Erased: Ein Charles Norcott-Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Erased: Ein Charles Norcott-Roman' von Jürgen Albers
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4 von 5 (1 Bewertungen)

März 1947: Nach einem der härtesten Winter in der britischen Geschichte, bahnt sich endlich ein warmer Frühling an. Sehnsüchtig erwartet von einem Land, das immer noch vom Krieg gezeichnet ist. Superintendent Charles Norcott von New Scotland Yard hofft ebenfalls auf ein wenig Erholung vom Alltag: er wird als Dozent an die Universität Oxford ausgeliehen. Eigentlich soll Norcott dort Verwaltungsfachkräfte ausbilden, aber schon bald erreicht ihn ein zusätzlicher Auftrag. Im Physikalischen Institut der Universität reißt eine Serie von Zwischenfällen nicht ab. Will jemand die geheime Forschung sabotieren oder handelt es sich nur um eine Verkettung unglücklicher Umstände? Kaum hat der Superintendent die ersten vorsichtigen Ermittlungen angestellt, zerreißt eine Bombe die Stille der friedlichen Universitätsstadt.

Format:Taschenbuch
Seiten:388
Verlag: TWENTYSIX
EAN:9783740761790

Rezensionen zu "Erased: Ein Charles Norcott-Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Der Hass bewegt sich langsam, vorsichtig…

    Handlung:

    In „Crossroads“, dem ersten Band der Reihe, verschlug es Inspektor Charles Norcott zur Besatzungszeit auf die britische Kanalinsel Guernsey und damit mitten hinein in eine Mordermittlung unter erschwerten Bedingungen.

    In diesem Band, der im Jahr 1947 angesiedelt ist, will Norcott sich als Gastdozent an der Universität von Oxford zur Abwechslung einer Herausforderung der ruhigeren Art stellen. Es dauert jedoch nicht lange, bis er gebeten wird, Nachforschungen anzustellen, ob am Physikalischen Institut der Universität Sabotage betrieben wird – und falls ja, mit welchem Ziel.

    Die Situation eskaliert schnell – Mord und die drohende Kompromittierung atomarer Geheimnisse sind eine brisante Mischung – und bringt Norcott in eine heikle Lage. Zum einen soll er so dezent wie möglich vorgehen, wodurch ihm nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen. Zum anderen fühlen sich lokale Ermittler wie Chief Constable „Wild Bill“ Leyroad durch seine plötzliche Übernahme angegriffen.

    Spannungsbogen:

    Die Geschichte beginnt in einem ruhigen, eher langsamen Takt, aber diese Ruhe ist trügerisch. Es dauert ein wenig, bis die Spannung wirklich anzieht, als Krimileser rechnet man indes schon damit: sobald es damit erstmal losgeht, gibt es kein Halten mehr. Geheime Forschungsprojekte, Spionage, eine Autobombe, Eifersucht und Mord… Soviel dazu, dass sich Norcott eigentlich erholen wollte.

    Aber auch in den ruhigen Passagen fand ich das Buch keineswegs langweilig. In diesen lebt es von den Charakteren und den lebhaften Beschreibungen der Schauplätze.

    Recherche und Schlüssigkeit:

    Ich bin beleibe keine Expertin für die Nachkriegsgeschichte Großbritanniens, aber alles wirkt sorgfältig recherchiert und stimmig beschrieben, bis ins kleinste Detail. Dabei werden die historischen Begebenheiten so nahtlos in die Handlung verwoben, dass sie den Leser niemals aus dem Lesefluss holen, sondern das Lesevergnügen nur stimmiger machen.

    Der Kriminalfall ist meines Erachtens gut konstruiert, mit mehr als einer unerwarteten Wendung. Zwar habe ich schon vor Norcott erraten, wer hinter den Morden stecken könnte, aber das tat der Spannung für mich keinen Abbruch – nur das Motiv fand ich etwas enttäuschend.

    Charaktere:

    Die Charaktere sind ein großer Teil dessen, was die Bücher rund um Inspektor Norcott für mich so lesenswert macht. Sie haben eine wunderbare Tiefe, werden lebendig und glaubhaft charakterisiert.

    Und das gilt auch – und besonders! – für die großartigen Nebencharaktere. Mein Liebling war Hausmeister Kendrick, ein früherer Sergeant, der nicht nur alle Geheimgänge und versteckten Türen der Universitätsgebäude kennt, sondern über die „kleinen Leute der Universität“ (die Hausmeister, Sekretärinnen, Putzfrauen und andere Bedienstete) stets ein Ohr am Puls der Geschehnisse hat.

    Den Bücherwurm werden besonders die Gastauftritte von Dorothy L. Sayers und C.S. Lewis freuen, sowie die Erwähnung der Inklings (ein Diskussionskreis, zu dem neben Sayers und Lewis unter anderen auch J.R.R. Tolkien gehörte).

    Erwähnt sei auch, dass Jürgen Albers starke Frauenfiguren schreibt, was gerade im Kontext der Geschichte viel Sinn macht. Im Krieg mussten Frauen Übermenschliches leisten und in Abwesenheit der Männer Aufgaben übernehmen, die zu dieser Zeit noch als ‚Männerarbeit‘ galten. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Gleichberechtigung und das weibliche Selbstbild.

    Schreibstil:

    Ausdrucksstark, bildhaft, stimmungsvoll. Diese Wörter tauchen in meinen Notizen mehrfach auf, wenn es um den Schreibstil geht.

    Der Autor hat ein feines Gespür für Details, die der Geschichte Leben einhauchen, ganz subtil und dennoch sehr wirkungsvoll. Man fühlt sich geradezu ins Jahr 1947 und an die verschiedenen Handlungsorte versetzt – und dabei als moderner Leser keineswegs fehl am Platz.

    Nur manchmal war mir die Sprache ein klein wenig zu modern. Das riss mich dann für kurze Momente aus diesem Gefühl, mich auf einer kleinen Zeitreise zu befinden.

    FAZIT

    Inspektor Charles Norcott will sich als Gastdozent an der Universität von Oxford eigentlich erholen von der „Tretmühle im Yard“. Mit der erwünschten Ruhe ist es aber schnell vorbei, stattdessen muss er sich herumschlagen mit Mord, Spionage und der potentiellen Gefährdung atomarer Geheimnisse.

    Auch dieser zweite Band der Reihe hat mir wieder sehr gut gefallen! Zwar baut sich die Spannung eher langsam auf, aber das passt zur Handlung – und das Buch macht das auch mit Atmosphäre, wunderbaren Charakteren und einem sehr interessanten Blick in die Nachkriegszeit wieder wett.