Everland: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Everland: Roman' von Rebecca Hunt
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Rebecca Hunts zweiter Roman ist Abenteuergeschichte, spannender Thriller und psychologisches Drama in einem. Die Insel Everland wird von zwei Antarktisexpeditionen erforscht, zwischen denen hundert Jahre liegen. Doch die Einsamkeit, die harten Wetterbedingungen und die feindseligen Kräfte der Natur sind heute wie damals bestimmend, und bei beiden Expeditionen zeigt sich: Die Antarktis enhüllt den wahren Charakter der Menschen, die sich ihr aussetzen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
EAN:9783630874630

Rezensionen zu "Everland: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Mär 2018 

    Abenteuer in der Antarktis

    Der Wettlauf zwischen Scott und Amundsen zum Südpol hat mich immer schon fasziniert. In einem Interview äußert die Autorin, dass ihr Roman von Scotts Tagebüchern und denen von Sir Ernest Shackelton inspiriert wurde, die beide in der Antarktis gescheitert sind.

    Die erste Expedition auf die fiktive Insel Everland findet im Jahr 1913 im März statt. Vom britischen Schiff Kismet aus starten drei Männer auf die unbekannte Insel. Im April 1913 wird nur einer von ihnen gefunden - unter dem Boot Joseph Evelyn, mit dem sie auf der Insel angekommen sind.

    "Die Dankbarkeit war überwältigend. Dinners weinte, weil es ein Wunder war, dass man ihn gefunden hatte. Er weinte, weil sein halbtoter Körper ihn nicht im Stich gelassen hatte und er nicht allein in der Kälte hatte sterben müssen. Und er weinte um Napps und Millet-Bass, aus Trauer und Schmerz über das, was geschehen war. (S.8)"

    Damit beginnt der Roman und wirft spannende Fragen auf: Was ist mit den beiden anderen geschehen? Warum ist die Expedition gescheitert? Warum liegt Dinners allein unter dem Boot?

    Fast hundert Jahre später, im November 2012 startet erneut eine Expedition nach Everland - dieses Mal, um die Robben- und Pinguin-Population genauer zu untersuchen. Wieder sind es drei Menschen, die sich der Kälte aussetzen, im Gedenken an die historische erste Erforschung der Insel.

    Am Tag vor dem Aufbruch steht der Film-Klassiker Everland auf dem Programm. Der Film basiert auf dem Logbuch von Kapitän Lawrence über die Expedition der Kismet, das den ersten Offizier Napps in äußert schlechtem Licht zeigt.

    Das Interessante ist, dass alle Untaten Napps in der Erzähllinie, die vom März 1913 bis zum Zeitpunkt, als Dinners unter dem Boot Schutz sucht, reicht, aufgegriffen und aus seiner Sicht dargestellt werden.

    Die drei Zeitebenen
    - die erste Expedition (März 1913-April 1913)
    - das Auffinden Dinners und die Ereignisse bis zur Rückkehr der Kismet nach Neuseeland (April 1913-September 1913)
    - die Jubiläums-Expedition (November 2012-Dezember 2012)

    werden parallel erzählt - etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch spannungssteigernd.

    Die Figuren in der historischen Expedition:
    Napps ist der Erste Offizier auf der Kismet und steht in Konkurrenz zum Kapitän Lawrence, denn er

    "verfügte über eine natürliche Autorität, die Lawrence abging und die er auch nicht nachahmen konnte. Mitansehen zu müssen, wie sich die Männer instinktiv am Ersten Offizier orientierten, raubte Lawrence den Schlaf. Dann lief er nachts in seiner Kajüte auf und ab und hatte Magenbrennen vor lauter Missgunst." (S.22)

    Für ihn soll es die letzte Expedition sein, er hat seiner Frau Rosie versprochen, nach Hause zu kommen: "Es gibt nicht, was ich nicht tun würde, um zu dir zurückzukommen." (S.356)

    Millet-Bass wird von Napps vorgeschlagen.

    "Er war kräftig, leistungsfähig, und seine Talente als Matrose standen außer Zweifel" (S.66)

    Dinners ist der Wissenschaftler der Crew. Beim äußerst ungünstigen Start der Expedition - 6 Tage irrt das Beiboot auf offener See, bevor sie die Insel erreichen, wird deutlich, dass er der Kälte und der Situation nicht gewachsen ist. Dementsprechend schwächt er die beiden anderen.

    "Die Schwachen werden nicht von den Starken getragen, sondern reißen sie mit in die Tiefe" (S.68).

    Wie gehen die anderen damit um? Und warum wurde ein Mann ausgewählt, der über keine Erfahrungen aufweisen kann?

    Die Parallelen zwischen den Expeditionen wird auf der Figurenebene offensichtlich.

    "Sie waren auf derselben Insel, in einer ähnlichen Dreierkonstellation." (S.103)

    Decker ist der Chef der Expedition, ein Mann, der zahllose Expeditionen hinter sich hat und dies soll seine letzte sein. Sein Wunsch ist es, in Zukunft mit seiner Frau Viv die Zeit, die ihm noch bleibt, zu verleben. Dafür würde er alles (?) geben.

    Jess (29) ist ist Feldassistentin, "[i]hre Rolle bestand darin, die Mannschaft zu unterstützen. Sie kochten die Mahlzeiten, hielten die Ausrüstung in Schuss, sorgten, dafür, dass alles glattlief, und sprangen überall ein, wo es nötig war." (S.33)

    Sie hat bei der Bergwacht gearbeitet, war Bergführerin und hat schon an einigen Expeditionen teilgenommen. Ihre großmäulige Art, ihr jungenhaftes Auftreten wirkt wie eine Schutzwall, sie gibt sich unnahbar, um nicht verletzt zu werden.

    Brix (Mitte 30) ist die Wissenschaftlerin und hat keinerlei Erfahrungen in der Antarktis. Die berechtigte Frage: Warum ist sie mit im Team?

    Ihre Unerfahrenheit kompensiert Decker, der sie in Schutz nimmt, während Jess ihr offen zeigt, dass sie Brix für unfähig hält und ihre Nominierung für einen Fehler.

    "Decker war in Brix´Augen das Beste an Everland. Außerdem beschützte er sie vor dem, was das Schlimmste an Everland war: Jess." (S.76)

    Die Parallelen sind aber auch auf der Handlungsebene zu finden. So betrachtet Dinners eine seltene Flechte, die nur einen Millimeter im Jahrhundert wächst, die gleiche Pflanze erstaunt auch Brix.
    Jess entdeckt eine alte Ananasdose, ein Beweis für die erste Expedition, deren Mitglieder Gegenstand unzähliger Biographien sind - "Symbole einer Tragödie" (S.81).
    Interessant ist auch die Szene, in der Napps und Millet-Bass die letzten überlebenden Seebären auf Everland entdecken und der Erste Offizier die Hoffnung hegt, die Spezies werde überleben. Im folgenden Kapitel (November 2012) treffen Brix, Jess und Decker auf 200 von ihnen.

    Auch die Probleme ähneln sich, nicht nur die Kälte und die Wetterbedingungen machen beiden Teams zu schaffen, auch die Beziehungen untereinander sind explosiv. Diese psychologische Komponente, wie Menschen in Extremsituationen reagieren, welche Allianzen entstehen und wozu sie im Angesicht einer Katastrophe fähig sind, hat mich in Bann den geschlagen und macht neben der detaillierten Beschreibung der Kälte und der Natur mit ihren wenigen Bewohnern, den besonderen Reiz dieses Romans aus.
    Wer übernimmt Verantwortung, wer lässt wen im Stich, wer ist in der Lage dazu einen Menschen zu opfern, um nach Hause zurück kehren zu können?

    "Wie uns die Zeit dazu verleitet, zu sehen, wer wir wirklich sind und welche Entscheidungen wir treffen." (357)

    Interessant ist auch zu lesen, dass trotz der verbesserten Ausrüstung, des technologische Fortschritts, die Expedition ein Wagnis, ein Abenteuer bleibt.

    "Grässlich, wie abhängig wir voneinander sind", sagte Jess, als sie die Augen wieder aufschlug. "Fast wie Napps und seine Männer." (S.226)

    In der 3. Erzähllinie rückt der Streit um die Ereignisse, die sich in Everland abgespielt haben könnten und die Rolle, die Napps dabei gespielt hat, in den Mittelpunkt. Trotz mehrerer Suchaktionen ist keine Spur von Napps und Millet-Bass zu finden, Dinners ist nicht in der Lage zu sprechen. Was ist auf der Insel geschehen?
    Während Addison Napps guten Ruf verteidigt, finden sich immer mehr Matrosen, die in Opposition zu ihm gehen und offen ihre Meinung äußern, Napps habe Dinners im Stich gelassen.

    "Napps´ professionelle Reputation war über alle Zweifel erhaben, die Beurteilung seines Charakters jedoch fiel um einiges widersprüchlicher aus. Es hing immer davon ab, mit wem man darüber sprach und wer auf welche Art seine Wut zu spüren bekommen hatte." (S.85)

    Kapitän Lawrence ist nicht der Einzige, der Tagebuch führt, das sich hauptsächlich auf Vermutungen über das, was in Everland passiert sein könnte, stützt. Warum ist es seine Sicht der Dinge, die viele Jahre später im Film überleben?

    "Lawrecnes Verpflichtung gegenüber der Wahrheit in seinem Logbuch war ein Thema, über das sich Addison lästigerweise massive Sorgen machte. Er befürchtete dass sich Lawrence von den Geschichten der Männer auf unfaire Weise beeinflussen ließe." (S.164)

    Geschichten, die sich in Napps Erinnerungen größtenteils als falsch erweisen, doch seine Sicht der Dinge findet kein Gehör.

    Ein Aspekt, den die Autorin in einem Interview zur Sprache bringt:

    "Wir sind nicht die alleinigen Autoren unseres Lebens; bis zu einem gewissen Grad sind wir der Willkür verschiedener Interpretationen ausgesetzt. Je nachdem wie ein Ereignis endet, betrachten wir ein Verhalten als mutig oder waghalsig, entschlossen oder starrköpfig. Mich hat diese Wandelbarkeit der Geschichtsinterpretation interessiert; wie Scott zu einer kontroversen Figur wurde, deren Misserfolg, je nach herrschendem Zeitgeist, immer wieder neu eingeordnet wurde. "

    Im Roman ist es die Figur Napps, die diesen Wandel erfährt und würde die Handlung fortgesetzt, wäre zu erwarten, nachdem die 2.Expedition seinen Verbleib klären kann, dass seine Beurteilung erneut revidiert wird.

    Ein spannender Roman, der die Leser*innen auf zwei faszinierende und gefährliche Expeditionen in die Antarktis mit ihren extremen Bedingungen mitnimmt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jul 2017 

    Abenteuerroman und Psychodrama

    Sommer, Sonne, Portugal bei 36 °C. Ich schwitze und suche Abkühlung bei einem Buch: "Everland" von Rebecca Hunt. Mehr Kälte geht fast nicht mehr. Denn dieser Roman führt mich in die Antarktis, auf eine kleine Insel namens Everland.

    Everland ist das Ziel zweier Antarktisexpeditionen. Die erste Expedition findet 1913 statt und scheitert. Die Zweite findet 100 Jahre später als Jubiläumsexpedition statt. Auch sie scheitert.

    1913
    Das britische Schiff Kismet ist damit beauftragt, die Tier- und Pflanzenwelt der Antarktisinsel zu erforschen. Die Expedition wird von 3 Besatzungsmitgliedern durchgeführt: Ned, 1. Offizier und somit Anführer der Gruppe; Millet-Bass, ein erfahrener Matrose sowie Dinners, ein Wissenschaftler, ohne jegliche Erfahrungen auf dem Gebiet der Feldforschung.
    Die drei Männer legen in einem Beiboot der Kismet die letzten Meilen zur Insel zurück. Dabei geraten sie in einen Sturm, der das Boot kurz vor der Küste Everlands zum Kentern bringt. Die Männer schaffen es mehr tot als lebendig auf die Insel und warten nun auf ihre Rettung. Doch die Kismet ist aufgrund des Packeises, das sich in der Zwischenzeit gebildet hat, nicht mehr in der Lage, die Männer zurückzuholen. Man bedenke: Eisbrecher hatten damals noch nicht die Kraft, die sie heute haben. Funkgeräte gab es noch nicht. Es gibt also keine Kommunikation zwischen den Männern auf der Insel und der Kismet. Stattdessen setzt das lange zermürbende Warten auf Rettung ein, in einer unbarmherzigen Umgebung und mit einer Ausrüstung, die herzlich wenig mit dem Hightec-Equipment der heutigen Zeit zu tun hat.

    "Alles war aschgrau, pechschwarz, lehmbraun und rostrot in unterschiedlichen Abstufungen, bis auf den Himmel, der die Farbe von schmutziger Wolle hatte. Der Vulkan, der siebzig Prozent der Insel für sich beanspruchte, war aus der Nähe betrachtet ein trister Schlackehügel. Everland war still, leblos und auf brutale Weise unspektakulär. Mehr als trostlos, es war hässlich." (S. 34)

    Der erste Offizier Ned entwickelt sich nicht nur aufgrund seiner Funktion zum Alphatier in der Gruppe. Er ist willensstark, eine Kämpfernatur, jegliche Zeichen von Schwäche sind ihm zuwider. Womit wir bei Dinners wären. Denn der verkörpert genau diese Schwächen. Er ist unerfahren, ungeschickt, kaum allein überlebensfähig in der Situation, in der sich die drei Männer befinden. Seine Gesundheit hat bei dem Kentern vor der Insel am meisten gelitten. Auf der Insel ist er den anderen Männern ein Klotz am Bein. Für die Drei werden Tage zu Wochen, Wochen zu Monaten, und es ist keine Rettung in Sicht. Die scheinbar ausweglose Situation, in der die Männer sich befinden, verändert sie. Der Aufenthalt auf der Insel entwickelt sich zum Psychodrama. Mit der Zeit lassen sie die schreckliche Gewissheit zu. Wenn sie sich nicht selbst helfen, sind sie verloren.

    2013
    Einhundert Jahre später wird eine 3-köpfige Crew mit einer Hightec-Ausrüstung per Flugzeug auf Everland abgesetzt. Die mehrwöchige Expedition soll sich mit der Erforschung der Tierwelt befassen. In erster Linie ist diese Aktion jedoch als Gedenkfahrt an die gescheiterte Expedition von 1913 zu sehen. Es gibt einige Parallelen zu der ersten Expedition - teilweise beabsichtigt, teilweise dem Zufall geschuldet. Auch hier besteht das Team aus 3 Personen: Chester, ein erfahrener Antarktisforscher, Jess, die ehrgeizige Feldassistentin und Brix, die Wissenschaftlerin, unerfahren auf dem Gebiet der Feldforschung, die ihren Platz in dem Team durch Beziehungen und einen reichen Onkel ergattert hat. Chester und Jess haben unter der Unerfahrenheit und Unsicherheit von Brix zu leiden. Denn Brixs Schwäche birgt ein ständiges Risiko. Insbesondere Chester ist anfangs permanent damit beschäftigt, die Fehler und Missgeschicke von Brix auszubügeln. Auch wenn sich 100 Jahre später die Ausrüstung erheblich verbessert hat, sind die Gefahren, mit denen die Crew zu kämpfen hat, die Gleichen. Kälte, Schneestürme, Erfrierungen, Verletzungen, die nicht behandelt werden können, weil die Mitglieder auf sich allein gestellt sind.... die Natur ist mörderisch und stellt sich gegen den Menschen. Es passiert das, was passieren muss. Auch diese Expedition wird scheitern.

    "'Die Schwachen werden nicht von den Starken getragen, sonder reißen sie mit in die Tiefe.'" (S. 68)

    Rebecca Hunt erzählt die Geschichte der beiden Expeditionen, in dem sie 3 Handlungsstränge parallel verlaufen lässt. Handlungsstrang 1 behandelt die Zeit nach der Rettung von Dinners. Damit beginnt dieser Roman. Die Kizmet hat es geschafft, nach Everland zurückzukehren. Dinners wird gerettet, was mit den anderen beiden Expeditionsmitgliedern passiert ist, bleibt offen. Kapitän, Schiffsarzt und die Crew der Kismet spekulieren, was auf der Insel passiert ist und versuchen auch Ned und Millet-Bas aufzuspüren.
    Handlungsstrang 2 schildert den Überlebenskampf der 3 Männer auf Everland (1913). Mit Handlungsstrang 3, der Gedächtnisexpedition schließt sich der Kreis.

    Sehr gelungen fand ich die Verknüpfungen zwischen den beiden Expeditionen. So stößt das Team um Chester bei seinen Forschungen auf Überbleibsel und Spuren der ersten Expedition. Spuren, die zunächst Rätsel aufgeben. Da diese Spuren und Überbleibsel auch in Handlungsstrang 2 eine Rolle spielen, ergibt sich dadurch zumindest für den Leser des Rätsels Lösung.

    "Es gab Dinge, die Everland verlassen würden, und andere, die zurückblieben und darauf warteten, entdeckt zu werden. Ein Rucksack, der im Eis abgestellt worden war, oder eine Sammlung von sechs Amethysten. Die Geschichte dieser Gegenstände und ihrer Lage würde man eines Tages verstehen oder auch nicht." (S. 410)

    Der Sprachstil von Rebecca Hunt ist bildgewaltig. Dadurch lässt sie den Leser den Überlebenskampf der beiden Teams fast schon körperlich spüren. Insbesondere die Beschreibungen der Naturgewalten lassen Bilder im Kopf entstehen, die den Leser ganz klein vor Überwältigung und Ehrfurcht werden lassen. Allein diese Bilder im Kopf sind es wert, diesen spannenden Roman zu lesen.

    Fazit:
    Ein atemberaubender Abenteuerroman, der nicht nur durch die besondere Geschichte sondern auch durch den bildgewaltigen Sprachstil von Rebecca Hunt überzeugt. Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jul 2017 

    Eisige Kälte

    Zum hundertjährigen Jubiläum der Everland-Expedition sollen Wissenschaftler auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln. Zwei Frauen und ein Mann werden entsandt, um die antarktische Insel Everland erneut zu erkunden. Sie sollen wissenschaftliche Daten über die Pinguine sammeln. Obwohl eine der Teilnehmerinnen über keine Expeditionserfahrung verfügt, kommen die drei voran.

    Den Bestreitern, die sich hundert Jahre zuvor auf den Weg gemacht haben, ergeht es weniger gut. Schon auf dem Weg zur Insel gerät ihr Boot in einen Sturm, der ihre Ankunft um Tage verzögert und den unerfahrensten der Drei in einen derart schlechten Gesundheitszustand versetzt, dass er nichts anderes als Pflege benötigt.

    Gebannt folgt man den Expeditionen zu ihrem unwirtlichen Ziel. Eisige Kälte, Wind, kaum Schutz von der rauen Landschaft. Nicht so unähnlich laufen die Expeditionen ab, deren Zeitabstand im Vergleich mit dem Wachstum einer Flechte nicht besonders hoch ist. Was geschieht während der gemeinsam verbrachten Zeit. Die Mitglieder beider Gruppen gelangen näher an ihre Grenzen als sie es zuvor vermutet hätten. Die jeweils schwächsten Mitglieder erweisen sich als Hindernis, an dem es zu bestehen gilt oder an dem das Scheitern möglich ist. Diese Enge in der Kleingruppe in einer lebensfeindlichen Umgebung, kaum vorstellbar. Eigentlich müssten sie zusammen halten, den Gefahren gemeinsam begegnen, sich den Aufgaben stellen. Doch ganz so läuft es nicht und man beginnt zu zweifeln, ob es jeder gesund in die Heimat schaffen wird.

    Mit Aufmerksamkeit begegnet man diesem Buch, drei Ebenen gilt es zu folgen, die klar abgegrenzt sind und Cliffhanger unvermeidlich werden lassen. Denn manchmal wechselt die Perspektive gerade in dem Moment, wo man angespannt wissen möchte, wie es mit der vorherigen weitergeht. Mit dieser fesselnden Komposition entführt die Autorin in eine unwirtliche Region, die vornehmlich Menschen mit großem Forscherdrang aufsuchen werden. Was treibt sie dorthin, wie werden die Gruppen zusammengefügt, wie entwickeln sich die Beziehungen unter den Teilnehmern. Drei, sagt man, ist einer zu viel. Möglicherweise gilt ein solcher Spruch für diese Forschergruppen, die jeweils ein schwächstes Mitglied zu haben scheinen. Was macht diese Konstellation, verbünden sich zwei, wechseln die Bündnisse oder halten sie zusammen? Dies ist nicht das einzige Rätsel, dass die Autorin aufgibt. Mit ihrer ruhigen ausgeklügelten Erzählung fesselt sie ungemein.

    Wer Bücher in eisiger Kälte mag, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen.