Fanzi: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Fanzi: Roman' von  Elisabeth Schmidauer
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Inhaltsangabe zu "Fanzi: Roman"

Wie Schuldgefühle über Generationen wirken: Ein Mann lernt spät, aber doch, mit seinem Schicksal Frieden zu schließen. Seine kleine Schwester Elfi ist sein Ein und Alles, nachdem Franz’ große Brüder in den Krieg mussten. Für sie erträgt er die Härte der Eltern – des Vaters, der ihn nicht als Nachfolger auf dem Bauernhof eingeplant hatte, und der Mutter, die vor lauter Mühsal keine Liebe für ihn übrig hat. Doch nach einer Erkrankung wird Elfi ins Heim gebracht, aus dem sie nicht mehr zurückkehren wird. Nach dem Krieg übernimmt der verstörte junge Mann den Bauernhof. Durch die Hochzeit mit Bärbi, seiner großen Liebe, stolpert er ins vordergründige Glück. Doch er bleibt ein Leben lang zurückgezogen und wortkarg. Erst als sein Sohn und seine Enkelin Fragen stellen, gelingt es ihm, sich den Erinnerungen zu stellen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:270
Verlag:
EAN:9783711721143

Rezensionen zu "Fanzi: Roman"

  1. Kriegsverbrechen und Traumata, Schuld und Vergebung

    Elisabeth Schmidauer zeigt auf eindringliche Art wie traumatische Kriegserlebnisse Familien noch Generationen später beeinträchtigen.
    Franz lebt mit seinen zwei älteren Brüdern und seiner jüngeren Schwester Elfi auf einem Bauernhof in der Gegend um Linz in Oberösterreich. Der Vater war als Soldat im ersten Weltkrieg - immer wieder holen ihn Albträume ein. „Erzähl mir vom Krieg, sagte Franz, er steckt in mir, keuchte der Vater, er steckt immer noch in mir drin“ (S.91). Auch Franz werden die Albträume seines Vaters und seine eigenen Schuldgefühle ein Leben lang begleiten.
    Der Roman setzt in der heutigen Zeit ein. Aus der Perspektive von Franz erfahren wir rückblickend von den Geschehnissen in seiner Kindheit. Der zweite Erzählstrang konzentriert sich auf seine Enkelin Astrid, die als Biologin eine wissenschaftliche Perspektive auf die Natur, die Entstehungsgeschichte der Erde und die Rolle des Menschen einnimmt. Außerdem treten durch ihren Blick die Folgen der Kriegszeit auf die nachkommenden Generationen deutlich hervor.
    Indirekt im Roman präsent ist Elfi, die geliebte kleine Schwester, die den Namen ihres Bruder Franz lange Zeit nicht aussprechen konnte und ihn Fanzi nannte. Elfis Geschichte und die Umstände ihres frühen Todes werden erst spät im Roman enthüllt und haben mich mit einer solchen Wucht getroffen, dass ich kurz innehalten musste, bevor ich weiterlesen konnte.
    Schmidauer fängt die Atmosphäre der Zeit während des zweiten Weltkrieges sehr gut ein. Immer wieder erschafft sie Bilder des Grauens, der Verzweiflung, der Angst, der Hilf- und Sprachlosigkeit. Zwischendurch verwendet sie in der wörtlichen Rede Dialekt. Für Ungeübte ist das nicht immer einfach zu lesen; es verleiht dem Roman aber eine große Authentizität und gibt den Geschehnissen eine Lebendigkeit, die sich unmittelbar überträgt. Interessant ist Astrids Blick auf die Menschheitsgeschichte - aus Perspektive der Biologin ist die Epoche der Menschheit kaum der Rede Wert - und trotzdem kann soviel Leid in einem Menschenleben stecken. Astrid thematisiert Klimawandel, Artensterben und kritisiert die vom Menschen festgelegte Unterteilung in Nützlinge und Schädlinge. Jedes Lebewesen hat seinen Wert und seinen Sinn im biologischen Gleichgewicht und so gilt es das Artensterben nicht nur für die beliebten Kuschel- und Zootiere aufzuhalten, sondern auch für Käfer, Spinnen, Asseln und sonstige Kleinstlebewesen. Hier drängen sich Parallelen zur Nazi-Ideologie auf, in der zwischen unwertem und wertem Leben unterschieden wird.

    Schmidauers Sprache bedient sich oftmals Aufzählungen von Nomen, Verben, Adjektiven. Viele dieser Sätze haben mir gut gefallen, da sie dem Text Rhythmus und inhaltlich das Bild um mehrere Facetten erweitern. Manchmal waren mir die Aufzählungen aber auch zu viel. Der Roman beginnt langsam, leise und steigert sich - bis etwa zur Hälfte hatte ich meine Zweifel, ob die erzählte Geschichte mich erreichen kann. Nach etwas mehr als 100 Seiten war ich dann aber eingefangen und die Geschichte von Fanzi und seiner Familie hat mich mit großer Intensität und Wucht getroffen.

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  1. Die Schatten der Vergangenheit

    FANZI ist ein im ländlichen Österreich angesiedelter Familienroman, der in der Gegenwart spielt, aber weit in die Vergangenheit hineinreicht. Er wird im Wesentlichen aus zwei Perspektiven erzählt. Da ist einmal Astrid, eine junge Frau, die sich mit großem Engagement als Biologin für den Fortbestand unberührter Lebensräume einsetzt. Sie ist die Enkeltochter von Franz, einem alten Mann, der seine geliebte Frau Bärbi lange verloren hat. Seine Einsamkeit lässt zunehmend schmerzhafte Erinnerungen aus Kindheit und Jugend hervorbrechen, die die zweite Perspektive des Romans abbilden. Diese Rückblicke führen bis in die Zeit zwischen den Weltkriegen zurück. Franzens Vater war ein harter Mann, der den Hof als despotischer Patriarch dominierte:

    „Wenn der Vater übers Feld ging, wusste das Getreide, dass es wachsen musste; die Äpfel färbten sich rot und die Mostbirnen füllten sich mit hantiger Süße und später schäumte der Most im Fass und der Vater war zufrieden, alles fügte sich seinem Willen.“ S. 33

    Besonders die älteren Brüder Toni und Leonhard hatten unter ihm zu leiden. Franz war noch zu jung, fühlte sich aber vernachlässigt und wenig wahrgenommen. Erst mit Geburt seiner kleinen Schwester Elfi tritt Liebe und das Gefühl gebraucht zu werden in sein Leben. Die Zeiten sind schwer auf dem Lande, sie bestehen überwiegend aus Pflichten und harter Arbeit. Der aufstrebende Nationalsozialismus greift in viele Lebensbereiche ein. Als der Krieg beginnt, müssen auch Franzens ältere Brüder als Soldaten an die Front. Die Biografie des Krieges spiegelt sich in den berührenden Erinnerungen des alten Mannes wider. Sie wirken hautnah und authentisch, gehen zu Herzen. Unglaublich, wie Schulkinder vom Lehrer indoktriniert wurden, wie die Kirche eindeutig Position bezog, wie unschuldige Menschen plötzlich aus der Dorfgemeinschaft verschwanden, wie der Vater mit unsäglicher Härte das Regiment führte.

    Dagegen der Bericht des Bruders über seinen Wehrdienst: „Der Krieg ist nicht lustig. Das sind Bauern. Die sind wie wir. Die bestellen ihre Felder, die machen ihren Wein, die haben Kühe und Schweine und Hühner, die sind genau wie wir. Und wir, wir machen alles kaputt.“ S. 84

    Die Familie hat viele Schicksalsschläge zu verwinden. Es hängt eine Melancholie über dem gesamten Roman. Die aktuelle Perspektive Astrids lockert das Geschehen auf. Sie liebt ihren Franzopa über alle Maßen. Sie besucht ihn regelmäßig und kümmert sich um ihn. Deutlich wird aber auch, dass Franzens Erlebnisse in der Familie weiterwirken, dass es ungelöste Konflikte und verschwiegene Ereignisse gibt, die Auswirkungen bis in die Gegenwart haben. Nach und nach heben sich die Vorhänge, werden die Geister der Vergangenheit sichtbar, kommen auch gut gehütete Geheimnisse ans Tageslicht. Die Verzahnung der verschiedenen Ebenen ist wunderbar gelungen.

    Man könnte nun meinen, das Buch bringe im Kern nichts Neues, solche Geschichten habe man schon oft gelesen – dem ist aber nicht so! Das Besondere an diesem Roman ist die Erzählweise, die sehr sinnbetont und atmosphärisch das Leben auf dem Land damals wie heute schildert. Die bildreiche, poetische Sprache zeugt von großer Naturverbundenheit, Passagen in Mundart von Heimatliebe. Franz´ prägende Lebensgeschichte steht für sich, regt zum Nachdenken an, ohne belehren zu wollen oder larmoyant zu sein. Sie könnte sich genau so zugetragen haben und beweist, wie wichtig es ist, sich erlebten Traumata zu stellen. „Wir sind nicht frei von der Geschichte, aber wir sind ihr auch nicht ausgeliefert“, heißt es im Buch. Man muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Als Warnung und Vorsorge für die Zukunft. Verdrängen ist keine Lösung, zu keiner Zeit.

    FANZI ist kein Gute-Laune-Buch, sondern reiht sich nahtlos in die Kategorie „Bücher gegen das Vergessen“ ein. Man hat einen Kloß im Bauch während der Lektüre, so nah und realistisch wirkt der Inhalt. Trotzdem vermittelt der Roman gegen Ende auch Bewegung und Hoffnung für die Protagonisten. Elisabeth Schmidauer ist ein bis zum Ende fesselnder, glaubwürdiger Familienroman in außergewöhnlich dichter Sprache gelungen, der das Schicksal der Kriegs- und Nachkriegsgeneration exemplarisch abbildet und lange nachwirkt. Lese-Empfehlung!

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