Fast genial. Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Fast genial. Roman' von Benedict Wells
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

»Ich hab das Gefühl, ich muss meinen Vater nur einmal anschauen, nur einmal kurz mit ihm sprechen, und schon wird sich mein ganzes Leben verändern.« Die unglaubliche, aber wahre Geschichte über einen mittellosen Jungen aus dem Trailerpark, der eines Tages erfährt, dass sein ihm unbekannter Vater ein Genie ist. Gemeinsam mit seinen Freunden macht er sich in einem alten Chevy auf die Suche nach ihm. Eine Reise quer durch die USA - das Abenteuer seines Lebens.

Format:Taschenbuch
Seiten:336
Verlag: Diogenes
EAN:9783257241983

Rezensionen zu "Fast genial. Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jan 2018 

    Fast genial? Nein, absolut genial das Buch

    Ein wundervolles Buch. Zusammen mit Das Ende der Einsamkeit sind das die beiden besten Bücher von Benedict Wells. Und was für ein interessantes Thema. Da ich den Klappentext nur oberflächlich gelesen und schnell wieder vergessen habe, habe ich mit dieser Thematik, Retortenkinder, nicht gerechnet.

    Wells schreibt, dass das Buch nach einer wahren Geschichte verfasst wurde. Es hätte mich interessiert, wie er zu seinem Stoff gelangt ist. Im Nachwort gibt es dazu nur sehr wenige Informationen.

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
    »Ich hab das Gefühl, ich muss meinen Vater nur einmal anschauen, nur einmal kurz mit ihm sprechen, und schon wird sich mein ganzes Leben verändern.« Die unglaubliche, aber wahre Geschichte über einen mittellosen Jungen aus dem Trailerpark, der eines Tages erfährt, dass sein ihm unbekannter Vater ein Genie ist. Gemeinsam mit seinen Freunden macht er sich in einem alten Chevy auf die Suche nach ihm. Eine Reise quer durch die USA – das Abenteuer seines Lebens.

    Auf den ersten Seiten habe ich geglaubt, es mit einem psychiatrischen Thema zu tun zu bekommen. Aber die Richtung änderte sich bald.

    Die Handlung spielt in Clymont, ein Provinznest an der Ostküste Amerikas. Der Held dieser romanhaften Erzählung ist der noch 17-jährige Francis Dean, der unter der psychischen Erkrankung seiner 40-jährigen Mutter namens Katherine Angela Dean leidet. Francis ist vaterlos, er weiß nicht mal, wer sein Erzeuger ist, da sich darüber seine Mutter bedeckt hält. Es existiert ein Stiefvater ... Katherine Angela kommt aus einem Elternhaus, das ihr wenig psychische Stabilität geboten hat, und so reißt das damalige junge Mädchen von zu Hause aus …

    Obwohl Katherine es zu einem Jurastudium gebracht hat, bricht sie ihre akademische Ausbildung aufgrund psychischer Instabilität wieder ab und macht eine Lehre als Sekretärin.

    Später heiratet sie Ryan Wilco und nimmt Francis mit in die Ehe. Vier Jahre später bekommt sie von Ryan ein Kind, Nicky, mittlerweile 13 Jahre alt. Als die Ehe auseinanderbricht, ziehen Francis und seine Mutter in einen Wohnwagen auf dem Trailerpark. Francis kleiner Halbbruder Nicky bleibt beim Vater, doch der Kontakt zwischen den beiden Halbbrüdern bleibt bestehen.

    Francis Mutter ist nicht in der Lage, für den Unterhalt zu sorgen, sodass Francis diese Verantwortung mit Nebenjobs nach der Schule übernimmt. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung verliert die Mutter immer wieder ihre Arbeitsstelle. Sie leidet an einer bipolaren Störung schizzoaffektiver Art mit einer deutlichen Suizidgefährdung.

    Auch ist es Francis, der für eine psychiatrische Klinikeinweisung sorgt, wenn die Mutter seelisch zusammenbricht.

    In dieser Klinik lernt er die etwas ältere Patientin Anne-May kennen, und wie soll das anders sein? Er verliebt sich in sie. Zwischen ihnen beiden entwickelt sich eine nicht ganz einfache Bindung …
    Anne-May ist eine junge Frau mit vielen Geheimnissen. Sie tischt Francis ein paar unwahre Geschichten auf …
    Als Francis' Mutter auf der Station einen Suizidversuch verübt, hinterlässt sie ihrem Sohn einen Abschiedsbrief, in dem er erfährt, wer sein leiblicher Vater ist.

    Nun beginnt das Abenteuer durch ganz Amerika. Francis begibt sich auf die Suche nach seinem Vater. Aus dem Brief hat er erfahren, dass er ein geistiges Genie sei, der auf der Genie-Samenbank sein Sperma hinterlassen habe und Francis ein Retortenbaby sei. Er benötigt für diese Reise viel Geld und bekommt letztmalig von seinem Stiefvater 5000,00 Dollar ausgehändigt. Mit dieser Summe macht er sich auf diese Reise …

    … Doch nicht allein. Sein bester Freund Grover und Anne-May begleiten ihn mit Grovers Auto. Um mitzufahren musste Anne-May aus der Klinik ausbrechen, und so trickst sie ihren Krankenpfleger aus …

    Monroe ist der Gründer dieser Genie-Samenbank. Er eröffnete Anfang der 1980er Jahre in Los Angeles die Monroe-Klinik. Dieser Herr verfolgte das Ziel, für eine bessere Welt mehr Genies zu produzieren, und so kaufte er den Samen von Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern, um die Dummheit in der Gesellschaft auszumerzen. Denn nur Dumme würden viele Kinder in die Welt setzen, während Akademiker oft ohne Nachkommen seien. Mit Hilfe der Genies sollen auch Kriege ausgerottet werden …

    Francis kann es kaum abwarten, endlich seinen Vater zu finden, der einen IQ von 170 haben soll, Cello spielt und Haward-Absolvent ist. Zu wissen, dass sein Vater eine hoch entwickelte Persönlichkeit ist, hebt sein Selbstbewusstsein deutlich an. Zuvor hat er sich eher als ein Versager, als ein Verlierer der Gesellschaft gesehen. Die Schule schafft er nur mühsam. Wo ist denn nun sein geistiges Potenzial? Sein super Gen? … Nun hat er Hoffnung, dass er über die Gene seines Vaters neue Chancen bekommt. Ein kleines Zitat aus dem Brief der Mutter:
    Und so kam es, dass ich nach einer längeren Testphase für geeignet erklärt wurde und in der Monroe-Klinik den Samen eines genialen Menschen eingepflanzt bekam. Neun Monate später kamst du zur Welt. Mein kleines Genie. (76)

    Er macht sich von den Genen seines Vaters abhängig ... Francis litt zuvor unter einem massiven Vaterkomplex; soll das nun anders werden, wenn er seinen Vater gefunden hat? Als leicht gestaltet sich diese Suche nicht, da die Samenbank völlig anonym praktiziert wurde …
    Aus welchen Gründen hat sich die Mutter an diese Samenbank gewendet, wo sie zuvor viele Männer hatte und problemlos weitere Kinder hätte bekommen können ...

    Sie wünschte sich ein außergewöhnliches Kind. Sie wünschte sich ein Kind, das es in der Welt leichter hat zu bestehen als sie; Sie träumte von einem Kind mit besten Auszeichnungen … Beste Schulbildung, bester Beruf, bester Stand in der Gesellschaft …

    Francis fasst diese Nachricht auf, als wäre er high. Er sieht seinen geistig hoch entwickelten Vater vor sich. Mit diesem Vater soll in seinem Leben alles besser werden und fängt an, den unbekannten Superhirn-Vater zu idealisieren …

    Den Vater zu finden ist keine leichte Sache und auf den Weg dorthin passieren noch unendlich viele Dinge zwischen diesen drei jungen Leuten, die alle drei irgendwelche persönlichen Defizite zu verwinden haben. Wie aus den anderen Wells-Romanen geht es auch hier wieder um wahre Freundschaft, um komplizierte Beziehungen und um das gegenseitige Aushalten schwerer Lebenskrisen mit sich selbst und im Umgang mit anderen …
    Zudem hat mir auch der Schluss sehr gut gefallen. Er bietet viel Gesprächsstoff. Leider kann ich darüber nicht schreiben, sonst ist die ganze Spannung weg.

    Der Buchtitel ist supergut getroffen. Ich hatte mich die ganze Zeit während des Lesens nach der Bedeutung dieses Titels gefragt. Mit etwas Geduld kommt die Antwort …

    … Die Antwort ist nicht fast genial, sondern absolut genial. Ein so kurzer und ein so vielfältiger Buchtitel. Nicht nur, dass in dem Wort genial ein Gen steckt, sondern sich dahinter viel Geschichte verbirgt ...

    Mein Fazit?

    Mich hat das Buch stark an Claus Zehrers Buch Das Genie erinnert. Auch in diesem Wort Genie steckt ein Gen. Zwischen diesen beiden Büchern gibt es so manche Parallele …

    Auch Wells Charaktere jeder einzelnen Figur waren authentisch beschrieben. Über die Thematik in dem Buch scheint der Autor gekonnt recherchiert zu haben, und auch die vielen Problemfelder wie z. B. Vaterkomplex, Spielsucht, und Identitätsfindung hat Wells ausreichend glaubwürdig ausfüllen können.

    Das Buch stimmt nachdenklich und wirft berechtigte Zweifel zu der Produktion von Retortenbabys auf. Die fiktive Monroe-Klinik stand in Verruf, da die Methoden sehr fragwürdig seien. Die Genie-Samenbank wurde von Kritikern als Dr. Frankenstein oder als Hitler-Gene bezeichnet. Und nicht auszudenken, was es mit den vielen vaterlosen Kindern macht, die erfahren, dass sie Retortenbabys sind, und sie kein Recht auf eine Akteneinsicht haben, um zu erfahren, wer der tatsächliche Vater ist …

    Wells beschreibt in seinem Buch einen Film zu dieser Thematik mit dem Titel Blade Runner,
    in dem die Figuren ähnlich wie die Retortenkinder unter ihrer Herkunft leiden. Nur werden die Figuren in dem Film als Replikanten bezeichnet. Replikanten sind Menschen, die rein chemisch erzeugt wurden, ohne Samen und wie Roboter funktionieren. Können wir uns in Zukunft den perfekten und fehlerfreien Menschen chemisch selber herstellen, dort wo die Gene versagen?

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Mai 2016 

    Endet leider nur >fast< genial ...

    Francis, ein 18-jähriger, fast mittelloser Junge lebt mit seiner depressiven Mutter Katherine in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in einem Trailer. Durch Katherines schief gegangenen Selbstmordversuch erfährt Francis, wer sein angeblicher Vater sein soll. Zusammen mit seinem besten Freund Grover und Anne-May, die er in der Klinik, wo seine Mutter liegt, kennengelernt hat, macht er sich voller Tatendrang auf die Reise, um seinen scheinbar genialen Vater aufzuspüren ...

    Dieses Buch liest sich wunderbar schnell weg. Langeweile kommt da nicht auf. Benedict Wells hat sich da wirklich eine interessante und zugleich mitreißend spannende Geschichte ausgedacht, die nur nebenbei erwähnt, wahr sein soll.

    Während mir der Hauptprotagonist Francis sehr sympathisch und sein Freund Grover einfach nur mitleiderregend und armselig vorkam, desto kühler und unnahbar erschien mir Anne-May vorerst. - Bis ich erfahren habe, warum sie sich so gegeben und anfangs alle belogen hat.

    Ich habe es geliebt, mit Francis mitzufiebern, neues über den Verbleib seines Vaters herauszufinden und die Beziehungsentwicklung zu Anne-May mitzuverfolgen. Und wahrscheinlich hatte ich sogar mehr Herzklopfen als Francis in dem Buch, als er in Las Vegas um sein Leben gespielt hat.

    Jedoch hat mich das Ende etwas >enttäuscht< - wenn das das richtige Wort ist. Es war einfach nicht ganz befriedigend. Ich habe mir nur gedacht: »Verdammt, warum muss das denn jetzt so ohne "Ausgang" enden?« Aber mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

    Empfehlenswert ist das Buch in jedem Fall. Ganz besonders für diejenigen, die sich am Ende gerne noch selbst ein bisschen was dazu dichten können/wollen.