Erschütterung: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Erschütterung: Roman' von Percival Everett
4.55
4.6 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Erschütterung: Roman"

Der Paläontologe Zach Wells hat sich in seiner selbstironischen Abgeklärtheit bequem eingerichtet: Idealen misstraut er, ob an der Universität, wo er, selbst Afroamerikaner, sich nicht für Gleichberechtigung einsetzt, oder zu Hause in der erkalteten Beziehung zu seiner Frau. Einziges Licht in seinem Leben ist die zwölfjährige Tochter Sarah. Als diese ihr Sehvermögen verliert und eine erschütternde Diagnose folgt, flieht Zach in die Wüste New Mexicos. Dort geht er einem mysteriösen Hilferuf nach, den er in einer Second-Hand-Jacke gefunden hatte. Ebenso mitreißend wie psychologisch feinsinnig erzählt der Pulitzer-Preis-Finalist eine große Geschichte über Verlust und Erlösung.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783446272668

Rezensionen zu "Erschütterung: Roman"

  1. »Ein zartes, gewaltiges Kunststück« (The New York Times)

    Ich beginne meine Rezension mit diesem kleinen, großen Kuriosum:

    Die englische Originalausgabe, »Telephone«, ist in drei verschiedenen Versionen erhältlich, deren Cover so minimal voneinander abweichen, dass sie auf den ersten Blick identisch erscheinen. So weit, so unspektakulär.

    Aber tatsächlich finden sich auch im Inhalt mehr oder weniger auffällige Abweichungen! Viele davon sind nahezu bedeutungslos: hier ein Semikolon statt einem Komma, da ein Satz in indirekter statt direkter Rede. In einer Version wurden alle Kapitelüberschriften durch Buchtitel von Thomas Hobbes ersetzt. Dazu kommen scheinbare Fehler, wie zum Beispiel ein Highway, der durch die in einer Version angegebene Nummer eigentlich in einem anderen Bundesstaat verlaufen müsste.

    All diese Unstimmigkeiten zusammengenommen erzeugen schon einen Grundton des Unwirklichen, des unbehaglichen Zweifels. Hier liegt die Erklärung für den Titel des Romans: »Telephone« ist der Name des Spiels, das im Deutschen »Stille Post« heißt. Bei jeder Station gehen Informationen verloren und werden verzerrt. Aber die drei Versionen des Buches haben durchaus auch gravierendere Unterschiede: Gedanken führen zu zu Handlungen oder auch nicht. Pläne werden durchgezogen oder auch nicht. Auch die jeweiligen Enden sind nicht zu hundert Prozent deckungsgleich.

    Welch passender Rahmen für die Geschichte eines Vaters, dessen Welt aus den Angeln gehoben wird! Meines Wissens gibt es aber nur eine deutsche Version.

    Jetzt aber zur eigentlichen Rezension:

    Paläontologe Zach Wells hat sich in einem Leben ohne Höhepunkte und Besonderheiten eingerichtet; er wird es nicht müde, die Leser:innen darauf hinzuweisen, dass er nichts Besonderes ist. In seinem Beruf ist er zwar durchaus erfolgreich, innerhalb seines Forschungsgebiets eine Koryphäe – jedoch, so betont er, sind andere Menschen in vielerlei Hinsicht doch deutlich intelligenter, aufregender, interessanter als er. So ganz kaufe ich ihm das ja nicht ab, dieses Gegenteil von Selbstbeweihräucherung, das sich dennoch anfühlt wie Prahlerei … Zack suhlt sich förmlich in seiner vermeintlichen Gewöhnlichkeit, aber da ist immer auch eine Spur staubtrockener Humor. Ein Augenzwinkern, das sagt, dass er sicher seiner eigenen Intelligenz dann doch bewusst ist. Ein kleiner Funke Licht, der die Melancholie durchbricht.

    Übrigens dauerte es eine Weile, bis ich begriff, dass Zach schwarz ist. Es wird weder ausdrücklich gesagt, noch angedeutet, bis es im Rahmen der Geschichte tatsächlich eine Rolle spielt. Percival Everett sagte einmal in einem Interview mit NBC News:

    »Unless there’s a reason to specify race in a scene, why should I feel compelled to do so? I don’t think I have to have my character cross 125th Street and Lenox Avenue and comb his afro in the first 10 pages.«

    (»Wenn es keinen Grund gibt, in einer Szene Rasse zu erwähnen, warum sollte ich mich gezwungen fühlen, dies zu tun? Ich glaube nicht, dass ich meine Figur auf den ersten zehn Seiten über die 125th Street und Lenox Avenue laufen lassen und ihren Afro kämmen lassen muss.«)

    In seiner Ehe zelebriert Zach ebenfalls die zufriedene Gewöhnlichkeit, das emotionale Understatement. Er mag seine Frau, aber er liebt sie nicht, und er glaubt, dass ihr das umgekehrt genauso geht. Warum sollte er etwas daran ändern? Es funktioniert doch, er vermisst da nichts; es gibt keine Höhen, aber auch keine sonderlichen Tiefen. Zugegeben, manchmal sitzt er in seinem Auto und erwägt, sich umzubringen. Aber das sind nur kurze Episoden, kein Grund zur Beunruhigung. In der Stasis fühlt sich Zach in seinem Element.

    Nur die Liebe zu seiner Tochter überwindet das Mittelmaß, durchbricht Zachs Lethargie. Er liebt sie ohne jede Zurückhaltung; die intelligente 12-Jährige ist sein Stern, sein Lebenssinn. Daher erschüttert es seine Welt in den Grundfesten, als sie zunehmend schlechter sieht, auf einmal böse Patzer beim Schach macht und letztendlich eine Diagnose erhält, die auf schrecklichste Art außergewöhnlich ist. Schon vor der unvermeidlichen Tragödie zerreißt Zach die Trauer, als habe er Sarah bereits verloren.

    Als er in einem gebraucht gekauften Hemd einen versteckten Hilferuf findet, stürzt er sich auf die neue Aufgabe wie auf einen Rettungsring. Er kann seine Tochter nicht retten, daher muss er stellvertretend irgendjemanden retten. Hier wird das Drama manchmal geradezu zum Krimi, was auch Leser:innen kleine Fluchten erlaubt.

    Geht es hier um Trauer?

    Ja und nein und indirekt dann doch. Das offensichtliche Grundthema des Romans ist die wortwörtlich zum frühen Tode verurteilte Vater-Tochter-Beziehung, aber dahinter stehen allgemeingültigere Leitmotive:

    Immer wieder geht es um die Dichotomie von Stillstand und Wandel – wobei anklingt, dass wir auch im Wandel nicht vollkommen frei sind. Herkunft, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Bildung und finanzielle Situation unserer Eltern, all das bestimmt die Möglichkeiten, die uns tatsächlich zur Verfügung stehen. Zach stünden alle Wegen offen, um sich neu zu erfinden, ein Leben des steten inneren Wachstums zu führen, aber er wählt immer und immer wieder die Stasis, mal bewusst, mal unbewusst.

    Seine gewählte Stasis spiegelt sicher nicht zufällig die ihm aufgezwungene Stasis: Sein Vater setzte seinem eigenen Leben ein Ende, seine Tochter verliert ihre Persönlichkeit schon vor ihrem drohenden Tod. Zwei Beziehungen, durch den Tod bis in alle Ewigkeit eingefroren.

    Es geht um Trauer, ja. Es geht um Schuld und Erlösung. Es geht darum, wie wir irgendwo zwischen Absicht und Aktion die Kontrolle über unsere Leben verlieren können. Es geht um emotionale Wahrheiten, die auch im Angesicht kalter Fakten nicht weniger wahr werden. Und immer wieder ist da so ein Gefühl, dass die Geschichten, die wir uns selber erzählen, nicht weniger wichtig sind als das tatsächliche Geschehen.

    Der Schreibstil lässt aufhorchen, überzeugt mit feiner Selbstironie und psychologischer Prägnanz. Das Ungesagte spricht klar und deutlich aus den Pausen, den Brüchen; es sind gerade die Leerstellen, in denen die Charaktere einen ungeahnten Tiefgang entwickeln. Trauer, Schmerz, Angst, Verzweiflung, das alles springt dich als Leser:in aus den Seiten geradezu an, ohne jegliches Pathos, ohne Betroffenheitskitsch. Der feine Humor ist Balsam für die geschundene Leser:innenseele.

    Everetts Prosa ist oft distanziert, manchmal schmerzlich roh, immer zum Niederknien schön.

    Fazit

    Der Paläontologe Zach Wells existiert in selbsterwähltem Stillstand. Er ist leidlich zufrieden mit seiner Arbeit, seiner Ehe, seinem Leben, warum also etwas ändern? Nur die Liebe zu seiner Tochter Sarah ist ein Lichtblick, ein strahlender Komet am Himmel seiner Mittelmäßigkeit. Als das kleine Mädchen jäh erkrankt – unheilbar, unerträglich – erschüttert das Zachs Existenz in den Grundfesten. Er kann nicht umgehen mit der eigenen Hilflosigkeit; die bislang so bequeme Stasis wird zur Zwangsjacke, die ihn sehenden Auges und klaren Verstands zur Untätigkeit verdammt.

    Als er in einem gebraucht gekauften Kleidungsstück einen Hilferuf findet, stürzt er sich in eine dramatische Übersprungshandlung – eine Rettungsaktion, die ihn in die Wüste New Mexicos und in Lebensgefahr bringen wird.

    Percival Everett erzählt eine Geschichte voller feiner Nuancen und tiefsinniger Bedeutungsebenen, und das in einer wunderbaren klaren Sprache, die ohne Pathos mitreißt und bewegt. Mir wird “Erschütterung” sicher lange im Gedächtnis bleiben, und ich habe vor, jetzt auch alle anderen Bücher des Autors zu lesen. (Noch sind nicht alle ins Deutsche übersetzt, aber das macht nichts, ich lese auch gerne auf Englisch.)

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  1. In den Grundfesten erschüttert

    Zack Wells ist Paläontologe und lehrt an der Universität. Er ist mit Meg verheirate, das Ehepaar hat eine zwölfjährige Tochter, Sarah. Die Paarbeziehung hat sich auseinandergelebt. Obwohl Zack eher ein griesgrämiger Eigenbrötler ist, hat er einen besonderen Draht zu seiner Tochter. Doch dann häufen sich zunächst kleine Vorkommnisse, Sarah wirkt unaufmerksam, vergesslich, sie beginnt schlecht zu sehen. Die Diagnose Batten-Syndrom erschüttert Zachs Grundfesten. Sarah wird immer mehr in ein dementes Stadium entschwinden und nie das Erwachsenenalter erreichen.
    Zeitgleich mit Sarahs ersten Krankheitssymptomen passiert Zack noch etwas Seltsames: Eingenäht in einem aus zweiter Hand erstandenem Kleidungsstück findet er einen handgeschriebenen Zettel mit einem Hilferuf. Bei seinen Recherchen stößt er auf verbrecherische Machenschaften, entführte mexikanische Frauen, die als Arbeitssklavinnen gehalten werden.
    „Ich hatte eine Familie, Frau und Tochter, Meg und Sarah.“
    Der US-amerikanische Schriftsteller Percival Everett zeigt in seinem Roman Erschütterung einen Mann, dessen Welt durch ein unaufhaltsames und unabänderliches Ereignis vollkommen verändert wird. Mit dem Wissen, dass die Tochter unheilbar erkrankt ist, macht sich ein Mann auf, hinaus aus seiner ganz eigenen Komfortzone, hinaus aus seiner akademischen Nische. Er weicht der Wirklichkeit aus. Die eigene familiäre Tragödie und die damit verbundene Verzweiflung und Hilflosigkeit stößt in ihm etwas an, sich für die Rettung der entführten Arbeiterinnen zu engagieren.
    Das Buch ist kunstvoll erzählt, die Abschnitte oft unterbrochen mit Wissenssplittern zu paläontologischen Funden, Schachzügen, Zeilen aus den Kindertotenliedern. Vielschichtig, tiefgehend, beeindruckend, völlig ohne Pathos und zum Ende hin unglaublich spannend.

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  1. 5
    03. Mär 2022 

    Ein Trauma und das Danach

    Ein Roman über den Verlust und ein Buch mit einem Blick in die Zeit danach.

    Zach und Meg Wells passiert das Unglaubliche, das Entsetzliche, das Grauenvollste, was Menschen/was Eltern passieren kann. Ihre zwölfjährige Tochter Sarah bekommt eine letale Diagnose gestellt. Sie haben noch eine eng begrenzte Zeit miteinander, bevor aus der Tochter durch eine degenerative Erkrankung eine leere Hülle wird. Noch eine Steigerungsform des Entsetzlichen/des Grauens, den der Verlust schon allein darstellt. Und definitiv ist "Erschütterung" ein Roman, der nicht von jedem Leser/nicht von jeder Leserin gelesen werden kann. Denn Percival Everett hat hier einen Roman geschrieben, der triggern kann und der triggern wird. Ein heftiges Buch! Aber definitiv ein interessant gezeichnetes Buch. Denn genau dieser Verlust macht etwas mit den Betroffenen, wobei hier in diesem Buch das Entsetzliche vom Autor nicht ausgeschlachtet wird, was ich ihm hoch anrechne.

    Wie "Erschütterung" auch interessant gezeichnete Charaktere aufweist. Denn die Elternfiguren haben auch Probleme miteinander, aber das Erleben um den entsetzlichen Verlust verändert auch das Miteinander der Eltern, hat Einfluss auf das Miteinander der Beiden.

    Aber es geht nicht nur um dieses eine Thema. Was in meinen Augen gut ist. Denn dieses eine Thema erschlägt auch irgendwie. Für die Betroffenen wird es wahrscheinlich eine andere Welt außerhalb des eigenen Dramas nicht geben. Dennoch gibt es aber diese Welt. Und vielleicht kann ja diese Welt außerhalb des Grauens auch ein Rettungsstrick sein. Eine Möglichkeit zur Rückkehr ins Leben. Eine Möglichkeit zur Aktion, zur Teilnahme, zum partiellen Vergessen. Natürlich nur soweit dies möglich ist. Dennoch ist das etwas, woran man denken sollte, woran der Autor die Lesenden denken lässt.

    Im Aufbau ist dieses Buch nicht gefällig und/oder flüssig geschrieben, eher springt das Geschehen hin und her, zeigt verschiedene Geschichten, zeigt verschiedene Begebenheiten und nimmt dem Buch/der Handlung damit aber auch etwas die Schwere. Dabei nimmt dieses in der Welt der Erzählstimme hin und herspringen dem Roman aber nicht den Sog weg. Denn "Erschütterung" ist ein absolut spannendes Buch, welches ich nicht mehr weglegen konnte! Ein Highlight! Und Percival Everett ist ein Autor, den ich beobachten werde!

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  1. 5
    08. Feb 2022 

    Aus der Spur

    Der US- amerikanische Schriftsteller Percival Everett hat schon mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht und dafür zahlreiche Preise erhalten. In Deutschland ist er bisher wenig bekannt. Das dürfte sich mit seinem neuen Roman „ Erschütterung“ ändern.
    Hauptfigur ist der Ich- Erzähler Zach Wells; er ist von Beruf Paläontologe und arbeitet als Dozent und Wissenschaftler. Der Mittvierziger hat eigentlich alles, um ein glückliches oder wenigstens zufriedenes Leben zu führen: ein gesichertes Einkommen, eine kluge Frau und eine wunderschöne Tochter. Während die Liebe zu seiner Frau mittlerweile erkaltet ist, ist seine 12jährige Tochter Sarah sein Ein und Alles. Mit ihr kann er albern sein, mit ihr liefert er sich regelmäßig Schach- Duelle, bei denen er immer öfter den Kürzeren zieht.
    Doch eines Tages wird sein ruhig dahinplätscherndes Leben jäh erschüttert. Es beginnt mit einer leichten Irritation. Sarah übersieht beim Schachspiel eine Figur. So etwas passt garnicht zu ihr. Kurz darauf schneidet sie sich in den Finger. Der Besuch beim Augenarzt bringt keine Ergebnisse. Am Ende einer Ärzte- Odyssee steht eine grauenhafte Diagnose: Sarah leidet am wenig bekannten Batten-Syndrom, einer unheilbaren Nervenkrankheit. Der Alptraum aller Eltern: „ Unsere Tochter war todgeweiht. Meine kleine Sarah würde diesen genetischen Defekt nicht überleben.“ Sie würde dement werden. „ Ich würde sie verlieren, noch ehe sie tot war.“
    Wie geht man mit so einem Schicksalsschlag um? Zacks normale Reaktionen als Wissenschaftler versagen hier. Analysieren und nach Lösungen suchen - das war nicht möglich. Es gab keine Lösung.
    Zeitgleich hat ein anderes Ereignis Zacks Aufmerksamkeit erregt. In einer bei eBay gekauften Jacke findet sich ein kleiner Zettel mit der Aufschrift „Ayudame“, was übersetzt „ Hilf mir“ bedeutet. Um sich von seinen persönlichen Problemen abzulenken, beginnt Zack nachzuforschen und kommt Verbrechern auf die Spur, die mexikanische Frauen entführten und sie als Arbeitssklaven halten. Er macht sich auf, diese Frauen zu retten. Eine Ausweichhandlung ?!
    „ Ich war hier, um jemanden zu retten, irgendwen. Ich brauchte das.“
    Was sich hier möglicherweise konstruiert anhört, liest sich keineswegs so, sondern wirkt schlüssig.
    Es ist große Kunst, wie Everett sein Thema behandelt. Er macht kein rührseliges Melodram daraus, sondern beschreibt kühl und sachlich und deshalb umso eindringlicher, wie sich das Leben und Denken des Protagonisten angesichts dieser Tragödie verändert. Hat anfangs noch ein leichter und ironischer Erzählton vorgeherrscht, so ändert sich dieser im Verlauf der Geschichte, wird ernster und reflektierter.
    Zack Wells ist eine komplexe Figur. Er ist zu sehr Wissenschafter und für das Zwischenmenschliche nicht sensibel genug. Das bekommen oft seine Studenten oder Kolleginnen zu spüren. Da wehrt er jegliche Nähe ab, ist schroff und abweisend und versucht sich aus allem herauszuhalten. Doch seiner Tochter gegenüber ist er zart und voller Gefühl.
    Das Verhältnis zwischen ihm und seiner Ehefrau Meg ändert sich zwangsläufig. Er lässt sie zwar einige Zeit allein, als er sich auf die Suche nach den vermissten Frauen begibt. Doch das führt nicht zum Bruch zwischen den beiden .
    Es gelingt dem Autor glaubwürdig, Zacks Verzweiflung und Erschütterung angesichts des Sterbens seiner Tochter darzustellen. Und es ist anrührend, wie er trotzdem versucht, Sinnhaftigkeit in sein Leben zu bringen.
    Neben den beiden Handlungssträngen, dem familiären Schicksal und der Krimihandlung mit den verschwundenen Frauen, erzählt Everett auch vom beruflichen Umfeld des Protagonisten. Da reiht sich das Buch in die bekannten Campusromane der amerikanischen Literatur ein. Trotzdem erscheint mir die Geschichte nicht überfrachtet.
    Immer wieder streut der Autor kleine und kleinste Schnipsel in seinen Text, die die Handlung unterbrechen; mal sind es Beschreibungen von Knochenfunden, Schachzüge, Gemäldetitel mit Anmerkungen aus dem Louvre, Zeilen aus Mahlers Totenliedern und mehr. Das ist keineswegs störend, der Lesesog bleibt bestehen.
    „ Erschütterung“ ist ein literarisch anspruchsvoller Text, der einfühlsam das Leben eines Mannes beschreibt, der mit einem ungeheuren Verlust klarkommen muss, gleichzeitig die Geschichte einer intensiven Vater- Tochterbeziehung. Ein Buch, das auch den Leser erschüttert zurücklässt.

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  1. Großartiges Potential: verschenkt

    Der neue Roman von Parcival Everett kommt am 24.01.2022 auf den deutschen Markt.
    Der Autor ist 1956 in Georgia/USA auf einer Militärbasis geboren. Nach seinem umfangreichen Philosphiestudium widmete er sich. den unterschiedlichsten beruflichen Herausforderungen.
    Schlussendlich setzte er seine philosophischen Erkenntnisse & Fragen,ganz praktisch mittels seiner schriftstellerischen Arbeit um. Er lebt mit seiner Frau Danzy Senna und ihren beiden Söhnen in Kalifornien/USA. Er zeigt eine gewisse Inkonsequenz in seinen schriftstellerischen
    Bemühungen. Es lohnt sich, den Lebenslauf dieses Autoren etwas genauer zu betrachten.
    Auch die Covergestaltung ist ungewöhnlich.Die Abbildung zweier aufeinander ruhenden Händen: würden eher handlungsleitend auf einen Missbrauchs-Fall hinweisen.

    Zum Inhalt:
    +es handelt sich um Zach, der als Vater einer der schwersten Prüfungen im Leben, gegenübersteht.
    Seine, von ihm so sehr geliebte Tochter, hat eine genetische Erkrankung.
    Diese ist nicht behandelbar.
    Und, sie führt zwagsläufig zu einem konstantem Rückgang der Körperfunktionen und ihrer Psyche.
    Nach einer Zeit des Siechtums wird ihr Leben mit ihrem frühen Tod enden.
    +Fast zeitgleich findet er in einem Onlineshop für Second-Hand-Kleidung, eine Jacke, die er sich schon lange gewünscht hatte.
    In einer Innentasche findet er einen kleinen zerknüllt-gefalteten Zettel, mit einem Hilferuf.
    Wem wird nun seine größte Aufmerksamkeit gehören?
    Seiner Professur als Paläobiologe?
    Seiner Ehefrau, seiner Tochter oder ihm selbst?
    Seiner Angst und Trauer oder dem Hilferuf?

    Zusammenfassung:
    +Der Roman wurde von einem festen leinenartigem Gewebe eingebunden. Zusätzlich gibt es eine Ummantelung mit einem bedruckten, abnehmbaren Cover.
    Die künstlerische Umsetzung des Buchs bezüglich des Einbandes & der Papierqualität würde ich als "Gut gelungen" bezeichnen.
    Leider entspricht mir das Banderolen-Foto überhaupt nicht.

    Erzählstil, Übersetzung, Spannung, Lesefluss:
    +Schon nach den ersten Sätzen ist klar: diese Erzählung nutzt eine
    ungewöhnliche & komplizierte Ausdrucksweise.
    +Innerhalb eines Erzählstranges wird dieser, durch Einstreuung von
    Fachjardon seiner wissenschaftlichen Expertise, unterbrochen.
    +Dieses erschwert den Lesefluss. Insgesamt ist es schwer die Gesamt- Kohärenz seiner selbst & der erzählten Geschichte zu erfassen. Es ist schwer die Charaktere, deren Erleben, Erfassen daraus folgenden Reaktionen zu
    verstehen.
    +Einen Spannungsbogen kann ich größtenteils nicht ausmachen.
    In den Momenten, in denen eine gewisse Spannung auftauchen könnte, wird
    diese durch sprachlich unabhängige Gedankeneinwürfe, entschleunigt und
    der Lesefluss gedrosselt.

    Fazit:
    +Ein besonderer Roman, welcher mir leider nicht durch die erzählte
    Geschichte, sondern durch seine mangelnde Texthaftigkeit, im Gedächtnis
    bleiben wird.
    +Schlussendlich bleibt bei mir Zach´s Gefühl der Verwirrung, Verzweiflung &
    Hoffnungslosigkeit, hängen. Das Buch vermittelte mir durchaus einige
    nachdenkenswerte Ansätze.
    Grundsätzlich ist sind hier großartige Themen angesprochen worden.
    Leider hat der Roman sein Potential nicht erfüllt.

    +Meine Gesamtbeurteilung von insgeamt 3,5 Sternen, setzt sich wie folgt
    zusammen:
    Cover: 2,0 Sterne
    Buchgestaltung: 3,0
    Erzählung: 3,5 Sterne
    Übersetzung: 4,0 Sterne
    Charaktere: 3,5 Sterne
    Spannung: 3,0 Sterne

    ISBN:978-3-446-27266-8
    Seitenanzahl 288
    Übersetzung: Nikolaus Stingl
    Verlag: Hanser

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  1. Viel zu entdecken auf vielen Ebenen

    Voranstellen muss ich die Tatsache, dass ich Vieles an diesem Buch und dem Autoren noch nicht entdeckt oder verstanden habe. Einmal Lesen reicht hier definitiv nicht.
    Schon das Cover ist sehr deutungsvoll. Hände sind ein starkes Thema in der Kunst, symbolisieren halten, beschützen, ergreifen und vieles mehr.
    Eine Ebene des Buches, die Schachspiele Zachs mit seiner Tochter, spielen auch eine grosse Rolle. Mit den Händen werden die Figuren gezogen, verschoben, geopfert. Muss man Schach können um diese Ebene zu verstehen? Vielleicht ein bischen.
    Ein weiteres Nebenthema ist der Rassismus. Einmal der tatsächliche, den auch Zach und vermutlich der Autor selbst alltäglich erlebt haben, dann als Ausrede um nicht an einer Prüfung teilzunehmen ( Studenten fordern dies im Buch als Folge eines Traumas, weil irgendwo weiter weg Schwarzen gerade etwas Böses geschehen ist) und als Teil des Lebens der schwarzen Studenten, wie Zach sinngemäss proklamiert: toben sie sich auf Demos für ihre Rechte aus bevor sie mit ihrer Ausbildung sich ein gutes Leben machen.
    All diese Ebenen schon bevor die Hauptgeschichte hier erwähnt wird, in der Zach und seine Frau mit der Tatsache konfroniert werden, dass ihre Tochter an einer unheilbaren degenerativen Krankheit sterben wird.
    Helfen kann Zach seiner Tochter nicht, daher verfolgt er einen Hilferuf auf einem Zettel, den er zufällig in einer Jacke findet. Im Zusammenhang mit dieser Hilfsaktion wieder ein Fundstück, ein Satz in dem gefordert wird, dass Mexiko eine Mauer bauen sollte, um sich vor den USA zu schützen.
    Viel tiefer wurde die Vielschichtigkeit noch, als ich nach dem Originaltitel forschte, den ich in dem vorliegenden Buch nicht fand. Unter dem Titel Telephone veröffentlichte Percival Everett ohne es vorher anzukündigen drei verschiedene Versionen des Buches, die sich in "Kleinigkeiten" unterschieden.
    Aber mehr dazu würde den Rahmen hier sprengen. Lest es einfach. Und nocheinmal und nochmal.

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  1. 5
    12. Jan 2022 

    Unfassbarer Schmerz

    Wenn das eigene Kind eine schwerwiegende Erkrankung diagnostiziert bekommt, ist die menschliche Seele kaum oder gar nicht in der Lage diese Situation einigermaßen zu bewältigen. Es ist eine massive Erschütterung der Vorstellung von Leben, wie es sein sollte. Am liebsten würde man einfach nicht mehr daran denken müssen, sich ablenken, wegrennen, wenn es schon nicht geht aus eigener Kraft das eigene Kind zu beschützen, zu retten. Denn nur diese eine Funktion hat ein Elternteil ab der Geburt des Kindes. So Zach Wells, der erzählende Protagonist des Romans "Erschütterung" von Percival Everett.

    Wie eine Familie mit dem steten, krankheitsbedingten Verfall des Kindes umgeht, erzählt Everett psychologisch feinsinnig aber nie sentimental-kitschig in diesem berührenden Roman. Die Konstruktion des Romans ist dabei eigenwillig, hängt aber nie seine Leser*innen ab. Selten habe ich von einer solch innigen Beziehung zwischen Vater und frühreifen, intelligenten Tochter gelesen, wie hier. Dieses Gespann erzeugt so viel Herzenswärme, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft, wenn man später von der immer größer werdenden Distanzierung liest. Meisterhaft beschreibt Everett die seltene Erkrankung und den Verfall der Tochter Sarah, tiefgründig der Kampf der Eltern um sie als auch im ihre Beziehung zueinander. Und Everett nimmt immer wieder in den Fokus, auf welche Weise der Mensch Ablenkung, Erleichterung, vielleicht auch Erlösung in dieser unerträglich erschütternden Lebenssituation sucht. So driftet der Plot immer mehr zu Zachs Versuchen ab, wenn schon nicht seine Tochter, dann doch andere Personen zu retten. Der Roman bekommt zum Ende hin einen durchaus spannenden Thriller-Plottwist, der thematisch in eine ganz andere Richtung geht. Auch diesen Teil des Buches habe ich mit angehaltenem Atem gelesen, finde jedoch, dass der Autor damit zu viele Themen eröffnet und damit vom zentralen Thema der Vater-Tochter-Beziehung zu weit abdriftet. Was er damit bezwecken wollte, ist mir durchaus bewusst, es gibt diesem großartigen Roman dadurch aber eine Unwucht, die er nicht gebraucht hätte.

    "Telephone" ist der Originaltitel dieses Romans des Pulitzer Prize Finalisten. Das ist dahingehend wichtig, da er sich auf das (im Deutschen) Spiel "Stille Post" bezieht. Eine Nachricht verändert sich, umso häufiger sie weitergesagt wird. Eine Geschichte verändert sich, umso häufiger sie erzählt wird. Und: In der amerikanischen Originalausgabe erscheinen drei Versionen des Romans. Drei verschiedene Cover mit drei leicht verschiedenen Enden. Die Entscheidung, sich bei "Nichtgefallen" des Ausgangs des Romans, einfach eine andere Version zu besorgen, jedoch nie zu wissen, ob man ein besseres oder schlechteres Ende dadurch für sich selbst schafft, hat noch einmal eine ganz andere Durchschlagskraft in Bezug auf die Geschichte von Zach und seiner Tochter. Uns Leser*innen in Deutschland wird (meines Wissens) diese Möglichkeit der Entscheidungsfindung nicht ermöglicht. Wir müssen damit klarkommen, was der Verlag für uns ausgesucht hat und uns unserem und Zachs Schicksal fügen.

    Insgesamt handelt es sich meines Erachtens bei diesem Buch um einen absolut berührenden, schmerzhaften, großartigen Roman, der eine einmalige Vater-Tochter-Geschichte erzählt. Diese Geschichte wird mich noch lange begleiten. Deshalb runde ich - trotz vorhandener Kritikpunkte - guten Gewissens auf 5 Sterne auf.

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