Etta and Otto and Russell and James

Rezensionen zu "Etta and Otto and Russell and James"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Feb 2015 

    Eine Reise zum Meer...

    'I've gone. I've never seen the water, so I've gone there. I will try to remember to come back.'

    Ettas größter Wunsch ist es, einmal in ihrem Leben das Meer zu sehen. Sie lebt mit ihrem Mann Otto und ihrem Nachbarn Russell in einem kleinen Dorf auf hügeligem Farmland, mitten in Kanada. Doch nun, im Alter von 82 Jahren, beginnt Etta dement zu werden - und bevor sie auch noch ihren letzten Lebenstraum vergisst, macht sie sich auf den Weg.
    Eines Morgens in aller Frühe lässt sie ihrem Mann einen Brief auf dem Küchentisch zurück, und geht, bepackt mit wenigen Kleinigkeiten, etwas Schokolade, ihren festesten Schuhen und einem Gewehr, einfach los. Richtung Osten. Richtung Meer. Ohne Angst davor, dass dies über 2000 Meilen sind...

    'Maybe I should go away, said Etta. A place for people who forget themselves. --- But I remember, said Otto. If I remember and you forget, we can balance, surely.'

    Und Otto lässt Etta ziehen. Er macht sich nicht panisch auf die Suche nach ihr, schaltet keine Anzeigen, ruft keine Nachbarn um Hilfe an - er lässt Etta ihren Traum. Und tröstet sich mit dem, was von ihr übrig ist. Ihre handgeschriebenen Rezeptkarten beispielsweise, von denen er viele zu kosten bekam im Laufe ihres gemeinsamen Lebens. Nun ist es an ihm, sich anhand der Rezeptkarten durch die Tage zu hangeln, voll der Gedanken, doch immer mit dem köstlichen Geschmack von Ettas Rezepten auf den Lippen.
    Und Russel, der Nachbar - ebenso alt wie die beiden. Und seit über fünfzig Jahren verliebt in Etta. Er hält die Untätigkeit nicht aus. Er begibt sich auf die Suche nach Etta. Oder ist es nicht viel mehr eine Suche nach sich selbst?

    'It's terrible, to just give up. It's horrible (...) It makes me want to do things and never stop doing. If we're doing we're living and if we're living we're winning, right?'

    Ein wundervoll poetisches Buch präsentiert Emma Hooper hier, schlicht in der Aufmachung, aber wortgewaltig und mit unglaublich viel Text zwischen den Zeilen. So wie der Rhythmus des Meeres, dessen Wellen sich bedächtig vor und zurück bewegen, so bewegt sich auch dieser Roman. Berichtet von der Gegenwart, mal aus der Sicht Ettas, mal aus der Ottos, mal aus der von Russell - um dann gleich wieder in die Vergangenheit zu gleiten, die deutlich macht, unter welchen Umständen sich die drei kennengelernt haben, wie der Krieg alles verändert hat, und wie sehr der ewige Staub der Gegend das Leben bestimmt.
    Der Roman einer Reise, bepackt mit Lebensträumen, Liebe, Freundschaft, Erinnerungen und Vergessen. Ein Roman, der viele Botschaften transportiert, unaufdringlich, voller Metaphern, auch ein Stück mystisch - und offen für Interpretationen, vor allem am Ende. Aber letztlich ein Ende, das mir passend erscheint für diese Geschichte.

    'We have good days and bad days. You told me, once, to just remember to breathe. As long as you can do that, you're doing something Good, you said. Getting rid of the old and letting in the new. And, therefore, moving forward. Making progress. That's all you have to do to move forward, sometimes, you said, just breathe (...) I am just writing to tell you: I am here, don't worry, I am here, breathing, waiting.'

    Nicht ganz leicht fiel mir die englische Lektüre, wobei es nicht so sehr die Worte an sich waren, die mir teilweise Schwierigkeiten bereiteten, sondern vielmehr die zahlreichen Metaphern und der Text zwischen den Zeilen, der gleichzeitig transportiert wurde.
    Dennoch fand ich es wirklich bereichernd, den Text in der Originalsprache zu lesen, weil er so exakt das vermittelt, was die Autorin mitteilen wollte, ohne einen Tribut an eine womöglich unzureichende Übersetzung zu zollen. Es gibt Texte, bei denen ich mir vorstellen kann, dass es ein Gewinn ist, sie in der Originalsprache zu lesen. Dieser Roman gehört in jedem Fall dazu.

    Ein Roman, der berührt, nachdenklich stimmt, aber letztlich voller Hoffnung und Lebensfreude ist und ermutigt, auch eigene Lebensträume nicht zu vergessen. Niemals ist es zu spät dazu.

    © Parden