Fahrenheit 451

Buchseite und Rezensionen zu 'Fahrenheit 451' von Ray Bradbury
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

›Fahrenheit 451‹ ist die Temperatur, bei der »Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt«. In Ray Bradburys Zukunftsvision ist die Feuerwehr nicht mehr mit Wasserspritzen ausgerüstet, sondern mit Flammenwerfern, die genau diesen Hitzegrad erzeugen, um die letzten Zeugnisse individualistischen Denkens – die Bücher – zu vernichten. Da beginnt der Feuerwehrmann Guy Montag, sich Fragen zu stellen… Die beängstigende Geschichte von einer Welt, in der das Bücherlesen mit Gefängnis und Tod bestraft wird, ist ein zeitloses Plädoyer für das freie Denken.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:240
EAN:9783257208627

Rezensionen zu "Fahrenheit 451"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jan 2017 

    Immer noch brandaktuell

    Dem Roman vorangestellt ist eine Einleitung Ray Bradburys aus dem Jahr 2003 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums - 1953 ist der Roman erstmals erschienen. Bradbury erzählt darin, dass "Fahrenheit 451" aus "Der Feuerwehrmann" entstanden ist und das er dieser 25000 Wörter langen Erzählung die gleiche Anzahl an Worten hinzugefügt hat - und das in nur neun Tagen. Seitdem wurde der Roman mehrfach für Theater, Film und sogar für eine Oper umgeschrieben, aber die Buchfassung hat Bradbury bewusst nie überarbeitet und widerstand der Versuchung die Geschichte abzuändern, obwohl er zahlreiche Leserbriefe erhalten hat, die nach dem Schicksal von Clarisse McClellan gefragt haben (vgl. S.13).

    Fahrenheit 451 ist genau die Temperatur, bei der Bücherpapier zu brennen beginnt.

    Inhalt
    "Es war eine Lust, Feuer zu legen." (S.17)

    So sieht es der Feuerwehrmann Montag, der Teil einer Mannschaft ist, dazu bestimmt die wenig versteckten und übrig gebliebenen Bücher dem Feuer zum Fraß vorzuwerfen.
    Doch dann begegnet er dem unkonventionellen Mädchen Clarisse McClellan, das ihn ansieht, ihm zuhört und ihm die Frage stellt:

    "Ist es wahr, dass die Feuerwehr einst Brände bekämpfte, statt sie zu entfachen?" (S.22)

    Eine Frage, die er verneint, die aber Spuren hinterlässt.

    "Was für eine seltsame Begegnung in der Nacht. Dergleichen war ihm noch nie vorgekommen, außer damals vor einem Jahr, als er nachmittags im Park einen alten Mann getroffen und sich mit ihm unterhalten hatte..." (S.25)

    Am gleichen Abend unternimmt seine Frau, deren Leben ganz von den Fernsehwänden und deren Programm in ihrem Appartement bestimmt ist, einen Selbstmordversuch, an den sie sich am nächsten Morgen nicht erinnern will oder kann.

    Amerika hat sich zu einer Diktatur gewandelt, in der das Denken ausgeschaltet werden soll und größtenteils ist. In eine Welt, in der die Menschen rund um die Uhr berieselt werden, in der Fernsehwirklichkeit mit der "Familie" leben, keine Muße und echte Freunde mehr haben, mit Autos rasen, um sich abzulenken, um nicht miteinander reden zu müssen.

    "Die Leute reden über gar nichts. (...) Sie zählen meist nur Automarken oder Kleider oder Schwimmbäder auf und sagen >einfach toll!< Aber alle sagen dasselbe, niemandem fällt je etwas anderes ein." (S.50)

    Beim nächsten Feuerwehreinsatz weigert sich eine alte Frau ihre Wohnung zu verlassen und verbrennt mit ihren Büchern, eines davon lässt Montag mitgehen. Dieser Einsatz verändert ihn - die Mitnahme des Buches, obwohl es nicht das erste ist, die Frau, die für ihre Bücher stirbt, die Grausamkeit der Feuerwehrleute. Und Clarisse ist verschwunden - wahrscheinlich überfahren von einem rasenden Auto. Am nächsten Morgen weigert er sich zur Arbeit zu gehen, so dass ihn der Feuerwehrhauptmann Beatty zuhause besucht - im Phönixwagen der Feuerwehr, um ihn davon zu überzeugen, dass Bücher Unheil bringen:

    "Einst hatten die Bücher nur zu wenigen gesprochen, die da und dort und überall verstreut waren. Sie konnten es sich leisten, voneinander abzuweichen. Die Welt war geräumig. Aber dann begann es in der Welt von Augen und Ellbogen und Mäulern zu wimmeln." (S.78)

    - denn in einer Diktatur sind voneinander abweichende Meinungen unerwünscht.

    Beatty erläutert Montag auch, dass die Welt immer schneller wird, die Informationen immer oberflächlicher, kurzlebiger, Leben im Zeitraffer.

    "Nimm, lies, schau! Jetzt, weiter, hier, dort, Tempo, auf, ab, rein, raus, warum, wie, wer, was, wo, eh? Uh? Ruck, zuck, Bim, Bam, Bumm? Zusammenfassungen von Zusammenfassungen, Zusammenfassungen der Zusammenfassungen von Zusammenfassungen. Poliitk? Eine Spalte, zwei Sätze, ein Schlagzeile! Und dann, mittendrin, ist plötzlich nicht mehr da. Wirbel den Geist des Menschen herum im Betrieb der Verlegen, Zwischenhändler, Ansager, dass das Teufelsrad alles überflüssige, zeitvergeudende Denken wegschleudert!" (S.80)

    "Es kam nicht von oben, von der Regierung. Es fing nicht mit Verordnungen und Zensur an, nein! Technik, Massenkultur und Minderheitendruck brachten es gottlob ganz von allein fertig. Dem verdanken wir es, wenn unser Dauerglück heute ungetrübt bleibt (...)" (S.83)

    Bücher verursachen Diskussionen, provozieren, stellen unterschiedliche Meinungen dar, vertreten Minderheiten, regen zum Denken an - also weg da mit, ist der Tenor von Beattys Rede, aber die Menschen selbst haben es soweit kommen lassen.

    Montag ist jedoch nicht mehr bereit zurückzugehen, er möchte die Bücher retten, erkennt jedoch mithilfe eines Intellektuellen:

    "Was Sie brauchen, sind nicht Bücher, sondern einiges von dem, was einst in Büchern stand." (S.113)

    Während er nach einer spektakulären Flucht Verbündete findet, Menschen, die Bücher in ihrem Geist tragen, bricht der Krieg aus und die Chance auf eine neue Welt erstrahlt am Horizont.

    "Sie waren durchaus nicht sicher, dass das, was sie im Kopf mit sich führten, jede künftige Morgenröte in reinerem Licht erstrahlen lassen würde; nichts war sicher, nur dass die Bücher hinter ihrer Stirn aufgehoben waren, dass die Bücher dort warteten, eingeschweißt, auf Käufer, die später einmal vorbeikommen mochten, manche mit sauberen, andere mit schmutzigen Fingern." (S.202)

    Die Büchermenschen vergleichen die Menschen mit dem Vogel Phönix, allerdings wissen wir Menschen

    "Was wir seit tausend Jahren an Wahnsinn angestellt habe, und solange wir das wissen und es uns immer wieder zu Gemüte führen, besteht Hoffnung, dass wir eines Tages doch einmal aufhören, diese verdammten Scheiterhaufen zu errichten und mitten hinein zu springen." (S.212)

    Ein etwas pathetischer, aber doch hoffnungsvolles Ende.

    Bewertung
    Ein starker Roman, die eine Zukunft malt, wie wir sie hoffentlich nicht erleben müssen - eine Welt ohne Bücher und schlimmer (fast) ohne das Wissen darum, was in ihnen geschrieben steht.

    Beeindruckt hat mich die Weitsicht Bradburys im Jahre 1953, er selbst spricht im Nachwort von der Prophezeiung des Hauptmanns Beatty:

    "Denn wenn sich die Welt mit Nichtlesern, Nichtlernern, Nichtwissern füllt, braucht man Bücher nicht mehr zu verbrennen, oder? Wenn sich die Welt mit Breitband-Basketball und Football in MTV ertränkt, braucht es keinen Beattys mehr, die Kerosin anzünden oder Leser jagen." (S.227)

    Eine sehr eindringliche Warnung und Bradbury nimmt interessanterweise die Eltern, Lehrer und Schüler in die Pflicht, "setzen Sie sich sich zu Ihrem Kind, schlagen Sie ein Buch auf, und beginnen Sie zu lesen." (S.227)

    Er selbst ist ein Liebhaber von Bibliotheksregalen, was auch in seiner Erzählung "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" durchscheint, der entscheidende Kampf zwischen Gut und Böse spielt sich dort in einer Bibliothek ab. Und wie jene lange Erzählung ist auch dieser Roman sprachlich außergewöhnlich, wenn auch nicht so metaphernreich.

    Ein Roman, der zu Recht in Schulen gelesen wird - ein Plädoyer für das Lesen und immer noch brandaktuell ;)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Apr 2016 

    Ein Leben ohne Bücher?

    Interessant finde ich ja schon mal, wie das Buch entstand. Gar nicht mit einem Mal als Roman, sondern vorab als Geschichten. Selbst ein Theaterstück hat er draus gemacht und eine Opernfassung geschrieben.

    Was für ein trauriges Leben muss das sein, keine Bücher besitzen zu dürfen. Montag scheint ja ein Geheimnis zu haben, ob es mit Büchern zusammenhängt? Wenn ja, hoffe ich nicht, dass er sich mal verrät. Mit solchen Gesprächen scheint er sich jedenfalls in Gefahr zu begeben:

    Montag besah sich die Karten in seiner Hand. „Ich – ich war in Gedanken bei dem Feuer von voriger Woche. Ich dachte an den Mann, dessen Bibliothek wir erledigten. Was geschah mit ihm?“ „Er wurde schreiend in eine Irrenanstalt eingeliefert.“
    „Er war doch nicht geistesgestört.“
    Beatty ordnete gelassen seine Karten. „Jeder ist geistesgestört, der meint, er könne die Regierung und uns hintergehen.“
    „Ich habe versucht mir vorzustellen“, sagte Montag, „wie einem dabei zumute ist. Ich meine, wenn die Feuerwehr unsere Häuser und unsere Bücher anzündet.“
    „Wir haben keine Bücher.“
    „Aber wenn wir welche hätten.“
    „Hast du denn welche?“
    „Nein.“ Montag sah über die andern hinweg auf die Wand mit den maschinengeschriebenen Verzeichnissen einer Million verbotener Bücher. Ihre Namen gingen jahraus, jahrein in Flammen auf unter seiner Axt und seinem Schlauch, der nicht Wasser, sondern Kerosin spie.

    Montags Entwicklung finde ich sehr interessant. Mit seiner Frau kann er ja wohl schon lange nicht mehr reden. Die ist den ganzen Tag von ihrer Familie an den Wänden umgeben. Lässt sich von Musik und Werbung berieseln. Selbst beim Schlafen hat sie diese Ohrstöpsel in den Ohren. Hat nicht mal mitbekommen, dass sie zu viele Schlaftabletten genommen hat.
    Und hat panische Angst, an diesem Leben was zu verändern. Ich bin gespannt auf ihre weitere Reaktion, nachdem Montag ihr die Bücher gezeigt hat, die er versteckt hat.

    Auf ein schönes Wortspiel Bradburys bin ich bei Wikipedia gestoßen: Montag ist ein amerikanischer Papierhersteller und Faber kenne ich als Bleistifthersteller.