäre da nicht: Fabian Feßmann, Fettmann, die Zielscheibe der gesamten Schule. Der Neue hat Mitleid und beschließt, Feßmann in die idyllische Gemeinschaft zu integrieren. Ein Versuch, der nach allen Regeln der Kunst scheitert und in einem Amoklauf gipfelt.

Format:Taschenbuch
Seiten:132
Verlag:
EAN:9783948574024

Rezensionen zu "Feßmann"

  1. Mobbing

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Aug 2020 

    Ein interessantes Buch. Mobbing in den Endneunzigern, das ist das Hauptthema dieses Buches, aber Mobbing wird hier anders erklärt, deutlich treffender in meinen Augen. Denn ebenso ist in diesem Buch eine Gesellschaftskritik zu finden, die ins Damals/in die damalige Zeit/in die Handlung des Buches passt, aber ebenso schafft es Maik Gerecke mit etwas scharfen Worten die Handlung des Buches mit dem Jetzt/mit dem Heute zu verbinden. Der Autor schafft dies mit im Text gezogenen Vergleichen, eine interessante Art zu schreiben, wie ich finde. Auch diesen tragenden Sarkasmus fand ich herrlich in diesem Buch. Denn Mobbing wird immer auch von der Gesellschaft getragen und ist zum Beispiel in unserer vernetzten Gesellschaft viel besser/viel wirksamer/viel ausufernder möglich. Das ist etwas, was wir in unserer gläsernen Welt nicht vergessen sollten. Genauso wie wir nicht vergessen sollten, dass es bestimmten Kreisen in unseren Ländern gefällt, dass im Gleichschritt gegangen wird. Ziele von Mobbing werden oft Menschen, deren Gang nicht der Gleichschritt ist. Auch das und auch die große Gefahr darin sollte uns bewusst sein. Denn obwohl bei Mobbing immer sehr betroffen getan wird, Schuld an dieser Schikane trägt eine große Anzahl von Menschen, alle die nämlich, die zusehen und nichts tun. Und das sind viele. Genauso wie sich viele daran beteiligen. Ob nun direkt oder indirekt, denn auch manche Blicke oder unterschwellige Botschaften können verletzen. Das sind für mich herauslesbare Fakten in diesem Buch, Fakten, deren Sichtbarmachung mir sehr gefallen hat. Auch wenn die Schreibe nicht immer berauschend gut ist, hier besteht noch Verbesserungspotenzial. Die Erzählstimme ist mir zwar anfänglich sympathisch, wirkt aber nach und nach immer steriler, gekünstelter und unechter, nach und nach übernimmt die Botschaft des Autors die Führung und die Erzählstimme wirkt etwas entmenschlicht und blechern. Das ginge auch anders. Aber dennoch ist "Feßmann" ein interessantes Buch!

  1. Mobbing und das Feßmann-Projekt...lesenswert!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jun 2020 

    Mit dem Aufschlagen des Buches geraten wir in eine äußerst angespannte und hochbrisante Situation:
    Der 17-jährige schwer adipöse Schüler Fabian Feßmann steht am ersten Schultag des neuen Schuljahres 1998/99 mit einem Messer und mit einem Wassergewehr der Marke „Super Soaker 200“ bewaffnet auf der Bühne in der Aula seiner Schule.
    Die Zugangstür hat er verriegelt, Lehrer und Schüler können nicht fliehen.

    Mit Beginn des zweiten Kapitels normalisiert sich der Adrenslinsspiegel wieder, aber Neugierde und Spannung sind geweckt.
    Wir erfahren, dass der ebenfalls 17-jährige Ich-Erzähler nach vielen Umzügen und Schulwechseln, bedingt durch den Beruf seines Vaters, in o. g. Schule gelandet ist.

    Erfahrungsbedingt hat der zunächst uneingeschränkt sympathische, kommunikative und offene Ich-Erzähler keine Probleme, in einem neuen Dorf und in einer neuen Schule Fuß zu fassen.

    Gleichzeitig weiß er, wie schmal der Grat vom Neuen zum Außenseiter ist und kann sich deshalb in eine solche Rolle gut einfühlen.

    Bereits am ersten Tag erlebt er mit, wie Fabian Feßmann gemobbt, gedemütigt und ausgegrenzt wird und es dauert nicht lange, bis er einen Einblick in all die unfassbaren Erniedrigungen bekommt, denen sein Mitschüler ausgesetzt ist.

    Sehr anschaulich zeigt Maik Gerecke die innere Ambivalenz des Ich-Erzählers auf. Er ist hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl, Beschützerinstinkt und dem Impuls, sich gegen Ungerechtigkeit und Bösartigkeit aufzulehnen einerseits und der Angst, durch Solidarisierung selbst in eine Außenseiterrolle zu geraten, andererseits.

    Aber natürlich ist der Ich-Erzähler auch ein „ganz normaler“ Jugendlicher, dessen Testosteronspiegel nach Taten schreit und dessen Ego ehrgeizig danach strebt, Besonderes zu erreichen und dadurch Ruhm zu erlangen.

    Der Ich-Erzähler spürt mit einer unumstößlichen Gewissheit, dass ein Hinterfragen, ein Kritisieren oder ein Aufbegehren ihn aus seiner noch instabilen Rolle des interessanten Neuen herauskatapultieren und aus ihm selbst ein Ziel für Erniedrigungen machen würde.

    Und dann entscheidet sich der Ich- Erzähler dafür, ein Risiko einzugehen:
    Wie sein Vater, ein Architekt, der hierher versetzt wurde, um eine Brücke zu bauen, wollte auch er ein Brückenbauer sein.
    Ein Brückenbauer zwischen dem Außenseiter Fabian Feßmann und seinen Peinigern.

    Darüber, wie er das macht, ob bzw. inwieweit ihm das gelingt und welche Rolle Debbie, das begehrteste Mädchen der Schule, dabei spielt, werde ich natürlich nichts berichten, aber es lohnt sich auf jeden Fall, es selbst herauszufinden.

    Der Roman fesselte und überzeugte mich von der ersten Seite an.
    Nach zwei Dritteln ließ meine Begeisterung etwas nach. Das mag damit zusammenhängen, dass ich die Handlung ab da etwas zu konstruiert und ein bisschen unglaubwürdig empfand. Aber trotzdem konnte und wollte ich nicht aufhören, weiterzulesen. Ein gewisses Bedauern darüber, dass die bis dahin gefühlte Brillanz nachließ, überschattete ab da die Lektüre.

    Gleichzeitig und vor allem im Nachhinein war und ist da eine Faszination für die Fantasie des Autors und dachte und denke ich, dass trotzdem alles zusammengepasst hat und dass der Autor mit seiner Zuspitzung eine Möglichkeit gewählt hat, um zu verdeutlichen, was er mit seinem Text aussagen will.

    Das Ende, bei dem man schließlich erfährt, wie der Amoklauf in der Aula ausgeht, hat mich dann positiv überrascht, weil es desillusioniert und Abgründe fernab von romantischen Wünschen oder Vorstellungen aufzeigt.

    Vordergründig geht es um Mobbing und seine pot. Auswirkungen, aber eigentlich geht es um viel mehr: Gerüchte, Vorurteile, Gruppendynamik, die Macht der Gewohnheit, die Angst vor Veränderung und die Bereitschaft, seine eigene Haut auf Kosten Anderer zu retten. Um nur einiges zu nennen.

    Der Text beinhaltet zwischen den Zeilen ein Plädoyer für Selbstreflexion, Empathie, die Offenheit, zu hinterfragen und die Courage, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen, statt sich bequem anzupassen und unterzuordnen.

    Er zeigt aber auch auf, dass der Trieb „seinen eigenen Arsch zu retten“ manchmal stärker ist als das moralische Gewissen.

    „Feßmann“ ist ein wortgewaltiger, wuchtiger, flott, bildhaft und fesselnd erzählter Text.
    Der Autor beweist psychologisches Gespür und Feingefühl. Er behandelt seine Themen differenziert in ihrer Komplexität und schafft es, eine drückende, gespannte und düstere Atmosphäre zu erschaffen, die das Buch durchzieht.

    Während des Lesens kam mir der Gedanke, dass sich das Buch als Schullektüre für Jugendliche eignen könnte, weil es so viele aktuelle, brisante und wichtige Themen beinhaltet und diese flott und spannend behandelt.

    Die Lektüre drängt regelrecht auf Austausch und ist deshalb sehr geeignet für eine Diskussion, z. B. in einem Lesekreis.

  1. Eindrückliche Erzählung über die Nachwirkungen von Mobbing

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mai 2020 

    Maik Gerecke ist mir schon in den zwei Anthologien („Zerschlagen“ und „*innen – Frauengeschichten“) des VHV-Verlags positiv aufgefallen. Darum war ich erfreut, als ich im Verlagsprogramm die Vorankündigung einer Novelle von ihm entdeckte.

    Nun, mit „Feßmann“ (so der Titel) ist Maik Gerecke eine (Fazit vorab) eindrückliche Erzählung gelungen, die das Gestern ins Heute holt und zeigt, wie aktuell das Thema "Mobbing" immer noch ist!

    Der Ich-Erzähler erzählt den Leser*innen in Rückblenden die Geschichte eines, nun ja, ungewöhnlichen Amoklaufs mit noch ungewöhnlicherer Munition und wie es dazu kommen konnte. Der titelgebende Fabian Feßmann wird von allen an seiner Schule, die mitten in einem (im wahrsten Sinne des Wortes) rückwärtsgewandten kleinen Ort irgendwo in Deutschland steht, gehänselt und gemobbt. „Der Neue“ (der Ich-Erzähler) will sich daran nicht beteiligen; er ist der Meinung „[…] keiner hat es verdient, so behandelt zu werden. Auch der schrullige Fabian Feßmann nicht.“ (S. 63). Darum versucht er, Fabian „ins Boot zu holen“, sich mit ihm anzufreunden, was ihm zumindest auch zeitweise gelingt – nur um dann selbst zum „nächsten“ Hassobjekt der Schule zu werden.

    Maik Gerecke zeigt eindrucksvoll, was Mobbing bewirkt, lässt den Ich-Erzähler sich fragen, wie es (ob bewusst gewollt oder „nur mitgemacht, weil es jeder macht“ – beides ist unmenschlich) entsteht („Wer ist schuld an all den Fabians, den Hitlers, Stalins und Trumps? Waren wir nicht wachsam genug? Zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Vielleicht ist unsere Kultur zu keinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung jemals erwachsen gewesen.“ (S. 110)) – das alles (zum Teil) in der Sprache des heutigen Gestern und mit hinter den schwarzen Buchstaben versteckten Humor sowie der Verbeugung vor kultigen Science-Fiction-Serien.

    Wie immer im VHV-Verlag ist auch dieses Büchlein hochwertig gestaltet mit viel Liebe zum Detail.

    Glasklare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic