Etta und Otto und Russell und James: Roman

Rezensionen zu "Etta und Otto und Russell und James: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Jul 2016 

    Eine Reise zum Meer...

    'Ich bin weggegangen. Ich habe noch nie das Meer gesehen und habe mich nun auf den Weg gemacht. Keine Sorge, den Laster lasse ich da. Ich gehe zu Fuß. Und ich werde versuchen, das Heimkommen nicht zu vergessen...'

    Ettas größter Wunsch ist es, einmal in ihrem Leben das Meer zu sehen. Sie lebt mit ihrem Mann Otto und ihrem Nachbarn Russell in einem kleinen Dorf auf hügeligem Farmland, mitten in Kanada. Doch nun, im Alter von 82 Jahren, beginnt Etta dement zu werden - und bevor sie auch noch ihren letzten Lebenstraum vergisst, macht sie sich auf den Weg.
    Eines Morgens in aller Frühe lässt sie ihrem Mann einen Brief auf dem Küchentisch zurück, und geht, bepackt mit wenigen Kleinigkeiten, etwas Schokolade, ihren festesten Schuhen und einem Gewehr, einfach los. Richtung Osten. Richtung Meer. Ohne Angst davor, dass dies über 2000 Meilen sind...

    'Vielleicht ist es das Beste, wenn ich weggehe, sagte Etta. Irgendwohin, wo Leute sind, die sich selbst vergessen. Aber ich kann mich erinnern, sagte Otto. Wenn ich mich erinnern kann und du vergisst, lässt es sich ausgleichen...'

    Und Otto lässt Etta ziehen. Er macht sich nicht panisch auf die Suche nach ihr, schaltet keine Anzeigen, ruft keine Nachbarn um Hilfe an - er lässt Etta ihren Traum. Und tröstet sich mit dem, was von ihr übrig ist. Ihre handgeschriebenen Rezeptkarten beispielsweise, von denen er viele zu kosten bekam im Laufe ihres gemeinsamen Lebens. Nun ist es an ihm, sich anhand der Rezeptkarten durch die Tage zu hangeln, voll der Gedanken, doch immer mit dem köstlichen Geschmack von Ettas Rezepten auf den Lippen.
    Und Russel, der Nachbar - ebenso alt wie die beiden. Und seit über fünfzig Jahren verliebt in Etta. Er hält die Untätigkeit nicht aus. Er begibt sich auf die Suche nach Etta. Oder ist es nicht viel mehr eine Suche nach sich selbst?

    'Es ist furchtbar, einfach aufzugeben. Ganz furchtbar (...) Deshalb möchte ich etwas tun und tun und nie mehr aufhören. Wenn wir etwas tun, dann leben wir, und wenn wir leben, dann siegen wir, oder?'

    Ein wundervoll poetisches Buch präsentiert Emma Hooper hier, schlicht in der Aufmachung, aber wortgewaltig und mit unglaublich viel Text zwischen den Zeilen. So wie der Rhythmus des Meeres, dessen Wellen sich bedächtig vor und zurück bewegen, so bewegt sich auch dieser Roman. Berichtet von der Gegenwart, mal aus der Sicht Ettas, mal aus der Ottos, mal aus der von Russell - um dann gleich wieder in die Vergangenheit zu gleiten, die deutlich macht, unter welchen Umständen sich die drei kennengelernt haben, wie der Krieg alles verändert hat, und wie sehr der ewige Staub der Gegend das Leben bestimmt.
    Der Roman einer Reise, bepackt mit Lebensträumen, Liebe, Freundschaft, Erinnerungen und Vergessen. Ein Roman, der viele Botschaften transportiert, unaufdringlich, voller Metaphern, auch ein Stück mystisch - und offen für Interpretationen, vor allem am Ende. Aber letztlich ein Ende, das mir passend erscheint für diese Geschichte.

    'Liebe Etta, wir haben gute und schlechte Tage. Du hast mir einmal gesagt, ich soll nur das Atmen nicht vergessen. Solange man atmen kann, tut man etwas Gutes, hast du gesagt. Das Alte loswerden und das Neue hereinlassen, also vorankommen, Fortschritte machen. Manchmal muss man einfach nur atmen, um voranzukommen, hast du gesagt. Deshalb mach dir keine Sorgen, Etta, atmen tue ich jedenfalls noch (...) Ich bin hier, keine Sorge. Ich bin hier und atme und warte. Otto.'

    Ein Roman, der berührt, gerade auch durch die Briefe, die geschrieben werden, der nachdenklich stimmt, aber letztlich voller Hoffnung und Lebensfreude ist und ermutigt, auch eigene Lebensträume nicht zu vergessen. Niemals ist es zu spät dazu.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Sep 2015 

    Eine Reise ans Meer und in die Vergangenheit

    Otto und Russell sind Freunde, fast wie Brüder in Kanada nach der großen Depression aufgewachsen. Die Verbundenheit hält ein Leben lang, auch als Etta ins Leben der Beiden tritt. Beide lieben sie, aber Etta heiratet Otto, als er aus dem 2. Weltkrieg zurückkehrt. Russell, seit seiner Kindheit durch ein lahmes Bein behindert, blieb als einer der wenigen Männer zu Hause und bestellt seine Farm. Er kümmert sich um Etta, ist ihr ein treuer Freund, vielleicht auch mehr.
    Nun sind alle im Winter ihres Lebens angelangt und Etta beschließt nach Osten ans Meer zu gehen,eine lebenslange Sehnsucht zu stillen und gleichzeitig eine lange Wanderung gegen das Vergessen, das sie immer häufiger umfängt. Frühmorgens macht sie sich auf den Weg und Otto bleibt zurück. Er lässt sie ziehen, versteht ihren Wunsch und ist doch in jeder Minute in Gedanken bei ihr. Russell will sich nicht damit abfinden und will sie finden, sie zurückholen oder zumindest begleiten. Doch als er auf sie trifft versteht er, dass er seine eigene Reise antreten muss und Etta nicht zurückhalten kann.
    Mit jedem Schritt geht Etta weiter in die Vergangenheit zurück, in Rückblenden zieht das Leben der drei Menschen vorbei. Unterwegs schließt sich ein Kojote der wandernden Etta an. Er wird ihr Gefährte, ihr Gesprächspartner auf dem langen Weg. Sie nennt ihn James, nach dem toten, ungeborenen Kind ihrer Schwester. Aber auch Russell und Otto verändern sich, gestehen sich allmählich ihre Sehnsüchte und geheimen Wünsche ein. Egal ob sie warten oder selbst unterwegs sind. Wird Etta ans Meer kommen und ihre Sehnsucht nach Weite stillen und wird sie ihre Wanderung wieder zurück führen? Das will ich nicht verraten. Das soll jeder Leser selbst erfahren.
    Die Geschichte dieser Menschen hat mich berührt. Poetisch, anrührend, melancholisch, aber auch von einer abgeklärten Heiterkeit hat mich der Roman nicht mehr losgelassen. Noch lange nach dem Ende des Romans war ich Etta, Otto und Russell verbunden. Im Klappentext lese ich, dass die Autorin Musikerin ist, das erklärt mir den Rhythmus und die Poesie der Sprache. Ich habe dieses Buch nicht nur gern gelesen, ich bin richtig in den Roman eingetaucht und wollte es einfach nicht aus der Hand legen. Ein echte Entdeckung, der ich viele Leser wünsche.